Der freie Wille als Manager

Freier Wille? – Quelle: ptra, Pixabay

Wenn es um den freien Willen geht, wird immer auch der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet genannt, verkürzt zitiert und zu Unrecht in die Ecke der Deterministen gestellt.

Erzählt wird dann, dass eine Handlung im Gehirn unbewusst entsteht, vorhanden ist und erst 400 ms später im Bewusstsein als Handlung realisiert wird. Die Deterministen jubeln, ist doch die Handlung entstanden, bevor sie bemerkt wurde.

Das kann man so nicht stehen lassen, insbesondere weil man mit diesem Wissen bei Prüfungen keine Aussicht auf Erfolg hat. Denn dort werden Texte vorgelegt, die Kenntnis voraussetzen darüber, was Libet wirklich herausgefunden hat. Handlungen entstehen sehr wohl im Gehirn und werden erst später – das sind die 400 ms – im Bewusstsein als solche realisiert. Aber diese Handlungen marschieren nicht ungehindert durch unseren psychischen Apparat. Sie können nämlich auch blockiert werden. Die Handlung wird nicht ausgeführt.

Der freie Wille ist also nicht der Produzent, sondern der Manager der vielen möglichen Handlungen, die im Gehirn entstehen. Der freie Wille ist Reflexion und Reduktion der komplexen Aktionen in unserem Gehirn.

Kultur und insbesondere Moral bekommen so einen vollkommen neuen Stellenwert. Moral entsteht nicht in einem transzendenten 3-D-Drucker. Moral ist die aktive Konstruktionsarbeit unserer kommunikativen Verhältnisse.

Braucht es in dieser Theorie des freien Willens die Verantwortung? In gewisser Hinsicht schon, wenn man bedenkt, dass Verantwortung selbst ein Teil dieser Konstruktionsarbeit ist.

tmd.

Wer trägt die Verantwortung

„Ich bremse auch für Tiere.“ Das war so ein Spruch, der am Heck eines Autos eine Zeit lang eine klare Botschaft von Tierfreunden war. Normalerweise ist derjenige, der in solch einem Fall auffährt, der Schuldige. Doch es gibt hier Ausnahmen. Der Vorausfahrende darf nicht ohne zwingenden Grund bremsen. So steht es in §4 der Staßenverkehrsordnung.

Bevor sich der geneigte Leser wundert, was dieses für Juristen sicher spannende Thema im Moral-Blog zu suchen hat: es geht hier um schnelles Handeln (Bremsen oder nicht) wobei immer irgend ein Schaden dabei entsteht. Also eine klassische Dilemma-Situation.

Soll man das Eichhörnchen, das die Straße überquert retten und dabei einen Auffahrunfall riskieren? Bisher war das im Schadensfall eine Sache der Verkehrsteilnehmer. Bisher war es eine Angelegenheit der Anwälte und Gerichte. Jetzt kommt jedoch der neue Freund des Menschen hinzu: der Roboter, der Computer, der einem das Fahren abnimmt, sagen die „Ethikräte“ (die obersten Moralwächter).

Zahlencodes, Frauengesicht
Künstliche Intelligenz – Quelle: geralt, Pixabay

Er, der Roboter muss jetzt in Sekundenbruchteilen entscheiden, was zu tun ist. Gut, das genau kann dieser Fahrer ganz besonders gut. Wer schon mal Freecell auf einem Computer gespielt hat, der kann dem Rechner regelrecht zuschauen, wie er entscheidet. Innerhalb weniger als einer Sekunde kommt die Meldung: this game is no more winnable oder unable to determinate, if this game is lost – und das manchmal nach wenigen Spielzügen. Rechner können aber noch mehr. Unterschiedliche Entscheidungswege werden durchgerechnet und bewertet.

Und jetzt sind wir genau bei dem Thema, das die Ethikräte derzeit aufregt.

Wer trägt die Verantwortung

Welche Rechenroutinen soll der Computer durchführen, wenn er realisiert, dass es zu einem Auffahrunfall kommen wird? Welche Entscheidungsmuster soll er wählen? Hat der menschliche Passivfahrer die Möglichkeit hier Einfluss zu nehmen? Es ist schon sonderbar, sobald die Technik dem Menschen Arbeit abnimmt, meint der Homo Sapiens, dass er seinen zweiten Namensteil bei der Garderobe abgeben darf. Auch der Einsatz von vollkommen automatisch fahrenden Systemen entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung. Die Selbstfahrsysteme werden aller Voraussicht nach Sicherheitshinweise tragen, die im Grunde jegliche Haftung des Herstellers im Schadensfall ausschließen.

Wer bei einem Unfall mit automatisch fahrenden Systemen zu Tode kommt, dem nutzen diese Überlegungen wenig. Wer die Systeme nutzten wird, der sollte wissen, was er macht.

tmd.

Stichwort: Pflichtethik

Gutes Gewissen – Quelle: melissaflor, Pixabay

Kant nimmt die Vernunft in die Pflicht. Was ist damit gemeint?
Die Vernunft ist bei Kant die oberste Instanz zum moralisch einwandfreien Handeln. Die Vernunft ist aber autonom, also frei von Fremdbestimmung.

Damit die Vernunft nicht willkürlich handelt, muss sie kontrolliert werden. Sie darf aber nicht kontrolliert werden von Regeln, die wie Naturgesetze funktionieren, weil die Vernunft dann nicht mehr autonom wäre.

Übrig bleibt also nur der Mensch, der sich verpflichtet so zu handeln, dass es moralisch ist. Wie macht das der Mensch? Er orientiert sich am kategorischen Imperativ.

tmd.

Die reflexartige Kommunikation der Gegner des selbstbestimmten Sterbens

Krankenhaus, Betten
Selbstbestimmt leben? – Quelle: SilasCamargo, Pixabay

Selbstbestimmtes Sterben und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat die üblichen Reaktionen hervorgerufen. Das Urteil wird abgelehnt, weil es „nicht umsetzbar ist“, so ein Mediziner in einem Bericht in den Nürnberger Nachrichten vom 8.3.17. Das Urteil wird mit aktiver Sterbehilfe in Zusammenhang gebracht. Zudem sei eine Behörde nicht in der Lage, zu entscheiden, was eine unerträgliche Lebenssituation sei. Das BVG hat in keinem Satz behauptet, dem Betroffenen die Entscheidung abzunehmen.

Die reflexartige Kommunikation der Gegner des selbstbestimmten Sterbens ist schon auffällig. Das zentrale Problem, autonom zu entscheiden, wird mit Verweis auf die heutzutage hervorragende Schmerztherapie gekontert. Die Existenz eines Hospizes wird als Lösung für alle genannt, obwohl die Zahl der Hospize nicht ausreicht.
Völlig unverständlich bleibt jedoch der Vorschlag, dass betroffene Patienten jederzeit auf künstliche Ernährung verzichten können (Was ist damit wohl gemeint? Warum wird die Angelegenheit nicht beim Namen genannt?) oder dass die künstliche Beatmung abgestellt werden könne.

Die Ethikfunktionäre wollen nicht verstehen, worum es geht. Menschen (Mediziner, Politiker, Theologen, Meinungsmacher) nehmen sich das Recht, über das Sterben anderer Menschen zu entscheiden. Klartext: Du sollst so sterben, wie ich (der Arzt usw.) es will. Und wenn du (Patient) dabei nicht mitmachst, dann sterbe, aber nicht nach deinen, sondern nach meinen Regeln.
Der Mediziner in dem zitierten Zeitungsbeitrag befürchtet einen Paradigmenwechsel in der Medizin. Die Betroffenen, die außerhalb von Deutschland Hilfe suchen, fürchten ihn nicht. Sie hoffen ihn herbei. Für viele wird er aber zu spät kommen.

tmd.

In diesem Blog zum Thema:
Nachtrag Sterbehilfe
Medizinethik und Person: Oberstes Ziel ist der Schutz der Menschenwürde
Die Person in der Medizinethik
Leben verlängern – um jeden Preis?
Gesellschaftliche Wertvorstellungen und Medizinethik
Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Ethik
Selbstbestimmung bis zum Ende möglich? – Quelle: Malalisa, Pixabay

Das amerikanische Modell soll dem Mediziner und dem Patienten helfen, moralisch tragbare Entscheidungen zu treffen. Die Beteiligten (aber eigentlich nur der Arzt) sollen dabei vier ethische Prinzipien berücksichtigen.

  • Selbstbestimmung (des Patienten)
  • Schadensvermeidung (für den Patienten)
  • Fürsorge (um den Patienten)
  • Soziale Gerechtigkeit (gegenüber anderen Patienten und der Gesellschaft)

Die Spannungen zwischen den einzelnen Punkten ist enorm, insbesondere wenn es ums Sterben geht. Wie bei allen Modellen nach dem Schema magisches Viereck oder Sechseck usw. sollen die Eckpunkte ausgeglichen sein. Die Fallstudien zeigen, dass dies nicht möglich ist.
Grundsätzlich endet die Schadensvermeidung für den Patienten an der Leistungsfähigkeit der Krankenkassen. Die Selbstbestimmung des Patienten, der sterben will, findet seine Grenzen in der Schadensvermeidung, die der behandelnde Arzt im Blick hat. Wenn, wie in einem Beitrag in diesem Blog, der Arzt mit dem langen Sterben mehr Geld verdient, als mit Schadensvermeidung (Schmerzlinderung) und Selbstbestimmung des Patienten, dann ist es zudem sozial ungerecht. Das Geld könnte man an anderer Stelle investieren. Das ist aber marktwirtschaftlich gedacht und nicht moralisch.

Es ist interessant, dass immer wieder der wirtschaftliche Aspekt zum Vorschein kommt, wenn es doch eigentlich um moralische Entscheidungen geht. Ich nenne es deswegen moralische Entscheidungen und nicht ethische, weil die letzte Entscheidung des Einzelnen sich nicht auf den Kommunikationszusammenhang des amerikanischen Modells bezieht. Die ethische Kommunikation des amerikanischen Modells lässt doch nur wie mit einem Zaubertrick die moralischen Ängste, Wünsche und Triebkräfte des Patienten und der Angehörigen verschwinden. Zu Recht haben die Soziologen diese und ähnliche Erscheinungen mit dem Wort eskamotieren belegt. Kommunikation lässt Probleme auch verschwinden, verpackt in ethische Konzepte.

„Helfen sie mir Doktor“, fleht der Patient. Und der Arzt kann nur sagen, „ich kann nicht, ich will nicht, ich darf nicht.“

Die Schamanen indigener Völker müssen nicht auf Entscheidungshilfen wie das amerikanische Modell zurückgreifen. Ist ihr Patient am Ende seines Lebens angekommen, dann begleiten sie ihn und haben die autonome Person des Patienten (Selbstbestimmung) im Blick, erleichtern ihm das Sterben (Fürsorge und Verhinderung von Leiden) und sie sind gerecht. Jeder muss sterben und kann so sterben. Nur das ist dem Menschen würdig. Zumindest bei der Ethik des Sterbens hat unsere Gesellschaft noch Nachholbedarf.

tmd.

Selbstbestimmt leben heißt auch selbstbestimmt sterben.

„Wir wollen nicht, dass sich ein verzweifelter Todkranker aus dem Fenster stürzen muss.“ Peter Hinze (CDU/CSU), verstorben
„Unsere Gesellschaft betont individuelle Verantwortung. Warum sollte das beim Sterben aufhören?“ Dr. Petra Sitte (Die Linke)

Der Deutsche Bundestag hat im Juli 2016 über eine Regelung der Sterbehilfe debattiert. Die unterschiedlichen Meinungen liefen quer durch alle Parteien. Die Entscheidung gegen ein selbstbestimmtes Sterben, die im selben Jahr vom Bundestag gefasst wurde, kann also nicht einer Partei angerechnet werden. Die Diskussion war komplex.

Hospital Zimmer
In der Klinik – Quelle: Parentingupstream, Pixabay

Ich will hier nur zwei Punkte herausgreifen, weil sie im Zusammenhang mit den Lehrplanvorschlägen in Bayerns Gymnasien stehen. Es geht um das Verhältnis von Arzt und Patient (das amerikanische Modell) und um die Lösung medizinethischer Probleme (wird in den Lehrbüchern als Situationsanalyse, Analyse der Lösungsmöglichkeiten und der Zielanalyse beschrieben). Die Vertreter von „keine Sonderrechte für Ärzte“ haben sich durchgesetzt. Das heißt aber auch, dass der Hilfesuchende sich grundsätzlich nicht mehr an einen Arzt wenden kann, wenn er, der Patient, noch bei Bewusstsein ist und Verantwortung übernehmen kann.

Für die Ärzte ist es ein Weg in die Rechtssicherheit, aber auch Bedeutungslosigkeit. Der Arzt ist nicht mehr Ansprechpartner des Leidenden. Bei der Situationsanalyse ist ebenfalls kein Fortschritt zu sehen. Todkranke Menschen werden in Kliniken unsinniger Weise zu Tode behandelt. Das schreiben zwei Redakteure der ZEIT in der Ausgabe 4 von 2017. Für die Kliniken ist das ein Geschäft! Sie verdienen damit Geld.
Im einem Ethik-Lehrbuch heißt es zur Analyse der Situation, dass man immer eine Wertung vornehmen müsse, … welche Bedürfnisse Vorrang haben.

Im genannten Beispiel (DIE ZEIT) sind es garantiert nicht die Bedürfnisse des Patienten und auch nicht die der Angehörigen und Freunde, die das Dahinsiechen des Kranken miterleben müssen. Es sind nur wirtschaftliche Interessen, die zählen.

tmd.

Kann man die Freiheit des Willens beweisen?

Das ist keine leichte Frage. Was bräuchte man, um den freien Willen wie ein Naturgesetz zu erklären und zu beweisen?

Schnecke, die ein Hindernis überwindet
Wille – Quelle: Maryam62, Pixabay

Genau! Eine heteronome (fremdgesetzliche) Bestimmung, nach welcher der Wille funktioniert. Beispiele wären psychologische Modelle. Aber dann wäre der Wille eben nicht mehr frei.
Was also tun?
Kant gibt hier eine einfache, aber um so robustere Erklärung: Für einen Menschen der Aufklärung ist der freie Wille eine Setzung, eine Forderung der Vernunft. Was sonst! Der aufgeklärte Mensch ist sich seiner Allmacht, nämlich der Herr im eigenen Haus – dem Bewusstsein – zu sein, vollkommen sicher.
Wie ist es dann möglich, das Menschen ihren freien Willen missbrauchen?
Kant würde antworten: Die sind eben nicht vernünftig oder wollen böse sein.
tmd.

Kant: Der freie Wille

Ausgangsüberlegung von Kant: Kant will den Willen des Menschen als autonomen Prozess beweisen. Außerdem will er nachweisen, dass nur der freie Wille ein guter Wille sein kann.

Als Zeitgenosse der Aufklärung (selbst denken, Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit) muss er jegliche Fremdeinwirkung und Fremdsteuerung des Willens ausschließen. „Kant: Der freie Wille“ weiterlesen

Kant: Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens

Es hilft, Kant zu verstehen, wenn man Original-Texte liest.
Hier ein Ausschnitt aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens.
„Kant: Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens“ weiterlesen