Arbeitsmoral: Solidarität statt Konkurrenz

Für einen Betriebswirt in einer Personalabteilung ist ein Firmenmitarbeiter in erster Linie ein Kostenfaktor. Er kostet Geld. Der Lohn, der dem Arbeiter zusteht, ist an die Qualität seiner Arbeit in einer bestimmten Zeit gebunden. Der Arbeiter erbringt die geforderte Leistung und ist reiner Kostenfaktor.
Der Mitarbeiter definiert sich über diese Gleichung. Soziologen sehen in dieser Individualisierung eine versteckte Endsolidarisierung. Der einzelne Arbeiter kämpft um seinen Platz in der Arbeitswelt. Kann er die erforderte Leistung nicht bringen, wird er aussortiert. Nur der Leistungsstarke überlebt.
Arbeitspsychologen versuchen hier gegenzusteuern. Die Mitarbeiter sollen motiviert werden. Sie sollen ihre Grenzen erkennen und ihre Ziele neu finden, wenn sie überfordert sind. Das ändert aber nichts an der fortdauernden Endsolidarisierung, die sich im Konkurrenzkampf widerspiegelt.

Grubenarbeiter
Bergarbeiter – Quelle: WikiImages, Pixabay

Vergleicht man dieses Bild von Arbeit mit dem von Lebensbeschreibungen von Arbeitern vor hundert Jahren, dann fällt einem die eigentümliche Solidarität der Arbeiter auf. Ausgerechnet bei den Arbeitern in Kohlebergwerken – eine schwere und gefährliche Tätigkeit – zeigte sich eine erstaunliche Solidarität unter den Männern.
Der Arbeiter war stolz. Nicht nur auf seinen Lohn. Nicht unbedingt auf seine Stellung im Grubenbetrieb. Er war stolz auf seine Arbeit.
Das wird man heute vergeblich in der Arbeitswelt finden. Stolz auf ihre Arbeit sind die Selbstständigen. Die andern müssen sich vorhalten lassen: Sei froh, dass du einen Job hast. Sei froh, dass du genug Geld verdienst – um deine Freizeit zu finanzieren.
Eine neue Arbeitsmoral kann man aber nicht in der Vergangenheit finden. Dennoch: Ein Merkmal der heutigen Arbeitsmoral sollte sofort ausgetauscht werden: Konkurrenz. Wofür? Solidarität!

tmd.

Stichwort: Arbeitsmoral

„Leben, um zu arbeiten“ und „Arbeiten, um zu leben“ sind die beiden Grundformen von Arbeitsmoral.

Bilder malen
Selbstverwirklichung oder … – Quelle: bridgesward, Pixabay

Im ersten Fall geht es um das Arbeiten in Form von „Tätigsein“. Damit ist nicht nur kreatives Arbeiten gemeint. Arbeit wird hierbei nicht als Last empfunden. Arbeit ist Selbstverwirklichung.

Im zweiten Fall geht es darum, mit Arbeiten den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Arbeit ist hier nur Mittel zum Zweck. Hier gibt es noch eine weitere Untergliederung.

  • Arbeit dient nur dazu, den Lebensunterhalt zu sichern. Keinerlei Geld bleibt für die Freizeit.
  • Arbeit soll die Freizeit finanzieren. In diesem Fall kann die Freizeit ein Ersatz für die verlorene Freiheit im Arbeitsleben sein. Der Philosoph Robert Menasse hat dazu die Formel geprägt der „Freizeit-Freiheit“.

Selbstverständlich ist es auch möglich, dass jemand seine Arbeit als „Tätigsein“ begreift, nicht als Last, und dennoch seine Freizeit nutzt zur Selbstverwirklichung.

harte Arbeit
Arbeiten, um zu leben – Quelle: skeeze, Pixabay

Die verschiedenen Formen von Arbeitsmoral sind abhängig von Erziehung und sozialem Umfeld. Sie sind also ein sozialer Faktor.
Wir bezeichnen gleiche Tätigkeiten als anstrengend und kompliziert (Arbeit), aber auch als Hobby und Entspannung (Freizeit). Den Unterschied machen wir. Er liegt nicht in der Tätigkeit. Es ist eine paradoxe Zuschreibung.

tmd.