Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht

Im ausgehenden 5. vor-christlichen Jahrhundert versuchen die Sophisten in Griechenland und insbesondere in Athen, die Macht an sich zu reißen. Ihre Parole lautet: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Damit legitimieren die Sophisten jede nur mögliche politische Ordnung. Sie muss nur zu den jeweiligen Akteuren passen, den Herrschern und Beherrschten. Nicht mehr die alten Tugenden zählen, sondern nur noch die möglichst beste Argumentation, um die angestrebte politische Ordnung herzustellen. Das ist radikale Aufklärung. Der Mensch ist sein eigener moralischer Gesetzgeber. Das ist in erster Linie eine radikale subjektive Weltsicht, jedoch letztlich die Geburtsstunde des Ethischen Relativismus.
In dieser politisch unübersichtlichen Lage tritt Sokrates auf und versucht den Ausverkauf der Tugenden zu stoppen. Dabei geht er taktisch geschickt vor. In allen außer-moralischen Dingen, also Macht, Ansehen, Erfolg usw. überlässt er den Sophisten das Feld der Diskussion. Außer-moralisches ist in der Tat eine Sache, die dem Menschen zur freien Verfügung überlassen bleibt. Sokrates konzentriert sich auf die Tugenden, also Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. In seinen von Platon aufgezeichneten Diskussionen mit den Sophisten weist er den politischen Meinungsführern in Athen nach, dass sie keinerlei Expertenwissen haben zu Fragen, die die Tugenden betreffen. Aber seine Gespräche bleiben ergebnisoffen: Was ist denn nun Gerechtigkeit? Gibt es so etwas wie universelle Werte? Gibt es Werte, die nicht relativ sind?

Hier nun bringt sich Platon selbst ins Spiel. Auch er bezieht sich auf die Sophisten. Er übernimmt von Ihnen den Gedanken, dass insbesondere Moral abhängig ist von der Erkenntniskraft des Menschen. Aber er konstruiert ein anderes Menschenbild als die Sophisten. Mit den Methoden der Sophisten (Aufwertung der Bedeutung der Erkenntnisabhängigkeit) startet er seine Gegenaufklärung. Aber sein Ziel ist nicht die perfekte Rhetorik, um subjektive Anschauungen durchzusetzen. Platon geht vielmehr davon aus, dass es eine objektive Wahrheit gibt, die es zu „erkennen“ gilt. Dabei bedient er sich einer Grundannahme, die schon Sokrates getroffen hat. Die Seele des Menschen ist unsterblich. Sie kennt die objektiven Dinge der Welt, so wie sie sind, nicht so wie sie uns erscheinen. Und: Sie weiss genau, was Moral ist. Aber mit der Geburt des Menschen vergisst die unsterbliche Seele fast alles und der Mensch ist gefordert, sich erst wieder mühevoll an alles zu erinnern. Dieses Erinnern geht nur mittels Bildung.

Höhlengleichnis von Platon
Platon, Höhlengleichnis – Quelle: Wikipedia

In seinem Höhlengleichnis beschreibt Platon diesen Bildungsprozess. Ungebildete Menschen beschäftigen sich im Alltag nur mit den Schatten der Wirklichkeit. Zur Wahrheit dringen sie nicht vor. Weil sie aber ohne Bildung nicht in der Lage sind, die Wahrheit zu erkennen, bleiben sie manipulierbar. Manipulierbar von den politischen Meinungsmachern, wie es die Sophisten waren.
Mit diesen erkenntnistheoretischen Grundüberlegungen zum Menschenbild kann Platon den Kampf gegen die Sophisten aufnehmen. Nur der gebildete Mensch, also der Philosoph, ist in der Lage, die politische Herrschaft mit Verantwortung zu übernehmen. Den subjektiven Rationalismus (Herrschaft der Vernunft) der Sophisten bewertet er  verantwortungslosen Relativismus. Platons Forderung lautet: Entweder die Herrscher werden zu Philosophen oder die Philosophen übernehmen die Herrschaft. Mit dieser Formel legitimiert er seinen Machtanspruch. Erfolgreich war Platon nicht. Er versuchte sich als Politikberater in Sizilien. Dort scheiterte er.

Er hinterließ ein grundlegendes Problem. Sein Menschenbild beruhte auf der Annahme, dass der Mensch durch Bildung die Wahrheit erkennen kann. Die Wahrheit ist bei Platon in seiner Welt der Ideen (Erkenntnis) enthalten. Ein Beweis dieser Erkenntnis ist außerhalb seines philosophischen Systems nicht möglich.
tmd.

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