Das Glück als Ziel des menschlichen Lebens

Das ist der Titel des ersten Buches der Nikomachischen Ethik. Damit benennt Aristoteles den Kern antiker Ethik: Glücklich sein.
Daran hat sich auch heute nichts geändert – an dem Streben nach Glück. Der Unterschied besteht darin, dass wir den Weg zum Glücklichsein nicht mehr direkt über das Einüben von Tugenden suchen. Wir wollen das Glücklichsein als Angebot, als eine Art Ware bestellen. Oder wir fragen, warum es nicht funktioniert – das mit dem Glücklichsein.
Die Untersuchung von Lebensläufen legt offen, dass es im Leben eines Menschen sogenannte Wendepunkte gibt, an denen viel kaputt gehen kann beim Streben nach Glück. Pubertät und Erwachsen werden sind solche Wendepunkte, aber auch das Altern und der Prozess des Sterbens. Kennt man solche Wendepunkte, an denen sich vieles verändert, dann ist man darauf vorbereitet, dass es Probleme gibt. Dann kann man also verhindern, durch diese Wendepunkte unglücklich zu werden.
Die Beispiele sind zahlreich: Schwierigkeiten in der Schule (plötzlich schlechte Noten), erste Liebe (die unglücklich endet), Probleme im Berufsleben (Mobbing) usw.
Die psychologischen Ratgeber sind voll von Lösungsmustern dazu. Was uns hier im Blog interessiert, das ist die Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Aristoteles und seine Ethik wurden schon genannt. Der antike Mensch will glücklich sein und ist es, wenn er gut ist.
Von dieser Maximalforderung ist heute übrig geblieben, dass sich an den Wendepunkten des Leben die Beurteilung der Welt und Wirklichkeit verändert. So die Aussage von Psychologen. Insbesondere in der Pubertät müssen Jugendliche neben einer eigenen Identität auch eigene Moralvorstellungen finden.
Es geht also um das Finden von eigenen Moralvorstellung. Nun ist es so, dass Moral nicht jedes mal neu erfunden wird. Orientierung gibt es in Schule und Familie.
Sehr viel schwieriger ist es mit dem Umgang von Sinnkrisen. Diese können den Menschen jederzeit treffen: ein schwerer Unfall, eine Krankheit, eine Trennung von lieben Menschen.
Hier ist wieder die Philosophie gefragt. Die bietet aber nur den beschwerlichen Weg der Selbsterkenntnis an. Es hat keinen Sinn, sich in Grenzsituationen selbst anzulügen, aufzugeben oder die eigene Verzweiflung auf anderen Menschen abzuladen.

alter Mann
Grenzsituation Lebensende – Quelle: Myriams-Fotos, Pixabay

Grenzsituationen sind solche, bei denen es keinen Ausweg mehr gibt: Tod, Leiden, Schuld. Der Philosoph Viktor Frankl meint, dass man auch in diesen Grenzsituationen einen Sinn finden soll. Man soll sich fragen: Was erwarten die Menschen von mir in dieser Situation? Was hilft den anderen? Diese Art der „Selbstdistanzierung“ hilft gerade in aussichtslosen Situationen.

tmd.

Ist der Weg wirklich das Ziel?

Trauer
… vergeblich – Quelle: Counselling, Pixabay

Sinnfindung ist nicht die Übernahme fertiger Antworten auf die Sinnfrage. Sinnfindung ist ein Prozess, den ich selbst steuern kann und soll. Maßstab sind meine Erwartungen, die ich ans Leben stelle. Meine Erwartungen sind nicht unbeeinflusst von meiner sozialen Umwelt. Das kann ich bei der Sinnfindung berücksichtigen.
Eine Erwartung, die viele Menschen teilen, ist „glücklich sein“. Das Streben nach Glück wird dabei in den Vordergrund gestellt. Ist man nämlich erst mal glücklich, dann beginnt wieder das erneute Streben nach Glück.
Als Sinnspruch passt dazu: „Der Weg ist das Ziel“. Gemeint ist damit, das Tätigsein steht im Vordergrund.

Hält diese Gedankenfigur einer Prüfung in der Wirklichkeit stand?

Was soll jemand, der sich Jahre abgemüht hat für seinen beruflichen Erfolg, mit dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“ anfangen, wenn seine Bemühungen nicht erfolgreich sind? Wie fühlt sich ein Kind, dass jahrelang auf das Abitur hin gearbeitet hat, wenn es im Abschluss nicht gelingt? Es gibt noch viele Beispiele. Sie führen alle dazu, den Sinnspruch in Frage zu stellen.
Der Weg ist eben nicht das Ziel, wenn alles vergebens war. Es hilft den Betroffenen auch nicht weiter, wenn man ihnen sagt, dass sie durch die Niederlage an Persönlichkeit gereift sind. Darauf kann man gerne verzichten.

Und es gibt einen weiteren Aspekt, das Tätigsein nicht so hoch zu hängen. Das Gefühl des Glücks, der Zufriedenheit nach einem Erfolg ist eben auch vorhanden. Wer einen Ausbildungsweg abgeschlossen, einen Wettkampf gewonnen hat, der ist glücklich. Diese Augenblicke gibt es. Sie machen den Weg erst zu dem, was er ist. Es ist der Abschnitt vor dem ersehnten Glücklichsein.

Wir sollten also nicht voreilig solche Sinnsprüche nacherzählen, ohne sie durchdacht zu haben. Der Weg ist eben nur dann das Ziel, wenn das Ziel auch erreicht wurde.

tmd.

Freiheit und Konflikte

Mädchen
„ich will nicht!“ – Quelle: galvaniluppi, Pixabay

Selbstbestimmt leben wollen gehört zum Erwachsen werden und setzt Freiheit voraus. Ohne Freiheit ist Selbstbestimmung nichts wert. Es wäre Fremdbestimmung.
Anscheinend läuft der Prozess der Selbstbestimmung in Freiheit nicht ohne Konflikte ab. Konflikte und Streit sind aber für die meisten Menschen sehr unangenehm. Eigentlich wollen wir doch lieber in Harmonie leben.

Die Konflikte im Jugendalter sind „vorprogrammiert“.
Eigene Entscheidungen:

  • sind mit Unsicherheit und fehlender Erfahrung kombiniert,
  • widersprechen den Vorstellungen der Eltern und anderen, die erziehen wollen,
  • sind keine Laborexperimente, sondern risikoreiche Realität.

Eigentlich müsste der Pubertät ein Kurs im Konfliktmanagement vorgeschaltet werden. Aber erst in der Realität, also in der Praxis, kann man den Umgang mit Konflikten lernen. Das ist anstrengend und unangenehm. Die Entwicklung einer eigenen starken Persönlichkeit ist aber ohne Konfliktmanagement nichts möglich.

Was hat das aber mit Moral zu tun?

Wenn es um moralische Entscheidungen geht, geht es auch um Konfliktsituationen. Dilemmageschichten und Gedankenexperimente sind bestes Beispiel. Nun werden die Entscheidungen zu Dilemmasituationen im Laufe des Lebens nicht weniger. Mit Zunahme von Lebensalter, Freiheit und Verantwortung nehmen auch die moralischen Konflikte zu.

Es bleibt also nichts anderes übrig, als zu lernen, mit Konflikten umzugehen.

Merke also: Mehr Freiheit ist auch mehr Verantwortung. Mehr Verantwortung verlangt mehr Kompetenz in Moral und Gebrauch der Vernunft.

tmd.

Welcher Mensch werde ich gewesen sein?

Smartphone
Wer werde ich gewesen sein? – Quelle: geralt, Pixabay

Sinnfindung ist eigentlich Kern der antiken Ethik. Wie werde ich ein glücklicher Mensch? Das ist die Frage, die sich der antike Mensch stellte. Mit Moral hatte das insofern etwas zu tun, als der antike Mensch davon ausging, dass er dann ein glücklicher Mensch sei, wenn er ein guter Mensch sei. Der Weg dorthin – zum Glück – lief über die Tugenden. Die musste man einüben.

Diese klare Methode zum Glücklichsein haben wir heute nicht mehr. Das beginnt schon damit, dass wir nicht mehr von Übungen reden, sondern nach Antworten auf die Sinnfrage suchen. Der Sinn im Leben ist dann nur etwas, dass ich einfach wissen muss und die Sache ist erledigt. Wenn es dann mit der Sinnsuche nicht funktioniert, dann ist fehlendes Wissen Schuld daran.

Den universell passenden Lebenssinn für jeden, den gibt es nicht.

Psychologen raten, den Sinn den eigenen Erwartungen ans Leben anzupassen. Wir müssen uns also erst einmal mit uns selbst auseinandersetzten. Sinnfindung ist Selbsterkenntnis. Psychologen sagen uns auch, dass sich der Sinn des Lebens im Leben ändern kann. Klar!, stimmen wir zu. Als Jugendliche hatten wir andere Ziele, als 40 Jahre später. Nur genau das – dass sich unsere Erwartungen ändern – klammern wir aus unserem aktuellen Leben aus. Die Frage im Futur II, „welcher Mensch werde ich gewesen sein?“, stellen wir uns nur selten bis nie.

Sinnfindung ist eine Angelegenheit, die wir eigentlich in absoluter Freiheit vornehmen sollten. Sobald wir fertige Lebensplanungen vorgesetzt bekommen, die nicht selbst konstruiert sind, sind wir nicht mehr frei und können damit eigentlich auch keine Verantwortung für unser Leben mehr übernehmen.

Anmerkung: Wenn ich jedoch davon ausgehe, dass mein Lebensweg schicksalhaft vorgegeben ist, dann brauche ich mir keinerlei Gedanken um Sinnfindung und Glück machen. Unter dieser Voraussetzung bin ich nicht mehr als ein ferngesteuerter Roboter. Nebenbei bemerkt: Aus der SF-Literatur wissen wir, dass auch KI-Wesen den Wunsch nach Freiheit und Emotionen hegen.

Freiheit und Verantwortung waren schon beim Erwachsenwerden ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden darf. Nur wenn ich frei entscheide, kann ich auch Verantwortung für mein Leben übernehmen. Um Freiheit und Verantwortung bei der Sinnfindung einzusetzen, braucht es wiederum die Vernunft. Vernunft verhindert, dass meine Freiheit in Willkür endet. Mein persönlicher Lebenssinn darf anderen Menschen nicht schaden.

Die Erwartungen, die ich an mein Leben stellen, muss ich mit meiner Leistungsfähigkeit vergleichen. Leistungen und Erwartungen sind auch so ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden kann.
Leistungen und Erwartungen zeigen, dass Sinn sehr individuell ist.

Selbstverständlich gibt es standardisierte Antworten, die sogenannten konventionellen Antworten auf die Sinnfrage. Diese Antworten orientieren sich aber an Mainstream und Mode. Und diese Antworten haben keine Lösungen anzubieten für die sehr individuellen Krisen im Leben.
Sinnfindung ist also eine sehr individuelle Angelegenheit.

tmd.

Merkzettel: Selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Verantwortung

ich und die anderen
… ich und die anderen – Quelle: Graehawk, Pixabay

Erwachsenwerden ist verbunden mit der Zunahme von Freiheit, die an Verantwortung gekoppelt ist. Ziel ist die Zunahme von Selbstbestimmung im eigenen Leben.

Zunächst die Freiheit und die Verantwortung.
Freiheit ist möglich, aber nicht unbegrenzt. Meine Freiheit endet an den Freiheitswünschen meiner Mitmenschen. Die Grenze zwischen diesen Freiheitsbereichen sind die Normen und Gesetze, die das konfliktfreie Zusammenleben der Menschen ermöglichen.
Die Einhaltung von Normen und Gesetze wird durch Verantwortung eingefordert. Da ich frei bin im Handeln, muss ich dafür auch die Verantwortung übernehmen. Zuwiderhandeln wird bestraft.

Jetzt die Selbstbestimmung.
Der individuelle Freiheitsraum soll beim Erwachsenwerden selbstverantwortlich gefüllt werden. Selbstverantwortlich heißt hier: Ich übernehme bei meinem Handeln Verantwortung für meine Umwelt, aber auch für mich selbst.
Letzteres ist für Jugendliche wichtig. Ich muss die Freiheit so nutzen, dass ich mir selbst nicht schade. Fehlende Erfahrung ist der Grund, dass Jugendliche freiwillig auf ihre Freiheit verzichten durch die Beeinflussung von Werbung und Peergroups, die beispielsweise zu Drogenkonsum verleiten.

Bin ich unter diesen Umständen noch frei in meinen Entscheidungen?
Freiheit setzt immer auch Vernunft voraus. Entscheidungen müssen kritisch bedacht werden.

tmd.

Moral ist keine Spielerei

Frau mit Waffe
kein Spiel – Quelle: Pexels, Pixabay

Das Gewissen als autonome Instanz funktioniert nicht auf Knopfdruck. Es ist weder angeboren, noch bildet es sich aus dem Nichts. Gewissen als autonome Instanz ist das Produkt von freiem moralischen Handeln und Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln.
Das Dreiecksverhältnis von autonomem Gewissen, Freiheit und Verantwortung lässt sich also nicht auflösen.
Die Gewissenspflege, also die Rückschau auf und die Bewertung von Handlungen (evaluativ) und die moralisch gestützte Entscheidungshilfe (präskriptiv) zu geplanten Handlungen, bringt die moralische Instanz erst hervor.
Insofern ist der Begriff „Pflege“ irreführend, weil man meint, es gebe da etwas zu pflegen, was schon vorhanden ist. Vielmehr entsteht das Gewissen erst durch den „pflegenden Gebrauch“, also durch Evaluation und Präskription.
Was war also zuerst vorhanden?
Das verantwortliche freie moralische Handeln.
Dieses muss aber eingeübt werden. Diese Art der Übung ist nicht spielerisch.

Jegliche Art von Spielerei entzieht der Freiheit den Boden, nämlich die Verantwortung.

Rollenspielereien im Unterricht sind demnach weder exemplarisch noch zielführend. Es ist Sozialisation in die falsche Richtung: Moral als Theater.

tmd.

Wie ein Himmel voller Seehunde

beste freunde
füreinander – Quelle: Olichel, Pixabay

Freundschaften zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten sind nicht leicht für die Beteiligten. Wenn es sich um eine Liebesbeziehung handelt, wird die Angelegenheit nicht einfacher. Wenn einer aus der Oberschicht kommt, der andere aus der Unterschicht. Familie und Freunde akzeptieren nicht einfach den „Fremden“.
So ergeht es Lollo, Mädchen aus reichem Hause. Mit ihren Eltern macht sie Ferien auf einer Insel vor Schwedens Küste. Der Freund ihres Bruders ist auch dabei. Ein Traumpaar, meinen Lollos Freunde und Freundinnen.
Lollo ist aber in Gedanken bei Anna. Anna macht auch Ferien auf dieser Insel. Aber Anna kommt aus der Unterschicht. Ihr Vater ist Alkoholiker und erwerbsunfähig. Das einzige, was Anna besitzt ist das Ferienhaus, das ihr der Vater bereits vererbt hat, damit das Finanzamt es nicht pfändet. Und Anna ist eine Überlebenskünstlerin. Genau das bewundert Lollo. Und: In Gegenwart von Anna entdeckt sich Lollo neu.
Was Lollo nicht fertigbringt, ist, im entscheidenden Moment sich zu der Freundin zu bekennen.
Nur ein Augenblick entscheidet darüber, dass die gesellschaftlichen Schranken sich schließen. Anna leidet unter dieser Demütigung. Lollo erkennt, dass sie erwachsen werden muss, Verantwortung übernehmen muss. Hier die Aussicht auf das oberflächliche Leben mit einem arroganten Angeber (der Freund ihres Bruders) an ihrer Seite, dort ein Mensch, zu dem sie sich von ganzem Herzen hingezogen fühlt.

Sara Lövestam, Wie ein Himmel voller Seehunde, 2017.

tmd.

Entscheiden und Begründen

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Wie soll ich mich entscheiden? – Quelle: Pexels, Pixabay

In einer Dilemma-Geschichte wird davon erzählt, dass sich jemand entscheiden muss zwischen zwei Handlungen. Beispielsweise muss er oder sie sich entscheiden, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen. Egal ist nun, was er/sie macht. Das Ergebnis ist in jedem Fall unangenehm. Nicht zu handeln geht übrigens gar nicht.
Beispiele stehen in jedem Ethikbuch.
Moralisch interessant sind Dilemma-Geschichten nicht deshalb, weil sie nie ein gutes Ende haben. Es geht darum, die Entscheidung, wenn sie getroffen ist, zu begründen.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Dilemma-Geschichten in seinen Forschungen verwendet, weil er wissen wollte, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihre Handlungen und Entscheidungen begründen. Die Entscheidungen selbst waren bei den Versuchspersonen nicht sehr verschieden. Unterschiede gab es aber bei den Begründungen. Kinder begründeten ihre Entscheidungen mit der Angst vor Strafe. Jugendliche berufen sich auf Gesetze und Regeln. Ältere Erwachsene begründeten ihre Entscheidung mit dem Wohl der Gemeinschaft oder mit allgemeinen universellen Lebensregeln – beispielsweise mit den Menschenrechten.
Was haben diese psychologischen Erkenntnisse im Ethikunterricht zu suchen?
Psychologen meinen, dass die moralische Entwicklung des Menschen in Abschnitten verläuft. Moral ist also eine Sache des Erwachsenwerdens. Es läuft aber nicht automatisch ab. Es ist gekoppelt an die Entwicklung der Identität. Wer nicht an der Konstruktion einer eigenen Identität arbeitet, der kann durchaus noch als Erwachsener in Dilemmasituationen sein Handeln wie ein Jugendlicher oder Kleinkind begründen.
Eine Hilfe bei der Identitätskonstruktion ist die Selbsterkenntnis. Eine weitere Hilfe ist es, zu lernen, dass man für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss. Verantwortung übernimmt man dann, wenn man sich bei seinen eigenen Handlungen nicht ausschließlich auf andere beruft. „Der oder jener hat gesagt, dass ich … .“
Und: Man kann Dilemma-Geschichte verwenden als Übungsmaterial. Wie würde ich entscheiden? Wie würde ich meine Entscheidung begründen?
Das hilft beim Erwachsen werden. Das hilft bei der Identitätskonstruktion.

tmd.

Merkzettel: Psychologische Deutung des Gewissens bei Freud

Wie ein Virenscanner sitzt das Über-ICH im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins.

Scan im Bewusstsein – Quelle: gagnonm1993, Pixabay

Sigmund Freud beschreibt das Gewissen als heteronomen (fremdbestimmten) Teil des Bewusstseins. Das Gewissen ist dabei abhängig von Erziehung und sozialer Umwelt.
Dem Analytiker Freud geht es nicht um die nähere Bestimmung eines psychischen Apparates, der für die Unterscheidung von Gut und Böse zuständig ist. Freud will Krankheiten, insbesondere Neurosen, behandeln und heilen. Diese Krankheiten sind das Ergebnis von Schuldgefühlen/Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis. Die Spannung von Schuld und Strafe muss aufgelöst werden. Freuds Vermutung: Neurosen sind Spannungslöser.
Das Modell des Gewissens von Freud ist einfach im Aufbau: Unterbewusstsein – ICH – Über-ICH. Das ICH ist die handelnde Person. Sie steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Unterbewusstsein und dem Über-ICH. Das Unterbewusstsein beherbergt die Wünsche des Menschen nach Lustbefriedigung. Das Über-ICH ist der Ort der anerzogenen Moralvorstellungen. Das ICH steht dazwischen und muss in seiner Umwelt handeln – gegen oder mit dem einen oder anderen Teil des Bewusstseins.
Das Über-ICH wacht über die Einhaltung der moralischen Vorstellungen. Es ist zunächst nur das Abziehbild der elterlichen Erziehung. Es löst sich jedoch von der sozialen Erziehungssituation und führt ein Eigenleben im Bewusstsein des Kindes. Das Kind fühlt sich auch dann von den Eltern beobachtet, wenn diese das amoralische Verhalten nicht bemerken – und zwar von dem Über-ICH.
Das Über-ICH sitzt wie eine App im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins wie ein Virenscanner.
Das Kind fühlt sich also schon mit den Wünschen im Unterbewusstsein ertappt und hat ein schlechtes Gewissen, hat Schuldgefühle. Diese Spannung aus Schuldgefühl und Strafbedürfnis (damit wieder alles in Ordnung ist) will das Kind/der Jugendliche beenden durch Spannungsauflösung. Selbstbestrafung ist hier die Lösung.
Genau das sind die Neurosen, die Freud behandeln will.

tmd.

Moralisches Urteilen und Pubertät

Erwachsen werden läuft nicht automatisch ab. Das meint man nämlich nur, weil die biologischen/physischen Veränderungen eigentlich nicht aufzuhalten sind.
Man wird eben älter, ob man will oder nicht.

Das, was da angeblich so automatisch abläuft, kann die Betroffenen aber ganz schön in Schwierigkeiten bringen. Verbunden mit dem Erwachsen werden sind nämlich auch seelische (psychische) und soziale Umbrüche. Nichts ist so wie bisher, wenn die Pubertät beginnt.

Während die physischen Veränderungen nicht aufzuhalten sind, kannst du die seelischen und sozialen Veränderungen zumindest irgendwie beeinflussen. Und du bist nicht vollkommen überrascht, wenn die Psyche Karussell mit dir fährt. Dazu musst du aber wissen, wie die Veränderungen ablaufen, und wie du sie kontrollieren kannst.

Individuell und ähnlich
Individuell und doch ähnlich – Quelle: 3194556, Pixabay

Es geht dabei zunächst um die Entwicklung und Steuerung von Identität und Individualität. Das ist der eine Schwerpunkt beim Erwachsen werden.
Einerseits willst du irgendwie sein, wie irgendein Vorbild. Andererseits willst du aber auch unverwechselbar sein.
Was den nun?
Beides brauchst du.

Identität und Individualität

Identität heißt: du hast ein eigenes Bild von dir selbst, wie und was du bist. Hier kannst du deinen Vorbildern ähneln.
Individualität heißt jedoch: Du hast ein Bild von dir, das unverwechselbar ist und einmalig. Es gibt dich nur einmal.

Individualität und Identität sind aber nur möglich durch Eigenleistung.
Eigenleistung heißt: Individualität und Identität musst du selbst herstellen.

Moralisches Urteilsvermögen

Es geht beim Erwachsen werden aber auch um die Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens. Moral haben schon Kinder, aber sie begründen ihre Moralurteile anders als du. Ist die Pubertät abgeschlossen, hat sich dein Urteilsvermögen wieder geändert. Aber nicht automatisch. Es gibt leider Menschen, die moralisch gesehen auf dem Entwicklungsstand eines Jugendlichen stehengeblieben sind.

Train the brain – Quelle: geralt, Pixabay

Dein moralisches Urteilsvermögen kannst du verbessern durch Erfahrungen machen, Diskutieren, Argumentieren. Das ist wie: Bodybuilding für den Geist. Schließlich verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn wird in der Pubertät kernsaniert.

tmd.