Freier Wille und Moral

Nur ein freier Wille kann ein guter Wille sein. Immanuel Kant hat das gesagt. Was aber ist, wenn es keinen freien Willen gibt?
Hirnforscher haben herausgefunden, dass wir nur meinen, einen freien Willen zu haben. Handlungen entstehen im Gehirn und treten erst dann in unser Bewusstsein. Heißt das, dass wir ferngesteuerte Roboter sind: Ferngesteuert von einem Gehirn, dass nach eigenen Gesetzen funktioniert und uns erst in letzter Sekunde offenlegt, was wir tun werden?

Kommunikation
Kommunikation – Quelle: geralt, Pixabay

Das virtuelle ICH
Vollkommen willenlos sind wir nicht. Die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns ist abhängig von Erfahrungen, die wir zum großen Teil nebenher machen. Wir lernen sozial und moralisch Handeln „implizit“. Genauso handeln wir dann nach dem Gelernten, ziemlich automatisch. Das heißt aber nicht, dass wir willenlos die im Gehirn gespeicherten Handlungsroutinen abarbeiten.
Im Bewusstsein schaut sich unser Gehirn sozusagen bei der Arbeit zu.
Und in diesem Teil der Hirntätigkeit kann der Mensch eine Handlung stoppen.
Es gibt also immer die Möglichkeit des „Nicht-Handelns“.
Dieses virtuelle ICH ist übrigens auch unsere Brücke zu anderen Menschen. Man kann es sich so vorstellen, dass Menschen voneinander wechselseitig (reziprok) annehmen, was im Bewusstsein abläuft.
Ich stelle mir vor, dass der andere dasselbe denkt wie ich, wenn wir uns in einer gemeinsamen Situation befinden. Oder ich erkenne, dass es Unterschiede gibt.
Kernsatz ist: Ich gehe davon aus, dass der andere weiß, dass ich erkenne, dass er die Situation genauso oder anders interpretiert.
Das heißt natürlich nicht, dass wir Gedanken lesen können. Wir können nur soziales und moralisches Handeln annehmen und voraussetzen. Nur so funktioniert Erziehung.
Diese Fähigkeit des virtuellen ICH ist jedoch nicht angeboren. Kinder lernen zum Beispiel erst mit ca. vier Jahren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ohne das virtuelle ICH wären wir Menschen nicht in der Lage zum moralischen Handeln.

tmd.

Wille und Handlung

Extremklettern
der Wille zum Handeln – Quelle: JudiCBell, Pixabay

Es gibt Philosophen, die den freien Willen als Wahnidee bezeichnen. Für diese Philosophen gibt es keinen freien Willen. Wenn es aber keinen freien Willen gibt: Wie verfährt man mit Menschen, die Böses tun? Wenn es keinen freien Willen gibt, dann kann man sowohl kleine Kriminelle, aber auch Terroristen und Personen wie Stalin und Hitler nicht zur Rechenschaft ziehen.
Michael Schmidt-Saomon ist einer der Philosophen, die den freien Willen als Wahnvorstellung ablehnen. Schmidt-Salomon löst das genannte Problem mit den Bösewichten, indem er einen Unterschied macht zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
Willensfreiheit lehnt er ab. Aber der Mensch ist immer noch frei zu handeln – oder nicht. Das Gehirn plant eine Entscheidung und bringt sie ins Bewusstsein. Dort, im Bewusstsein, kann die Entscheidung fallen: Handeln oder nicht handeln.
Was ist verantwortlich dafür, dass ein Mensch dem Willensvorschlag des Gehirns nachgibt oder nicht? Es ist Erfahrung, es ist Erziehung.
Mit Erziehung ist hier eigentlich gemeint, die eigene Vernunft einzusetzen. Das erinnert sehr an Kant, der aber an den freien Willen glaubte.
Wie soll man also umgehen mit der Handlungsfreiheit?
Man muss sie trainieren. Anders geht es nicht.
Schmidt-Salomon und die anderen Gegner des freien Willens, haben dabei aber nicht an die klassische Moralphilosophie gedacht – oder sie wollten nicht daran denken.
Moralisches Handeln ist bei Aristoteles Übung. Das, was eingeübt wird, dafür übernehme ich Verantwortung. Verantwortung übernehmen heißt aber, dass ich die Handlung verantworte und nicht irgendein Naturgesetz. Ich kann keine Ausrede finden!
Gegner des freien Willens sagen, dass menschliches Handeln durch Gesetze (Naturwissenschaften, Psychologie) vorgeschrieben ist. Man nennt das Determinismus. Gleichzeitig soll der Mensch aber auch Handlungsfreiheit haben.
Wenn Handlungsfreiheit aber nicht determiniert ist – und das muss sie sein, wenn hier Freiheit wirkt – dann ist der Mensch doch frei in der Entscheidung. Und dann kann und muss er auch zur Verantwortung gezogen werden.

tmd.

Anmerkung zum freien Willen

Pfad
alternative Möglichkeiten – Quelle: PublicDomainPictures, Pixabay

In der Diskussion um den freien Willen wird das Denkmuster des „Prinzips der alternativen Möglichkeiten“ verwendet. Es geht darum, dass der Mensch nur dann einen freien Willen haben kann, wenn er in einer bestimmten Situation so aber auch anders handeln kann.
Diejenigen Philosophen, die einen freien Willen als unmöglich ablehnen, versuchen das folgendermaßen zu begründen.
Jede Wirkung hat genau eine Ursache. Identische Ursachen haben auch identische Folgen, so die Begründung.

Wenn jemand in einer Handlungssituation (Ursache) zwei unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten (Wirkung) zur Verfügung hätte, dann müsste er sich gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Handlungssituationen (Ursachen) befinden.
Das sei logisch nicht möglich, sagen die Kritiker.

In diesem Zusammenhang ist mir das Gedankenexperiment des Johannes Buridan (14. Jahrhundert) eingefallen. Wenn man vor zwei vollkommen identische Alternativen (das sind die alternativen Möglichkeiten) gestellt ist, kann man keine Entscheidung treffen.
Überträgt man dieses Gedankenexperiment auf das Problem mit dem freien Willen, dann zeigt sich: Der Mensch mit einem freien Willen würde in dieser (logischen) Patt-Situation (alternative Möglichkeiten) gar nicht handeln.
Mir gefällt diese Erklärung besser, nicht nur, weil sie ein reines Gedankenexperiment ist. Die Erklärung ist immun gegen den Einwand, dass es in der Quantenphysik solche alternativen Möglichkeiten geben soll.

tmd.

Moral: eine soziale Tatsache

Es ist schon erstaunlich, dass wir die Normen und Werte, die Regeln des Zusammenlebens und die Moral selbst herstellen und uns dann darüber beschweren, dass wir diese Normen und Werte befolgen müssen. Nicht immer beschweren wir uns darüber, aber wenn, dann schon sehr heftig.
An dieser Stelle kann man einwenden, dass diejenigen, die sich über Normen beschweren, nicht immer diejenigen sind, die sie gemacht haben. Aber auch diejenigen, die gegen Normen rebellieren, halten sich an die Normen und Werte – zumindest meistens.

Soziologen bezeichnen Normen und Werte als „soziale Tatsachen“. Das hat etwas Beruhigendes. Das Wort Tatsache, das klingt schon sehr realistisch. Aber damit ist noch nicht geklärt, warum wir uns an diesen Tatsachen orientieren und warum wir den Tatsachen folgen. Und erst recht nicht geklärt ist, wo sich diese Tatsachen befinden. Beim Wort Tatsache denkt man doch automatisch an eine Feststellung, eine Aussage über die Wirklichkeit. Der Soziologe Émile Durkheim (1858 – 1917) meinte, dass sie ein „Eigenleben“ führen. Soziale Tatsachen sollen wie Dinge behandelt werden. Jedenfalls üben sie auf uns Zwang aus.

Und eine weitere Frage müsste geklärt werden. Auch wenn es sich um nicht mehrheitsfähige Kollektivnormen handelt, dann haben diejenigen, die diesen Normen folgen, dieselben im Bewusstsein. Diese Normen sind Teil ihres Wissens. Die Soziologen nennen das: kollektives Bewusstsein. Ist dieses kollektive Bewusstsein die Summe aller „Bewusstseins“ oder das Abbild eines „Meta“-Bewusstseins?

Wo befinden sich die sozialen Tatsachen, wie werden sie hergestellt und warum befolgen wir sie, auch wenn wir nicht immer froh darüber sind?
Wie soll man diese Fragen ohne soziologisches Vorwissen beantworten?

Wolken
soziale Tatsachen: wie eine cloud an Informationen, außerhalb von uns … – Quelle: StockSnap, Pixabay

Ich versuche es mit einem Vergleich. Das Internet hat die sogenannte Cloud. In dieser Cloud kann vieles abgelegt werden. Und aus dieser Cloud kann Wissen, können aber auch Prozesse (Programme) abgerufen werden.

(Ich weiß, dass diese Cloud nicht eine Wolke im eigentlichen Sinne ist. Die Cloud ist natürlich eine Sammlung von Computern und Speichermedien.)

Soziale Tatsachen kann man sich wie dieses Wissen, das in der Cloud gespeichert ist, vorstellen. Hergestellt wurde es durch die Nutzer. Benutzt wird es ebenfalls durch die Nutzer.
Überträgt man dieses Bild auf die Normen und Werte, dann sieht man, dass wir die Normen und Werte zwar herstellen, uns dann aber auch an sie – mehr oder weniger – halten. Wir befolgen die Normen.

Wie kommt es dann zu einem Wandel der Normen?
Auch hier verwende ich den Vergleich mit dem Internet. Wenn Normen und Werte nicht mehr praktisch anwendbar sind, unseren Vorstellungen nicht mehr genügen, dann machen wir neue. Nun geht es darum, dass diese neuen Werte auch abgerufen und verwendet werden. Ist das der Fall, dann haben sich die neuen Normen durchgesetzt. Gelingt es nicht, dann bleibt es bei den alten Werten.

Warum empfinden wir die sozialen Tatsachen wie Dinge, die außerhalb von uns existieren?
Wir müssen feststellen, dass Normen existieren und weiterbestehen, auch wenn wir mit ihnen nicht einverstanden sind. Wir orientieren uns an ihnen, weil wir feststellen, dass wir Probleme bekommen, wenn wir sie nicht einhalten. Das Modell der sozialen Rolle zeigt diese Abhängigkeit sehr deutlich. Soziale Rollen bestehen aus Erwartungen, die an uns gestellt werden. Diesen Erwartungen müssen wir folgen, auch wenn es uns nicht gerade gefällt. Wenn nicht, müssen wir mit Sanktionen (Strafe) rechnen. Bedauerlicherweise werden wir nicht besonders gelobt, wenn wir alles richtig machen, so wie es von uns verlangt wird.

soziale tatsachen im Kopf
… aber auch in unserem Bewusstsein: soziale Tatsachen – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Die politische Philosophie von Thomas Hobbes, Jean-Jaques Rousseau und Immanuel Kant macht uns jedoch Hoffnung. Dort wird der Wandel der sozialen Tatsachen, der Normen und Werte in den Vordergrund gestellt. Wir machen Gesetze, denen wir freiwillig folgen, weil wir die Gesetze in Freiheit und Verantwortung mittels Vernunft hergestellt haben.

tmd.

Individualisierung revisited

Frau vor Horizont
Individualisierung macht die Arbeitswelt weiblich – Quelle: FreeFotos, Pixabay

Der Begriff „Individualisierung“ bereitet doch mehr Schwierigkeiten bei der Erarbeitung als erwartet. Deshalb gibt es hier noch einige Präzisierungen.
Individualisierung ist ein soziologischer Fachbegriff. Es geht um den Wandel von Fremd- zur Selbstbestimmung. Individualisierung ist eine soziale Tatsache. Soziale Tatsachen treten uns wie „Dinge“ gegenüber. Sie üben einen gewissen Zwang auf uns aus. Auch Selbstbestimmung übt Zwang aus.
Beispiel: An die Rolle der Ehefrau und Mutter wurden bis in die 70er Jahre Erwartungen gestellt, die von den meisten verheirateten Frauen auch geleistet wurden. Es bestand also ein gewisser Zwang, diese Rollen-Erwartungen zu erfüllen.
Individualisierung beschreibt nun den Prozess, dass diese Rollen und die damit verbundenen Erwartungen teilweise weggefallen sind. An Stelle dieser Erwartungen sind andere getreten, nämlich die Erwartung, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Frauen können und dürfen arbeiten gehen, Karriere machen oder auch nicht. Sie können Kinder haben wollen und eine Familie gründen oder auch nicht.
Und genau an dieser Stelle beginnen die Verständnisschwierigkeiten. Die soziale Tatsache „Individualisierung“ tritt den einzelnen Akteuren im sozialen Leben wie eine feststehende Sache, ein „Ding“ gegenüber. Soziale Tatsachen sind Zwänge in Form von Normen, Werten und Verpflichtungen. Wie die Akteure mit den Erwartungen umgehen, ist nun eine rein psychologische Angelegenheit. Bedienen sie die Erwartungen mit Leistungen, dann ist es in Ordnung, wenn nicht, drohen Sanktionen (Bestrafungen). Vor diesem sozialen Hintergrund der Erwartungen und Leistungen muss sich der einzelne Mensch entscheiden.
Viele SuS sind nun erstaunt, wenn sie feststellen, dass „Individualisierung“ nicht reibungslos funktioniert. Man hat zwar die Möglichkeit, sein eigenes Leben frei zu erfinden und zu gestalten, trifft dabei aber auf Widerstände, die wiederum sozialer Natur sind.
Beispiel: Frauen sind zwar die Gewinner der Individualisierung, weil sie in unserer auf Wissen und Kompetenz gebauten Arbeitswelt langsam die Führungsrolle (auch quantitativ) übernehmen. Aber die Alltagswelt ist nicht so, dass sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen.
An diesem Punkt werden die Erklärungen, „warum ist das so?“, immer komplexer und komplizierter.
Denn die Baumeister und Konstrukteure der „Individualisierung“ sind selbstverständlich die Menschen selbst.
Zurecht fragen die SuS, warum die Baumeister der sozialen Zwänge diese nicht abstellen bzw. verändern? Das tun sie auch in Form von politischer Sozialgesetzgebung. Dennoch erklärt das nicht die Widersprüche, die uns im Alltagsleben begegnen. Wir können frei handeln und haben zahlreiche Wahlmöglichkeiten. Die negativen Effekte unseres Handelns müssen wir uns aber selbst zurechnen. Motto: Du bist frei, mach was draus.

Dahinter steht die alte Frage: Sind wir als Konstrukteure der sozialen Welt die Lösung oder Teil des Problems?

Wir stellen soziale Welt her und leiden gleichzeitig darunter. Karl Marx würde das als klassischen Widerspruch bezeichnen. Am Beispiel der „Individualisierung“ hätte er Recht. Frauen sind die Akteure unserer auf Wissen und Dienstleistung gestellten Gesellschaft. Diesen neuen „Produktivkräften“ widersprechen die noch vorhandenen alten Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft, die Frauen dazu zwingen entweder auf Familie oder auf Karriere zu verzichten.
Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich die Widersprüche auflösen.

tmd.

Was wusste Sokrates und warum wurde ihm sein Wissen zum Verhängnis?

junge Frau hat erfolgreich meditiert
das Gute tun ist immer besser – Quelle: dimitrisvetsikas1969, Pixabay

Die Diskussion um Sokrates und den viel zitierten Satz (ich weiß, dass ich nichts weiß), der so in den Quellen nicht zu finden ist, geht weiter. Was wusste Sokrates nun wirklich?
Zunächst ist es so, dass Sokrates von sich sagen konnte, dass er über Dinge, von denen er nichts verstehe, auch wisse, dass er sie nicht verstehe. Das ist nicht gerade sensationell, aber zeigt doch einen gewissen Grad der Selbst-Reflexion auf hohem Niveau.

Was wusste er nun aber wirklich?
Sokrates konnte für sich beanspruchen, dass er die richtige Werteordnung hatte. In seinen Dialogen konnte er beweisen, dass seine Gesprächspartner von Moral und Tugenden keine Ahnung hatten. Das war es letztlich auch, was ihm zum Verhängnis wurde. Mit seiner Form der Gesprächsführung legte er das Nichtwissen der anderen objektiv offen. Jeder verstand das. Sokrates konnte nachweisen, dass seine Gesprächspartner alles Außermoralische für wichtig hielten und das Moralische nicht. Am Beispiel des Sterbens machte er es zuletzt noch klar. Die Menschen wissen nichts vom Tod und dem Leben im Jenseits und doch fürchten sie es und halten das Leben für wichtiger. Im Leben wissen sie aber nicht, was das Gute und was die Tugenden wirklich sind.
Wenn es also im Leben darum geht, das richtige zu tun, zum Beispiel recht zu handeln, dann solle man das auch tun, auch wenn der Tod drohe. Die Menschen darauf hinzuweisen, dass sie die falsche Werteordnung haben, ist also richtig, auch wenn es in den Tod führt.
Sokrates wusste also was „nicht geht“: Nämlich Unrecht tun. Und das ist zumindest schon einiges.

tmd.

Was wusste Sokrates?

junge Frau meditiert
Erkenntnis durch Vernunft und Meditation – Quelle: dimitrisvetsikas1969, Pixabay

Wusste Sokrates „nichts“ oder war er nicht-wissend? Der Originaltext kann so übersetzt werden: Ich weiß, dass ich nicht weiß. Das „s“ bei „nicht“ verfälscht die Aussage des viel zitierten Satzes grundsätzlich.
Da es bei Sokrates um Erkenntnistheorie geht, ist ein „nichts“ im Satz irreführend. Denn Sokrates wusste schon einiges, war also nicht unwissend. Er hatte schließlich einen Beruf erlernt, war Soldat gewesen und er konnte sich in seine Polis kompetent einbringen, wenn alles stimmt, was erzählt wird.
Es ging Sokrates um Erkenntnis des Guten und nicht nur um Meinung und Glauben über Alltagsdinge.

Meinung und Glauben reichen nicht aus für die wahre Erkenntnis. Das wissen wir von Platon, der die Dialoge des Sokrates mit seinen Mitbürgern aufgeschrieben hat. „Raus aus dem Kerker der Sinne“ war dessen Appell. Auch wenn es so ist, dass Platon unser Bild des Sokrates geschaffen hat, das zu seiner eigenen Lehre passt, so ist doch plausibel, was da über Sokrates geschrieben wird. Es heißt, dass Sokrates sehr viel nachgedacht habe. Dieses Nachdenken interpretiere ich als Meditation. Die Folge von Meditation soll sein: Erleuchtung. Diese Erleuchtung ist nun nicht einfach Meinung oder Glauben, erst recht nicht Offenbarung. Es zielte auf reine Erkenntnis durch Vernunft.
Sein „Nicht-Wissen“ bezog er also auf diese reine Erkenntnis.

tmd.

Gut und Böse

das Grauen
das Böse – Quelle: kellepics, Pixabay

Existiert das Gute und das Böse als ein „Etwas“, von dem eine entsprechende Wirkung ausgeht oder ist es eine kulturelle Zuschreibung des Menschen, der damit Übel und Unrecht sowie alles, was dem Menschen schaden kann, nur beschreibt. Bei einer Zuschreibung wird aus Beschreibung und Erklärung plötzlich eine Sache, die es aber so nicht gibt.
Die Frage wird heftig diskutiert.
Wenn es das Böse irgendwo als ein „Etwas“ gibt, dann muss es in irgendeiner Weise das Böse in der Welt bewirken. Beispiele dafür sind zahlreich: Ein Massenmörder beispielsweise, der nicht psychisch krank ist, der vor seiner Tat nicht auffällig war. Wenn es keine Erklärung für eine solche Tat gibt, dann sagt man sehr schnell, dass hier das „Böse“ am Werk war.
In seinem Buch Jenseits von Gut und Böse versucht Michael Schmidt-Salomon das Böse als eine „Wahnidee“ zu entlarven. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt er, dass es in der Natur Verhalten von Tieren gibt, die wir Menschen durchaus als „bösartig“ bezeichnen würden. Detailliert beschreibt Schmidt-Salomon beispielsweise den wissenschaftlich dokumentierten Vernichtungsfeldzug einer Schimpansenhorde. Ein regelrechter Völkermord unter Schimpansen. Das Böse wird naturwissenschaftlich erklärt. Unmoralisches Handeln ist daher als naturgegeben zu bewerten.
Wie soll man dann aber mit denjenigen Menschen verfahren, die sich unmoralisch, also böse verhalten?

tmd.

Merkzettel: Kant – der gute Wille

Nur der gute Wille ist gut, so Immanuel Kant. Was meint er damit?
Mit dem „ist gut“ meint Kant die moralische Bewertung einer Handlung. Nur unter der Bedingung, dass der Wille gut ist, ist es auch die Handlung.
Das ist doch klar! Was sonst!

der gute Wille
nur der gute Wille zählt – Quelle: StockSnap, Pixabay

Falsch gefolgert! Denn wir wissen noch nicht, was Kant mit dem „guten Willen“ meint.
Gut ist ein Wille dann, wenn er frei und autonom ist. Er braucht also bei seiner Verwirklichung die negative und positive Freiheit. Also keine Einflüsse von außen wie Gefühle, Neigungen und politische Zensur. Außerdem muss er Regeln und Gesetze machen, die dem Kategorischen Imperativ genügen. Die Regeln dürfen in sich nicht widersprüchlich sein. Und sie dürfen nicht pflichtgemäß und hypothetisch sein.
Hypothetisch sind „wenn – dann“ Regeln. Pflichtgemäßes Handeln hat das Ergebnis im Blick. (Beispiele: Klavierspielen als Profi; Arbeit als Kaufmann)

Das ergibt sich aber nicht automatisch. Der Maxime des Kategorischen Imperativ folgen, ist eine Aufgabe, der sich der freie, aufgeklärte Bürger freiwillig unterzieht. Dafür gibt es aber keinen anderen Anlass als die Pflicht. (Ein anderer Grund oder Anlass würde wiederum bedeuten, das diese Umsetzung nicht autonom ist.)

Sittliches Verhalten ist also eine Pflicht. Der freie und aufgeklärte Bürger unterzieht sich also freiwillig dieser Pflicht.
Genau das, dieses „sich in die Pflicht“ nehmen, ist der gute Wille.

Kant verhindert damit, dass sich subjektive Interessen und Neigungen in den guten Willen einschleichen. Der gute Wille ist objektiv. Er arbeitet nach selbstgesetzten Regeln, die dem Kategorischen Imperativ genügen.

tmd.

Merkzettel: Kant – der freie Wille

Kant gründet seine Version eines Gesellschaftsvertrags auf die Vernunft und den autonomen Willen. Die Vernunft steht nicht zur Diskussion. Der Mensch ist vernünftig! Daran gibt es nichts zu zweifeln. Die Vernunft kann und muss eingesetzt werden. Sie kann eingesetzt werden, wenn die politischen Verhältnisse den Gebrauch der Vernunft erlauben. Die Vernunft muss eingesetzt werden, um aus der Unmündigkeit herauszukommen. Die Autonomie wird ebenfalls nicht bezweifelt. Autonomie ist eine Grundannahme des aufgeklärten Bürgers.

Merke: Die Leistungsfähigkeit der Vernunft wird nicht weiter diskutiert. Das hat Kant in seinen Hauptwerken bereits erledigt. Die Autonomie des Willens ist keine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens. Der aufgeklärte Bürger kann und will autonom und vernünftig handeln.

Freiheit
Freiheit – Quelle: sasint, Pixabay

Der autonome Wille soll Gesetze herstellen, denen die Bürger gehorchen wollen und können. Moral ist also Menschenwerk. Nun muss also geklärt werden, wie der autonome Wille mittels der Vernunft Gesetze macht, aber dennoch nicht willkürlich handelt. Denn: Natürlich kann sich der autonome Wille Gesetze geben, die er selbst befolgen will. Aber ungeklärt ist doch, ob alle Menschen diese Gesetze wollen. Der Wille soll also autonom Gesetze finden, denen alle Bürger freiwillig folgen.

Merke: Der freie Wille soll autonom Gesetze machen, denen alle Bürger freiwillig ohne Zwang Folgen können.

Kant diskutiert zunächst negative und positive Freiheit. Negative Freiheit ist Freiheit von äußeren Zwängen. Diese politische Freiheit ist die Forderung der Bürger, ihre Meinung frei äußern zu können. Positive Freiheit ist, sich Gesetze zu geben, denen man freiwillig folgt.
Nun muss noch ausgeschlossen werden, dass nicht mehrheitsfähige Kollektivmeinungen zu Gesetzen werden. Der autonome, freie Wille muss vor Willkür geschützt werden. Die Regeln, nach denen der freie Wille funktioniert, dürfen daher nicht fremd-gesetzlich (hetoronom) sein. Ein Wille, der heteronom funktioniert, ist nicht autonom. Die Autonomie zeigt sich darin, dass sich der freie Wille Gesetze gibt, denen alle Bürger zustimmen können. Nur dann kann ein freier Wille auch ein guter Wille sein.

Merke: Der aufgeklärte Bürger braucht negative und positive Freiheit. Negative Freiheit erlaubt die autonome politische Meinungsäußerung. Positive Freiheit schafft Gesetze, die von allen Bürgern akzeptiert werden.

Nun muss noch erklärt werden, wie der freie Wille die Gesetze herstellt. Das geht nur mit einem Gedankenexperiment. Die Gesetze, die hergestellt werden, müssen getestet werden, ob sie nicht in sich widersprüchlich sind. Beispiel: Wer sich Geld leiht, der muss es auch zurückzahlen. Es kann also nicht sein, dass jemand sich Geld leiht und gleichzeitig weiß, dass er das Geld nicht zurückzahlen wird. Jede Moral, jedes Gesetz muss sich an diesen Anforderungen messen. Kant nennt das den kategorischen Imperativ.

Merke: Normen, Gesetze müssen getestet werden und dem kategorischen Imperativ genügen.

Der autonome Wille handelt aber nicht automatisch. Der Bürger handelt vielmehr aus Pflicht. Kant unterscheidet hier das pflichtgemäße Handeln und das Handeln aus Pflicht. Außerdem macht er einen Unterschied zwischen dem kategorischen und dem hypothetischen Imperativ.
Pflichtgemäßes Handeln orientiert sich an den Folgen des Handelns. Beispiel: Ein Kaufmann betrügt seine Kunden nur deshalb nicht, weil er die negativen Folgen befürchtet. Aus Pflicht handelt er aber, weil er sich ungeachtet der Folgen so entscheidet, weil sein Handeln dem kategorischen Imperativ entspricht.
Hypothetische Imperative bestimmen zwar unser Leben, aber wir müssen ihnen nur bedingt folgen. Beispiel: Wenn ich professioneller Pianist sein will, dann muss ich täglich üben. Diesem Wenn-Dann-Befehl muss ich nur dann folgen, wenn ich professioneller Pianist sein will.

Merke: Moralisch handeln ist immer Handeln aus Pflicht und folgt freiwillig den Forderungen des kategorischen Imperativs.

Kant sichert moralisches Handeln aber noch zusätzlich ab. Neben der Maxime (oberste Regel) des kategorischen Imperativs gibt es noch die Maxime: Der Mensch ist immer Zweck des Handelns, er ist nie das Mittel.

tmd.