Reifikation: Wer macht unsere Wirklichkeit?

Die Müdigkeit, Worte zu verwenden / die auch sie im Munde führen / „gib kein Wort auf“ / aber: wer sagte schon alles „Sozialismus“ / „Demokratie“ / „Freiheit“ / Anfälle von Ekel / und die Angst / daß wir verlorengehen / im Dickicht der Phrasen / daß kein Wort mehr übrigbleibt / für das, was wir meinen.
(23.6.1977), Jürgen Fuchs, Bürgerrechtler und Schriftsteller (19.12.1950 – 9.5.1999)

Moralische Begriffe sind Menschenwerk, das darf man nicht vergessen. Auch nicht vergessen darf man, dass diese Begriffe unser Leben bestimmen.

Reifikation ist kein eigentliches Thema für moralisches Handeln. Wenn es um wissenschaftliche Begriffe geht, die etwas mit Moral zu tun haben, dann wird die Verdinglichung plötzlich ungemein wichtig.

Was ist Reifikation? Damit meinen die Wissenschaftstheoretiker, dass wissenschaftliche Begriffe für Dinge (Erscheinungen/Pänomene) gebildet werden, die es im Alltag oder in wissenschaftlichen Experimenten gibt. Diese Begriffe sollen aber nicht mit der Wirklichkeit an sich (so, wie die Dinge von sich aus sind) verwechselt werden. Die Naturwissenschaftler haben es da einfach. Sie untersuchen die Welt und machen über sie Aussagen. Solange diese Aussagen praktikabel sind, man mit ihnen in der Forschung und Entwicklung zurechtkommt, heißt es nur: weiter so.

Was aber ist mit Begriffen in den Geistesschaften? Was ist mit Begriffen wie Rolle, Status, Position? Was ist mit einem Modell, das ICH – ES – ÜBER-ICH beschreibt? Die Methodologen – das sind die Wissenschaftstheoretiker, die sich mit der Arbeit der Wissenschaftler beschäftigen – warnen davor, solche Begriffe für das zu nehmen, was sie beschreiben.

Wo ist das Problem dabei?
Wissenschaftliche Begriffe gehen sehr schnell ins Alltagsleben über. Der Begriff der Rolle ist so einer. Ist das, was der Begriff Rolle beschreibt, auch das sozialen Phänomen? Wir reden schon im Alltag über die soziologischen Begriffe derart, dass man meinen könnte, das Leistungs- und Erwartungsverhalten der Menschen ist genau das: Soziale Rolle.

Maßstab
Gibt es einen Maßstab für Leben – Quelle: pashminu, Pixabay

Das wissen wir aber nicht! Wir wissen nur, dass der Begriff Rolle etwas beschreibt, was nicht hintergehbar ist. Gemeint ist, dass es hinter der Rolle des Menschen nicht noch etwas Typischen, Wahres gibt: So etwas, wie die echte Person des Menschen. Das heißt, das, was wir mit dem Begriff Rolle beschreiben, wird so zum Maßstab.

Aber was ist, wenn die Beschreibung oberflächlich ist und so oberflächlich auch ins Alltagsleben einfließt? Das betrifft unser soziales Zusammenleben! Das betrifft unsere Aufklärung über uns selbst! Wir werden zu Handelnden unter dem Vorzeichen der wissenschaftlichen Beschreibungen.

Geht es aber nicht nur um wissenschaftliche Begriffe, sondern um moralische Begrifflichkeiten, dann ist unsere Vorstellung vom richtigen Leben schwer betroffen. Wenn wir hier nicht untersuchen, welche Begrifflichkeiten verwendet werden, wie sie hergestellt wurden und wie alltagstauglich sie sind, dann wird moralisches Handeln den eigentlichen Handelnden aus der Hand genommen. Sie können es nicht mehr bestimmen.

Wissenschaftliche Begrifflichkeiten beherrschen schon heute unser Leben. Daran ist nichts zu ändern. Wir verhalten uns jetzt schon so, wie die Wissenschaftler uns in ihren Studien beschreiben. Autonomes Leben: Das ist die Entscheidung des aufgeklärten Bürgers.

tmd.

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