Fides quaerens intellectum

Etwas größeres als Gott ist nicht denkbar. Anselm von Canterbury hat das geschrieben. Die Idee dazu hatte er von Augustinus entlehnt. Anselm lebte im 11. Jahrhundert und hat die Diskussion um den Gottesbeweis so richtig eröffnet.
Seine Argumentation ist aber nur zu verstehen, wenn wir zwei seiner Sätze kennen.

Fides quaerens intellectum – Glaube, der nach Einsicht sucht.
Credo ut intelligam – Ich glaube, damit ich verstehe.

Erkenntnistheoretisch ist dieses Vorgehen hochinteressant.
Nicht die Offenbarung oder Spekulation werden bemüht. Die Vernunft ist es, die weiterhelfen kann. Aber sie kann eben nur genutzt werden, weil sie auf dem Glauben ruht.
Dennoch: Die Vernunft wird bemüht und ihr wird ein wesentlicher Anteil an der erfolgreichen Suche zugeschrieben.
Anselms Argumentation ist einfach und ein Vorgriff auf die Evidenztheorie. Sie sei hier kurz wiedergegeben.
Wenn ich mir etwas vorstellen kann, dann gibt es das auch. Denn in meinem Bewusstsein kann nur das sein, was es auch gibt. (Fantasy-Fans können an dieser Stelle schon mal jubeln.)
Gott ist das Größte, das es gibt, was ich mir denken kann. Mein Glaube, dass es nichts größeres als Gott gibt, ist also richtig, weil ich mir etwas Größeres nicht vorstellen kann.
Die erfolgreiche Nutzung der Vernunft hat jedoch auch einen Nachteil.
Sobald jemand auf die Idee kommt, seine Vernunft ohne den Glauben einzusetzen, ist es um das „fides quaerens intellectum“ und das „credo ut intelligam“ geschehen.
Und das ist dann der Fall, wenn es um die naturwissenschaftlich-technische Erklärung der Welt geht. Dabei kann man selbstverständlich gläubig sein und bleiben, aber die naturwissenschaftlich-technische Methode kennt keine Denkverbote, je erfolgreicher sie ist.
Was in Technik erfolgreich ist, soll auch bei der Suche nach Moral erfolgreich sein.
Mit dem Bemühen, Gott zu beweisen, haben Anselm und andere den Startschuss gegeben, Gott als Motor in der Welt abzuschaffen. Ohne Gott braucht es aber eine neue Verortung von Moral.

tmd.

Skeptizismus: Sextus Empiricus

Gladiator
Moral, von Menschen für Menschen – Quelle: Madrover, Pixabay

Sextus Empirikus war es, der den Skeptizismus der Sophisten ins Mittelalter rettete. Er hat die vielen Beispiele zusammengetragen, die uns heute noch erfreuen: Menschen zu töten ist nicht erlaubt, aber Gladiatoren werden fürs Morden geehrt. Ehebruch ist bei einigen Völkern erlaubt, bei anderen nicht. Die Eltern sollen von den Kindern im Alter versorgt werden, bei den Skyten ist es dagegen üblich, den alten Menschen die Kehle durchzuschneiden, sobald sie 60 Jahre geworden sind. Zum Glück kann man sich jetzt darüber amüsieren, weil es solche Verhältnisse nicht mehr gibt.

Sextus Empiricus hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass man sich zunächst über Glück freut, dann aber leidet, weil man befürchtet, dass man das Glück verliert. Hier ist er eher Psychologe als Philosoph und Erkenntnistheoretiker.

Grundsätzlich hat er aber das Nachdenken über unterschiedliche Moralen wach gehalten. Welche Moral die richtige ist, das hat er nicht gesagt. Klar: Er ging davon aus, dass es so etwas wie eine klare Unterscheidung von Gut und Böse nicht gibt. Mehr noch: Mit Gut und Böse, Glück und Unheil solle sich der Mensch nicht beschäftigen. Das erzeuge nur Unruhe.

tmd.

Der freie Wille als Manager

Freier Wille? – Quelle: ptra, Pixabay

Wenn es um den freien Willen geht, wird immer auch der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet genannt, verkürzt zitiert und zu Unrecht in die Ecke der Deterministen gestellt.

Erzählt wird dann, dass eine Handlung im Gehirn unbewusst entsteht, vorhanden ist und erst 400 ms später im Bewusstsein als Handlung realisiert wird. Die Deterministen jubeln, ist doch die Handlung entstanden, bevor sie bemerkt wurde.

Das kann man so nicht stehen lassen, insbesondere weil man mit diesem Wissen bei Prüfungen keine Aussicht auf Erfolg hat. Denn dort werden Texte vorgelegt, die Kenntnis voraussetzen darüber, was Libet wirklich herausgefunden hat. Handlungen entstehen sehr wohl im Gehirn und werden erst später – das sind die 400 ms – im Bewusstsein als solche realisiert. Aber diese Handlungen marschieren nicht ungehindert durch unseren psychischen Apparat. Sie können nämlich auch blockiert werden. Die Handlung wird nicht ausgeführt.

Der freie Wille ist also nicht der Produzent, sondern der Manager der vielen möglichen Handlungen, die im Gehirn entstehen. Der freie Wille ist Reflexion und Reduktion der komplexen Aktionen in unserem Gehirn.

Kultur und insbesondere Moral bekommen so einen vollkommen neuen Stellenwert. Moral entsteht nicht in einem transzendenten 3-D-Drucker. Moral ist die aktive Konstruktionsarbeit unserer kommunikativen Verhältnisse.

Braucht es in dieser Theorie des freien Willens die Verantwortung? In gewisser Hinsicht schon, wenn man bedenkt, dass Verantwortung selbst ein Teil dieser Konstruktionsarbeit ist.

tmd.

Marx: Sein und Bewusstsein

Hier eine kurze Ergänzung zu Marx und dem Verhältnis von Basis und Überbau. Marx behauptet: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Mit Sein meint Marx das Dasein, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, den Alltag also. Bewusstsein ist die Deutung und Verarbeitung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, der Sinn des Lebens. Arbeiter haben demnach ein anderes Bewusstsein als die Kapitalisten. Kapitalisten sind bei Marx diejenigen, die die Arbeiter ausbeuten. Arbeiter sind diejenigen, die sich nicht wehren können.

Marx & Engels – Quelle: jensjunge, Pixabay

Irgendwann kommt es, so Marx, zu einem Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Es kommt zur Revolution und die Arbeiter können die Fabriken der Kapitalisten übernehmen und dann wird alles gut, weil der Sozialismus ist da und bald danach auch der Kommunismus. Auslöser der Revolution soll sein: das Sinken der Profitrate (Kapitalisten verdienen nicht mehr soviel) und die Verelendung der Arbeiter (weil sie von den Kapitalisten keine Arbeit mehr bekommen, da die ihre Produkte nicht mehr verkaufen können). Welche Rolle spielt hierbei aber das Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Warum erwähnt Marx das? Das ist in den Beiträgen zu Marx bisher nicht erklärt worden.

Die Produktionsverhältnisse veränderten sich in der industriellen Welt, so wie sie Marx kannte, sehr schnell. Heute geht das sogar noch schneller. Die Produktionsverhältnisse sind aber das Sein des Arbeiters. Also ändert sich auch das Bewusstsein der Arbeiter. Ändert sich auch das Bewusstsein der Kapitalisten? Nein! Es ändert sich nicht oder zumindest sehr viel langsamer. Marx sagt das. Nur so ist erklärlich, das es zur Revolution kommt. Die Arbeiter entwickeln ein neues Bewusstsein – das Klassenbewusstsein. Die Arbeiter erkennen, dass sie es sind, die im Kapitalismus, die Herrschaft übernehmen sollen. Die Kapitalisten wundern sich, dass die Arbeiter plötzlich nicht mehr mit ihrem Dasein zufrieden sind. Aber da ist es nach der Revolution schon zu spät, um irgendetwas am alten Herrschaftssystem zu retten.

Kann man diese Deutung auf unsere Verhältnisse übertragen? Einige Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, meinen das. Sie denken dabei an die „Wutbürger“ oder an die Arbeiterklasse, die in den USA Donald Trump gewählt hat.

tmd.

Die Gewöhnung schläfert den Blick unseres Urteils ein

Schiedsrichter
Regel, Normen, Werte… – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Wenn in Ethik Sachverhalte angesprochen werden, die nicht mit einfachen Merksätzen beschrieben werden können, dann taucht meist ein Sinnspruch eines Philosophen in einem Textschnipsel auf, der gut klingt, aber auch erst wieder interpretiert werden muss. Michel de Montaigne (1533-1592) ist so einer, der sich mit Moral und Sitte beschäftigt hat. Ließt man längere Text von ihm, z.B. „Die Verschiedenheit der Sitten“, dann ist man von seiner erkenntnistheoretischen Kritik überrascht. Der Mann hat vieles vorausgedacht.

„Die Gewöhnung schläfert den Blick unseres Urteils ein.“

Wir werden in eine Welt hineingeboren und akzeptieren alle möglichen Normen und Werte, ohne größeren Protest. Würde man die eigenen Gewohnheiten aber aus dem Blickwinkel fremder Kulturen betrachten können, würden wir schnell erkennen, dass viele unserer Verhaltensweisen schon sonderbar sind. Umgekehrt geht das schon einfacher. Montaigne bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel, dass es Völker gibt, „bei denen man dem den Rücken zuwendet, den man begrüßt, und den niemals anblickt, den man ehren will.“ Montaigne bezeichnet das als „Grillen“. Interessanterweise beschäftigt er sich ausdrücklich nicht mit den „plumpen Lügengewebe der Religionen“.
Vielmehr geht es ihm um den Nachweis, dass unsere Vernunft eben nicht allein ausreicht, den von Gewohnheit getrübten Blick zu klären. Montaigne ist der Meinung, dass die Vernunft bereits in der Gewohnheit drinnen steckt und deshalb nicht gegen die Gewohnheiten in Stellung gebracht werden kann.

Was heißt das nun in unsere Sprache übersetzt? Unsere Sitten und Moralen sind selbstverständlich Menschenwerk. Daran lässt Montaigne keinen Zweifel. Aber wie soll man die Entstehung von Moralen durchschauen? Wie soll man erkennen, dass sie von den gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsstrukturen derart durchsetzt sind, dass man ihren Ursprung nicht erkennt? Montaigne geht sogar soweit zu behaupten, dass unsere Theorien über Vergesellschaftung nicht objektive Gesetze sind, sondern unserer Gewohnheit folgen. Wissenschaftstheoretiker von heute würden ihm wohl zustimmen.
Das erinnert nun schon sehr an Marx und das falsche Bewusstsein.
Montaigne rät aber nicht zu Revolution, sondern zur Selbsterkenntnis. Die Gesellschaft gesundet von ihren Leiden nur durch den einzelnen Menschen. Das Leiden an der Gesellschaft ist der Weg zur Therapie der gesellschaftlichen Leiden.

tmd.

Der Sinn von Moral

Buch mit Theorien
Grau ist alle Theorie – Quelle: moritz320 – Pixabay

Wittgenstein macht im Tractatus logico-philosophicus eine interessante Notiz zum Thema Moral unter 6.41 (die Ethik ist transzendental). Moralische Aussagen sind Menschenwerk. Davon geht er aus, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt.

Der Sinn von moralischen Aussagen liegt entweder in den Aussagen selbst oder außerhalb dieser Aussagen. Liegt der Sinn in den Aussagen, dann sind alle moralischen Aussagen gleichwertig. Es fehlen Aussagen, die über den moralischen Aussagen stehen. Liegt der Sinn von moralischen Aussagen außerhalb der (menschlichen) Aussagen, dann sind sie nicht empirisch, man nennt das transzendent (vor und außerhalb der Erfahrung).

Heute versuchen Ethiker mit Hilfe meta-etischer Überlegungen dem Problem der Gleichwertigkeit der Moralen zu begegnen. Sie untersuchen also, wie Moral entsteht, was sie will und was sie leistet.

Doch Vorsicht! Auch diese Aussagen sind nicht transzendent. Sie wurzeln in unserer Welt. Ihr Blick von oben herab auf die niederen Moralen macht sie nicht zur Supervisor-Moral. Das vergessen nicht nur manche Ethikräte, sondern auch die Menschen, die unkritisch Aussagen der Ethikräte hinnehmen.

tmd.

Grundwissen: Buddhismus

Vorbemerkung: Das Grundwissen Buddhismus bezieht sich auf den Lehrplan Ethik in Bayern. Das Wissen ist sehr knapp gefasst und gibt nur einen Bruchteil dessen wieder, was über den Buddhismus eigentlich gewusst werden kann. Das Wissen zum Buddhismus als Religion dient hauptsächlich dazu, einen Vergleich mit abrahamitischen Religionen vorzunehmen. Es geht also um:

  • den Vergleich von Erleuchtung und Offenbarung
  • um unterschiedliche Interpretationen von Wiedergeburt und Jenseits/Tod
  • unterschiedliche Formen der Lebensführung

Lebensweg des Buddha: In den Ethiklehrbüchern ist der Lebensweg wiedergegeben. Mit der Überlieferung kann Buddhas Weg zum Religionsgründer erklärt werden. Dem Meister nachzufolgen, dafür gibt es unterschiedliche Wege, meist werden die drei YANAS genannt: Hinayana, Mahayana, Vajrayana. Mit JANA ist sinnbildlich das Floß gemeint, mit dem man von einem Ufer zum anderen kommt. Das andere Ufer ist das Nirwana. In Europa kennt man den ZEN-Buddhismus in Japan und den tibetischen Buddhismus mit seinem derzeitigen Oberhaupt dem Dalai Lama.

Buddhistische Mönche
Folgen – Quelle: suc, Pixabay

Im Buddhismus geht es um Erleuchtung. Erleuchtung heißt, dass der Mensch einen Zustand erreicht hat, der eine Wiedergeburt ausschließt.
Dieses Ziel zu erreichen, dabei helfen zum einen die vier edlen Wahrheiten, zum anderen der achtfachen Pfad. Dies wird nicht in allen Ethiklehrbüchern gleich dargestellt.

Der achtfache Pfad sagt dem gläubigen Buddhisten, wie er zu leben hat. Es sind kognitive und praktische Kenntnisse und Methoden.

  • Er soll nach Weisheit streben: Rechte Ansicht und Rechtes Denken. (Pfad 1,2)
  • Er soll sich ethisch verhalten: Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechter Lebenserwerb. (Pfad 3,4,5)
  • Er soll meditieren: Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration. (Pfad 6,7,8)

Die Buddhistische Ethik ist in ihren Kernsätzen dem NT sehr ähnlich: z.B. nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Die Grundlage für den achtfachen Pfad sind die vier edlen Wahrheiten. Die muss man zuerst erkannt haben.

  1. Das gesamte Leben ist LEID: Geburt, Krankheit, Alter,Schmerzen usw.
  2. Ursache für dieses Leid ist der „Durst“ des Menschen, diese Leid zu umgehen und ungeschehen zu machen. Es ist die Lust auf Liebe, Freude, Ruhm und Reichtum.
  3. Dagegen hilft nur: Den Durst nach Leben, nach Liebe, nach Selbsterhaltung usw. zu beenden.
  4. Den Punkt 3 verwirklichen wir, indem wir den achtfachen Pfad gehen.

Vergleich von Offenbarung und Erleuchtung:
Erleuchtung ist eine Eigenleistung. Sie muss vom gläubigen Buddhisten erbracht werden. Dabei helfen ihm Meditation und die restlichen Anweisungen des achtfachen Pfades. Unterschiede gibt es noch hinsichtlich der drei JANAS.

Vergleich von Nirwana und Paradies:
Nirwana ist die vollständige Auflösung der menschlichen Individualität. Das ICH ist letztlich nicht mehr vorhanden. Eine unsterbliche Seele gibt es nicht. Das Paradies dagegen ist der Ort, an dem der Mensch nach seinem Tode vollkommen ist. Er ist Individuum und bei Gott. Die Seele ist unsterblich.

Ethik und Moral:
Hier sind die Unterschiede zwischen Christen und Buddhisten in der Praxis nicht sehr groß. Buddhisten orientieren sich an den vier edlen Wahrheiten und dem achtfachen Pfad. Christen orientieren sich am NT (Bergpredigt).

Sinn des Lebens:
Buddhisten: Erleuchtung.
Christen: Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

Literaturempfehlungen folgen in einem eigenen Beitrag.

tmd.

Auf der Suche nach Wahrheit

Himmel mit WOlken
Der platonische Ideenhimmel – qimono, Quelle Pixabay

Der Unterschied zwischen empirischen und epistemischen Wahrheitstheorien ist nicht so einfach zu verstehen. Das liegt daran, dass wir im Alltagsleben die Welt, so wie sie ist, niemals in Zweifel ziehen. Die Welt mit all ihren Objekten gibt es und muss es geben, sonst könnten wir uns nicht in ihr zurecht finden. Wir können eben nicht jedes mal darüber nachdenken, ob es den Baum, den wir sehen, auch wirklich gibt.

Das Problem ist nicht allein die Frage nach der Existenz der Welt. Es geht um die Frage, was ist Wahrheit und welche Moral ist wahr. Verantwortlich für das Problem ist natürlich Platon, der die sinnliche Wahrnehmung zum geistigen Kerker machte (siehe dazu die Blogbeiträge zum Höhlengleichnis und der Ideenlehre). Allein die Vernunft sei in der Lage, so Platon, uns wahre Erkenntnis zu liefern. Aber schon Aristoteles rückte von dieser Vorstellung ab und meinte, man könne die Objekte der Welt zunächst allgemein erfühlen. Im Ethikunterricht wird das bereits in der Unterstufe thematisiert, wenn es um das Allgemeine und das Besondere geht. Allgemein sind alle Menschen gleich – gemeint ist, sie haben die gleichen Menschenrechte – aber im Besonderen sind sie doch sehr verschieden.

Thomas von Aqiun hat diese Sicht weiter ausgebaut. Man vergleicht das, was man sieht mit dem, was die Vernunft einem sagt. Deshalb wird in der Mittelstufe gelernt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Und damit war sie geboren, die (empirische) Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit, die ich sehe, mit meinem Urteil (aus der Vernunft) übereinstimmt, dann ist der Vergleich wahr. So einfach kann das sein.

Als die Philosophen jedoch feststellten, dass die Übereinstimmung nur eine Aussage ist, die ich nicht an der Wirklichkeit nachweisen kann, weil dieser Nachweis wieder nur eine Aussage ist, und so weiter, war es um die Leistungsfähigkeit der Korrespondenztheorie geschehen.

Seither hat die (epistemische) Kohärenztheorie die Aufgabe, Wahrheit zu beweisen. Aussagen sind nur dann wahr, wenn sie in sich nicht widersprüchlich sind und nicht im Widerspruch zu anderen wahren Aussagen stehen. Die Konsenstheorie und die Evidenztheorie (beides epistemische Theorien) gibt es zwar auch noch, aber bei den beiden Theorien weiß man, dass sie nicht sehr robust sind. Die Mehrheit (Konsens) muss nicht immer Recht haben und nicht jede Idee ist wahr, auch wenn sie uns gefällt.

Die Kohärenztheorie ist auch deshalb so erfolgreich in moralischen Dingen, weil es hier um Aussagen über Werte und Normen geht. Moralische Aussagen müssen der Verallgemeinerungsfähigkeit dienen, damit jeder Mensch Anteil an ihnen hat.

Wer jedoch in einem platonischen Ideenhimmel eine Entsprechung zu diesen wahren Aussagen sucht, der muss enttäuscht werden. Unsere moralischen Aussagen sind von Menschen gemacht und müssen sich auch nur vor Menschen als wahr rechtfertigen.

tmd.

Brahman – Atman: eine Anmerkung

Kaleidoskop
Kaleidoskop – immer wieder andere Farben – Quelle: sweetlouise, Pixabay

Die Schwierigkeiten mit dem Begriffspaar Atman und Brahman sind erst kürzlich im Blog thematisiert worden. Das Verhältnis von Atman und Brahman verständlich zu machen und gleichzeitig eine Vorstellung von Seele zu gewinnen, dazu eignet sich sehr gut ein Kaleidoskop. Der Tipp hierzu kam von einem kenntnisreichen Leser dieses Blogs.

Der Blick durch das Kaleidoskop zeigt ständig sich neu entwickelnde Farbstrukturen. So in etwa kann man sich das ICH in der Hindu-Philosophie vorstellen. Das ICH ist beständig in Auflösung begriffen und gleichzeitig in Neuformation.

Diese materielle Deutung eignet sich auch, um Sinndeutungen zu erklären. Kulturgüter sind kommunikativ eingefrorene und weitergegebene Sinndeutungen. Zu diesen Sinndeutungen gehört auch und besonders Religion.

Interessant bleibt aber die Frage: Wie ist es möglich, dass die materiellen Strukturen in Form von Lebewesen und Sinnstrukturen in Form von Kultur so konstant bleiben?

tmd.

Auf der Suche nach dem schlechten Karma

Karma, Harmonie, Stille
Karma – Quelle: Rainer_Maiores, Pixabay

Das Verhältnis von Atman und Brahman war reziprok und reflexiv in einem nicht kausalen Prozess. Keiner der beiden Elemente ist der Taktgeber. Anders ist es beim Modell von Karma und Samsara.

Samsara benennt den Prozess des Sterbens und der Wiedergeburt. Wiedergeboren wird die Seele – also das Atman. Grundsätzlich verantwortlich für die Wiedergeburt ist das Karma des Atman. Gemeint ist, dass die Seele sich nach der Wiedergeburt in einem Körper befindet – das können Menschen oder Tiere, aber auch Götter oder andere Wesen sein.

Die Art und Weise, wie sich die Seele im jeweiligen Leben und im jeweiligen Körper verhält, verändert das Karma des Atman. Schlechtes Karma steht für schlechte Taten. Gutes Karma steht für gute Taten. Wer immer ein gutes Karma anstrebt, der hat Chancen, irgendwann als Mensch (und nicht als Wurm) wiedergeboren zu werden und in dieser Existenzform nach Erleuchtung zu streben. Wer ein schlechtes Karma ansammelt durch schlechte Taten, der wird als minderwertiges Wesen wiedergeboren.

Karma ist der Motor des Samsara

Ziel ist es also, irgendwann nach entsprechender Erleuchtung nicht mehr wiedergeboren zu werden. Wie dieser Zustand dann aussieht, dass wird unterschiedlich erzählt: Vermengen mit dem Brahman, individuelles erleuchtetes Dasein, gleichmäßiges bewusstes Sein oder einfach bei Gott sein. Soweit also die Struktur des Modells von Samsara und Karma. Motor ist das Karma, es hält das Modell am Laufen.

Jetzt zur Kritik. Wenn sich das Atman durch gutes oder schlechtes Karma verändert, dann muss dies auch Auswirkungen auf das Brahman haben. Brahman ist die Summe der Atman. Unklar ist, ob es sich um eine qualitative oder eine quantitative Veränderung handelt. Ist es eine quantitative Veränderung, dann ist das Brahman nicht mehr grenzenlos. Es muss sich in einen Bereich erweitern, der vorher noch nicht belegt war. Oder das Brahman schrumpft, dann bilden sich leere Räume.

Wenn alle Atman nicht mehr wiedergeboren werden und im Brahman aufgehen, wo ist das schlechte Karma geblieben?

Ändert sich Atman qualitativ, dann verändert sich auch Brahman qualitativ. Das ist natürlich viel bedenklicher. Brahman ist schließlich ewig und allumfassend. Es muss also alles schon in sich enthalten, was möglich und denkbar ist. Brahman enthält in dieser Sicht alles an möglichem Karma – gutes und schlechtes. Unter diesen Voraussetzung ist es nicht möglich, dass alle Atman je durch gutes Karma nicht mehr wiedergeboren werden. Denn: Wo ist dann das schlechte Karma, bzw. die Atman mit schlechtem Karma. Wenn also Brahman nur die Summe aller Atman mit gutem Karma ist, wo befindet sich dann in diesem Modell der Ort für das schlechte Karma?

tmd.