Individualisierung revisited

Frau vor Horizont
Individualisierung macht die Arbeitswelt weiblich – Quelle: FreeFotos, Pixabay

Der Begriff „Individualisierung“ bereitet doch mehr Schwierigkeiten bei der Erarbeitung als erwartet. Deshalb gibt es hier noch einige Präzisierungen.
Individualisierung ist ein soziologischer Fachbegriff. Es geht um den Wandel von Fremd- zur Selbstbestimmung. Individualisierung ist eine soziale Tatsache. Soziale Tatsachen treten uns wie „Dinge“ gegenüber. Sie üben einen gewissen Zwang auf uns aus. Auch Selbstbestimmung übt Zwang aus.
Beispiel: An die Rolle der Ehefrau und Mutter wurden bis in die 70er Jahre Erwartungen gestellt, die von den meisten verheirateten Frauen auch geleistet wurden. Es bestand also ein gewisser Zwang, diese Rollen-Erwartungen zu erfüllen.
Individualisierung beschreibt nun den Prozess, dass diese Rollen und die damit verbundenen Erwartungen teilweise weggefallen sind. An Stelle dieser Erwartungen sind andere getreten, nämlich die Erwartung, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Frauen können und dürfen arbeiten gehen, Karriere machen oder auch nicht. Sie können Kinder haben wollen und eine Familie gründen oder auch nicht.
Und genau an dieser Stelle beginnen die Verständnisschwierigkeiten. Die soziale Tatsache „Individualisierung“ tritt den einzelnen Akteuren im sozialen Leben wie eine feststehende Sache, ein „Ding“ gegenüber. Soziale Tatsachen sind Zwänge in Form von Normen, Werten und Verpflichtungen. Wie die Akteure mit den Erwartungen umgehen, ist nun eine rein psychologische Angelegenheit. Bedienen sie die Erwartungen mit Leistungen, dann ist es in Ordnung, wenn nicht, drohen Sanktionen (Bestrafungen). Vor diesem sozialen Hintergrund der Erwartungen und Leistungen muss sich der einzelne Mensch entscheiden.
Viele SuS sind nun erstaunt, wenn sie feststellen, dass „Individualisierung“ nicht reibungslos funktioniert. Man hat zwar die Möglichkeit, sein eigenes Leben frei zu erfinden und zu gestalten, trifft dabei aber auf Widerstände, die wiederum sozialer Natur sind.
Beispiel: Frauen sind zwar die Gewinner der Individualisierung, weil sie in unserer auf Wissen und Kompetenz gebauten Arbeitswelt langsam die Führungsrolle (auch quantitativ) übernehmen. Aber die Alltagswelt ist nicht so, dass sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen.
An diesem Punkt werden die Erklärungen, „warum ist das so?“, immer komplexer und komplizierter.
Denn die Baumeister und Konstrukteure der „Individualisierung“ sind selbstverständlich die Menschen selbst.
Zurecht fragen die SuS, warum die Baumeister der sozialen Zwänge diese nicht abstellen bzw. verändern? Das tun sie auch in Form von politischer Sozialgesetzgebung. Dennoch erklärt das nicht die Widersprüche, die uns im Alltagsleben begegnen. Wir können frei handeln und haben zahlreiche Wahlmöglichkeiten. Die negativen Effekte unseres Handelns müssen wir uns aber selbst zurechnen. Motto: Du bist frei, mach was draus.

Dahinter steht die alte Frage: Sind wir als Konstrukteure der sozialen Welt die Lösung oder Teil des Problems?

Wir stellen soziale Welt her und leiden gleichzeitig darunter. Karl Marx würde das als klassischen Widerspruch bezeichnen. Am Beispiel der „Individualisierung“ hätte er Recht. Frauen sind die Akteure unserer auf Wissen und Dienstleistung gestellten Gesellschaft. Diesen neuen „Produktivkräften“ widersprechen die noch vorhandenen alten Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft, die Frauen dazu zwingen entweder auf Familie oder auf Karriere zu verzichten.
Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich die Widersprüche auflösen.

tmd.

Zwischen Individualität und Anpassung

Der moralische Aspekt des selbstbestimmten Leben ist einfach zu ermitteln. Es geht um die Normen und Werte, denen jemand folgen will. Im besten Fall sind diese Normen geeignet, das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei zu gestalten.

Der sozial-psychologische Aspekt der Selbstbestimmung öffnet jedoch ein weites Feld. Individuell will jeder sein, aber dennoch auch dazugehören, also den anderen ähnlich sein. Gut wäre es, wenn es bei dem Hin und Her zwischen Individualität und Anpassung so etwas wie einen Mittelwert gäbe, der genau das ist, was beides bestens bedient. Das ist aber nicht so. Anpassung wird ausgelebt. Das ist Anpassung in Mode, Musik usw.

drei Frauen am Meer
Individuell bleiben – Quelle: Pexels, Pixabay

Freiheit ist das nur auf den ersten Blick. Es ist nur Freiheit unter der Bedingung der Gleichheit. Wir gewöhnen uns also immer mehr an eine Gleichheits-Freiheit: Freiheit als prêt-à-porter.
Erstaunlicherweise merken wir nur am Rande, dass sich die angebotene Freiheit von der Stange mit Regelmäßigkeit ändert. Ebenso interessant ist es, dass z.B. die Modezyklen ungebrochen weitergehen, aber gleichzeitig auch Moden konserviert werden.

Man kann einem Milieu angehören, dass nicht mehr aktuell ist, Kulturnischen bleiben bestehen, auch wenn die ursprüngliche Alterskohorte längs ausgestorben ist. Die Mode- und Kulturnischen stehen wie fahrende Händler inmitten der Gesellschaft und laden zur Einkehr ein.
Es ist ein Zeichen von Kompetenz, das möglichst bald zu durchschauen. Denn erst dann hat man so richtig Freude daran, frei das zu wählen, was andere auch wollen.

tmd.

Merkzettel: Sinnfindung

Der Sinn des Lebens ist eine Eigenleistung.
Sinn ist individuell.
Sinnfindung begleitet das gesamte Leben.
Merksatz: „Seinen Weg finden“, von Konstantin Kolenda.
Seinen = Individualität;
Weg = Kontinuität;
finden = Eigenleistung.

seinen Weg finden
Seinen Weg finden – Quelle: JESHOOTS, Pixabay

Jeder erfindet seinen Sinn des Lebens nicht neu. Wir alle bedienen uns an Antworten auf die Sinnfrage aus unserer Kultur.

  • Es gibt konventionelle Antworten, die den Sinn in Partnerschaft, Vergnügen, Wohlstand usw. sehen.
  • Es gibt philosophische Antworten, die sich mit Selbstverwirklichung und geistig-moralischer Weiterentwicklung beschäftigen.
  • Es gibt psychologische Deutungen, die Erwartungen und Bedürfnissen der Menschen untersuchen.

Sinnsuche und Sinnfindung hat besondere Bedeutung an sogenannten Wendepunkten des Lebens und in Krisensituationen/Grenzsituationen.
Wendepunkte sind z.B. der Übergang von Kindheit ins Erwachsenenalter – Pubertät.
Psychologen sagen, dass Jugendliche in dieser Zeit vier wichtige Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen:

  • Entwicklung von Autonomie und Ablösung vom Elternhaus
  • Identität und Geschlechtsrolle werden aufgebaut
  • Moralvorstellungen werden weiterentwickelt (Kohlberg-Schema)
  • Entwurf für die Zukunft des Lebens wird gemacht

Sinnkrisen und Grenzsituationen sind tiefe Einschnitte in das Alltagsleben. Dazu gehören: Tod, Leid, Schuld.
Sinnkrisen und Grenzsituationen werden bewältigt durch Selbsterkenntnis und Wahrheitsliebe. Hier ist wichtig, die Situation nicht zu verleugnen.

Selbsterkenntniss suchen
Sinnfindung ist Selbsterkenntnis – Quelle: Anemone123Pixabay

Zwei Philosophen lernen wir in diesem Zusammenhang kennen.
Karl Jaspers und Viktor E. Frankl.
Jaspers beschreibt Situationen wie schwere Krankheit, Sterben und Schuld als Grenzsituationen, in denen der Mensch mit seinem Alltagswissen nicht mehr weiter kommt. Das sind Aufgaben, für die er keine Lösung gelernt hat. Er kann ihnen nicht ausweichen. Er muss „sich neu erfinden“ und das „Scheitern“ akzeptieren.
Frankl rät, in solchen Situationen nicht egoistisch auf sich selbst zu schauen, sondern zu fragen, was die Mitmenschen von einem erwarten. Also: Haltung zeigen und Würde bewahren.

tmd.

Ist der Weg wirklich das Ziel?

Trauer
vergeblich – Quelle: Counselling, Pixabay

Sinnfindung ist nicht die Übernahme fertiger Antworten auf die Sinnfrage. Sinnfindung ist ein Prozess, den ich selbst steuern kann und soll. Maßstab sind meine Erwartungen, die ich ans Leben stelle. Meine Erwartungen sind nicht unbeeinflusst von meiner sozialen Umwelt. Das kann ich bei der Sinnfindung berücksichtigen.
Eine Erwartung, die viele Menschen teilen, ist „glücklich sein“. Das Streben nach Glück wird dabei in den Vordergrund gestellt. Ist man nämlich erst mal glücklich, dann beginnt wieder das erneute Streben nach Glück.
Als Sinnspruch passt dazu: „Der Weg ist das Ziel“. Gemeint ist damit, das Tätigsein steht im Vordergrund.

Hält diese Gedankenfigur einer Prüfung in der Wirklichkeit stand?

Was soll jemand, der sich Jahre abgemüht hat für seinen beruflichen Erfolg, mit dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“ anfangen, wenn seine Bemühungen nicht erfolgreich sind? Wie fühlt sich ein Kind, dass jahrelang auf das Abitur hin gearbeitet hat, wenn es im Abschluss nicht gelingt? Es gibt noch viele Beispiele. Sie führen alle dazu, den Sinnspruch in Frage zu stellen.
Der Weg ist eben nicht das Ziel, wenn alles vergebens war. Es hilft den Betroffenen auch nicht weiter, wenn man ihnen sagt, dass sie durch die Niederlage an Persönlichkeit gereift sind. Darauf kann man gerne verzichten.

Und es gibt einen weiteren Aspekt, das Tätigsein nicht so hoch zu hängen. Das Gefühl des Glücks, der Zufriedenheit nach einem Erfolg ist eben auch vorhanden. Wer einen Ausbildungsweg abgeschlossen, einen Wettkampf gewonnen hat, der ist glücklich. Diese Augenblicke gibt es. Sie machen den Weg erst zu dem, was er ist. Es ist der Abschnitt vor dem ersehnten Glücklichsein.

Wir sollten also nicht voreilig solche Sinnsprüche nacherzählen, ohne sie durchdacht zu haben. Der Weg ist eben nur dann das Ziel, wenn das Ziel auch erreicht wurde.

tmd.

Welcher Mensch werde ich gewesen sein?

Smartphone
Wer werde ich gewesen sein – Quelle: geralt, Pixabay

Sinnfindung ist eigentlich Kern der antiken Ethik. Wie werde ich ein glücklicher Mensch? Das ist die Frage, die sich der antike Mensch stellte. Mit Moral hatte das insofern etwas zu tun, als der antike Mensch davon ausging, dass er dann ein glücklicher Mensch sei, wenn er ein guter Mensch sei. Der Weg dorthin – zum Glück – lief über die Tugenden. Die musste man einüben.

Diese klare Methode zum Glücklichsein haben wir heute nicht mehr. Das beginnt schon damit, dass wir nicht mehr von Übungen reden, sondern nach Antworten auf die Sinnfrage suchen. Der Sinn im Leben ist dann nur etwas, dass ich einfach wissen muss und die Sache ist erledigt. Wenn es dann mit der Sinnsuche nicht funktioniert, dann ist fehlendes Wissen Schuld daran.

Den universell passenden Lebenssinn für jeden, den gibt es nicht.

Psychologen raten, den Sinn den eigenen Erwartungen ans Leben anzupassen. Wir müssen uns also erst einmal mit uns selbst auseinandersetzten. Sinnfindung ist Selbsterkenntnis. Psychologen sagen uns auch, dass sich der Sinn des Lebens im Leben ändern kann. Klar!, stimmen wir zu. Als Jugendliche hatten wir andere Ziele, als 40 Jahre später. Nur genau das – dass sich unsere Erwartungen ändern – klammern wir aus unserem aktuellen Leben aus. Die Frage im Futur II, „welcher Mensch werde ich gewesen sein?“, stellen wir uns nur selten bis nie.

Sinnfindung ist eine Angelegenheit, die wir eigentlich in absoluter Freiheit vornehmen sollten. Sobald wir fertige Lebensplanungen vorgesetzt bekommen, die nicht selbst konstruiert sind, sind wir nicht mehr frei und können damit eigentlich auch keine Verantwortung für unser Leben mehr übernehmen.

Anmerkung: Wenn ich jedoch davon ausgehe, dass mein Lebensweg schicksalhaft vorgegeben ist, dann brauche ich mir keinerlei Gedanken um Sinnfindung und Glück machen. Unter dieser Voraussetzung bin ich nicht mehr als ein ferngesteuerter Roboter. Nebenbei bemerkt: Aus der SF-Literatur wissen wir, dass auch KI-Wesen den Wunsch nach Freiheit und Emotionen hegen.

Freiheit und Verantwortung waren schon beim Erwachsenwerden ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden darf. Nur wenn ich frei entscheide, kann ich auch Verantwortung für mein Leben übernehmen. Um Freiheit und Verantwortung bei der Sinnfindung einzusetzen, braucht es wiederum die Vernunft. Vernunft verhindert, dass meine Freiheit in Willkür endet. Mein persönlicher Lebenssinn darf anderen Menschen nicht schaden.

Die Erwartungen, die ich an mein Leben stellen, muss ich mit meiner Leistungsfähigkeit vergleichen. Leistungen und Erwartungen sind auch so ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden kann.
Leistungen und Erwartungen zeigen, dass Sinn sehr individuell ist.

Selbstverständlich gibt es standardisierte Antworten, die sogenannten konventionellen Antworten auf die Sinnfrage. Diese Antworten orientieren sich aber an Mainstream und Mode. Und diese Antworten haben keine Lösungen anzubieten für die sehr individuellen Krisen im Leben.
Sinnfindung ist also eine sehr individuelle Angelegenheit.

tmd.

Identität: selbst gemacht

Spiegelungen
Selbstspiegelungen – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

„Ist Identitätsbildung ohne Eigenleistung, also ohne Identitätskonstruktion möglich?“, bin ich kürzlich von einer Schülerin gefragt worden. Die Frage ist berechtigt.
Identität und Identifizierung sind Begriffe, die in der 7. Klasse (G8) bereits erarbeitet werden. Dabei ist Identität die Summe der sozialen Merkmale, die jemand besitzt, wie Alter, Geschlecht, Herkunft usw. Identifizierung ist die emotionale Gleichsetzung mit einer anderen Person. Du willst so sein wie ein anderer.

Identitätsbildung ist also in der Tat ein Prozess, der auch passiv ablaufen kann. Du orientierst dich an Vorbildern, die auch von deinen Freunden und Freundinnen bevorzugt werden. Die meisten Menschen beginnen sehr spät damit, sehr eigene Entscheidungen bezüglich ihrer Rolle zu treffen, also wie sie sich selbst sehen und gesehen werden wollen. Damit allein ist „Individualität“, also Unvergleichbarkeit, möglich.

Viele Jugendliche in der Pubertät sehen auch die Nachteile von eigenverantwortlicher Identitätskonstruktion. Schnell wirst du damit zum Außenseiter oder Sonderling.

Was ist dann aber ausschlaggebend dafür, dass manche Jugendliche den Weg in eine selbst konstruierte Identität finden und andere ein Leben lang ein Abziehbild ihrer Umwelt bleiben?
Psychologen haben viel darüber nachgedacht und geforscht. Heute kann man den Grund einer selbst konstruierten Identität mit einem Begriff beschreiben: „Selbstwirksamkeit“. Du merkst, dass du dich im Vergleich zu früher verändert hast und siehst den Grund dafür in eigenen Entscheidungen.

Es gibt dazu zwei Merksätze, die ich verwende, um Identitätskonstruktion zu erklären.

  • „Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank schreibt das in ihrem Tagebuch. Du suchst und findest Veränderungen in deinem Leben in der Vergangenheit. Du vergleichst dich mit dir in der Vergangenheit. Nun kannst du entscheiden, ob du in Zukunft Veränderungen deiner Identität auch selbst steuern willst. Selbsterkenntnis ist das. Heutzutage nennt man das auch: Sich neu erfinden.
  • „Du sollst der werden, der du bist.“ Friedrich Nietzsche hat das geschrieben. Er meint, dass du dir einen Plan für dein Leben machen kannst und diesen dann verfolgst.

In beiden Fällen geht es darum, dass du feststellst, „selbst etwas bewirkt zu haben“. Das ist „Selbstwirksamkeit“.

Funktioniert das ohne Komplikationen?
Keineswegs! Es ist eigentlich ein sehr riskantes Spiel. Aber es ist auch sehr spannend. Sagen meine SuS.

tmd.

SMS FÜR DICH von Sofie Cramer

Mehrere SuS haben mich gefragt, ob ich eine Inhaltsangabe und Bewertung zum Roman von Sofie Cramer für den Ethik-Blog schreibe. Ich komme dem Wunsch gerne nach, weil ich hoffe, dass auf diese Weise das Interesse geweckt wird, im Ethikunterricht Bücher (und nicht nur Textschnipsel) zu lesen.

Sofie Cramer erzählt in ihrem Roman „SMS FÜR DICH“ die Geschichte von Clara und Sven. Die beiden lernen sich eher durch einen technischen Irrtum kennen. Nach einigen Irrungen und Verwirrungen kommt es dann doch zum Happy-End für die beiden.

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Vertrauen – Quelle: nastya_gepp, Pixabay

Die Geschichte: Clara hat ihren Freund Ben bei einem tragischen Unfall verloren. Ben ist – vermutlich im Drogenrausch – vom Balkon gefallen. Clara tröstet sich damit, SMS-Nachrichten an die Handy-Nummer von Ben zu schicken. Was sie nicht weiß: Die Nummer von Ben wurde durch einen technischen Fehler neu vergeben. An Sven. Der erhält die sehr romantischen und traurigen SMS-Nachrichten von Clara. Anfangs will er sofort antworten, die Verwechslung aufklären und die Angelegenheit beenden.
Doch dann entscheidet er sich anders und will den Absender kennenlernen. Seine Suche ist erfolgreich. Er lernt Clara kennen und verliebt sich in sie. Er erzählt aber Clara nichts von den SMS-Nachrichten, die er von ihr (an Ben‘s Nummer) erhalten hat. Als er ihr die Wahrheit erzählen will, stellt er sich so plump an, dass Clara sich von ihm hintergangen fühlt. Sie meint, er hat ihr Vertrauen missbraucht. Sven will die Sache in Ordnung bringen und Clara um Verzeihung bitten. Er schreibt ihr eine SMS von der ehemaligen Nummer von Ben. Praktisch auf der letzten Seite des Romans finden die beiden wieder zusammen.

Meine Beurteilung:
Ben nannte Clara „Lilime“. Das wusste außer den beiden niemand. Sven erwähnt den Namen und es kommt zum Zerwürfnis (S. 227). Über 200 Seiten wird Sven als eine Person beschrieben, die sehr bedacht handelt. Dass er in einer so wichtigen Sache einfach so drauflos plaudert, das passt nicht.
Sven erwirb das Vertrauen von Clara. Er selbst spielt aber nicht mit offenen Karten. Auch als er sich wieder mit ihr versöhnen will, spielt er den „wissenden“ Beobachter. Clara ist wieder in der Position, dass sie von seinen taktischen Zügen abhängig ist.

Moralisch ist das Verhalten von Sven nicht hinnehmbar.
Vertrauen funktioniert nur auf Augenhöhe.

Sven ist immer einen Zug voraus und kann mit den Entscheidungen von Clara spielen. Das macht ihn eigentlich zu einem eher fiesen Charakter.

Das Buch eignet sich als negatives Beispiel für gelebtes Vertrauen. Bis zur letzten Zeile schenkt Clara Vertrauen. Sven ist Lichtjahre entfernt von einem solchen Wesenszug.
Der letzte Satz im Roman will nahelegen, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt. „Vielleicht war es ja gar kein Zufall.“ (S. 239) Clara will damit auch noch die letzten Zweifel an das Verhalten von Sven tilgen. In der Rückschau hilft das dem Leser wenig. Sven hat – einfach gesprochen – verantwortungslos gehandelt. Fazit: Eine geeignete Geschichte, um zu zeigen, was Vertrauen und Verantwortung NICHT sind.

tmd.

Subjektive Wahrnehmung

Idividualität
Individualität – Quelle: geralt, Pixabay

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, heißt es in einem alten Ethik-Lehrbuch (G8). Hinter dem Satz steht ein bestimmtes Menschenbild. Alle Menschen sind von Natur aus irgendwie gut, aber doch auch und insbesondere verschieden. Diese Verschiedenheit macht uns untereinander so interessant und leider auch das Zusammenleben so kompliziert. Das Individuelle gefällt uns, aber eben nicht immer. Dann wird Ablehnung und Ausgrenzung daraus. Eigentlich schade, dass wir die sehr subjektive Wahrnehmung eines anderen Menschen nicht grundsätzlich als etwas positives sehen. Also müssen wir dann doch auf das Allgemeine (alle Menschen sind gleich) ausweichen, damit wir miteinander friedlich umgehen können.

tmd.

Transidentität

Ein Thema ist in der Kategorie Jugendbuch angekommen: die Transidentität. Lisa Williamsons Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“ und „George“ von Alex Gino sind nur der Auftakt gewesen. Jetzt hat die Wochenzeitung DIE ZEIT nachgelegt mit einem Bericht über transidente Kinder: „Das ist kein Spleen“, Nr. 47, 10. November 2016.

Im Schulunterricht könnten wir es – das Thema – finden, in Biologie. Unverzichtbar ist Transidentität jedoch im Fach Ethik. Im Moralunterricht gehört es zum Thema Erwachsenwerden. An bayerischen Gymnasien ist das der Fall in der 7. Klasse. Dort findet man aber bisher nichts zum Themenkomplex LGBT (Lesbian, Gay, bisexuel, Transgender).

Intersexualität
Gleich oder unterschiedlich – Quelle johnhain, Pixabay

Dort, wo sich Anknüpfungspunkte böten, werden sie nicht genutzt. Gemeint ist das Tagebuch der Anne Frank mit den entsprechenden Eintragungen vom 6. Januar 44 ff. Die Zahl der Kinder, die sich im eigenen Körper nicht zuhause fühlen nimmt zu, schreibt Martin Spiewak in DIE ZEIT. Mehr Mädchen als Jungs sind betroffen. Die Fachärzte nehmen die Sorgen und Wünsche ihrer jungen Patienten ernst. Problematisch ist die Umwelt der Kinder: die Gleichaltrigen, die Eltern, die Lehrer. Sie brauchen meist genau soviel Hilfestellung wie die betroffenen Kinder.

Warum ist das ein Thema für den Moralunterricht? Weil hier nach Meinung der Methodologen der geeignete Ort sein soll, um Empathie zu üben. Mitgefühl mit Mädchen, die eigentlich lieber Jungs sein wollen und umgekehrt.
Es geht hier aber nicht um einen spaßigen Kleiderwechsel nach dem Motto, wie fühlt man sich als Junge im Minirock. So stellen sich das die Methodologen wohl vor. Es ist aber kein gespielter Rollentausch, in dem Kinder sich die Vorteile des anderen Geschlechts herauspicken und genießen.

Es geht darum, dass der Aufbau einer eigenen Identität für transidente Kinder ein Höllentrip ist. Sie sollen sich eine entsprechende Rolle (als Mann oder Frau) aneignen. Das ist unter normalen Umständen schon für viele Jungs ein hoch riskantes Pokerspiel mit schlechten Karten auf der Hand. Es ist aber außerdem ein Wettlauf mit der Zeit, wenn es um eine Rolle geht, die sie einerseits zutiefst ablehnen, in die sie andererseits aber ohne medizinische Hilfe naturnotwendig „hineinwachsen“.

Mitgefühl für diese Kinder wird nur erzeugt durch Erklärungen, Gespräche, Aufklärung. Mitgefühl kann aber auch ganz pragmatisch so aussehen, wie es der ZEIT-Autor erzählt. Die Mitschüler akzeptieren in einem Fall den radikalen Rollenwechsel und – die Angelegenheit ist kein Aufreger mehr.

tmd.

Every girl needs a best girlfriend, but a boyfriend too.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Liebe Oma Maria,
du kennst dich doch aus mit Psychologie und so. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Also im Unterricht haben wir nur einige Seiten gelesen. Den Eintrag vom 25.4.44 haben wir gelesen. Das mit dem Satz, dass man erst merkt, wenn man verändert ist, wenn man sich verändert hat. Also das ist doch klar, das weiß ich schon. Ich schreibe doch selbst Tagebuch. Es war wieder sooooo langweilig. Und warum soll ich mit Mama und Papa streiten? Ich habe andere Probleme. Kannst du mir helfen? Ich habe mir das Buch der Anne Frank von Mama aus dem Arbeitszimmer geholt und die Einträge vorher gelesen und die vom 6. Januar und danach. Da lag ein Lesezeichen drin. Lies das mal und dann kommen meine Fragen.
deine Lieblingsenkelin(!) Anna

Anne Frank
Quelle: Wikipedia, Unknown photographer; Collectie Anne Frank Stichting Amsterdam

E-Mail von Oma Maria an Anna
Meine liebe Anna,
ich weiß, worum es geht. Ich habe dennoch alles nochmal gelesen. Ist ja so lange her, als ich es das erste Mal gelesen habe. Sollten wir nicht besser telefonieren?
Oma M.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Es ist wichtig, Oma!
Hat die Anne Frank (die heißt ja fast so wie ich) ein anderes Mädchen geliebt?? Und warum hat sie dann auch den Peter geliebt?
deine Anna

E-Mail von Oma Maria an Anne
Das ist alles eigentlich sehr einfach, aber dann doch wieder kompliziert.
Mädchen in deinem Alter schwärmen manchmal von anderen Mädchen. Gleichzeitig finden sie es aber auch interessant, einen Freund zu haben.
Viele Kinder denken, dass sie eine bestimmte Rolle erlernen und spielen müssen. Aber das muss so nicht sein. Also, Mädchen finden die Jungs irgendwie gut, aber sie finden manchmal andere Mädchen eben auch attraktiv, sind verliebt. Irgendwann entscheiden sie sich dafür, dass entweder Jungs oder Mädels wichtiger für sie sind. Das weiß man vorher nicht. Telefonieren wir nochmal?
deine besorgte Maria-Oma

SMS von Anna an Oma Maria
ich habe jetzt einen Freund!! Er ist echt süß!!! Du musst ihn kennenlernen.
Anna (in love)

tmd.