Merkzettel: Kant – der gute Wille

Nur der gute Wille ist gut, so Immanuel Kant. Was meint er damit?
Mit dem „ist gut“ meint Kant die moralische Bewertung einer Handlung. Nur unter der Bedingung, dass der Wille gut ist, ist es auch die Handlung.
Das ist doch klar! Was sonst!

der gute Wille
nur der gute Wille zählt – Quelle: StockSnap, Pixabay

Falsch gefolgert! Denn wir wissen noch nicht, was Kant mit dem „guten Willen“ meint.
Gut ist ein Wille dann, wenn er frei und autonom ist. Er braucht also bei seiner Verwirklichung die negative und positive Freiheit. Also keine Einflüsse von außen wie Gefühle, Neigungen und politische Zensur. Außerdem muss er Regeln und Gesetze machen, die dem Kategorischen Imperativ genügen. Die Regeln dürfen in sich nicht widersprüchlich sein. Und sie dürfen nicht pflichtgemäß und hypothetisch sein.
Hypothetisch sind „wenn – dann“ Regeln. Pflichtgemäßes Handeln hat das Ergebnis im Blick. (Beispiele: Klavierspielen als Profi; Arbeit als Kaufmann)

Das ergibt sich aber nicht automatisch. Der Maxime des Kategorischen Imperativ folgen, ist eine Aufgabe, der sich der freie, aufgeklärte Bürger freiwillig unterzieht. Dafür gibt es aber keinen anderen Anlass als die Pflicht. (Ein anderer Grund oder Anlass würde wiederum bedeuten, das diese Umsetzung nicht autonom ist.)

Sittliches Verhalten ist also eine Pflicht. Der freie und aufgeklärte Bürger unterzieht sich also freiwillig dieser Pflicht.
Genau das, dieses „sich in die Pflicht“ nehmen, ist der gute Wille.

Kant verhindert damit, dass sich subjektive Interessen und Neigungen in den guten Willen einschleichen. Der gute Wille ist objektiv. Er arbeitet nach selbstgesetzten Regeln, die dem Kategorischen Imperativ genügen.

tmd.

Merkzettel: Kant – der freie Wille

Kant gründet seine Version eines Gesellschaftsvertrags auf die Vernunft und den autonomen Willen. Die Vernunft steht nicht zur Diskussion. Der Mensch ist vernünftig! Daran gibt es nichts zu zweifeln. Die Vernunft kann und muss eingesetzt werden. Sie kann eingesetzt werden, wenn die politischen Verhältnisse den Gebrauch der Vernunft erlauben. Die Vernunft muss eingesetzt werden, um aus der Unmündigkeit herauszukommen. Die Autonomie wird ebenfalls nicht bezweifelt. Autonomie ist eine Grundannahme des aufgeklärten Bürgers.

Merke: Die Leistungsfähigkeit der Vernunft wird nicht weiter diskutiert. Das hat Kant in seinen Hauptwerken bereits erledigt. Die Autonomie des Willens ist keine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens. Der aufgeklärte Bürger kann und will autonom und vernünftig handeln.

Freiheit
Freiheit – Quelle: sasint, Pixabay

Der autonome Wille soll Gesetze herstellen, denen die Bürger gehorchen wollen und können. Moral ist also Menschenwerk. Nun muss also geklärt werden, wie der autonome Wille mittels der Vernunft Gesetze macht, aber dennoch nicht willkürlich handelt. Denn: Natürlich kann sich der autonome Wille Gesetze geben, die er selbst befolgen will. Aber ungeklärt ist doch, ob alle Menschen diese Gesetze wollen. Der Wille soll also autonom Gesetze finden, denen alle Bürger freiwillig folgen.

Merke: Der freie Wille soll autonom Gesetze machen, denen alle Bürger freiwillig ohne Zwang Folgen können.

Kant diskutiert zunächst negative und positive Freiheit. Negative Freiheit ist Freiheit von äußeren Zwängen. Diese politische Freiheit ist die Forderung der Bürger, ihre Meinung frei äußern zu können. Positive Freiheit ist, sich Gesetze zu geben, denen man freiwillig folgt.
Nun muss noch ausgeschlossen werden, dass nicht mehrheitsfähige Kollektivmeinungen zu Gesetzen werden. Der autonome, freie Wille muss vor Willkür geschützt werden. Die Regeln, nach denen der freie Wille funktioniert, dürfen daher nicht fremd-gesetzlich (hetoronom) sein. Ein Wille, der heteronom funktioniert, ist nicht autonom. Die Autonomie zeigt sich darin, dass sich der freie Wille Gesetze gibt, denen alle Bürger zustimmen können. Nur dann kann ein freier Wille auch ein guter Wille sein.

Merke: Der aufgeklärte Bürger braucht negative und positive Freiheit. Negative Freiheit erlaubt die autonome politische Meinungsäußerung. Positive Freiheit schafft Gesetze, die von allen Bürgern akzeptiert werden.

Nun muss noch erklärt werden, wie der freie Wille die Gesetze herstellt. Das geht nur mit einem Gedankenexperiment. Die Gesetze, die hergestellt werden, müssen getestet werden, ob sie nicht in sich widersprüchlich sind. Beispiel: Wer sich Geld leiht, der muss es auch zurückzahlen. Es kann also nicht sein, dass jemand sich Geld leiht und gleichzeitig weiß, dass er das Geld nicht zurückzahlen wird. Jede Moral, jedes Gesetz muss sich an diesen Anforderungen messen. Kant nennt das den kategorischen Imperativ.

Merke: Normen, Gesetze müssen getestet werden und dem kategorischen Imperativ genügen.

Der autonome Wille handelt aber nicht automatisch. Der Bürger handelt vielmehr aus Pflicht. Kant unterscheidet hier das pflichtgemäße Handeln und das Handeln aus Pflicht. Außerdem macht er einen Unterschied zwischen dem kategorischen und dem hypothetischen Imperativ.
Pflichtgemäßes Handeln orientiert sich an den Folgen des Handelns. Beispiel: Ein Kaufmann betrügt seine Kunden nur deshalb nicht, weil er die negativen Folgen befürchtet. Aus Pflicht handelt er aber, weil er sich ungeachtet der Folgen so entscheidet, weil sein Handeln dem kategorischen Imperativ entspricht.
Hypothetische Imperative bestimmen zwar unser Leben, aber wir müssen ihnen nur bedingt folgen. Beispiel: Wenn ich professioneller Pianist sein will, dann muss ich täglich üben. Diesem Wenn-Dann-Befehl muss ich nur dann folgen, wenn ich professioneller Pianist sein will.

Merke: Moralisch handeln ist immer Handeln aus Pflicht und folgt freiwillig den Forderungen des kategorischen Imperativs.

Kant sichert moralisches Handeln aber noch zusätzlich ab. Neben der Maxime (oberste Regel) des kategorischen Imperativs gibt es noch die Maxime: Der Mensch ist immer Zweck des Handelns, er ist nie das Mittel.

tmd.

Trivialisierung des Moralunterrichts

Ohne Erkenntnistheorie ist jeder Moralunterricht beliebig und gerät zur Ansammlung von Aphorismen und Deutungen philosophischer, soziologischer und psychologischer Fragen. Erkenntnistheorie heißt, sich mit der Leistungsfähigkeit menschlicher Erkenntniskraft auseinanderzusetzen. Gelegenheit dazu bietet sich bei den Themen Freiheit und Verantwortung sowie Vernunft und freier Wille.

Freiheit und Verantwortung sind aneinander gekoppelt durch Normen und Werte, wobei die Normen von einem autonomen Bewusstsein hergestellt werden. Vernunft und freier Wille sind gekoppelt durch die Einsicht, dass nur ein freier Wille ein guter sein kann (aber nicht muss), aber ohne Einsatz der Vernunft moralisch bedeutungslos bleibt.

einfach
Vereinfachung – Quelle: counselling, Pixabay

Diese sehr komprimierte Darstellung des Zugangs zur Erkenntnistheorie überfordert jeden Anfänger im moralischen Diskurs. Deshalb müssen die komplexen Inhalte von Ethik trivialisiert werden, vereinfacht werden.

Die Beschäftigung mit den Vertragstheoretikern Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant sind Beispiel dafür. Schwerpunkt sind dabei der Vergleich von Naturzustand und Regierungsbildung bei den Theoretikern. Aber bereits bei J.J.R. wird klar, dass die Vernunft – allein auf sich gestellt und unkontrolliert – ein unauflösbares Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit hervorbringt.

Erst Kant zieht die Konsequenzen aus den Grenzen der Erkenntniskraft der Vernunft.
Das sind jedoch die Inhalte, die nicht behandelt, nicht diskutiert werden. Begründung: zu komplex – deshalb vereinfachen, trivialisieren.

Die SuS durchschauen diese Trivialisierung, reagieren aber nicht mit Nachfragen. Die derart trivialisierten Lehrinhalte sind nämlich abfragbar. Mit diesem Wissen können Noten gemacht werden. Die erkenntnistheoretischen Schlussfolgerungen jedoch münden in die Erkenntnis (wenn sie denn erfolgt), dass unsere Moral auf einem sehr dünnem Fundament steht. Oder, wie es die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann beschrieben haben: Man versucht einen Bus anzuschieben, in dem man gleichzeitig sitzt.

tmd.

Thomas Hobbes: Architekt der Gesellschaft

Kritik an Thomas Hobbes ist leicht. Man nehme seine Beschreibung des Naturzustandes und seine Forderung nach Sicherheit und schon kann man kritisieren und polemisieren. Das zeigt aber nur, dass man sich nicht genauer mit dem genialen Polit-Philosophen auseinandersetzen will.

Naturzustand: Hobbes beobachtet die Gesellschaft in der er lebt. Er sieht, dass die Menschen nur deswegen einigermaßen friedlich miteinander umgehen, weil es einen Staat, also Herrschaft gibt, der für Ordnung sorgt. Hobbes überlegt. Was wäre, wenn es diesen Staat mit seiner Macht nicht gäbe. Und hier beginnt er zu spekulieren, wie es ohne Staat im Naturzustand aussähe. Ganz schlimm!
Er beschreibt, wie sich Menschen verhalten, wenn es niemanden gibt, der für Ordnung sorgt. „Krieg aller gegen alle.“ Die Schlussfolgerung ist einfach. Es muss jemanden geben, der für Ordnung sorgt. Ein Gedanke, den heute viele Politiker, die sich mit internationalen Konflikten und „faild states“ (gescheiterte Staaten) beschäftigen, auch haben. Wer in Krisengebieten lebt, der denkt zuerst an Sicherheit, dann an Freiheit.

Staatsmacht
Sicherheit herstellen – Quelle: Pexels, Pixabay

Sicherheit: Thomas Hobbes geht von Naturrechten (Freiheit und Gleichheit) aus, die der Mensch hat. Dazu gehört auch, sich zu verteidigen, wenn man in Gefahr ist. Hobbes gehört zu denjenigen, die meinen, dass der Mensch in der Lage ist, durch Vernunft Gesetze zu erkennen – die Naturgesetze -, die angeben, wie man eine Gesellschaft so organisiert, dass es friedlich zugeht.

Diese Naturgesetze sind nach seiner Meinung geeignet, die Naturrechte des Menschen zu sichern.

Der Staat: Vollkommen schlüssig ist es also, dass Hobbes fordert: Jemand muss die durch Vernunft erkannten Naturgesetze umsetzen, damit die Naturrechte des Menschen gewahrt bleiben. Das ist der Staat. Der ist verpflichtet, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen.

Der Vertrag: Darüber sollen die Bürger einen Vertrag machen und den Staat herstellen. Damit wird auch klar, dass Hobbes Gesellschaft als Produkt des Menschen sieht. Gesellschaft und Herrschaft ist nicht von Gottes Gnaden. Gesellschaft ist Menschenwerk. Das sollt man nicht vergessen.

tmd.

Freiheit und Versuchung

Sünde ist unmoralisches Verhalten bei Gläubigen. Verantwortlich dafür ist der Teufel, der den Menschen vom rechten Weg abbringen will. Die Menschen wiederum sind frei in ihrer Entscheidung, eine Sünde zu begehen oder nicht.

Engel
himmlische Versuchung – Quelle: 5arah, Pixabay

Papst Franziskus hat mit einem kleinen Interview eine Diskussion angestoßen. Es geht um die Übersetzung des Vaterunser (ein Gebet). Darin bitten die Gläubigen Gott, dass er sie nicht „in Versuchung“ führt. Es kann nicht sein, dass Gott den Menschen in Versuchung führt, meinte Franziscus. Denn das ist Sache des Teufels.

Das Problem, das damit angesprochen wird, finden wir in der Theodizee wieder. Gott ist allgütig, heißt es dort. Wenn er aber die Menschen in Versuchung führt, dann ist er nicht mehr allgütig.
Von einem deutschen Kardinal, Walter Kasper, gibt es hierzu eine Deutung, die ich kürzlich in DIE ZEIT (Nr. 52, 2017), gelesen habe. Er meinte: „Gott aber will unsere Freiheit und begrenzt seine Allmacht durch unsere Freiheit.“ Nebenbei wird damit auch die Allmacht Gottes hinfällig.
Wir müssen uns also von dem Gottesbild verabschieden, dass Gott mit menschlichen Wunsch-Eigenschaften (Allmacht, Allgüte, Allwissenheit) beschreibt.

Bleibt noch zu klären, welchen Stellenwert nun die Freiheit des Menschen hat. Wenn Gott die Freiheit des Menschen will, dann gibt er ihm auch die Freiheit zur Sünde. Ist das nicht Versuchung pur?

tmd.

Anmerkungen zur Vernunft

Kameratechnik
Vernunft nutzen – Quelle: geralt, Pixabay

Verantwortung gibt es nur in Freiheit. Freiheit ist deshalb für jemanden, der moralisch handeln will, nicht verzichtbar. Selbstbestimmtes Handeln, selbstbestimmte Sinnfindung und ein selbst tragendes moralisches Koordinatensystem (das autonome Gewissen) sind nur möglich mit und durch die Koppelung von Freiheit und Verantwortung.
Die Basis der selbst tragenden Koppelung von Freiheit und Verantwortung kann nicht Moral sein. Denn Moral, also die Normen und Werte, ist Menschenwerk. Wenn ich Moral allein zur Basis mache, dann wird daraus ein Dogma, das ich nicht mehr verändern kann. Dann wäre ich also nicht mehr frei. Auf Freiheit will ich aber nicht verzichten.
Reicht die Verantwortung, dass meine Freiheit nicht zur Willkür wird?
Nein!
Meine in Freiheit und in Verantwortung hergestellte Moral muss kontrolliert werden. Kontrollinstanz ist die Vernunft. Maßstab kann der kategorische Imperativ sein.
Grundsätzlich muss ich aber im Blick haben, dass Moral gesamtgesellschaftlich akzeptabel ist. Nicht mehrheitsfähige Kollektivmeinungen sind das nicht.
Terroristen und Vertreter von nihilistischen Weltanschauungen sind deshalb eine Gefahr für eine auf Freiheit und Verantwortung bauende Gesellschaft, weil sie den Kontrollfaktor Vernunft ausschalten.

tmd.

Kant und die Aufklärung: Wer traut sich, vernünftig zu sein?

Unter Aufklärung versteht Immanuel Kant, den eigenen Verstand ohne Anleitung von anderen zu nutzen. Den Grund dafür, dass die Bürger nicht selbst denken, sieht er in Feigheit und Faulheit. Abhilfe schaffen soll die Freiheit, öffentlich seine Meinung zu sagen. Hier sagt Kant, dass Aufklärung abhängig ist von der Freiheit, die Vernunft öffentlich zu gebrauchen.

die freie Meinung
die freie Meinung – Quelle: PaliGraficas, Pixabay

Kant verwendet hier die Begriffe Verstand und Vernunft, ohne näher zu unterscheiden, was er damit meint. Einen Fahrplan für die Umsetzung seiner Aufklärung gibt er nicht. Er richtet lediglich eine Forderung an den Monarchen, öffentliche Meinungsäußerungen zuzulassen.

Deshalb ist verständlich, dass Kant die Gesellschaft als noch nicht aufgeklärt bezeichnet. Eine Revolution schließt Kant als möglichen Weg aus, die Aufklärung voranzubringen.

Den einzig möglichen Weg sieht er in Kommunikation. Kommunikation zwischen Bürgern, die öffentlich ihre Meinung sagen können, das ist sein Vorschlag für den Weg in eine aufgeklärte Gesellschaft.

Wer traut sich, vernünftig zu sein?

In einer Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit möglich ist, muss es aber dennoch irgendwann einmal einen Bürger geben, der seine Meinung öffentlich macht. Das ist aber in erster Linie der, der die Meinungsfreiheit durchgesetzt hat.
Hier äußert sich Kant vorsichtig. Die Möglichkeit, dass es zur freien Meinungsäußerung kommt, ist dann gegeben, wenn mehrere Bürger miteinander Kommunikation haben. Kant meint also, dass der Gebrauch von Vernunft durch Gesellschaft gefördert wird.
Das kann so sein, muss es aber nicht.

tmd.

Anmerkung: Vertragstheorien

„Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag“, sagte der Teilnehmer einer Talkrunde im Fernsehen, die ich kürzlich anschaute.
Die Beschäftigung mit den klassischen Vertragstheoretikern (Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau) verstellt den Blick auf den Umstand, dass sich die Bürger/innen in einer Demokratie immer schon in einem vertraglichen Zustand befinden.

Vertragsunterschrift
Der Vertrag – Quelle: epicioci, Pixabay

Es ist nicht der Zustand, wie ihn Hobbes oder Rousseau beschrieben. Keiner hat einen Vertrag unterschrieben oder Vertragsinhalte mit den anderen Mitbürgern ausgehandelt. Es ist eher so, dass man in das politische Staatswesen hinein sozialisiert wird.
Aber die Gedankenfigur des Vertrags, der ausgehandelt wird, hat einen Bezug zu unserem aktuellen politischen System: Verträge können auch – per Vertrag – geändert werden. In einer Demokratie ist das die Regel. Nicht etwa grundsätzlich ist das so, sondern im Rahmen mit einer Verfassung, der die meisten zustimmen.
Man sollte also darauf achten, wenn ein neuer „Gesellschaftsvertrag“ gefordert wird. Ist das Grundgesetz gemeint oder die vertragliche Regelung unserer sozialpolitischen Ordnung?
Mir geht es hier um die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Wenn hier eine Änderung verlangt wird, dann wird immer auch mit Moral argumentiert. Es sei unmoralisch, wenn der eine zu viel und der andere zu wenig verdient, heißt es da oft sofort. Das sei nicht fair.

harte Arbeit
Der Mensch ist der Zweck – Quelle: skeeze, Pixabay

Wer Hobbes und Rousseau kennt, merkt auf. Es geht den Bürgern um Sicherheit, Freiheit und Gleichheit. Die Vertragsmodelle, die man hier im Blog nachlesen kann, zeigen, dass es keine spannungsfreie Lösung des Dreiecksverhälnisses aus den drei bürgerlichen Forderungen geben kann. Die Modelle von Hobbes und Rousseau sind anfällig für Diktaturen. Insbesondere der Vertragsentwurf von Rousseau kann über „direkte“ Demokratie in die verschleierte Diktatur führen. Gleichheit wird hergestellt zu Lasten der Freiheit.
Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit kann in der Tat nur moralisch gelöst werden.
Immanuel Kant hat hier eine moralisch ernstzunehmende Position eingenommen: Der Mensch ist Zweck, nie Mittel.

tmd.

Stichwort: Gemeinwille

Jean-Jacques Rousseau will die natürlichen Rechte des Menschen – Freiheit und Gleichheit – mittels Gesellschaftsvertrag sichern. Der Vertrag wird zwischen den Menschen eines Landes geschlossen und soll die einzig legitime Form von Herrschaft sein.

Fantasy, Märchenhaft
Freiheit oder Gleichheit – Quelle: kellepics, Pixabay

In diesen Vertrag treten die Menschen ein und geben dabei alle ihre persönlichen Rechte und Freiheiten auf. An Stelle dieser natürlichen Freiheiten erhalten sie rechtlich festgelegte Freiheiten. Jeder erhält die gleichen Freiheiten. Die Qualität der Freiheiten werden vor Vertragsbeginn von den Vertragsschließenden festgelegt. Niemand erhält also Freiheiten, die er nicht wollte und niemand erhält Freiheiten, die ein anderer nicht hat. Damit haben alle die gleiche rechtlich verbriefte Freiheit und sind somit gleiche Bürger.
J.J.R. meint damit, Freiheit und Gleichheit vom Naturzustand in den Staat gerettet zu haben. Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit wird aber nicht gelöst. Man ist als Bürger immer zuerst ein „gleicher“ und dann erst ein „freier“ Bürger.
In der politischen Mitbestimmung und in der Regierung taucht der Begriff „Gemeinwille“ auf. Gesetze werden von den Bürgen gemacht unter dem Aspekt, dass diese ihre Freiheit sichern wollen. Nichts wird beschlossen, das den Freiheitsrechten des Bürgers entgegensteht. Die Gesetze, die von den Bürgern gemacht werden, werden eingehalten, weil sie von ihnen selbst gemacht wurden. Die Ausführung der Gesetze wird an eine Regierung übergeben, die sich an die Gesetze halten müssen. Sie haben keinerlei Interpretationsspielraum.

Sollte es bei Volksabstimmungen abweichende Meinungen geben – Minderheitsmeinungen – dann haben sich die Bürger, die in der Minderheit sind, geirrt. J.J.R. macht hier einen schweren Konstruktionsfehler, indem er annimmt, dass die Mehrheit immer Recht hat.
Seine Erklärung dafür, dass sich die Mehrheit nicht irrt, hat einen logischen Fehler. Er meint, dass der Gemeinwille das wiedergibt, was alle Bürger gemeinsam wollen. Das, was es an unterschiedlichen Sonderwillen noch gibt, das geht über den Gemeinwillen hinaus, es ist nur der Gesamtwille.
Ähnlich verfährt J.J.R. auch beim Eigentum. Niemand darf mehr besitzen als ein anderer. Eigentum wird so zum Volkseigentum.

tmd.

Merkzettel: Thomas Hobbes

equality
Gleichheit – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und gewaltbereit. Sein Ziel ist es, sich alles anzueignen, was er haben will. Er ist gierig. Hat er einen Wunsch befriedigt, wartet sofort der nächste Wunsch. Soweit Hobbes über den Menschen im Naturzustand.
Der Naturzustand ist ein Gedankenexperiment. Hier wird erzählt, wie sich der Mensch ohne Gesetzte und Ordnungsmacht verhält. Es ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser Zustand ist also eine Fiktion. Der Naturzustand soll illustrieren, wie der Mensch von Natur aus ist. Hier kann er seine natürlichen Rechte ausleben. Der Naturzustand zeigt auch, dass sich aus den Naturrechten (Freiheit, Gleichheit) ohne Zuhilfenahme der Vernunft keine politische Ordnung entwickeln lässt.

Mit Vernunft kann der Mensch die Naturgesetze ermitteln. Naturgesetze sind keine physikalischen Gesetze. Naturgesetze sind von der Vernunft ermittelte Vorschriften wie:

  • jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb;
  • geschlossene Verträge soll man halten;
  • für einem Friedenszustand sollen alle die gleichen Rechte haben.

Diese von der Vernunft erkannten Vorschriften (Naturgesetze) können die Bürger für einen Vertrag weiterverwenden: Das ist der Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag wird zwischen allen Bürgern eines Staates geschlossen. Ziel ist es, den Naturzustand mit dem „Krieg aller gegen alle“ zu beenden.

Im Gesellschaftsvertrag geben die Menschen ihr Recht ab, sich alles, was sie wollen, auch gegen den Willen der Mitmenschen anzueignen. Der Vertrag sorgt dafür, dass der Staat – als abstrakter Herrscher – für die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags sorgt. Der Vertrag gibt den Menschen Sicherheit. Dafür opfern sie einen erheblichen Teil ihrer Freiheit.

Merksatz: Sicherheit statt Freiheit.

Die Bürger sind gezwungen, sich an den Vertrag zu halten. Der Vertrag kann nicht einseitig geändert werden.

Verletzt der Staat jedoch die genannten Naturgesetze, dann ist der einzelne Bürger sehr wohl berechtigt, sich zu wehren. Insbesondere dann kann sich der Bürger von seinem Staat verabschieden, wenn der Staat seine Schutzfunktion aufgibt.

tmd.