Merkzettel: Wahrheitstheorien

Mädchen sucht im Internet
Suche nach Wahrheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Was wir als Wahrheit bezeichnen, können wir mit den vier Wahrheitstheorien feststellen. Wahr ist demnach:

  • Wenn uns etwas unmittelbar einsichtig ist, dann sagen wir, dass dies wahr ist. Beispiel: Der Teil eines Kuchens ist selbstverständlich kleiner an Umfang und Gewicht als der ganze Kuchen. Das leuchtet uns unmittelbar ein. Das ist die Evidenztheorie.
  • Wenn eine Gruppe von Menschen etwas für wahr hält, dann ist eine Aussage für die Menschen dieser Gruppe wahr. Das ist die Konsenstheorie. Das heißt nicht, dass außerhalb der Gruppe andere Menschen nicht andere Wahrheiten haben.
  • Wenn sich Aussagen nicht widersprechen, dann sind diese Aussagen wahr. Das ist die Kohärenztheorie.
  • Wenn meine Wahrnehmung und eine Sache oder Aussage übereinstimmen und diese Übereinstimmung meinem urteilenden Denken, meinem kritischen Denken nicht widerspricht, dann ist die Sache wahr. Das ist die Korrespondenztheorie. Hier merken wir uns den Satz von Thomas von Aquin: Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache (veritas est adaequatio intellectus et rei).

Leistungsfähigkeit und Schwächen der vier Wahrheitstheorien

  • Die Evidenztheorie ist schon sehr mächtig, hilft aber nicht weiter bei komplexen Problemen. In der Physik und Biochemie gibt es Erkenntnisse, die sind eben nicht sofort klar: Lichtgeschwindigkeit, Raum-Zeit-Krümmung sind gute Beispiele.
  • Die Konsenstheorie ist die robusteste unter den Wahrheitstheorien. Sie ist aber angreifbar, wenn es um Irrtümer geht. Irrtümer werden oft lange Zeit für wahr gehalten.
  • Die Kohärenztheorie ist nun diejenige, die sehr geeignet ist, Irrtümer und Fehler herauszufinden und für Aufklärung zu sorgen. Auf diese Wahrheitstheorie wollen wir nicht verzichten.
  • Die Korrespondenztheorie ist unsere Brücke zur Welt und Wirklichkeit. Ohne die Wahrnehmung der Welt und Wirklichkeit können wir nichts über die Welt aussagen. Leider hat diese Theorie einen Schwachpunkt. Ich kann meine Wahrnehmung nur durch Fremdwahrnehmung wieder bestätigen. Das ist ein infiniter Regress.

Was also tun?
Wir müssen die vier Theorien kombinieren.
Wenn etwas evident ist, müssen wir fragen, ob es auch kohärent ist und Konsens findet. Und ich muss auch meine Wahrnehmung mit der Wirklichkeit vergleichen.
Nichts anderes machen wir in den Wissenschaften.

Die vier Theorien werden außerdem unterschieden in epistemische und empirische Theorien.

  • Die Korrespondenztheorie ist eine empirische Theorie. Empirie heißt Erfahrung. Meine Wahrnehmung, meine Erfahrung wird mit der Wirklichkeit verglichen.
  • Die anderen Theorien sind epistemisch, haben etwas mit Vernunft und Verstand zu tun. Hier beurteile ich meine Wahrnehmung nur abstrakt mit den Werkzeugen der Vernunft.

tmd.

Praktischer Syllogismus

Ethisch Argumentieren ist eine Aufgabe der Vernunft – Quelle: Anher, Pixabay

Widerspruchsfrei und folgerichtig soll vernünftiges Argumentieren sein. Kohärenz nennt man das. Was kohärent ist, dass soll wahr sein.
Leider können kohärente Aussagen auch in Wirklichkeiten existieren, die nicht die unseren sind. Märchen und Fantasieromane beispielsweise müssen auch in sich widerspruchsfrei sein, damit wir die Geschichten verstehen. Unsere Aussagen müssen also eine „Rückbindung“ an die Wirklichkeit haben. Diese Rückbindung kann ich aber nur dadurch feststellen, dass ich Wahrnehmung mit Wirklichkeit vergleiche. Das ist Aufgabe der Korrespondenztheorie. Von ihr wissen wir, dass sie uns nur bedingt weiterhilft. Wir können die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht endgültig beweisen.
Was bitte, nützt uns dann aber die Forderung nach Kohärenz?

Wir müssen die Argumentation in ein Schema bringen, in dem erkennbar ist, was wir über die Wirklichkeit aussagen (wo wir unter Umständen irren), und was unsere Schlussfolgerungen aus diesen Aussagen sind. In der Logik gibt es dafür die Syllogismen (logische Schlüsse). Meist lernen wir nur den einen bekannten Syllogismus.
Alle Athener sind Griechen (Obersatz)
Sokrates ist Athener (Untersatz)
Sokrates ist ein Grieche (Schlussfolgerung)
Es gibt aber weit mehr Syllogismen.

Mit Moral hat das zunächst einmal wenig zu tun. Aber es gibt eine Ableitung des logischen Syllogismus. Die geht so:
Im Obersatz steht eine moralische Forderung (Du sollst nicht lügen)
Im Untersatz ist eine allgemeine Situation genannt, in der moralisch gehandelt werden soll.
In der Schlussfolgerung steht die Handlungsanweisung für die allgemeine Situation, wobei auf den Obersatz Bezug genommen wird. (Nicht lügen, weil es moralisch nicht erlaubt ist)
Ich habe damit eine in sich widerspruchsfreie Argumentation.
Das nennt man den praktischen Syllogismus.

Doch Vorsicht!
Damit rechtfertige ich nicht die moralische Aussage im Obersatz. Wer dieser Aussage nicht zustimmt, der braucht der Argumentation nicht zu folgen.
Was habe ich damit gewonnen?
Ich habe meine Argumentation offengelegt. Sie ist „wahr“. Aber man muss mir nicht zustimmen. Ich könnte, was durchaus möglich und denkbar ist, auch sagen, dass die moralische Forderung im Obersatz nicht einzuhalten ist. Ich könnte sagen, die moralische Forderung sollte lauten: Grundsätzlich ist lügen verboten, aber es gibt Ausnahmen.

Genau das ist ethisch Argumentieren: Schlussfolgerungen ziehen aus selbst gesetzten moralischen Forderungen.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 2

Ein wichtiger Teil unserer Wahrnehmung läuft über Kommunikation. Wann ist eine Kommunikation „wahr“? Hier hilft nur, zu prüfen, ob das Gesagte nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei ist. Eine Sache, z.B. ein Baum, kann nicht wahr oder falsch sein. Entweder es gibt den Baum oder es gibt ihn nicht.
Die Problematik mit der Korrespondenztheorie bleibt hier unbeachtet, bzw. alle, die an der Kommunikation beteiligt sind, meinen, das es den Baum tatsächlich gibt.

Waldsterben – Quelle: Boke9a, Pixabay

Die Aussage: „Der Baum dort ist krank“, kann allerdings wahr oder falsch sein. Ich muss die Aussage also mit anderen Aussagen vergleichen, mit Aussagen also über den Krankheitszustand von Bäumen. Vielleicht muss ich noch weiteres Wissen heranziehen. Insgesamt müssen aber alle Aussagen zueinander widerspruchsfrei sein.
Gleiches gilt bei Kommunikation vor Gericht und in den Wissenschaften.
Natürlich kann ich mich gewaltig irren, wenn ich Aussagen heranziehe, die teilweise falsch sind, oder auf einem Irrtum beruhen. Lange Zeit z.B. galt es als wahre Aussage, dass Spinat viel Eisen enthält. Es handelte sich aber um einen Messfehler!

Diese Art der Wahrheitsprüfung, die Aussagen daraufhin untersucht, ob sie nachvollziehbar, schlüssig und widerspruchsfrei sind, wird Kohärenztheorie genannt. Sie unterstützt die Korrespondenztheorie.
Widerspruchsfreie Aussagen über die Welt und Wirklichkeit sollten außerdem unmittelbar einleuchtend sein. „Ein Stück eines Kuchens ist kleiner als der ganze Kuchen.“ Das ist unmittelbar verstehbar. Diese Theorie nennt man Evidenztheorie. Dabei muss beachtet werden, dass der empirische Sachverhalt (die Erfahrung) gar nicht zur Urteilsbildung herangezogen werden muss. Die Evidenz ergibt sich in unserer inneren Wahrnehmung. „Ein Teil einer Menge ist weniger, als das Ganze.“
Die genannten Wahrheitstheorien verlieren ihre Beweiskraft, wenn unter den Menschen, die sie anwenden, kein Konsens herrscht. Die Konsenstheorie ist sicher die wirkungsmächtigste Theorie zur Klärung von Wahrheit. Wahrheit ist das, was die meisten Menschen für wahr halten. Damit ist sie aber auch empfindlich für Täuschung. Menschen lassen sich gerne täuschen. Psychologen wissen das. Politiker wissen das. Kaufleute auch. Schnell entstehen „Wahrheiten“, die keine sind. Fake News.
Gegen solche Täuschungen kann man nur die Kohärenztheorie in Stellung bringen: Widersprüche enthüllen und aufdecken.
Die Korrespondenztheorie ist eine reine empirische Theorie. Sie arbeitet mit der Erfahrung. Die drei anderen Theorien arbeiten mit der Vernunft. Sie nennt man epistemisch, sie beziehen sich auf Wissen, das man hat.

epistemische Wahrheit – Quelle: sciencefreak, Pixabay

Wissen wir jetzt, was Wahrheit ist?
Nein!
Aber wir haben einen Koffer voller Werkzeuge, mit denen wir feststellen können, ob uns jemand täuschen will.
Also: Wenden wir die Werkzeuge an. Lernen wir argumentieren.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 1

Zuerst die schlechte Nachricht. Wir wissen es nicht genau. Wer sich mit Moral beschäftigt, der kennt das Problem. Wir wissen eben nicht genau, welche Moral die richtige ist. Und auch die Ethiker, die verschiedene Moralen beschreiben und vergleichen, sind nicht im Besitzt der Wahrheit. Ganz zu schweigen von den vielen Fundamentalisten, die es in jeder Religion gibt.

Es gibt aber eine gute Nachricht. Unser Alltag, der noch nicht von Wissenschaft besetzt ist, ist voll von Wahrheiten. Wenn wir uns nämlich ständig Gedanken darüber machen würden, was nun „Wahr“ oder „Falsch“ ist, dann würden wir im Leben nicht voran kommen. Wir verlassen uns auf Gewohnheiten nach dem Motto: Jeden Tag geht die Sonne wieder auf. Wir meinen sehr viel zu wissen, aber das meiste haben wir nicht nachgeprüft, wir werden es nicht nachprüfen oder können es nicht – wir glauben es einfach. Ein philosophischer Blick auf die Welt und Wirklichkeit würde uns mehr als verunsichern.

Dreieck
Illusion – Quelle: ptra, Pixabay

Woher wissen wir, dass es die Welt, die wir sehen, überhaupt gibt?

Zunächst einmal speichern wir die Wahrnehmung als etwas Sinnliches (sehen, hören usw.) ab und meinen, dass es die Welt da draußen tatsächlich gibt. Optische Täuschungen können wir durch Erfahrung und Übung schnell ausschließen. Vollkommene Sicherheit haben wir jedoch nicht, weil wir die gemachten Wahrnehmungen – das Bild in unserem Kopf – von der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit vergleichen können. Denn dabei sind wir immer wieder auf unsere Wahrnehmung angewiesen. Wir müssten dafür „außerhalb“ von uns stehen. Das geht aber nicht.

Wir sind Gefangene unserer sinnlichen Wahrnehmung.

Dennoch hat diese Art der Wahrheitskontrolle keineswegs zur Verunsicherung geführt. Das liegt an dem recht „pragmatischen Umgang“ mit unserem „Weltwissen“. Solange unser Wissen von Welt und Wirklichkeit uns keine Probleme verursacht, reicht uns diese eigentlich unvollkommene Wahrheit. In der Philosophie wird die Art der Wahrheitstheorie „Korrespondenztheorie“ genannt. Wir gehen davon aus, dass es eine „Korrespondenz“ von Welt und Wahrnehmung gibt. Korrespondenz ist hierbei die veraltete Bezeichnung für Übereinstimmung. Im Ethikunterricht lernen wir dazu den Satz „Wahrheit ist die Übereinstimmung von urteilendem Denken und Wirklichkeit“. Veritas est adaequatio intellectus et rei. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Diese Theorie wird auch „empirisch“ genannt, weil sie über die Erfahrung (Empirie) ermittelt wird.
Wir müssen also unsere Wahrnehmung (das urteilende Denken) an diee Wirklichkeit anpassen.
Leider hilft uns diese Theorie allein nicht recht weiter.
Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

tmd.

Moral und Liebe

Moralische Konflikte – Quelle: kaboompics, Pixabay

Moral, das sind Regeln, Normen und Vorschriften nach dem Muster: du sollst! Woher beziehe ich diese Normen? Die Empirie (Wahrnehmung und Erfahrung) hilft nicht recht weiter. Vom Sein (Dasein) auf das Sollen (Moral) zu schließen, das geht nicht. Das ist ein Naturalistischer Fehlschluss.

Also muss die Ratio, die Vernunft in Stellung gebracht werden. Die Frage ist dann, kann ich mit Vernunft zu moralischen Aussagen kommen, die gesamtgesellschaftlich akzeptabel sind? Sofort fällt einem dabei Immanuel Kant ein und der kategorische Imperativ. Der Imperativ ist streng rational und kritisch. Aber er führt streng rational zu Normen und Regeln, die wir nicht ohne Weiteres akzeptieren können. Die Regel, nicht zu lügen, kann nicht durchgehalten werden, wenn dabei Unschuldige darunter leiden. Also müssen Zusatzaussagen gemacht werden. Die sind aber selten streng kritisch und rational, wie beispielsweise das Gefühl der Liebe.

Was also tun? Den umgekehrten Weg gehen! Solange Mitleid, Wohlwollen und Liebe nicht zu Konflikten führen, dann weiter so. Wenn nicht, dann die Vernunft einschalten und kritisch prüfen, was zu tun ist.

tmd.

Auf der Suche nach Wahrheit

Himmel mit WOlken
Der platonische Ideenhimmel – qimono, Quelle Pixabay

Der Unterschied zwischen empirischen und epistemischen Wahrheitstheorien ist nicht so einfach zu verstehen. Das liegt daran, dass wir im Alltagsleben die Welt, so wie sie ist, niemals in Zweifel ziehen. Die Welt mit all ihren Objekten gibt es und muss es geben, sonst könnten wir uns nicht in ihr zurecht finden. Wir können eben nicht jedes mal darüber nachdenken, ob es den Baum, den wir sehen, auch wirklich gibt.

Das Problem ist nicht allein die Frage nach der Existenz der Welt. Es geht um die Frage, was ist Wahrheit und welche Moral ist wahr. Verantwortlich für das Problem ist natürlich Platon, der die sinnliche Wahrnehmung zum geistigen Kerker machte (siehe dazu die Blogbeiträge zum Höhlengleichnis und der Ideenlehre). Allein die Vernunft sei in der Lage, so Platon, uns wahre Erkenntnis zu liefern. Aber schon Aristoteles rückte von dieser Vorstellung ab und meinte, man könne die Objekte der Welt zunächst allgemein erfühlen. Im Ethikunterricht wird das bereits in der Unterstufe thematisiert, wenn es um das Allgemeine und das Besondere geht. Allgemein sind alle Menschen gleich – gemeint ist, sie haben die gleichen Menschenrechte – aber im Besonderen sind sie doch sehr verschieden.

Thomas von Aqiun hat diese Sicht weiter ausgebaut. Man vergleicht das, was man sieht mit dem, was die Vernunft einem sagt. Deshalb wird in der Mittelstufe gelernt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Und damit war sie geboren, die (empirische) Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit, die ich sehe, mit meinem Urteil (aus der Vernunft) übereinstimmt, dann ist der Vergleich wahr. So einfach kann das sein.

Als die Philosophen jedoch feststellten, dass die Übereinstimmung nur eine Aussage ist, die ich nicht an der Wirklichkeit nachweisen kann, weil dieser Nachweis wieder nur eine Aussage ist, und so weiter, war es um die Leistungsfähigkeit der Korrespondenztheorie geschehen.

Seither hat die (epistemische) Kohärenztheorie die Aufgabe, Wahrheit zu beweisen. Aussagen sind nur dann wahr, wenn sie in sich nicht widersprüchlich sind und nicht im Widerspruch zu anderen wahren Aussagen stehen. Die Konsenstheorie und die Evidenztheorie (beides epistemische Theorien) gibt es zwar auch noch, aber bei den beiden Theorien weiß man, dass sie nicht sehr robust sind. Die Mehrheit (Konsens) muss nicht immer Recht haben und nicht jede Idee ist wahr, auch wenn sie uns gefällt.

Die Kohärenztheorie ist auch deshalb so erfolgreich in moralischen Dingen, weil es hier um Aussagen über Werte und Normen geht. Moralische Aussagen müssen der Verallgemeinerungsfähigkeit dienen, damit jeder Mensch Anteil an ihnen hat.

Wer jedoch in einem platonischen Ideenhimmel eine Entsprechung zu diesen wahren Aussagen sucht, der muss enttäuscht werden. Unsere moralischen Aussagen sind von Menschen gemacht und müssen sich auch nur vor Menschen als wahr rechtfertigen.

tmd.

Populismus ist der Feind kritisch rationaler Wahrheitsfindung

Populismus
Populismus – Quelle: geralt, Pixabay

Kürzlich bin ich zu einer Fortbildung eingeladen worden. Thema: Populismus. Wer sich mit Moral beschäftigt, der wird aufmerken. Der Unterschied von Gut und Böse werde durch Populismus unkenntlich gemacht, heißt es im Texttrailer.

Der sokratisch-platonische Gedanke des universell Guten ist also immer noch aktuell. Das macht Hoffnung in einer Zeit, in der das moralisch richtige Handeln von Beliebigkeit okkupiert wird. Schuld daran seien unter anderem evidente Erzählungen. Evidenz ist aber eine der Wahrheitskriterien, die dem epistemischen Ansatz zur Verfügung stehen, um Wahrheit zu benennen.

Konsens, ein weiteres epistemisches Wahrheitskriterium, sei vom Populismus ebenso betroffen. Denn die Mehrheit, die unaufgeklärte, sei ebenfalls vom Populismus ins Visier genommen worden. Letzterer wüte dort und lasse das politische Kompetenzniveau auf Null sinken. Bleibt also nur die letzte Bastion kritisch rationaler Wahrheitsfindung: die Kohärenz, das schlüssige widerspruchsfreie Argumentieren. Die Waffe der wissenschaftlichen Aufklärung muss allerdings bedient werden. Das geht nur durch Übung. Also: Lesen, schreiben, reden.

tmd.

Grundwissen: Wahrnehmung

Das Grundwissen zum Thema: Wahrnehmung und Erkenntnis, wird schon in der fünften Klasse erarbeitet. Für Quereinsteiger in den Ethikunterricht der Mittelstufe gibt es hier eine kurze Zusammenfassung zum Thema Wahrnehmung.

Die menschliche Wahrnehmung ist zunächst auf die Sinne angewiesen. Die Sinne sind das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Tasten (Fühlen). Diese Sinne können einzeln oder auch insgesamt getäuscht werden. Die Graphiken von M.C. Escher (Maurits Cornelis Escher, 1898-1972) sind gute Beispiele für die Täuschung des Sehsinnes. An diesen Bildern kann jedoch auch das Sehen trainiert werden, um die Täuschung zu erkennen. Aus diesem Beispiel kann aber auch abgeleitet werden, dass Menschen in Bezug auf ihre Sinne grundsätzlich manipulierbar sind. Die Möglichkeit der Täuschung wird dabei von anderen Menschen ausgenützt. Denkbar ist natürlich auch, dass Menschen aufgrund von Krankheit ihre Sinne nicht voll einsetzen können.

Maßstab
Sind Werte messbar? – Quelle: arielrobin, Pixabay

Aus dieser Erkenntnis, dass Menschen grundsätzlich in ihrer Wahrnehmung getäuscht werden können, wird der Wunsch abgeleitet, unsere Wahrnehmung zu kontrollieren und zu prüfen. Menschen suchen nach Methoden (Wege), die Täuschungen zu erkennen und zu vermeiden.

Da es in Ethik um Moral, Normen (Regeln und Gesetze) und Werte geht, werden also mögliche Täuschungen im Wertesystem und in Moralvorstellungen unter die Lupe genommen. Ich brauche also einen Bewertungsmaßstab dafür, zu entscheiden, ob eine Moral brauchbar ist oder nicht.

Vorausgesetzt wird dabei im Weiteren ein moralisches System, das sich an den Menschenrechten und der Menschenwürde orientiert. Und: Moral und Werte müssen universell sein. Jeder muss sie anwenden können wollen. Hier wird Immamuel Kant (10. Klasse) bereits kennengelernt. Das Moral- und Wertesystem wird also nicht von der Basis her aufgebaut, sondern Alltagssituationen werden vor dem Hintergrund der herrschenden Moralvorstellungen gespiegelt. Gerade das bereitet die größten Schwierigkeiten, weil man nicht voraussetzungslos eine Moral aufbauen kann.

Beispiel: Einen Menschen allgemein und individuell wahrzunehmen, setzt voraus, dass ich bei der allgemeinen Wahrnehmung die Menschenrechte und -würde als Maßstab nehme: Alle Menschen sind gleich! Die reine Beobachtung ergibt jedoch das Gegenteil: Wir sind alle sehr individuell!
Ich muss also auch den Maßstab meiner Wertungen ständig reflektieren. Das erfolgt in meinen Erfahrungen und Erlebnissen. Das ist meine gleichsam innere, geistige Wahrnehmung. An dieser Stelle wird Verstand und Vernunft eingesetzt. Das wird aber in dieser ausdrücklichen Weise erst in der 10. Klasse thematisiert. In der Unterstufe werden Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie eingesetzt, um Allgemeines und Individuelles zu erklären. Beispiele sind Selbst- und Fremdwahrnehmung und die soziale Rolle.

Auf diese Weise kann man auch Regeln, Bedürfnisse und Glücksvorstellungen untersuchen und allgemeine und individuelle Maßstäbe aufstellen für Freiheit, soziales Handeln und Entscheiden.
An dieser Stelle wird zur Wahrnehmung von Regeln, Normen und so weiter immer ein vorwissenschaftliches Alltagswissen über Moral verwendet, also das, was wir über Moral schon erfahren haben (geistige Wahrnehmung). Beispiel: In sogenannten Dilemmageschichten lernt man, dass sich in Handlungssituationen Regeln widersprechen können. Bestenfalls kann man dann die eine Regel der anderen vorziehen (Vorzugsregeln). Meist ist jedoch der Konflikt zwischen sich widersprechenden Regeln nicht aufzuheben. Die eine Regel besagt: Du sollst nicht lügen. Was tun, wenn ich damit (mit Lügen) Menschenleben rette?

In der Mittelstufe wird dieses Problem dann nochmals aufgegriffen und präzisiert. Moral wird als ein System von wahren Aussagen behandelt. Aufgabe ist es nun, festzustellen, was Wahrheit ist. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: empirisch und epistemisch. Die epistemische Feststellung von Wahrheit ist vernunftorientiert. Entweder ist wahr, was in sich widerspruchsfrei ist, was von allen so gesehen wird oder was einfach offensichtlich ist. Hierzu gibt es mehrere Beiträge im Blog, ebenso zur empirischen Feststellung von Wahrheit. Hier geht es um die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit.

In jedem Fall ist der moralische Maßstab, der angewendet wird, Menschenwerk und auch die Ergebnisse moralischer Betrachtungen sind es. Offenbarung und Erleuchtung müssen sich ebenfalls einer kritischen Untersuchung unterwerfen und sind nicht von sich aus wahr.

tmd.

Ethik als urteilendes Denken: Wir machen die Wirklichkeit

Wahrheit wird in diesem Blog epistemisch (Vernunft) und empirisch (Wahrnehmung) erklärt. Moralische Aussagen sind durch die Vernunft gestützt. Beispiel: Die Aussage „alle Menschen sind gleich“, ist auch ohne wissenschaftliche Hilfsmittel zumindest plausibel. Auf den ersten Blick sind wir ähnlich. Es ist jedoch ein Verdienst der Naturwissenschaften, die enge genetische Verwandtschaft empirisch offenzulegen. Die moralische Forderung der Gleichheit aller Menschen erfolgte jedoch vor dem empirischen Beweis und war allein eine Sache der Vernunft, also epistemisch.

Der empirische Wahrheitsbegriff steht und fällt jedoch mit der Annahme, dass wir die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, mit der gemachten Wahrnehmung vergleichen. Das ist natürlich hoch riskant: Die Wahrnehmung, die wir von der Welt haben, mit dem Objekt der Wahrnehmung zu vergleichen, wobei das Objekt doch nur in unserer Wahrnehmung existiert. Ein Zirkelschluss.

Immanuel Kant hat uns in dieser erkenntnistheoretischen Problemlage weiter geholfen. Die sinnliche Wahrnehmung erfolgt nach Kant immer unter Zuhilfenahme von Raum und Zeit. Unsere Wahrnehmung ist bedingt durch Raum und Zeit. Raum und Zeit gibt es also nicht an sich, sondern nur für sich oder für uns. Damit ist der Zirkelschluss: die Wirklichkeit mit der Wahrnehmung von ihr zu vergleichen, wobei die Wirklichkeit nur über Wahrnehmung zugänglich ist, durchbrochen. Wirklichkeit ist nicht nur passives Wahrnehmen, es ist aktives Konstruieren.

Pokemon
Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt? – Quelle: stux, Pixabay

Wir machen die Wirklichkeit. Das heißt, die Welt, wie sie wirklich ist, bleibt uns für immer verschlossen. Ist das ein Problem? Nein! Wir kommen mit unseren Bildern von der Welt gut zurecht. In der Soziologie beispielsweise hat sich die Wissenschaft längst von einem Unterschied zwischen einer Wirklichkeit „an sich“ und „für sich“ verabschiedet. Die Tatsachen, mit denen sich die Soziologie beschäftigt, sind Produkt menschlichen Handelns und menschlicher Kommunikation. Dahinter gibt es nichts. Es gibt also hinter den Rollen, die wir spielen, nicht irgendwelche echte, unverfälschte Persönlichkeiten.

Veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Ist die Aussage noch brauchbar? Sicher! Moral ist Produkt menschlicher Vernunft. Das kann man kritisch untersuchen (urteilendes Denken). Nichts anderes machen wir in Ethik.

tmd.

Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates

Tod des Sokrates
Der Tod des Sokrates – Quelle: Wikipedia

Sokrates wird zum Tode verurteilt und zwar zu Unrecht. Was liegt näher bei einem Fehlurteil, als das Angebot zur Flucht anzunehmen. Alles war dafür vorbereitet. Sokrates aber beginnt zum Entsetzen seiner Freunde einen philosophischen Diskurs. Inhalt: ein Vergleich von „Unrecht erleiden“ und „Unrecht tun“. Was ist besser, was ist schändlicher, fragt Sokrates. Er kommt zum Ergebnis: Es ist besser Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. Was ist aber das „Unrecht tun“ in diesem speziellen Fall? Antwort: sich nicht an die Gesetze und an das Urteil des Gerichts halten.
Moment mal, sagt der kenntnisreiche Leser. Das Urteil war doch ein Fehlurteil. Warum dieses Urteil beachten.

Das ist aus unserer Sicht der Dinge durchaus angebracht. Nicht aber für Sokrates: Gesetze zu missachten, mache sie wertlos. Zudem haben die Gesetze ihm die Möglichkeit gegeben, in der Gerichtsverhandlung seine Gegner bloßzustellen. So wie es überliefert ist, hat Sokrates eigentlich alles dafür getan, dass er zum Tode verurteilt wird. Ihm ging es ums einwandfreie moralische Verhalten. Er wollte mit sich selbst im Einklang leben und sterben, so berichtet es Platon.

Das heißt: tugendhaft leben. Nur wer das Gute tut, der ist auch ein guter Mensch. Dazu muss man aber wissen, was das Gute ist. Genau das hat er in seinem letzten Diskurs klargestellt: Unrecht tun ist schändlich. Platon hat seinen Sokrates damit zum Superphilosophen gemacht, eigentlich moralisch nicht mehr zu übertreffen.
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