Rollenzwang: den Erwartungen dienen

Leistungen und Erwartungen sind es, die unser soziales Leben herstellen und zusammenhalten. Im Begriff der sozialen Rolle erkennen wir diese Leistungen und Erwartungen, fassen sie zu Leistungs- und Erwartungsbündeln zusammen und richten uns nach diesen Rollen. Ohne Rollen funktioniert es nicht – das soziale Leben. Wir leiden oft darunter, diese Rollen spielen zu müssen. Wir ändern aber allein durch die Erkenntnis nichts an diesem Leiden. Die Erkenntnis hilft nicht weiter, sie kann uns sogar in noch größere Verzweiflung stürzen, wenn wir sehen, dass wir gefangen sind in unseren Rollen.

Literarisch in bester Form hat das Theodor Fontane in seinem Roman Effi Briest herausgearbeitet im Dialog zwischen Geert von Instetten und Geheimrat Wüllersdorf.

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Welche Rolle spielst du? – Quelle: gmello, Pixabay

Für diejenigen, die Effi Briest nicht gelesen haben, hier eine sehr kurze Zusammenfassung der Handlung. Instetten heiratet die Tochter seiner früheren Geliebten. Effi ist von der Ehe mit dem sehr viel älteren Mann überfordert und beginnt ein Verhältnis mit einem Freund von Instetten, Major Crampas. Nach Jahren erfährt Instetten von dem Verhältnis und sieht sich gezwungen zum Duell mit Crampas. Er berät sich deswegen mit seinem Kollegen und Vorgesetzten Wüllersdorf.

In diesem Gespräch geht es in der Hauptsache um die Frage, warum dieses Duell überhaupt noch nötig ist. Wüllersdorf argumentiert, dass die Angelegenheit doch schon so lange her sei und Instetten seine Frau liebe und keinerlei Hass gegen Crampas im Sinn führe. „…Instetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte.“

Instetten spricht die gesellschaftlichen Zwänge an, wenn er sagt: „Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“

Und Wüllersdorf weiß genau, was Instetten mit dem „Etwas“ meint und antwortet ihm: „Ich finde es furchtbar, dass Sie Recht haben, aber Sie haben Recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem ‚muss es sein‘. Die Welt ist einmal wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die anderen wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“

Fontane kritisiert hier die festgezurrten Leistungs- und Erwartungsbündel preußischer Offiziere.

Ein Role-Making, ein Role-Changing erscheint uns heute als überfällig, blickt man auf die historische Situation in Fontanes Roman. Uns fällt das zwanghafte Festhalten der Personen an Rollenvorstellungen, die sich eigentlich schon überlebt haben, sofort auf. Aber das auch nur, weil wir Distanz haben.

Im Hier und Heute müssen wir diese Distanz erst mühevoll erarbeiten.

tmd.

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