Identität: selbst gemacht

Selbstspiegelungen – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

„Ist Identitätsbildung ohne Eigenleistung, also ohne Identitätskonstruktion möglich?“, bin ich kürzlich von einer Schülerin gefragt worden. Die Frage ist berechtigt.
Identität und Identifizierung sind Begriffe, die in der 7. Klasse (G8) bereits erarbeitet werden. Dabei ist Identität die Summe der sozialen Merkmale, die jemand besitzt, wie Alter, Geschlecht, Herkunft usw. Identifizierung ist die emotionale Gleichsetzung mit einer anderen Person. Du willst so sein wie ein anderer.

Identitätsbildung ist also in der Tat ein Prozess, der auch passiv ablaufen kann. Du orientierst dich an Vorbildern, die auch von deinen Freunden und Freundinnen bevorzugt werden. Die meisten Menschen beginnen sehr spät damit, sehr eigene Entscheidungen bezüglich ihrer Rolle zu treffen, also wie sie sich selbst sehen und gesehen werden wollen. Damit allein ist „Individualität“, also Unvergleichbarkeit, möglich.

Viele Jugendliche in der Pubertät sehen auch die Nachteile von eigenverantwortlicher Identitätskonstruktion. Schnell wirst du damit zum Außenseiter oder Sonderling.

Was ist dann aber ausschlaggebend dafür, dass manche Jugendliche den Weg in eine selbst konstruierte Identität finden und andere ein Leben lang ein Abziehbild ihrer Umwelt bleiben?
Psychologen haben viel darüber nachgedacht und geforscht. Heute kann man den Grund einer selbst konstruierten Identität mit einem Begriff beschreiben: „Selbstwirksamkeit“. Du merkst, dass du dich im Vergleich zu früher verändert hast und siehst den Grund dafür in eigenen Entscheidungen.

Es gibt dazu zwei Merksätze, die ich verwende, um Identitätskonstruktion zu erklären.

  • „Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank schreibt das in ihrem Tagebuch. Du suchst und findest Veränderungen in deinem Leben in der Vergangenheit. Du vergleichst dich mit dir in der Vergangenheit. Nun kannst du entscheiden, ob du in Zukunft Veränderungen deiner Identität auch selbst steuern willst. Selbsterkenntnis ist das. Heutzutage nennt man das auch: Sich neu erfinden.
  • „Du sollst der werden, der du bist.“ Friedrich Nietzsche hat das geschrieben. Er meint, dass du dir einen Plan für dein Leben machen kannst und diesen dann verfolgst.

In beiden Fällen geht es darum, dass du feststellst, „selbst etwas bewirkt zu haben“. Das ist „Selbstwirksamkeit“.

Funktioniert das ohne Komplikationen?
Keineswegs! Es ist eigentlich ein sehr riskantes Spiel. Aber es ist auch sehr spannend. Sagen meine SuS.

tmd.

SMS FÜR DICH von Sofie Cramer

Mehrere SuS haben mich gefragt, ob ich eine Inhaltsangabe und Bewertung zum Roman von Sofie Cramer für den Ethik-Blog schreibe. Ich komme dem Wunsch gerne nach, weil ich hoffe, dass auf diese Weise das Interesse geweckt wird, im Ethikunterricht Bücher (und nicht nur Textschnipsel) zu lesen.

Sofie Cramer erzählt in ihrem Roman „SMS FÜR DICH“ die Geschichte von Clara und Sven. Die beiden lernen sich eher durch einen technischen Irrtum kennen. Nach einigen Irrungen und Verwirrungen kommt es dann doch zum Happy-End für die beiden.

Vertrauen – Quelle: nastya_gepp, Pixabay

Die Geschichte: Clara hat ihren Freund Ben bei einem tragischen Unfall verloren. Ben ist – vermutlich im Drogenrausch – vom Balkon gefallen. Clara tröstet sich damit, SMS-Nachrichten an die Handy-Nummer von Ben zu schicken. Was sie nicht weiß: Die Nummer von Ben wurde durch einen technischen Fehler neu vergeben. An Sven. Der erhält die sehr romantischen und traurigen SMS-Nachrichten von Clara. Anfangs will er sofort antworten, die Verwechslung aufklären und die Angelegenheit beenden.
Doch dann entscheidet er sich anders und will den Absender kennenlernen. Seine Suche ist erfolgreich. Er lernt Clara kennen und verliebt sich in sie. Er erzählt aber Clara nichts von den SMS-Nachrichten, die er von ihr (an Ben‘s Nummer) erhalten hat. Als er ihr die Wahrheit erzählen will, stellt er sich so plump an, dass Clara sich von ihm hintergangen fühlt. Sie meint, er hat ihr Vertrauen missbraucht. Sven will die Sache in Ordnung bringen und Clara um Verzeihung bitten. Er schreibt ihr eine SMS von der ehemaligen Nummer von Ben. Praktisch auf der letzten Seite des Romans finden die beiden wieder zusammen.

Meine Beurteilung:
Ben nannte Clara „Lilime“. Das wusste außer den beiden niemand. Sven erwähnt den Namen und es kommt zum Zerwürfnis (S. 227). Über 200 Seiten wird Sven als eine Person beschrieben, die sehr bedacht handelt. Dass er in einer so wichtigen Sache einfach so drauflos plaudert, das passt nicht.
Sven erwirb das Vertrauen von Clara. Er selbst spielt aber nicht mit offenen Karten. Auch als er sich wieder mit ihr versöhnen will, spielt er den „wissenden“ Beobachter. Clara ist wieder in der Position, dass sie von seinen taktischen Zügen abhängig ist.

Moralisch ist das Verhalten von Sven nicht hinnehmbar.
Vertrauen funktioniert nur auf Augenhöhe.

Sven ist immer einen Zug voraus und kann mit den Entscheidungen von Clara spielen. Das macht ihn eigentlich zu einem eher fiesen Charakter.

Das Buch eignet sich als negatives Beispiel für gelebtes Vertrauen. Bis zur letzten Zeile schenkt Clara Vertrauen. Sven ist Lichtjahre entfernt von einem solchen Wesenszug.
Der letzte Satz im Roman will nahelegen, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt. „Vielleicht war es ja gar kein Zufall.“ (S. 239) Clara will damit auch noch die letzten Zweifel an das Verhalten von Sven tilgen. In der Rückschau hilft das dem Leser wenig. Sven hat – einfach gesprochen – verantwortungslos gehandelt. Fazit: Eine geeignete Geschichte, um zu zeigen, was Vertrauen und Verantwortung NICHT sind.

tmd.

Subjektive Wahrnehmung

Individualität – Quelle: geralt, Pixabay

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, heißt es in einem alten Ethik-Lehrbuch (G8). Hinter dem Satz steht ein bestimmtes Menschenbild. Alle Menschen sind von Natur aus irgendwie gut, aber doch auch und insbesondere verschieden. Diese Verschiedenheit macht uns untereinander so interessant und leider auch das Zusammenleben so kompliziert. Das Individuelle gefällt uns, aber eben nicht immer. Dann wird Ablehnung und Ausgrenzung daraus. Eigentlich schade, dass wir die sehr subjektive Wahrnehmung eines anderen Menschen nicht grundsätzlich als etwas positives sehen. Also müssen wir dann doch auf das Allgemeine (alle Menschen sind gleich) ausweichen, damit wir miteinander friedlich umgehen können.

tmd.

Transidentität

Ein Thema ist in der Kategorie Jugendbuch angekommen: die Transidentität. Lisa Williamsons Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“ und „George“ von Alex Gino sind nur der Auftakt gewesen. Jetzt hat die Wochenzeitung DIE ZEIT nachgelegt mit einem Bericht über transidente Kinder: „Das ist kein Spleen“, Nr. 47, 10. November 2016.

Im Schulunterricht könnten wir es – das Thema – finden, in Biologie. Unverzichtbar ist Transidentität jedoch im Fach Ethik. Im Moralunterricht gehört es zum Thema Erwachsenwerden. An bayerischen Gymnasien ist das der Fall in der 7. Klasse. Dort findet man aber bisher nichts zum Themenkomplex LGBT (Lesbian, Gay, bisexuel, Transgender).

Intersexualität
Gleich oder unterschiedlich – Quelle johnhain, Pixabay

Dort, wo sich Anknüpfungspunkte böten, werden sie nicht genutzt. Gemeint ist das Tagebuch der Anne Frank mit den entsprechenden Eintragungen vom 6. Januar 44 ff. Die Zahl der Kinder, die sich im eigenen Körper nicht zuhause fühlen nimmt zu, schreibt Martin Spiewak in DIE ZEIT. Mehr Mädchen als Jungs sind betroffen. Die Fachärzte nehmen die Sorgen und Wünsche ihrer jungen Patienten ernst. Problematisch ist die Umwelt der Kinder: die Gleichaltrigen, die Eltern, die Lehrer. Sie brauchen meist genau soviel Hilfestellung wie die betroffenen Kinder.

Warum ist das ein Thema für den Moralunterricht? Weil hier nach Meinung der Methodologen der geeignete Ort sein soll, um Empathie zu üben. Mitgefühl mit Mädchen, die eigentlich lieber Jungs sein wollen und umgekehrt.
Es geht hier aber nicht um einen spaßigen Kleiderwechsel nach dem Motto, wie fühlt man sich als Junge im Minirock. So stellen sich das die Methodologen wohl vor. Es ist aber kein gespielter Rollentausch, in dem Kinder sich die Vorteile des anderen Geschlechts herauspicken und genießen.

Es geht darum, dass der Aufbau einer eigenen Identität für transidente Kinder ein Höllentrip ist. Sie sollen sich eine entsprechende Rolle (als Mann oder Frau) aneignen. Das ist unter normalen Umständen schon für viele Jungs ein hoch riskantes Pokerspiel mit schlechten Karten auf der Hand. Es ist aber außerdem ein Wettlauf mit der Zeit, wenn es um eine Rolle geht, die sie einerseits zutiefst ablehnen, in die sie andererseits aber ohne medizinische Hilfe naturnotwendig „hineinwachsen“.

Mitgefühl für diese Kinder wird nur erzeugt durch Erklärungen, Gespräche, Aufklärung. Mitgefühl kann aber auch ganz pragmatisch so aussehen, wie es der ZEIT-Autor erzählt. Die Mitschüler akzeptieren in einem Fall den radikalen Rollenwechsel und – die Angelegenheit ist kein Aufreger mehr.

tmd.

Every girl needs a best girlfriend, but a boyfriend too.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Liebe Oma Maria,
du kennst dich doch aus mit Psychologie und so. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Also im Unterricht haben wir nur einige Seiten gelesen. Den Eintrag vom 25.4.44 haben wir gelesen. Das mit dem Satz, dass man erst merkt, wenn man verändert ist, wenn man sich verändert hat. Also das ist doch klar, das weiß ich schon. Ich schreibe doch selbst Tagebuch. Es war wieder sooooo langweilig. Und warum soll ich mit Mama und Papa streiten? Ich habe andere Probleme. Kannst du mir helfen? Ich habe mir das Buch der Anne Frank von Mama aus dem Arbeitszimmer geholt und die Einträge vorher gelesen und die vom 6. Januar und danach. Da lag ein Lesezeichen drin. Lies das mal und dann kommen meine Fragen.
deine Lieblingsenkelin(!) Anna

Anne Frank
Quelle: Wikipedia, Unknown photographer; Collectie Anne Frank Stichting Amsterdam

E-Mail von Oma Maria an Anna
Meine liebe Anna,
ich weiß, worum es geht. Ich habe dennoch alles nochmal gelesen. Ist ja so lange her, als ich es das erste Mal gelesen habe. Sollten wir nicht besser telefonieren?
Oma M.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Es ist wichtig, Oma!
Hat die Anne Frank (die heißt ja fast so wie ich) ein anderes Mädchen geliebt?? Und warum hat sie dann auch den Peter geliebt?
deine Anna

E-Mail von Oma Maria an Anne
Das ist alles eigentlich sehr einfach, aber dann doch wieder kompliziert.
Mädchen in deinem Alter schwärmen manchmal von anderen Mädchen. Gleichzeitig finden sie es aber auch interessant, einen Freund zu haben.
Viele Kinder denken, dass sie eine bestimmte Rolle erlernen und spielen müssen. Aber das muss so nicht sein. Also, Mädchen finden die Jungs irgendwie gut, aber sie finden manchmal andere Mädchen eben auch attraktiv, sind verliebt. Irgendwann entscheiden sie sich dafür, dass entweder Jungs oder Mädels wichtiger für sie sind. Das weiß man vorher nicht. Telefonieren wir nochmal?
deine besorgte Maria-Oma

SMS von Anna an Oma Maria
ich habe jetzt einen Freund!! Er ist echt süß!!! Du musst ihn kennenlernen.
Anna (in love)

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 3

In Freizeit, Schule und später im Beruf stellen meine Mitmenschen unterschiedliche Anforderungen an mich, denen ich nachkommen muss. Ich erbringe Leistungen entsprechend der Erwartungen, die an mich gestellt werden. Aber ich erwarte gleiches von meiner sozialen Umwelt.

Ich erwarte, dass mich der Taxifahrer dorthin bringt, wo ich hin will. Ich erwarte sogar, ohne vorher gefragt zu haben, dass der Taxifahrer einen Führerschein und eine Berechtigung zum Taxifahren hat. Das Bild, das ich mir vom Taxifahrer mache, ist also viel umfangreicher, als aus dem kurzen Gespräch mit ihm (Fahren sie mich zum Flughafen!) deutlich wird.
Alles das, was ich von jemandem erwarte, dass er es leistet, das nennt man eine soziale Rolle. Leistungen und Erwartungen entsprechen sich also.

Was ist aber, wenn jemand unsere Erwartungen nicht erfüllt, wenn er die Leistung, die er in seiner Rolle zu erbringen hat, eben nicht erbringt? Dann reagieren wir grundsätzlich mit Kritik, wir weisen den anderen zurecht, oder wir sind erstaunt, dass jemand sich nicht an die „Spielregeln“ hält. In manchen Fällen versuchen wir die Verletzung der Spielregeln zu übersehen. Wir tun so, als ob wir die Regelverletzung nicht bemerkt haben. Soziologen nennen das „healing“. Damit ist gemeint, dass wir die Rolle des andern, der gerade „aus der Rolle gefallen“ ist, stabilisieren wollen. Erst wenn der andere keine Anstalten macht, die Verletzung meiner Erwartungen durch Leistungen wieder gut zu machen, dann drohe ich mit Bestrafung, fachsprachlich „Sanktionen“. Werde ich aber auch belohnt, wenn ich alles richtig mache? Eigentlich nicht. Denn das „alles richtig machen“ gehört schließlich zu meiner Rolle. Das wird von mir erwartet. Soziologen haben aber auch das richtige „Rollenverhalten“ mit einem Fachwort belegt: Gratifikation (=Belohnung). Warum spiele ich brav meine Rolle, wenn ich nicht dafür belohnt werde? Weil ich am allgemeinen „Rollenspiel“ mitmachen will, das heißt, ich darf am sozialen Leben teilnehmen, ich werde nicht ausgeschlossen. Das Teilnehmen an der Gesellschaft ist für uns fast aus dem Blickfeld geraten. Wir sind es einfach gewohnt „mitzumachen“. Wir „wertschätzen“ kaum, was antike Philosophen als unverzichtbar bezeichnet haben. Der Mensch ist ein „politisches Wesen“.

Eine Rolle spielen
Rollenspiel – Quelle: Unsplash, Pixabay

Zurück zur sozialen Rolle. Es gibt Rollen, an die werden sehr viele verschiedene Erwartungen gestellt. Ein Lehrer muss fordern und fördern, heißt es. Er muss Autorität aber auch Vorbild sein. Er darf nicht Kumpel sein, aber auch nicht Oberlehrer. Zusammengenommen bilden diese verschiedenen Erwartungen ein „Rollenbündel“. In diesem Rollenbündel dürfen sich die Erwartungen nicht widersprechen.

Man hat jedoch nicht nur eine Rolle. Ein Lehrer ist auch Privatmensch, Vater/Mutter, Freund/Freundin usw. Diese Rollen können sich allerdings widersprechen. Bekanntestes Beispiel sind die Rollen, die man im Beruf spielt und die als Elternteil. Diese beiden Rollen zu vereinen, ist nicht so einfach. Auch heute, in Zeiten der Gleichberechtigung, sagen viele Frauen, dass sie sich einen Beruf ausgesucht haben, in dem sie Zeit für die Familie haben. Neuerdings ergeben Meinungsumfragen, dass auch Männer die Familie als wichtiger erachten als den Beruf.

Lange wurde in der Philosophie und Soziologie darüber diskutiert, ob es so etwas wie den „eigentlichen“ Menschen hinter den Rollen gibt. Eine Rolle „spielen“ legt schließlich nahe, dass es nur Spiel ist, dass man es auch sein lassen kann und nicht mehr spielt. Aber was ist dann?
Es gibt hinter den Rollenmasken, die wir ständig tragen und auch je nach Situation wechseln, nichts. Wir sind auf die Rollenmasken angewiesen. Keine Rolle spielen und sich „echt“ verhalten, ist die Rolle des „Nichtspielers“. Auch an sie stelle ich Erwartungen und hoffe auf Leistungen.

Kleine Aufgabe zum Nachdenken: Beschreibe die Rolle des „Nichtspielers“.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 2

Me - you - we
Die anderen und ich – Quelle: geralt, Pixabay

Soziale Interaktion: Ich und die anderen.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig und sind gebündelt, solange sie sich nicht widersprechen. Es lässt sich jedoch nicht vermeiden, dass ich unterschiedliche Rollen übernehme oder übernehmen muss, die sich sehr wohl widersprechen können. Daraus entstehen dann die sogenannten Spannungsfelder von Rollen. Das sind die „intrapersonalen“ Konflikte. Sie äußern sich letztlich in Dilemma-Situationen und einem schlechten Gewissen, was wiederum zu Normenkollisionen führt und letztlich im Gewissensmissbrauch enden kann.

Soll ich, kann ich, darf ich einem Menschen helfen, mit dem ich befreundet bin, der aber straffällig geworden ist und ich auf der Seite der Strafverfolgung arbeite?

Soziale Interaktion: Ich mit mir selbst.
Erwartungen, die ich an mich selbst richte, muss ich auch selbst mit Leistung bedienen. Dass es sich hier um Erwartungen handelt, die mir anerzogen wurden, weiß ich zwar, aber (siehe Freud und das Gewissen) ich habe die Erwartungen internalisiert (in mich eingepflanzt).
Mittels dieser internalisierten Erwartungen baue ich mir eine eigene Identität. Ich bin das, wozu andere mich gemacht haben, aber auch das, wozu ich mich selbst erfunden habe.

Überwiegt bei diesem Identität bildenden Prozess meine eigene Aktivität, dann habe ich unter Umständen eine stabile Persönlichkeit. Überwiegt dagegen die passive Anpassung, dann leide ich unter meiner anerzogenen Identität.

Die Folgen eines anerzogenen Rollensets sind fehlende soziale Kompetenz und schwere psychische Schäden. Bekanntestes Beispiel ist die leere Persönlichkeit, der Narzist. Narzissmus ist hier nicht die mythologische Selbstliebe, sondern das krankhafte Festhalten an antrainierten Rollenmustern. Diese antrainierten Rollenmuster sind (bildlich) die Hülle für eine ansonsten leere Identität. Eine Veränderung der Rollenmuster stellt für einen Narzisten eine Katastrophe dar, weil er seine Ich-Identität in Gefahr sieht. Er löst sich buchstäblich auf. Er kann aus sich heraus keine neuen Rollen aufbauen.

Wer dagegen seine Ich-Identität aktiv selbst gestaltet hat, kann auch Veränderungen vornehmen. Identitätsbildung ist also aktives Rollenmanagement und Rollen-building.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 1

(Anm.: Die Überschrift dieses Beitrags bezieht sich auf den Titel der deutschen Übersetzung des Soziologie-Klassikers von Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, 1959)

Im Folgenden ist das Basiswissen zum Thema soziale Rolle zusammengefasst. Dabei ist der Bezug zum moralischen Handeln ausgeblendet. Das wird in einem anderen Beitrag erfolgen. Hier geht es nur darum, zu verstehen, dass soziale Rollen nicht angeboren sind, sondern Eigenleistungen von Menschen sind.

Theater, Rolle spielen
Spiel deine Rolle – Quelle: Unsplash, Pixabay

Seine Rollen muss man spielen, wie ein Schauspieler.

Unsere Erwartungen an die Handlungen anderer Menschen entsprechen den Leistungen, die diese anderen Menschen für uns erbringen sollen. Unsere Leistungen anderen Menschen gegenüber entsprechen folglich den Erwartungen, die von anderen Menschen an uns gerichtet werden. Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig aufeinander bezogen.

Man kann Erwartungen, die sich nicht widersprechen (also nichts Widersprüchliches verlangen) zu sogenannten Erwartungsbündeln zusammenfassen. Diese Erwartungsbündel sind soziale Rollen. Sozial sind diese Rollen deswegen, weil sie uns nicht von Natur gegeben sind, sondern von Menschen gemacht wurden und werden. (Achtung! Rollen ändern sich auch.)

Soziale Rollen – also die gebündelten Erwartungen/Leistungen – können von Menschen übernommen werden oder auch nicht. Wenn ich sie aber übernehme, dann wird von mir erwartet, dass ich die Leistungen, die zu den Erwartungen gehören, auch erbringe.

Beispiel: Schüler/in am Gymnasium. Wer hier mitmachen will, der muss sich an die Regeln halten. Ansonsten wird er für die enttäuschten Erwartungen (keine Leistungen erbringen) bestraft (fachsprachlich: sanktioniert). Im Klartext: Er muss die Schule wegen fehlender Leistungen verlassen. Leistungen sind hier Noten, aber auch angemessenes Verhalten.
Beispiel Berufsleben: Wer sein Geld mit Arbeit in einer frei gewählten Tätigkeit verdienen will, der muss die verlangten Leistungen erbringen, ansonsten wird ihm gekündigt, weil er die Erwartungen enttäuscht hat.

Werden die Leistungen nicht erbracht, dann kommt es also zu Sanktionen (Bestrafungen). Werden die Leistungen erbracht, dann folgen Gratifikationen (Belohnungen). Sanktionen und Gratifikationen stabilisieren das soziale Rollenverhalten. Die Menschen können sich also zunächst darauf verlassen, dass sich alle wechselseitig an die vereinbarten Erwartungen und Leistungen halten.

Jeder Mensch steht aber auch im Zentrum von unterschiedlichen Erwartungen, die zu entsprechenden Erwartungsbündeln, also sozialen Rollen gehören. Man nennt das „das Spannungsfeld der Erwartungen“.
Beispiel: Rolle als berufstätige Mutter, eventuell auch alleinerziehend. Sind die Kinder krank, sieht sie sich widersprechenden Erwartungen gegenüber. Der Arbeitgeber will ihre Arbeitskraft. Ihre Kinder brauchen sie auch.

Was lernen wir?
Rollenverhalten und eine Rolle spielen, das ist nicht angeboren, das muss gelernt werden. Man muss seine Rolle bewusst spielen und Distanz zu seiner Rolle haben (wie ein Schauspieler), damit man sich nicht sklavisch an die Rolle gebunden fühlt, sondern sie eigenverantwortlich auch verändern kann. Denn: Rollenverhalten ist eine Eigenleistung des Menschen.

tmd.