Teddy for peace

Teddy
das neue Friedenssymbol – Quelle: bosmanerwin, Pixabay

Die Taube ist das Symbol des Friedens. Wer bitte, ist auf diese Idee gekommen? Man kann die Taube als Friedenssymbol im Netz googeln und weiß sofort: Dieses Tier ist nicht friedfertig. Raubvögel sind da grundsätzlich friedlich gegenüber ihren Artgenossen. Wer Silberflügel von Kenneth Oppel gelesen hat, der weiß: Tauben sind die Nazis unter den fliegenden Tieren. Während die Fledermäuse (Silberflügel ist eine Fledermaus) über Welt und Wirklichkeit reflektieren und in der Lage sind, philosophische Gedanken hervorzubringen, sind die Tauben sture Befehlsempfänger, eben typische Nazis.
Wer sich mit Gesundheit beschäftigt, der weiß, dass Tauben „fliegenden Ratten“ sind.
Warum dann dieses Symbol weiter bemühen?
Es gibt keinen Grund. Das Friedenssymbol hat zwar biblische Tradition, aber warum sollen wir nur deshalb an dem Symbol festhalten.
Ich schlage einen Symbolträger vor, der frei von diesen negativen Effekten ist: Teddy for peace.

tmd.

Buchtipp: Empfindliches Gleichgewicht

lgbt-flagge
Akzeptanz und Toleranz – Quelle: QuinceMedia, Pixabay

Patchworkfamilien und Alleinerziehende sind Gegenstand des Ethikunterrichts mit dem Ziel unterschiedliche Lebensformen zu akzeptieren. Das Thema ist bereits heute schon kein Aufreger mehr. Die Kinder haben das Thema extrem versachlicht.
Dasselbe sollte nun mit den Themen Regenbogenfamilien, Transgender und Transidentität der Fall sein. Aber hier tun sich die Erwachsenen noch schwer, während die SuS darin keinerlei Problem sehen.
Das zeigt sich exemplarisch an der Beliebtheit der Lektüre: Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson.
Jetzt hat Sarah N. Harvey, die ein Gespür für Familiensoziologie hat, ein Buch vorgelegt, das den Moralunterricht in Sachen LGBT wirklich unterstützen kann: Empfindliches Gleichgewicht. Die Story ist wenig spektakulär und eher übersichtlich. Es geht um Harriet, die zusammen mit ihrer Mutter lebt und sich auf die Suche nach ihren Halbgeschwistern macht. Denn Harriet ist ein Produkt künstlicher Befruchtung. Im Laufe der Geschichte findet Harriet nicht nur zwei Halbschwestern – von denen eine bei ihren lesbischen Eltern lebt -, sondern auch den Samenspender. Nebenbei verliebt sich Harriet in den Freund ihrer zweiten Halbschwester. Der ist allerdings als Mädchen geboren worden.
Wie man schnell erkennt, hat Sarah N. Harvey also alles, was gender-soziologisch interessant ist, verarbeitet.
Als Lektüre für den Ethikunterricht eignet sich das Buch, weil es nicht mit pädagogischem Anstrich daherkommt. Denn das lehnen die SuS zu Recht ab. Man hat eher den Eindruck: Alles ist gut so und irgendwie normal. Halbgeschwister können sich mögen oder auch streiten, wie alle anderen auch. Die beiden Mütter von Harriets Halbschwester leben zusammen, wobei die Beziehung eher konservativ gehalten ist. Alles erinnert auch irgendwie an den Film: the kids are all right, die US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahre 2010. Dort macht sich der Sohn eines lesbischen Paares auf die Suche nach seinem Vater. Seine beiden Mütter leben in einer beinahe traditionell konsevativen Beziehung. Die eine verdient das Geld, die andere hat sich um die Kinder gekümmert.
Empfindliches Gleichgewicht ist nur ein Ausschnitt aus dem Leben von Harriet. Ein Ausschnitt, der wichtig ist. Der Leser legt das Buch beiseite und hat etwas gelernt, nämlich: Das Leben ist bunt und vielfältig, aber deshalb nicht bedrohlich. Kinder wissen das, Erwachsene müssen da vielleicht noch was hinzulernen.

tmd.

Naturrecht und Gott – am Vorabend der Aufklärung

Bild Gottes
Urheber des Naturrechts – Quelle: travelspot, Pixabay

Kürzlich bin ich gefragt worden, wie die Philosophen der Aufklärung auf die Idee kamen, dass Freiheit und Gleichheit der Menschen durch das Naturrecht gewährleistet werden.
Die Philosophen vor Jean-Jaques Rousseau und Kant (ich erwähne sie, weil sie aus dem Unterricht bekannt sind) haben ähnliches geschrieben. Auch sie – Augustinus und Thomas von Aquin zum Beispiel – sind von Naturrechten ausgegangen. Aber sie haben Gott als Ursache für das Naturrecht genannt.

Bei Samuel Pufendorf (1632-1694) lesen wir, dass man das Naturrecht am besten durch die Erforschung des Menschen und seiner Veranlagung erkennt. Diese Methode kennen wir von Thomas Hobbes. Pufendorf meint, dass der Mensch auf Selbsterhaltung bedacht ist, aber nicht alleine leben kann. Das kennen wir von Rousseau. Das heißt also, der Mensch muss lernen in der Gemeinschaft zu leben. All das haben die Aufklärer nach ihm auch vertreten. Pufendorf schreibt weiter: „Die Regeln dieses Gemeinschaftslebens oder die Lehren darüber, wie sich ein jeder betragen muss, um ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu sein, werden als Naturrecht bezeichnet.“

Er präzisiert das, indem er schreibt: „Jeder muss die Gemeinschaft nach Kräften schützen und fördern.“ Dabei soll der Mensch alles dafür tun, was für das Leben in der Gemeinschaft nützlich ist. Und: „Alle übrigen Vorschriften, deren Richtigkeit im Lichte der natürlichen Vernunft, die dem Menschen gegeben ist, unmittelbar einleuchtet, sind nur Folgesätze dieses obersten Grundsatzes.“ Diese Argumentation kennen wir ebenfalls. Thomas Hobbes hat Naturgesetze aus dem Naturrecht abgeleitet..

Die Frage ist: Woher weiß der Mensch von den Naturrechten. Pufendorf meint, dass der Mensch die Naturrechte durch seine Vernunft erkennt, bzw. dass die Naturrechte so klar und eindeutig sind, dass ihnen jeder zustimmt. Eine Form von Evidenz ist das.

Das klingt alles schon sehr aufgeklärt, wenn Pufendorf nicht andererseits darauf besteht, dass Gott der Urheber des Naturrechts ist. „Wenn auch der Nutzen dieser Gebote offensichtlich ist, so ist doch für ihre Geltung als Gesetz notwendige Voraussetzung, dass es einen Gott gibt, der in seiner Vorsehung alles lenkt.“

Aber die Tür zur Aufklärung ist schon mehr als offen. Wenn es um das Zusammenleben der Menschen in Gemeinschaft geht, dann finden wir bei Pufendorf Hinweise auf frühe soziologische Erkenntnisse. Er schreibt: „Grundsätzlich können die Regeln des Naturrechts, die sich auf das Verhalten zu anderen Menschen beziehen, unmittelbar aus dem Prinzip des Lebens in der Gemeinschaft abgeleitet werden, das wir hier als obersten Grundsatz angenommen haben.“
Damit wird aber der Weg der Argumentation umgedreht!
Das ist doch nichts anderes, als das Zusammenleben der Menschen beobachten und daraus Gesetze abzuleiten. Das ist empirische Soziologie. Die Ergebnisse müssen nicht mehr mit oder durch Gott erklärt werden.
(Zitate aus: Über die Pflicht des Menschen und des Bürgers nach dem Gesetz der Natur.)

tmd.

Arbeit und Interaktion

Fließband in Autoproduktion
Entfremdete Arbeit – Quelle: MikesPhotos, Pixabay

Das Menschenbild bei Karl Marx ist nicht vollständig erklärt mit den Begriffen Entfremdung und Entäußerung. Es geht auch um Arbeit und Interaktion. Für Marx ist Arbeit immer Interaktion. Produziert wird gemeinsam.
An dieser Stelle sei ein Gedankenexperiment erlaubt. Ist Arbeit auch möglich ohne Interaktion? Selbstverständlich ist es das. Damit wird aber nicht der Zusammenhang von Arbeit und Interaktion, der Marx vorschwebt, hinfällig. Ein einsamer Mensch arbeitet auch. Er stellt Dinge her, die er zum Leben braucht. Aber hat keine Möglichkeit, seine Produkte zu tauschen. Mit wem auch, wenn er nicht in Gesellschaft lebt.
Genau hier ist der Unterschied zwischen dem einsamen Produzenten und den Arbeitern in einer Gesellschaft. Die Arbeiter produzieren Dinge, die später getauscht werden – gegen Geld. Oder einfacher gesagt: Die Produkte werden verkauft. Bei diesem Verkaufen entstehen Gewinne. Wem gehört dieser gesellschaftlich hergestellte Reichtum? Das war die Frage, die sich Marx (und andere zu seiner Zeit) gestellt hat (haben).
Das meiste gehört dem Unternehmer, dem Kapitalisten. Nur ein geringer Teil dem Arbeiter. Das war die Meinung der Vertreter einer freien Marktwirtschaft. Aber Marx hatte ein anderes Menschenbild. Für ihn war Arbeit immer Interaktion.
Wie soll man sich das vorstellen. Ein Vergleich mit Sprache und Kommunikation hilft hier weiter. Sprache ist nicht etwas subjektives, sondern wird von den Menschen gemeinsam hervorgebracht und gelernt. Der Verhaltensforscher Michael Tomasello erklärt es folgendermaßen: Es wird auf einen Gegenstand gedeutet und dabei wird der Name des Gegenstandes gesagt. Dieses Deuten und Erklären ist Sprache lernen. Wo beginnt aber das Lernen. Es beginnt dort, wo Menschen in Gemeinschaft sich über Gegenstände verständigen wollen. Und sie wollen nicht nur, sie müssen es, um in Gemeinschaft sich gegen die Natur durchzusetzen. Arbeit und Interaktion sind also nicht die private Sache von einzelnen Menschen, es ist die Sache von mehreren Menschen. Arbeit ist „intersubjektiv“.
Für Marx ist das die Begründung, dass Arbeit eine Sache der Gesellschaft ist. Kapitalisten können sich also nicht außerhalb dieser Interaktion sehen. Wird diese Interaktion aufgebrochen, dann leiden alle Beteiligten darunter.

tmd.

Friedensförderung im Dilemma

Friedensförderung geht nicht ohne Militär. Friedensförderung geht aber auch nicht ohne Kulturtransfer. Die Helfer dürfen die westliche Aufklärung nicht verraten.

friendly contact
friend to friend – Quelle: skeeze, Pixabay

Neben den traditionellen Versuchen, Frieden herzustellen (peacemaking und peacekeeping), gibt es noch die Friedensförderung. Sie beschäftigt sich damit, wie man Konflikte auf ziviler Ebene lösen kann, also nicht mit Waffengewalt.
Hier gibt es die Schlüsselworte: local ownership und empowerment. Damit ist gemeint, dass vor Ort entschieden werden muss, wie ein friedliches Zusammenleben der Menschen aussehen soll und wie man den Menschen vor Ort helfen kann, ihr Leben politisch und wirtschaftlich selbst zu bestimmen.
Der Gedanke hat etwas faszinierendes. Der Aspekt der Friedenssicherung durch militärische Gewalt wird ausgeblendet. Das heißt nicht, dass dieser Aspekt nicht mehr existiert.
Wiederaufbauarbeit, also das statesbuilding, eines Landes nach einem Bürgerkrieg, ist aber noch nie ohne militärische Begleitung geglückt. Mehr noch, auch mit Militär funktioniert es nicht. Bestes Beispiel ist Afghanistan.

Europa ist der letzte Dominostein, der kippt

Was also tun?
Peacemaking/peacekeeping und local ownership/empowerment sind zwei Seiten einer Medaille.
Ehrlicherweise müsste man hier anmerken, dass es heute bei den Versuchen, Frieden in Konfliktgebieten herzustellen, nicht mehr darum geht, einem Land oder einer Region den Frieden zu bringen, weil man den Menschen dort helfen will. Es ist nicht ausschließlich moralisches Handeln, was hier stattfindet.
Weltweit sind Konflikte eine Gefahr auch für Regionen, die derzeit noch im Frieden leben. Migrationsströme, ausgelöst durch Kriege und Naturkatastrophen, sind auf dem alten Kontinent Europa nicht mehr unbekannt. Die failed states in Afrika und im Orient sind die Dominosteine, die Europa kippen könnten.
Unter diesen Aspekten ist Friedenssicherung Eigenschutz, was ja nicht unmoralisch sein muss.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Punkt, der bei dem Thema Friedensförderung nicht vergessen werden darf. Hinter dem local ownership verbirg sich die Ansicht, dass die Helfer auch soziale und vielleicht sogar moralische Verhältnisse und Standards akzeptieren sollen, die in aufgeklärten Gesellschaften undenkbar sind. Wenn also ein hilfebedürftiges Land das Zusammenleben nach der Shariah organisiert, dann müssen die Friedenshelfer sich entscheiden, ob sie ein solches System unterstützen wollen. Eine klassische Dilemma-Situation. Nicht helfen ist unmoralisch. Helfen aber eigentlich auch, weil dadurch Herrschaftsstrukturen stabilisiert werden, die aufgeklärte Europäer ablehnen.

tmd.

Entäußerung und Entfremdung

Mädchen arbeitet in Spinnerei
entfremdete Arbeit – Quelle: skeeze, Pixabay

Entfremdung bei Marx wird meist so beschrieben: Ein Arbeiter stellt ein beliebiges Teil her, das ihm dann aber nicht gehört. Wo ist das Problem?, könnte man hier anmerken. Schließlich wird er doch dafür bezahlt! Dieser Einwand ist natürlich berechtigt. Warum sollte sich ein Arbeiter unglücklich fühlen, weil er nicht mehr im Besitz dessen ist, was er hergestellt hat.
Das ist nur verständlich, wenn man das Menschenbild kennt, das Marx hatte. Entfremdung heißt dabei, dass sich der Mensch selbst fremd wird, weil er nicht mehr Dinge herstellt, die ihm gehören. Mit Entäußerung ist gemeint, dass der Mensch seinen Plan von dem Ding, das er herstellt, zuerst nur im Bewusstsein hat. Nachdem er es hergestellt hat, ist das Teil außerhalb von ihm. Schmerzlich ist das für den Arbeiter, wenn er sieht, dass sein Produkt ihm nicht mehr gehört. Also: Der Mensch ist ein Wesen, dass nur durch „tätig sein“, durch Auseinandersetzung mit der Natur, Identität entwickelt, ein Bewusstsein entwickelt.
Das ist zunächst mal eine starke Behauptung. Nur dadurch, dass ich handwerklich tätig bin, soll ich also ein selbstbewusster Mensch werden. Was machen dann Menschen, die handwerklich voll ungeschickt sind, und nicht einmal in der Lage sind, einen Papierflieger zu basteln?
Die Lösung ist einfach. Marx hat ein ganz spezielles Verständnis von Arbeit. Das kann man wissen. Arbeit ist bei Marx immer Interaktion, also handeln mit anderen Menschen zu einem bestimmten Zweck. Dieses gemeinsame Handeln macht den Menschen jedoch nur glücklich, wenn alle, die an der Arbeit beteiligt sind, sozusagen auf Augenhöhe miteinander umgehen.
Das waren die Arbeiter zur Zeit von Marx nun wirklich nicht. Sie waren austauschbare Schnittstellen zu Maschinen, die den Arbeitstakt vorgaben. Und sie waren nur noch ein Kalkulationsfaktor neben vielen. Arbeiter wurden nach Zeit bezahlt und die Zeit steckte in den Produkten als Tauschwert.
Aber auch mit dieser Erklärung muss man sich nicht zufrieden geben. Wieder kann man argumentieren, dass die Arbeiter doch bezahlt werden.
Hier nun setzt Marx an. Er sagt: Die Arbeiter verbringen ihren Tag mit für sie sinnloser kleinteiliger Arbeit. Das ist aber nicht dem Wesen des Menschen entsprechend. Der Mensch will Produkte herstellen und stolz darauf sein. Wenn er das nicht kann, dann bleibt ihm nur noch die Freizeit, wo er das verdiente Geld ausgeben kann für Lebensmittel und Haushalt.
Und Marx führt noch ein weiteres Argument ins Feld. Der Unternehmer, der die Arbeiter beschäftigt, zahlt den Arbeitern nicht den anteiligen Wert für die hergestellten Produkte. Im Tauschwert der Produkte ist zwar die Arbeitszeit enthalten. Aber darin ist auch enthalten der Gewinn des Kapitalisten.
Hier könnte man einwenden: Das ist doch richtig so, schließlich hat der Unternehmer das Risiko zu tragen. Dafür soll er den Gewinn behalten.
Halt!, sagt hier Marx. Das ist kein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe. Die Kapitalisten werden immer reicher und die Arbeiter verarmen.
An dieser Stelle kann man moralisch urteilen. Wem gehört eigentlich der gesamtgesellschaftlich erzeugte Reichtum? Ist es moralisch, dass die Arbeiter, die den Gewinn erwirtschaften, weniger verdienen als die Kapitalisten, die (nur) die Verantwortung tragen (oder auch nicht)?
Es geht also um Gerechtigkeit und Gleichheit.
Warum dann die Erklärungen mit der Entfremdung? Der Arbeiter entwickelt in seiner traurigen Tätigkeit ein spezielles Bewusstsein. Er gewöhnt sich an diesen Zustand, dass er von sich selbst entfremdet ist, nicht mehr glücklich ist. Das ist eigentlich unmoralisch, gegen diesen zustand nichts zu unternehmen.

tmd.

Theorie und Menschenbild

Armdrücken
auf Augenhöhe – Quelle: RyanMcGuire, Pixabay

Den Kommentar von Delphin zu meinem Beitrag „Eine Anmerkung zu Adam Smith“ habe ich kurz beantwortet, wiederum in einem Kommentar. Ein Gespräch mit einem Kollegen ist der Grund, dass ich nochmals in einem Beitrag darauf eingehe. Es zeigt sich, dass SuS und ihre Lehrer hier an der gleichen erkenntnistheoretischen Baustelle arbeiten.
Adam Smith meint: Egoistisches Handeln und Eigeninteresse führt keineswegs in das soziale Chaos und in eine unsoziale und unmoralische Gesellschaft. Smith betrachtet aber nur das wirtschaftliche Handeln der Menschen. Er trennt das wirtschaftliche Handeln vom Alltag des Menschen. Was er da entwirft ist eigentlich nur ein großartiges Gedankenexperiment. Er berücksichtigt nicht, dass es zwischen den wirtschaftlichen und politischen und sonstigen Systemen Beziehungen gibt. Politik und Wirtschaft beeinflussen sich gegenseitig. Diese Zusammenhänge berücksichtigt er nicht.
Moral und Mitgefühl haben bei ihm einen hohen Stellenwert. Aber das gilt eben nicht für die Wirtschaft. Dort sollen nur die harten Marktgesetze gelten.
Dies funktioniert jedoch nur, weil Smith ein besonderes Menschenbild hat. Die Wirtschaftssubjekte verkehren auf Augenhöhe. Sie sind gleich starke und gleichwertige Partner. Nur unter dieser Bedingung können die Subjekte egoistisch handeln. Nur unter diesen Verhältnissen kommt es zu wirklichen Kompromissen, bei denen keiner übervorteilt wird. Es ist eine klassische win-win-Situation. Solche Situationen existieren aber nur in der Theorie. Schuld daran ist die Tatsache, dass wir Menschen nicht alle gleich sind. Nicht jeder kann sich in der gleichen Weise bei Verhandlungen durchsetzen. Und: Gleichheit und Gerechtigkeit schließen sich aus. Was in der Realität durch Verfahren gerecht zur Gleichheit führen soll ist immer eine Ungerechtigkeit gegen jene, die durch Gleichmacherei ungerecht behandelt werden.
Gleiches gilt auch für die sogenannte Chancen- und Leistungsgerechtigkeit. Soll derjenige, der unverschuldet wenig leisten kann, genauso viel verdienen, wie jemand, der in der Lage ist, sehr viel mehr zu leisten? Ist das gerecht? Fehl am Platz sind hier in Diskussionen weich gespülte Solidaritätsbekundungen. Aber gerade diese Solidarität setzte Adam Smith voraus in seinem Menschenbild. Die vier großen Gerechtigkeiten, die im Ethikunterricht gelernt werden – Verteilung, Verfahren, Leistung und Chance – die soll sein Modell von Marktwirtschaft leisten.
Ich bin gefragt worden, was es für einen Sinn hat, sich mit Theorien von Moralphilosophen zu beschäftigen, deren Aussagen nur verständlich sind, wenn man das jeweilige Menschenbild immer im Blick hat, die aber dann noch keine wirklich brauchbaren Handlungsanleitungen fürs praktische Alltagsleben abwerfen.

  • Moderne Theorien bauen immer auf den alten auf. Neue Theorien sind meist sehr komplex und ohne Vorwissen nicht verständlich.
  • Es gibt klassische Philosophen, die auch heute noch weiterhelfen. Die Vorlesungen des jungen Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Jena (1803 bis 1806) sind Vorüberlegungen zu modernen Kommunikationstheorien.

Kommunikation ist nicht einfach das Senden und Empfangen von Informationen. Kommunikation ist „intersubjektiv“. Sprache ist ein gemeinsames „Etwas“ zwischen und außerhalb der Menschen. Es ist nicht nur subjektiv, sondern insbesondere objektiv. Das lässt Veränderungen zu. Asymmetrische Kommunikation kann man verändern!

tmd.

Wille und Handlung

Extremklettern
der Wille zum Handeln – Quelle: JudiCBell, Pixabay

Es gibt Philosophen, die den freien Willen als Wahnidee bezeichnen. Für diese Philosophen gibt es keinen freien Willen. Wenn es aber keinen freien Willen gibt: Wie verfährt man mit Menschen, die Böses tun? Wenn es keinen freien Willen gibt, dann kann man sowohl kleine Kriminelle, aber auch Terroristen und Personen wie Stalin und Hitler nicht zur Rechenschaft ziehen.
Michael Schmidt-Saomon ist einer der Philosophen, die den freien Willen als Wahnvorstellung ablehnen. Schmidt-Salomon löst das genannte Problem mit den Bösewichten, indem er einen Unterschied macht zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
Willensfreiheit lehnt er ab. Aber der Mensch ist immer noch frei zu handeln – oder nicht. Das Gehirn plant eine Entscheidung und bringt sie ins Bewusstsein. Dort, im Bewusstsein, kann die Entscheidung fallen: Handeln oder nicht handeln.
Was ist verantwortlich dafür, dass ein Mensch dem Willensvorschlag des Gehirns nachgibt oder nicht? Es ist Erfahrung, es ist Erziehung.
Mit Erziehung ist hier eigentlich gemeint, die eigene Vernunft einzusetzen. Das erinnert sehr an Kant, der aber an den freien Willen glaubte.
Wie soll man also umgehen mit der Handlungsfreiheit?
Man muss sie trainieren. Anders geht es nicht.
Schmidt-Salomon und die anderen Gegner des freien Willens, haben dabei aber nicht an die klassische Moralphilosophie gedacht – oder sie wollten nicht daran denken.
Moralisches Handeln ist bei Aristoteles Übung. Das, was eingeübt wird, dafür übernehme ich Verantwortung. Verantwortung übernehmen heißt aber, dass ich die Handlung verantworte und nicht irgendein Naturgesetz. Ich kann keine Ausrede finden!
Gegner des freien Willens sagen, dass menschliches Handeln durch Gesetze (Naturwissenschaften, Psychologie) vorgeschrieben ist. Man nennt das Determinismus. Gleichzeitig soll der Mensch aber auch Handlungsfreiheit haben.
Wenn Handlungsfreiheit aber nicht determiniert ist – und das muss sie sein, wenn hier Freiheit wirkt – dann ist der Mensch doch frei in der Entscheidung. Und dann kann und muss er auch zur Verantwortung gezogen werden.

tmd.

Computergestützte Moral

Frau Gesicht Fantasy
Moral als künstliche Intelligenz? – Quelle: tweetyspics, Pixabay

Die Diskussion um das selbst fahrende Auto geht weiter. Soll so ein Auto im Zweifel an die Wand fahren, um so einer Gruppe Menschen, welche entgegen der Straßenverkehrsordnung den Fahrweg überqueren, das Leben zu retten? Der nicht selbst fahrende „Passagier“ des Autos würde dabei zu Tode kommen. Oder soll der Computer im Auto anders programmiert sein?

Die fachlichen Diskussionen sind lang und sollen hier nicht nacherzählt werden. Eine rein logische Überlegung sei aber erlaubt.
Das, was wir den Rechnern in den selbst fahrenden Autos einprogrammieren, sollte unseren moralischen Leitgedanken entsprechen. Dabei machen wir also nichts anderes, als unsere Normen und Werte handlungsleitend zu machen. Dazu gehört auch, dass wir nicht nur uns, sondern auch die Mitmenschen schützen sollen und wollen. Alles anderes wäre unmoralisch.

Wenn der Roboter im Auto so handelt, dann hält er sich – nebenbei bemerkt – an die Robotergesetze, die Isaac Asimov aufgesetzt hat.

  • Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  • Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  • Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

In „Aufbruch zu den Sternen“ wurde dann noch das Nullte Gesetz daraus abgeleitet und vorangestellt.
Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.

Dieser kleine Ausflug in das Genre der Science-Fiktion sei hier erlaubt. Denn die so formulierten Gesetze genügen zunächst einmal dem kategorischen Imperativ. Der Mensch ist immer Zweck. Holte man die genannten Gesetze zurück in die Alltagswelt, dann wäre unsere Welt zumindest formal sehr viel moralischer als sie es jetzt ist.

Moralische Entscheidungen erfolgen jedoch nicht auf der Basis von Algorithmen. Menschen treffen Entscheidungen nicht nach Drehbuch. Moral als soziale Tatsache ist ein selbst lernendes System. Die Dynamik dieses selbst lernenden Systems ist offen.

tmd.

Moral: eine soziale Tatsache

Es ist schon erstaunlich, dass wir die Normen und Werte, die Regeln des Zusammenlebens und die Moral selbst herstellen und uns dann darüber beschweren, dass wir diese Normen und Werte befolgen müssen. Nicht immer beschweren wir uns darüber, aber wenn, dann schon sehr heftig.
An dieser Stelle kann man einwenden, dass diejenigen, die sich über Normen beschweren, nicht immer diejenigen sind, die sie gemacht haben. Aber auch diejenigen, die gegen Normen rebellieren, halten sich an die Normen und Werte – zumindest meistens.

Soziologen bezeichnen Normen und Werte als „soziale Tatsachen“. Das hat etwas Beruhigendes. Das Wort Tatsache, das klingt schon sehr realistisch. Aber damit ist noch nicht geklärt, warum wir uns an diesen Tatsachen orientieren und warum wir den Tatsachen folgen. Und erst recht nicht geklärt ist, wo sich diese Tatsachen befinden. Beim Wort Tatsache denkt man doch automatisch an eine Feststellung, eine Aussage über die Wirklichkeit. Der Soziologe Émile Durkheim (1858 – 1917) meinte, dass sie ein „Eigenleben“ führen. Soziale Tatsachen sollen wie Dinge behandelt werden. Jedenfalls üben sie auf uns Zwang aus.

Und eine weitere Frage müsste geklärt werden. Auch wenn es sich um nicht mehrheitsfähige Kollektivnormen handelt, dann haben diejenigen, die diesen Normen folgen, dieselben im Bewusstsein. Diese Normen sind Teil ihres Wissens. Die Soziologen nennen das: kollektives Bewusstsein. Ist dieses kollektive Bewusstsein die Summe aller „Bewusstseins“ oder das Abbild eines „Meta“-Bewusstseins?

Wo befinden sich die sozialen Tatsachen, wie werden sie hergestellt und warum befolgen wir sie, auch wenn wir nicht immer froh darüber sind?
Wie soll man diese Fragen ohne soziologisches Vorwissen beantworten?

Wolken
soziale Tatsachen: wie eine cloud an Informationen, außerhalb von uns … – Quelle: StockSnap, Pixabay

Ich versuche es mit einem Vergleich. Das Internet hat die sogenannte Cloud. In dieser Cloud kann vieles abgelegt werden. Und aus dieser Cloud kann Wissen, können aber auch Prozesse (Programme) abgerufen werden.

(Ich weiß, dass diese Cloud nicht eine Wolke im eigentlichen Sinne ist. Die Cloud ist natürlich eine Sammlung von Computern und Speichermedien.)

Soziale Tatsachen kann man sich wie dieses Wissen, das in der Cloud gespeichert ist, vorstellen. Hergestellt wurde es durch die Nutzer. Benutzt wird es ebenfalls durch die Nutzer.
Überträgt man dieses Bild auf die Normen und Werte, dann sieht man, dass wir die Normen und Werte zwar herstellen, uns dann aber auch an sie – mehr oder weniger – halten. Wir befolgen die Normen.

Wie kommt es dann zu einem Wandel der Normen?
Auch hier verwende ich den Vergleich mit dem Internet. Wenn Normen und Werte nicht mehr praktisch anwendbar sind, unseren Vorstellungen nicht mehr genügen, dann machen wir neue. Nun geht es darum, dass diese neuen Werte auch abgerufen und verwendet werden. Ist das der Fall, dann haben sich die neuen Normen durchgesetzt. Gelingt es nicht, dann bleibt es bei den alten Werten.

Warum empfinden wir die sozialen Tatsachen wie Dinge, die außerhalb von uns existieren?
Wir müssen feststellen, dass Normen existieren und weiterbestehen, auch wenn wir mit ihnen nicht einverstanden sind. Wir orientieren uns an ihnen, weil wir feststellen, dass wir Probleme bekommen, wenn wir sie nicht einhalten. Das Modell der sozialen Rolle zeigt diese Abhängigkeit sehr deutlich. Soziale Rollen bestehen aus Erwartungen, die an uns gestellt werden. Diesen Erwartungen müssen wir folgen, auch wenn es uns nicht gerade gefällt. Wenn nicht, müssen wir mit Sanktionen (Strafe) rechnen. Bedauerlicherweise werden wir nicht besonders gelobt, wenn wir alles richtig machen, so wie es von uns verlangt wird.

soziale tatsachen im Kopf
… aber auch in unserem Bewusstsein: soziale Tatsachen – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Die politische Philosophie von Thomas Hobbes, Jean-Jaques Rousseau und Immanuel Kant macht uns jedoch Hoffnung. Dort wird der Wandel der sozialen Tatsachen, der Normen und Werte in den Vordergrund gestellt. Wir machen Gesetze, denen wir freiwillig folgen, weil wir die Gesetze in Freiheit und Verantwortung mittels Vernunft hergestellt haben.

tmd.