Verstehen

Telefonzelle
„Verstehst du mich?“ – Quelle: Freephotocc, Pixabay

„Verstehst du mich?“ Diese häufig gestellte Frage meint nicht das sprachliche Verstehen. Es geht nicht darum, eine Information weiterzugeben. Vielmehr ist damit gemeint, dass der Frager sich vergewissern will, dass der/die andere Person sich vorstellen kann, wie der Fragende die Situation wahrnimmt – interpretiert.
Diese Überlegungen sind nur vordergründig trivial. Sie sind vielmehr erkenntnistheoretisch hoch komplex.
Soziologen tun sich bei der Beantwortung der Frage, ob man sich in eine andere Person „hinein versetzen“ kann, leicht. Kommunikation ist „intersubjektiv“. Das heißt: Sie ist reziprok und reflexiv, also wechselseitig und rückbezüglich. Merksatz dazu: „Ich nehme an, dass du die Situation genauso siehst wie ich und auch weißt, dass ich das weiß.“
Das heißt nun aber nicht, dass man sich in einen anderen hinein versetzen kann, dessen Perspektive einnehmen kann.
Die Unmöglichkeit, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen, ist moralisch folgenreich. Wie soll ich moralisch handeln in Bezug auf andere Menschen, wenn ich prinzipiell nur Regeln entwerfen kann, die sich auf meine Perspektive beziehen?.
Bereits die „goldene Regel“ scheitert hierbei, universelle Regeln aufzustellen. Denn es sind sehr subjektive Regeln nach dem „wenn – dann“-Muster. Immanuel Kant löst das Problem zwar vernünftig, aber eben nur intersubjektiv. Mitleid, Liebe und Zuneigung haben hier keinen Platz, sind aber unerlässlich im Zusammenleben der Menschen.
Ein philosophisch haltbarer Vorschlag wäre: Solange Liebe, Mitleid und Zuneigung funktionieren, funktioniert das auch mit dem Satz, dass der Mensch immer Zweck ist, nie Mittel. Erst dann, wenn es hier zu Kollisionen kommt, ist dringend geraten, den kritischen Verstand einzuschalten.

tmd.

Friedensförderung im Dilemma

Friedensförderung geht nicht ohne Militär. Friedensförderung geht aber auch nicht ohne Kulturtransfer. Die Helfer dürfen die westliche Aufklärung nicht verraten.

friendly contact
friend to friend – Quelle: skeeze, Pixabay

Neben den traditionellen Versuchen, Frieden herzustellen (peacemaking und peacekeeping), gibt es noch die Friedensförderung. Sie beschäftigt sich damit, wie man Konflikte auf ziviler Ebene lösen kann, also nicht mit Waffengewalt.
Hier gibt es die Schlüsselworte: local ownership und empowerment. Damit ist gemeint, dass vor Ort entschieden werden muss, wie ein friedliches Zusammenleben der Menschen aussehen soll und wie man den Menschen vor Ort helfen kann, ihr Leben politisch und wirtschaftlich selbst zu bestimmen.
Der Gedanke hat etwas faszinierendes. Der Aspekt der Friedenssicherung durch militärische Gewalt wird ausgeblendet. Das heißt nicht, dass dieser Aspekt nicht mehr existiert.
Wiederaufbauarbeit, also das statesbuilding, eines Landes nach einem Bürgerkrieg, ist aber noch nie ohne militärische Begleitung geglückt. Mehr noch, auch mit Militär funktioniert es nicht. Bestes Beispiel ist Afghanistan.

Europa ist der letzte Dominostein, der kippt

Was also tun?
Peacemaking/peacekeeping und local ownership/empowerment sind zwei Seiten einer Medaille.
Ehrlicherweise müsste man hier anmerken, dass es heute bei den Versuchen, Frieden in Konfliktgebieten herzustellen, nicht mehr darum geht, einem Land oder einer Region den Frieden zu bringen, weil man den Menschen dort helfen will. Es ist nicht ausschließlich moralisches Handeln, was hier stattfindet.
Weltweit sind Konflikte eine Gefahr auch für Regionen, die derzeit noch im Frieden leben. Migrationsströme, ausgelöst durch Kriege und Naturkatastrophen, sind auf dem alten Kontinent Europa nicht mehr unbekannt. Die failed states in Afrika und im Orient sind die Dominosteine, die Europa kippen könnten.
Unter diesen Aspekten ist Friedenssicherung Eigenschutz, was ja nicht unmoralisch sein muss.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Punkt, der bei dem Thema Friedensförderung nicht vergessen werden darf. Hinter dem local ownership verbirg sich die Ansicht, dass die Helfer auch soziale und vielleicht sogar moralische Verhältnisse und Standards akzeptieren sollen, die in aufgeklärten Gesellschaften undenkbar sind. Wenn also ein hilfebedürftiges Land das Zusammenleben nach der Shariah organisiert, dann müssen die Friedenshelfer sich entscheiden, ob sie ein solches System unterstützen wollen. Eine klassische Dilemma-Situation. Nicht helfen ist unmoralisch. Helfen aber eigentlich auch, weil dadurch Herrschaftsstrukturen stabilisiert werden, die aufgeklärte Europäer ablehnen.

tmd.

Buchtipp: Als ich dich suchte

junge Frau im Regen
in mir suche ich nach dir – Quelle: Pexels, Pixabay

Grenzsituationen sind nicht lösbar im Sinne von „Alles wird gut“. Grenzsituationen sind ausweglos. Sie sind ein Dilemma im Quadrat. Beim Dilemma kann man wenigsten wählen zwischen zwei unangenehmen Alternativen. Egal, was man macht, es ist immer falsch. Aber man muss sich halt entscheiden und dann beginnen die Begründungsversuche. Wir kennen das von Kohlberg.
Aber Grenzsituationen lassen keine Begründungen mehr zu.

Nichts geht mehr.

Lauren Oliver hat anscheinend für solche Situationen eine gewisse Vorliebe. Hier im Blog habe ich „Wenn du stirbst, zieht das ganze Lebe an dir vorbei, sagen sie“ schon vorgestellt. Mit „Als ich dich suchte“ hat sie wieder eine Geschichte vorgelegt, die man unbedingt im Ethikunterricht lesen sollte. Sie passt zum Modul Sinnfindung in der 8. Klasse (G8) und dort in das Kapitel Grenzsituationen.
Es geht um die Schwestern Nick und Dara. Unterschiedliche Typen. Damit ist die Übersichtlichkeit in dem Roman auch schon beendet. Die Geschichte hat zwei Erzähler, die beiden Schwestern. Dann werden noch einige Dokumente in die Handlung eingebaut. Und es wird von einem Autounfall berichtet, bei dem Dara schwer verletzt wird. Und wir lesen, dass Dara den Freund ihrer Schwester geküsst hat.

Der Leser versucht irgendwie einen roten Faden in dem Buch zu finden. Es ist wie im richtigen Leben. Erst im Rückblick wird vieles klar. Ich habe – als ich die Story verstanden und rekonstruiert habe – zurück geblättert und nach den Wendepunkten und Anhaltspunkten gesucht, die den Blick auf die wirkliche Handlung verstellen. Lauren Oliver hat nichts verheimlicht. Alles ist schlüssig und logisch. Aber der Leser merkt es eben erst zum Schluss. Der Originaltitel „Vanishing Gils“ tut ein Übriges, um für Verwirrung zu sorgen.

Da dies ein Moral-Blog ist, steht die literarische Leistung von Lauren Oliver nicht im Vordergrund. Ich will diese Leistung aber dennoch nicht ungelobt lassen. Schließlich müssen Bücher, die für den Unterricht gelesen werden, besonders interessant und spannend sein. Sie müssen ein eigenes Erlebnis sein. Ansonsten beschweren sich die SuS.
In der Geschichte steckt ein psychologisch erklärbares Problem, das Ergebnis einer Grenzsituation sein kann. Es geht um die Verarbeitung von Schuld.
Eine akademische Erklärung ist aber langweilend und die entsprechenden Textschnipsel in den Lehrbüchern sind es erst recht.

tmd.

Computergestützte Moral

Frau Gesicht Fantasy
Moral als künstliche Intelligenz? – Quelle: tweetyspics, Pixabay

Die Diskussion um das selbst fahrende Auto geht weiter. Soll so ein Auto im Zweifel an die Wand fahren, um so einer Gruppe Menschen, welche entgegen der Straßenverkehrsordnung den Fahrweg überqueren, das Leben zu retten? Der nicht selbst fahrende „Passagier“ des Autos würde dabei zu Tode kommen. Oder soll der Computer im Auto anders programmiert sein?

Die fachlichen Diskussionen sind lang und sollen hier nicht nacherzählt werden. Eine rein logische Überlegung sei aber erlaubt.
Das, was wir den Rechnern in den selbst fahrenden Autos einprogrammieren, sollte unseren moralischen Leitgedanken entsprechen. Dabei machen wir also nichts anderes, als unsere Normen und Werte handlungsleitend zu machen. Dazu gehört auch, dass wir nicht nur uns, sondern auch die Mitmenschen schützen sollen und wollen. Alles anderes wäre unmoralisch.

Wenn der Roboter im Auto so handelt, dann hält er sich – nebenbei bemerkt – an die Robotergesetze, die Isaac Asimov aufgesetzt hat.

  • Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  • Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  • Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

In „Aufbruch zu den Sternen“ wurde dann noch das Nullte Gesetz daraus abgeleitet und vorangestellt.
Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.

Dieser kleine Ausflug in das Genre der Science-Fiktion sei hier erlaubt. Denn die so formulierten Gesetze genügen zunächst einmal dem kategorischen Imperativ. Der Mensch ist immer Zweck. Holte man die genannten Gesetze zurück in die Alltagswelt, dann wäre unsere Welt zumindest formal sehr viel moralischer als sie es jetzt ist.

Moralische Entscheidungen erfolgen jedoch nicht auf der Basis von Algorithmen. Menschen treffen Entscheidungen nicht nach Drehbuch. Moral als soziale Tatsache ist ein selbst lernendes System. Die Dynamik dieses selbst lernenden Systems ist offen.

tmd.

Filmtipp: Zwei Tage – eine Nacht

junge Frau auf der Parkbank
entscheiden, das Gute zu tun – Quelle: Antranias, Pixabay

Kürzlich habe ich den Film „Zwei Tage, eine Nacht“, von Jean-Pierre und Luc Dardene gesehen. In dem Film geht es um ein spezielles moralisches Thema: Solidarität und Arbeit. Aber nur auf den ersten Blick geht es darum.
Eine junge Frau – Sandra heißt sie – verliert ihren Arbeitsplatz. Ungewöhnlich ist dabei, wie es dazu kommt. Ihr Chef will die Belegschaft verkleinern, um Kosten zu sparen. Sandra war längere Zeit krank gewesen und deshalb wird sie entlassen. Ihre Arbeitskollegen – es sind 16 Frauen und Männer – könnten jedoch auf ihre Jahresprämie (1000 Euro) verzichten, dann wird Sandra nicht entlassen. Also ein klassisches moralisches Gedankenexperiment und eine Dilemmageschichte in einem.
Der Film spielt in Frankreich. Das muss dazu gesagt werden.
Die junge Frau versucht nun in Einzelgesprächen ihre Kolleginnen und Kollegen dazu zu bewegen, auf die Prämie zu verzichten, damit sie ihren Arbeitsplatz nicht verliert.
Das ist soweit die Handlung. Sandra ist nicht immer erfolgreich. Die Gespräche laufen teils dramatisch ab. Diejenigen, die der jungen Frau nicht helfen wollen, begründen ihre Ablehnung, mehr oder weniger nachvollziehbar. Sympathie hat man mit ihnen nicht.
Die beiden Filmemacher hätten keinen ernstzunehmenden Film gemacht, wenn es so oder anders geendet hätte. Auch ein offenes Ende hätte nicht überzeugt.
Das moralische Thema „Solidarität“ war den beiden Regisseuren nicht genug.
Der Film endet mit der seit Sokrates immer gleichlautenden Ansage: Unrecht tun kann nicht damit begründet und legitimiert werden, dass man selbst Unrecht erlitten hat.
Die Kolleginnen und Kollegen, die sich für die Prämie entschieden haben, werden nicht nur wegen ihrer fehlenden Solidarität in die Ecke gestellt. Immerhin kann man jedem das Recht zubilligen, nur an sich zu denken. Das, was sie Sandra angetan haben mit ihrem mitleidlosen Handeln, das bleibt einem von ihnen erspart, weil die junge Frau eben nicht Gleiches mit Gleichem vergilt.
Sandra wächst in ihrer Niederlage über sich hinaus.

tmd.

Freiheit und Konflikte

Mädchen
„ich lasse mir nichts gefallen“ – Quelle: galvaniluppi, Pixabay

Selbstbestimmt leben wollen gehört zum Erwachsen werden und setzt Freiheit voraus. Ohne Freiheit ist Selbstbestimmung nichts wert. Es wäre Fremdbestimmung.
Anscheinend läuft der Prozess der Selbstbestimmung in Freiheit nicht ohne Konflikte ab. Konflikte und Streit sind aber für die meisten Menschen sehr unangenehm. Eigentlich wollen wir doch lieber in Harmonie leben.

Die Konflikte im Jugendalter sind „vorprogrammiert“.
Eigene Entscheidungen:

  • sind mit Unsicherheit und fehlender Erfahrung kombiniert,
  • widersprechen den Vorstellungen der Eltern und anderen, die erziehen wollen,
  • sind keine Laborexperimente, sondern risikoreiche Realität.

Eigentlich müsste der Pubertät ein Kurs im Konfliktmanagement vorgeschaltet werden. Aber erst in der Realität, also in der Praxis, kann man den Umgang mit Konflikten lernen. Das ist anstrengend und unangenehm. Die Entwicklung einer eigenen starken Persönlichkeit ist aber ohne Konfliktmanagement nichts möglich.

Was hat das aber mit Moral zu tun?

Wenn es um moralische Entscheidungen geht, geht es auch um Konfliktsituationen. Dilemmageschichten und Gedankenexperimente sind bestes Beispiel. Nun werden die Entscheidungen zu Dilemmasituationen im Laufe des Lebens nicht weniger. Mit Zunahme von Lebensalter, Freiheit und Verantwortung nehmen auch die moralischen Konflikte zu.

Es bleibt also nichts anderes übrig, als zu lernen, mit Konflikten umzugehen.

Merke also: Mehr Freiheit ist auch mehr Verantwortung. Mehr Verantwortung verlangt mehr Kompetenz in Moral und Gebrauch der Vernunft.

tmd.

Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 3)

Dilemma-Geschichten sind im Moralunterricht der Unterstufe das geeignete Übungsfeld, soziale Situationen kennen zu lernen, in denen unterschiedliche, sich widersprechende moralische Regeln aufeinander treffen.
Zunächst wird dann gelernt, dass es Vorzugsregeln gibt. Bald aber wird klar, dass es in Dilemma-Situationen keine befriedigende Entscheidung gibt. Folgt man der einen Moral, missachtet man die andere und umgekehrt.
Kant hilft hier anscheinend nicht weiter.
Weiter hilft dagegen ein Utilitarismus, der sich aber seiner Entscheidungsfindung und Verfahrensweise bewusst ist. Man wird in Situationen, die moralisch nicht eindeutig zu klären sind, die Folgen des Handelns abklären und eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung suchen und finden. Die Lösung ist nun aber nicht formal gefunden worden, sondern ist abhängig von den besonderen Einzelumständen. Die Handlungsanweisung ist also nur auf diesen Fall und alle anderen gleichen Fälle anwendbar.
Die Art der Entscheidungsfindung ist zwar nicht im Sinne der formalen Pflichtethik von Kant, aber sie orientiert sich am Gedanken der Maxime, das eine Entscheidung von allen Beteiligen akzeptiert werden kann.

tmd.

Leben lernen

Moralisch richtig handeln – Quelle: Comfreak, Pixabay

Moralisch richtig handeln, das wird erst in Dilemma-Situationen zum Problem. In Dilemma-Situationen können wir uns zwar entscheiden zwischen zwei möglichen Handlungsmöglichkeiten, nur ist leider keine dieser beiden Entscheidungen so wirklich zufriedenstellend. Eigentlich würden wir gerne gar nicht handeln, wenn das ginge.

Dilemma-Situationen durchziehen den Moralunterricht von Anfang an. Einfachstes Beispiel: Wir können dem Freund/der Freundin die Hausaufgabe abschreiben lassen, was nicht erlaubt ist, was aber dem Freund/der Freundin hilft. Wir können uns aber auch an die Spielregeln halten. Beide Entscheidungen sind begründbar. Beide Handlungsweisen machen uns nicht wirklich froh. Geht es um Probleme von Leben und Tod, dann kann man daran verzweifeln.

Die psychischen Effekte solcher Dilemma-Situationen sind nicht zentraler Gegenstand des Moral-Unterrichts. Leider, denn ein unreflektiertes moralisches Koordinatensystem bringt uns in schwere Konflikte mit uns selbst. In „Sieben Minuten nach Mitternacht“ hat Patrick Ness genau das zum Gegenstand eines Jugendbuches gemacht. Die Hauptperson Conor leidet unter dem bevorstehenden Tod der Mutter. Und: Er sehnt den Tod der Mutter gleichzeitig herbei, damit sein Leiden (die Mutter zu verlieren) endlich ein Ende hat. Sozial ist er durch das Sterben der Mutter zum Außenseiter mutiert, zu einer unbedeutenden Person, der nicht wahrgenommen werden möchte und auch nicht wahrgenommen wird. Auch darunter leidet er.

Sein Leiden quält ihn. Jede Nacht der gleiche Traum. Er will seine Mutter festhalten, die einen Abhang hinunter zu fallen droht. Es gelingt ihm nicht, sie fest zu halten. Der Traum endet immer in gleicher Weise. Seine Mutter stürzt ab. Soweit die psychologische Deutung der Dilemma-Situation. Erwachsene lösen diesen inneren Konflikt, indem sie den Tod des geliebten Menschen als Erlösung einordnen. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass es nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für die, die zurück bleiben, eine Erlösung ist – eine Erlösung von ihrem Schmerz.
Doch Patrick Ness gibt sich damit nicht zufrieden. Er will diesen Konflikt nutzen, um die Hauptperson reifen zu lassen. Conor soll sein Leid überwinden: Aber nicht in psychotherapeutischen Sitzungen die kranke Persönlichkeit stabilisieren und Krücken finden für die eigenen Unzulänglichkeiten.

Nein! Conor soll ein anderer, ein neuer Mensch werden, der sich über sein Leiden erhebt und es besiegt. Das heißt aber: Den guten Menschen, den mit Heiligenschein, den, der immer alles richtig macht, den, der immer von sich sagen kann, „Ich habe niemals …“, diesen Menschen gibt es nicht. Wir sind verurteilt, Schuld auf uns zu laden, wenn wir handeln.
Statt nun genau diese Erkenntnis in salbungsvolle Worte und Handlungsanweisungen zu pressen, was die SuS (und auch mich) nicht interessiert, greift Patrick Ness zu einem Mittel, das ein wenig an griechische Mythologie erinnert.

Jede Nacht, nach seinem psychologisch leicht zu interpretierenden Traum, erscheint ein Monster (7 Minuten nach Mitternacht). Ein Monster, das nicht besser ausgedacht hätte werden können. Ein Baum, der Menschengestalt annimmt. Ein Monster, so grausam und brutal, das man meint, etwas weniger hätte auch gereicht. Das ist nicht das nette, liebe Monster, das vielleicht nur schrecklich aussieht. Das Monster ist schrecklich. Das Monster repräsentiert das wirkliche, in sich widersprüchliche Leben. Von diesem Monster soll Conor lernen, wie Leben funktioniert. Conor soll lernen, dass es den moralisch einwandfreien Menschen nicht gibt. Moralisch handeln heißt, genau das zu erkennen.

tmd.

Der Streit mit dir selbst – Der intrapersonale Konflikt

Anna telefoniert mit ihrer Oma Maria

Hallo Oma Maria, ich muss mit dir reden!
Meine liebe Anna, wenn du so anfängst, dann hast du Probleme.

Hast du oft innere Konflikte?
Was soll ich haben?

Innere Konflikte! Also das soll so sein, wie wenn jemand sich mit sich selbst streitet.
Ach! Ich vermute, heute war wieder mal Ethik?

Ja, genau! Wir haben Konflikte durchgenommen. Die zwischen Menschen nennt man interpersonal. Das sind die normalen Streitereien. Und dann gibt es die „intrapersonalen“ Konflikte. Die sind seelisch. Wir haben aufgeschrieben, dass das Gewissenskonflikte sind und Entscheidungsfragen.
Dann weißt du doch schon alles. Um deine erste Frage zu beantworten: Natürlich habe ich „innere“ Konflikte, wenn ich mir überlege, ob ich dir nächste Woche eine pädagogisch wertvolle Lern-DVD mitbringen soll – was dein Vater möchte – oder den dritten Teil der Tribute von Panem, was du dir gewünscht hast.

Danke Oma, dass du mir das Buch mitbringst.
Halt, das ist noch nicht sicher. Da muss ich nochmal mit deinem Vater reden. Also ich muss noch überlegen, wie ich mich entscheide. Und genau das ist mit „innerer Konflikt“ gemeint. Es gibt ein Für und ein Wider.

Konflikte
Konflikte zwischen Menschen – Quelle: geralt, Pixabay

Weißt du Oma, dein innerer Konflikt ist doch nur das Spiegelbild von dem Konflikt mit Papa, also ein interpersonaler Konflikt zwischen dir und deinem Sohn.
Ja, das stimmt. Innere Konflikte haben immer eine Entsprechung in deiner Umwelt. Das erklärt die „intrapersonalen“ Konflikte aber nicht vollständig. Du hast gesagt, dass es auch Gewissenskonflikte gibt.

Du meinst, wenn man ein schlechtes Gewissen hat?
Genau! Wo ist bei einem Gewissenskonflikt die andere Person mit der ich einen Konflikt habe?

Die gibt es nicht. Ich bin mit mir allein. Ich habe etwas gemacht, was ich nicht sollte. Stopp! Ich habe verstanden. Ich streite mich innerlich mit jemandem, der mir vorschreibt, etwas nicht zu tun.
Siehst du! Jetzt wird die Sache klarer. Und jetzt stell dir vor, das funktioniert auch bei Handlungen, die erst in der Zukunft liegen. Du überlegst dir, soll ich es machen oder nicht. Du vergleichst die Vorschriften und Regeln mit deinen Wünschen. Woran erinnert dich das?

An die Dilemma-Geschichten! Ich muss also bei inneren Konflikten unterschiedliche Werte vergleichen und meine Handlungen begründen.
Und die Gründe für die unterschiedlichen Wünsche und Bewertungen sind vielerlei, sagt unsere Lehrerin. Interessen zum Beispiel. Mein Papa will unbedingt, dass ich was lerne und du, meine liebe Oma, du verstehst mich. Bringst du mir nächste Woche das Buch mit??!

Ich muss vorher nochmal mit deinem Vater reden: Konflikte verhindern. Ich rufe dich danach an. Warum hast du eigentlich angerufen?

Tschüs Oma!

tmd.

Wer rettet Klara?

Beim Texten des Beitrags: Was ist eine Dilemma-Geschichte, habe ich das Dossier der ZEIT vom 17. September 2016 vor mir gehabt. Wer rettet Klara?
Dort heißt es: „Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament, das es retten könnte. Geben Sie ihm das Medikament? Dumme Frage. Natürlich.

Kranker Teddybär
Gedankenexperiment mit Krankheit – Quelle: condesign, Pixabay

Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament. Angenommen, Sie wissen: Wenn die Rettung schief geht, darf niemand anderes mehr das Medikament bekommen. Zehn, vielleicht hundert Kranke, denen das Medikament helfen könnte, werden nicht behandelt werden, weil Sie versucht haben, das eine kranke Kind zu retten.

Was machen Sie? Geben Sie ihm das Medikament, oder lassen Sie es sterben, damit die vielen anderen eine Chance haben? Das ist ja ein absurdes Gedankenexperiment, denken Sie. So eine grausame Entscheidung muss niemand fällen. Irrtum. Das Gedankenexperiment ist gar nicht so weit von der Realität entfernt.“

Später heißt es dann: „Es geht beim Thema compassionate use immer auch um ein ethisches Dilemma: Was, wenn die sofortige Rettung eines Patienten die spätere Rettung vieler Patienten verhindert?“

Kompetenz setzt Wissen voraus! Deshalb empfehle ich, dieses Dossier zu lesen. Es ersetzt spielend die blutarmen und konstruiert wirkenden Fiktionen der Ethik-Lehrbücher.

tmd.