Strategie der Sekten – Herstellung einer neuen Identität

Das Ziel jeder Sekte ist es, den Willen der Mitglieder zu brechen. Die Strategie: Das Opfer langsam und unauffällig aus ihrem früheren Umfeld ziehen.

„Habt ihr denn gar nichts gemerkt? Ist euch nichts aufgefallen? Er (sie) muss sich doch verändert haben?“ Diese Fragen hören Eltern, deren Kinder in eine Sekte eingetreten sind und plötzlich verschwunden sind.
Nein! Sie haben nichts gemerkt. Sie konnten nichts merken. Seitdem in Deutschland Jugendliche von Salafisten dazu verführt wurden, ihr Leben für den IS in Syrien zu opfern, ist die Strategie von Sekten und Fundamentalisten näher ausgeleuchtet worden.

Zur Strategie gehört es, dass die Neuen in der Gruppe zunächst ein Doppelleben führen müssen. Das heißt, sie müssen in ihrem bisherigen Leben weiterhin die Rolle spielen, die ihr Umfeld von ihnen erwartet. Gleichzeitig sollen sie nach und nach in die Sekte durch Manipulation eingebunden werden. Das hat einen Sinn. Der Neue muss davor geschützt werden, dass sein bisheriges Umfeld ihn auf die Sinnlosigkeit seines Tuns hinweist. Solange das Opfer noch nicht vollständig in die Gruppe eingebunden ist, besteht die Gefahr, dass Eltern und Freunde mit ihr/ihm über die Inhalte der Sekte diskutieren. Sehr schnell würde in solchen Diskussionen die Botschaft der Sekte also Ideologie enttarnt werden. Das muss die Sekte verhindern.

In den Fällen, in denen Jugendliche in die Fänge der Salafisten geraten waren, haben die Opfer erst sehr spät bzw. gar nicht offengelegt, dass sie zu den Fundamentalisten gewechselt waren.

Gottesanbeterin
Lass dich nicht fressen – Quelle: bella67, Pixabay

Ist ein junger Mensch erst einmal in der Sekte fest verankert, dann wird er aus seinem bisherigen Umfeld abgezogen. Er wird von der Sekte hermetisch abgeschirmt und kontrolliert. Kein Kontakt zu seinem früheren Leben soll mehr möglich sein. Auch das hat seinen Sinn.
Ideologien sind von der Struktur und Systematik her angreifbar. Ein letzter Zweifel an der Ideologie der Sekte bleibt immer. Hier müssen also Vorkehrungen getroffen werden, dass dieser Zweifel nicht zum Nachdenken anregt.

In ihrem Buch „Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht“ beschreibt Jenna Miscavige Hill diesen Punkt in ihrem Leben, an dem sich Zweifel an der Ideologie von Scientology bei ihr regten. Plötzlich waren ihr die Freunde wichtiger als die Gruppe. Jenna Miscavige ist die Nichte des Nachfolgers von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, David Miscavige.

Solche Zweifel haben tief verwurzelte moralische Standards. Es gibt Psychologen, die behaupten, dass Mitgefühl und Mitleid angeboren sind.
Genau das müssen die Sekten verhindern, dass nämlich diese Zweifel aufkommen.

Es wird zum Beispiel viel Mühe darauf verwendet, den Sektenmitgliedern Handreichungen zu bieten im Umgang mit der Kritik der Umwelt. Einem frischen Salafisten muss immer wieder „eingetrichtert“ werden, dass es erlaubt ist, Nicht-Gläubige (und das sind alle Nicht-Moslems) zu töten.
Erstaunlich ist aber auch, dass viele Rückkehrer aus dem IS-Kalifat desillusioniert sind. Die Indoktrination hat anscheinend nicht der Realität des grausamen Krieges standgehalten.

Was die Rückkehrer jedoch erzählen und was davon in den Medien berichtet wird, das kommt bei den frisch Angeworbenen nicht an. Denn die sind schließlich auf der Suche nach einem Weltbild, das ihnen weismacht, sie würden bei Befolgung dieser irren Lehrinhalte zu besseren Menschen – und wenn nicht zu besseren Menschen, dann wenigstens zu besseren Toten mit Freifahrt ins Paradies – und den dort auf sie wartenden Jungfrauen.

tmd.

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