Sophisten, Sokrates und Platon

Die Sophisten sind in der Tat nicht so einfach zu verstehen, wie es das Lehrbuch zeigt. Zum Einlesen kenne ich nichts, was alle Meinungen wiedergibt.
Hier meine Zusammenschau:

  • Die Sophisten waren die radikalen Aufklärer der Antike und Begründer der Sprachphilosophie.
  • Sie haben den Menschen aus der kosmologischen Umklammerung von Religion und Mythen befreit.
  • Sie haben die Gesetzgebung zu dem gemacht, was es ist, nämlich Menschenwerk.
  • Sie haben Bewusstsein geschaffen dafür, dass die Gesetze zu den Menschen passen sollen und nicht umgekehrt.
  • Sie haben den Zeitgeist instrumentalisiert und mit Redeschulungen viel Geld verdient – an Philosophie waren sie wenig interessiert.
  • Sie sind ein Oberflächenphänomen für einen grundlegenden Paradigmenwechsel (Denkmuster/wissenschaftliches Weltbild), den sie selbst nicht richtig durchschaut haben.

Sicher ist, dass die Griechen – insbesondere die in Kleinasien – politischen und kulturellen Pluralismus wahrgenommen haben (persischer Königshof, Berichte des Herodot) und nicht mit Ablehnung darauf reagiert haben. Warum dies so war, dafür gibt es nur Hypothesen. Vermutlich waren die Sophisten von den Vorarbeiten der Vorsokratiker beeindruckt. Die naturwissenschaftlichen Erklärungen der Vorsokratiker waren zwar plausibel, aber sie haben sich widersprochen. Hier musste eine Erklärung gefunden werden. Die Erklärung war so revolutionär wie einfach: weg vom Objekt und hin zum Subjekt. Nicht die Empirie war die Lösung, sondern die Episteme (Erkenntnis). Die Vorsokratiker hatten das im Prinzip schon vorbereitet. Das ist die anthropozentrische Wende, die im Lehrbuch so umständlich/missverständlich erklärt wird, weil die Gedankenfigur des Menschenbildes nicht erklärt wird.

Büste des Sokrates
Büste des Socrates (Louvre) – Quelle: Wikipedia

Beispiel: Menschenbild des Christentums. Wenn der Mensch von Gott gemacht ist und nach dessen Ebenbild, dann muss er erstens sehr wertvoll sein und zweitens irgendwie die Erkenntnisfähigkeit von Gott haben oder Erkenntnis durch Gott erlangen. Wenn der Mensch aber ein psychosoziales Produkt seiner Umwelt ist, dann ist seine Erkenntniskraft abhängig von seiner jeweiligen Umwelt.
Also: Das Menschenbild sagt etwas über die Erkenntnisfähigkeit aus. Das ist der rote Faden der von Sokrates über Platon zu Hobbes, Rousseau und Kant führt. Das läuft nach dem Muster: Zuerst wird erklärt wie der Mensch beschaffen ist und dann, was er erkennen kann.
Beispiel: Bei Hobbes ist der Mensch grundsätzlich hinterlistig und böse. Er kann das erkennen und auf Abhilfe sinnen, weil er ohne Gesellschaftsvertrag nicht recht froh wird. Bei Rousseau ist es umgekehrt. Der Mensch ist so friedliebend, dass er in der Natur nicht überlebensfähig ist. Auch in diesem Fall hilft der Zusammenschluss der Menschen (Vergesellschaftung), führt aber zu dem Übel, dass die Form der Vergesellschaftung für den Menschen schlecht ist.
Zurück zu den Sophisten und Sokrates. Die Sophisten setzen also total auf Verstand und auf die Annahme, dass die Erkenntniskraft abhängig ist von der soziokulturellen Umwelt. An dieser Stelle schaltet sich nun Sokrates in die Diskussion ein. Sokrates ist im Grunde ein Sophist, aber ein kritischer. Sokrates untersucht die Methoden der Sophisten und deren eigene Grundannahmen. Die sind: Gesetze müssen zum Menschen passen und sein Zusammenleben erleichtern. Und: Sie behaupten zu wissen, was das Richtige für den jeweiligen Menschentyp ist.
Sokrates befragt die Sophisten hinsichtlich ihrer Behauptung, dass sie Experten sind. Nur so ist der Sokratische Dialog zu verstehen. Nur so versteht man, dass es kein Nachteil ist, wenn die von Platon aufgeschriebenen Dialoge ergebnisoffen sind.

Platon, Glyptothek München
Platon – Quelle: Wikipedia

Die Gespräche müssen offen enden, sonst würden sie in Ideologie münden. Sokrates nimmt den Relativismus der Sophisten zum Anlass, über ihre Begründungswege zu diskutieren. Er legt dabei offen, dass die Sophisten mit ihrem Relativismus nur geschickt verschleiern, dass sie eigentlich keine robusten Antworten auf die Fragen des Lebens haben. So wenigstens die Darstellung von Platon. Der war Gegner der Sophisten. Damit aber nicht genug: Dass es auf die Fragen der Zeit keine eindeutigen Antworten gibt, das stört Sokrates wenig. Er behauptet statt dessen, dass es in der Mehrzahl der Fragen (Macht, Karriere, Geld haben) unterschiedliche Antworten  geben kann und dass dies nicht weiter bedauerlich ist.

Sein Kernsatz: Alles was Fragen betrifft, die nichts mit Moral zu tun haben, die kann man so oder auch anders beantworten. Fragen aber, die die Moral betreffen, die verlangen nach einer robusten Antwort. Eine Antwort, für die der Mensch Verantwortung übernehmen kann und muss. Hier argumentiert Sokrates universell. Das Gute, das Moralische ist nicht relativ, behauptet Sokrates, es ist ein universeller Begriff.

tmd.

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