Wer hat die richtige Moral?

Wohin? – Quelle: geralt, Pixabay

Immer dann, wenn es um Entscheidungen geht, bei denen man den Menschen nicht traut, dass diese die Entscheidung selbst treffen können, wird ein Ethikrat befragt. Der soll dann entscheiden, was moralisch richtig ist. Wer sich dann mit dieser Entscheidung nicht abfinden will, der wird an den moralischen Pranger gestellt. Diskursethik ist das nicht gerade. Ethik wird dann dazu missbraucht, eine Meta-Moral anzusagen. Aber mit welcher Begründung? Vernunftgründe wie der Kategorische Imperativ sind es nicht. Es geht um Machtverhältnisse. Die müssen offengelegt werden.

Es gibt niemanden, der ein Privileg hat, für die Moral zuständig zu sein. (Otfried Höffe, Philosoph, in einem Interview, fluter, 2005)

tmd.

Meta-Ethik

Die Goldene Regel ist als Handlungsanweisung in kleinen Gruppen mit gleicher moralischer Ausrichtung durchaus anwendbar. Doch Menschen sind nun mal verschieden. Insbesondere, wenn sie aus verschiedenen Kulturkreisen kommen oder verschiedene Religionen haben. Für sie müssen also moralische Regeln aufgestellt werden, die über dem sehr subjektiven Geltungsbereich der Goldenen Regel angesiedelt sind, wenn man Konflikte beim Zusammenleben vermeiden will.

Vorarbeit leistet dazu die deskriptive Ethik, die unterschiedliche Moralen beschreibt. Der Vergleich ist dann die nächste Stufe, auf der Suche nach universellen Regeln.

Regeln sind wichtig – Quelle: Didgeman, Pixabay

An dieser Stelle ist jedoch Vorsicht geboten. Der Vergleich auf einer Meta-Ebene hat schnell das Merkmal der Höherwertigkeit. Das ist aber nur dann der Fall, wenn die Aussagen einer Meta-Ethik universalisierbare Handlungsanweisungen produzieren. Aber diese Methode hat Grenzen. Wenn ich alle unterschiedlichen Moralen auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner hin überprüfe, dann haben die resultierenden Handlungsanweisungen nur noch den Wert von Allgemeinplätzen. Sie sind beliebig.

Von Kant wissen wir, dass er einen anderen Weg gegangen ist. Er hat nicht empirisch gearbeitet, sondern epistemisch. Er hat seine Vernunft eingesetzt. Sein kategorischer Imperativ ist zwar nicht konsequent einsetzbar, aber er hat zumindest die Richtung vorgegeben: Normen und Gesetze herstellen, die es unterschiedlichen Menschen erlauben, konfliktfrei miteinander zusammenzuleben. Wenn das nicht funktioniert, dann sollte man zunächst fragen: Wer stört hier den Frieden und warum?

tmd.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Steuerhinterziehung - unmoralisch?
Steuerhinterziehung – unmoralisch? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Du sollst nicht stehlen! Die Weltreligionen greifen diese Regel in leicht abgewandelter Textform auf. Das kann man wissen. Das Strafgesetz in Deutschland verfeinert diese Grundregel. Es gibt Unterschlagung, Diebstahl und (schweren) Raub. Die Kernbotschaft aber ist immer die gleiche. Man soll nicht jemandem etwas wegnehmen, was demjenigen gehört.

Wie ist es aber mit folgendem Fall. Der Gesetzgeber verbietet nicht ausdrücklich eine Handlung, die eigentlich unter die Norm fällt, um die es hier geht. Machen wir also die Argumentation auf. Es geht um sogenannte „cum-ex-Geschäfte“.

Hierbei konnten Aktienbesitzer das deutsche Finanzamt regelrecht ausplündern. Die Einzelheiten, also wie man das macht, interessieren uns hier nicht. Das ist Sache der Juristen und Finanzexperten. Was uns interessiert ist, ob und wie jemand dieses Fehlverhalten vor sich und der Gesellschaft rechtfertigen kann.

Auf Seiten der Straftäter heißt es: Was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Tatsache ist aber auch, dass hier einige – sowieso schon reiche – Personen den Staat, das Finanzamt betrügen. Das Geld, das sie erschwindeln, ist aber das Geld der anderen Bürger, die brav ihre Steuern gezahlt haben, um unseren Sozialstaat, die Polizei und die Infrastruktur zu finanzieren.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Reicht hier die Empörung? Nein! Wenden wir den kategorischen Imperativ an, dann werden wir sofort sehen, dass eine Gesellschaft so nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Wenn das jeder macht, dann wäre unser Gemeinwesen schnell pleite. Das Handeln dieser Personen, die sich darauf berufen, dass ihr Handeln nicht direkt verboten ist, dieses Handeln ist zutiefst unmoralisch. Das Geld, was sie sich aneignen, ist das Geld des Nachbarn, der seine Steuern gezahlt hat.

tmd.

Moralisch handeln, das macht glücklich

Warum soll man eigentlich moralisch handeln? Diese Frage taucht in der Unterstufe im Ethikunterricht selten auf. Obwohl sie eigentlich gerade dort ihre Berechtigung hat. Ist Moral nur Zwang? Sind Normen und Werte nur dazu da, uns Vorschriften zu machen? Da der Zuwachs an Pflichten und Zwänge für die SuS in diesem Alter noch parallel läuft mit einer Zunahme an Rechten (endlich kann ich …) ist das Ausbleiben der eingangs gestellten Frage verständlich.

In der Mittelstufe taucht die Frage aus ganz anderen Gründen nicht mehr auf. Erstens werden solche Fragen – auch in anderen Fächern – mit dem Hinweis gekontert: „Das gehört zum Lehrplan.“ Zweitens ist Ethik ein Fach, das die SuS nutzen, um entspannten Unterricht zu genießen, so die Aussage einer Schülerin. Sobald man Kant zu Beginn der Oberstufe kennengelernt hat, ist die Frage endgültig erledigt. Es geht um das konfliktfreie Zusammenleben der Menschen. Das ist das Ziel von Moral. Kinder geben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Da ist Moral doch wieder nur Zwang, sagen sie.

Glückliche Jungs
Glücklichsein – Quelle: White77, Pixabay

Also nochmals zurück zur Eingangsfrage. In solchen Fällen ist es angeraten, mal bei einem bodenständigen Philosophen nachzufragen – gemeint ist Aristoteles. Und anders als erwartet, ist der genau der Richtige, um Kindern Moral näherzubringen.

Handeln hat bei Aristoteles immer ein Ziel. Man übt Mathematik, weil man gut in Mathe sein will. Man baut einen Papierflieger, weil man den optimalen Flieger haben will. Man macht beides, um etwas zu erreichen/herzustellen oder auch nur deshalb, weil das Tätig-sein das Ziel ist. Aristoteles nennt das übrigens Praxis. Das wäre, nebenbei bemerkt, ein passendes Wort, um das Wort Kompetenz abzulösen.

Auch wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht, handelt der antike Mensch nach dem Prinzip, eine Sache gut zu machen. Kein Grieche zu Zeiten des Aristoteles käme auf die Idee, etwas absichtlich schlecht zu machen. Das wäre undenkbar. Und wie bewerkstelligt der Mensch das – das Gute zu tun? Er orientiert sich an den Tugenden. Sei maßvoll, tapfer, klug und gerecht. Ist das dann auch wieder ein Zwang, fragen die SuS in der Unterstufe? Nein! Der antike Mensch wollte unbedingt das Gute verwirklichen, weil nur so war er so richtig glücklich.

Moralisch handeln, das macht glücklich.

Ein Tipp: Aristoteles hat ein Buch geschrieben, das heißt Nikomachische Ethik. Angeblich hat er es seinem Sohn gewidmet, aber das weiß man nicht genau. Das Buch muss nicht in einem Stück gelesen werden. Anfangs reicht es, das Inhaltsverzeichnis durchzublättern und Kapitel lesen, die neugierig machen. Im achten und neunten Buch schreibt er viel über Freundschaft, was auch heute noch wissenswert ist.

tmd.

Über die Freiheit eines Christenmenschen

Was sagt uns eigentlich Martin Luther (1483-1546) zum Thema Freiheit?
Die Freiheit des Christenmenschen ist eigentlich nur eine bedingte Freiheit. Der Mensch hat zwar einen freien Willen, aber dieser freie Wille tendiert immer dazu, gegen die göttlichen Gesetze – die im Alten Testament stehen – zu verstoßen. Der Mensch will gerne so sein, wie Gott es vorschreibt, aber er ist einfach zu schwach und sündigt immer wieder.

Martin Luther
Martin Luther – Quelle: Tama66, Pixabay

Was also tun? Luther lenkt unseren Blick auf das Neue Testament. Dort ist Verheißung und Vergebung angesagt – aber nur, wenn man fromm und gläubig ist. Nur der Glaube kann den Christenmenschen retten. Wer nicht glaubt, der wird sich an den Moralvorstellungen des AT abarbeiten und immer wieder scheitern. Wer aber glaubt, der weiß, dass ihm vergeben wird, wenn er sich schuldig gemacht hat.

Hilft uns das weiter – als Christenmenschen? Nur bedingt, wird ein Psychologe und Philosoph anmerken. Es gibt Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, diese Pauschalentschuldung durch Glauben zu erfassen. Das widerstrebt der Vernunft. Denn damit ist der Sünde eigentlich Tür und Tor geöffnet. Man wird schließlich immer wieder „entschuldet“ durch Glauben und Hoffnung auf die Zusagen Gottes. Der verzweifelte Versuch zu glauben, aber es nicht zu können, führt oftmals in Depression und Neurose.

tmd.

Auf der Suche nach Wahrheit

Himmel mit WOlken
Der platonische Ideenhimmel – qimono, Quelle Pixabay

Der Unterschied zwischen empirischen und epistemischen Wahrheitstheorien ist nicht so einfach zu verstehen. Das liegt daran, dass wir im Alltagsleben die Welt, so wie sie ist, niemals in Zweifel ziehen. Die Welt mit all ihren Objekten gibt es und muss es geben, sonst könnten wir uns nicht in ihr zurecht finden. Wir können eben nicht jedes mal darüber nachdenken, ob es den Baum, den wir sehen, auch wirklich gibt.

Das Problem ist nicht allein die Frage nach der Existenz der Welt. Es geht um die Frage, was ist Wahrheit und welche Moral ist wahr. Verantwortlich für das Problem ist natürlich Platon, der die sinnliche Wahrnehmung zum geistigen Kerker machte (siehe dazu die Blogbeiträge zum Höhlengleichnis und der Ideenlehre). Allein die Vernunft sei in der Lage, so Platon, uns wahre Erkenntnis zu liefern. Aber schon Aristoteles rückte von dieser Vorstellung ab und meinte, man könne die Objekte der Welt zunächst allgemein erfühlen. Im Ethikunterricht wird das bereits in der Unterstufe thematisiert, wenn es um das Allgemeine und das Besondere geht. Allgemein sind alle Menschen gleich – gemeint ist, sie haben die gleichen Menschenrechte – aber im Besonderen sind sie doch sehr verschieden.

Thomas von Aqiun hat diese Sicht weiter ausgebaut. Man vergleicht das, was man sieht mit dem, was die Vernunft einem sagt. Deshalb wird in der Mittelstufe gelernt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Und damit war sie geboren, die (empirische) Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit, die ich sehe, mit meinem Urteil (aus der Vernunft) übereinstimmt, dann ist der Vergleich wahr. So einfach kann das sein.

Als die Philosophen jedoch feststellten, dass die Übereinstimmung nur eine Aussage ist, die ich nicht an der Wirklichkeit nachweisen kann, weil dieser Nachweis wieder nur eine Aussage ist, und so weiter, war es um die Leistungsfähigkeit der Korrespondenztheorie geschehen.

Seither hat die (epistemische) Kohärenztheorie die Aufgabe, Wahrheit zu beweisen. Aussagen sind nur dann wahr, wenn sie in sich nicht widersprüchlich sind und nicht im Widerspruch zu anderen wahren Aussagen stehen. Die Konsenstheorie und die Evidenztheorie (beides epistemische Theorien) gibt es zwar auch noch, aber bei den beiden Theorien weiß man, dass sie nicht sehr robust sind. Die Mehrheit (Konsens) muss nicht immer Recht haben und nicht jede Idee ist wahr, auch wenn sie uns gefällt.

Die Kohärenztheorie ist auch deshalb so erfolgreich in moralischen Dingen, weil es hier um Aussagen über Werte und Normen geht. Moralische Aussagen müssen der Verallgemeinerungsfähigkeit dienen, damit jeder Mensch Anteil an ihnen hat.

Wer jedoch in einem platonischen Ideenhimmel eine Entsprechung zu diesen wahren Aussagen sucht, der muss enttäuscht werden. Unsere moralischen Aussagen sind von Menschen gemacht und müssen sich auch nur vor Menschen als wahr rechtfertigen.

tmd.

Moralische Wahrscheinlichkeit

Grüß Gott
Gibt es einen Gott? – Quelle: Didgeman, Pixabay

Unter den vielen Gottesbeweisen ist der von Blaise Pascal (1623-1662) derjenige, der am besten in unsere Zeit passt. Er ist schlicht und einfach und verzichtet auf komplizierte Argumentationsketten. Er passt zum modernen Menschen, der ergebnisorientiert an die Probleme herangeht. In unserer schnelllebigen Zeit sind Lösungen wie diese unverzichtbar.

Der Mathematiker und Philosoph Pascal argumentiert wie folgt. Zunächst geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Es gibt Gott oder nicht. Das ist eine 50/50-Wahrscheinlichkeit. Dann gibt es jeweils die Entscheidung, moralisch oder unmoralisch zu leben. Diese Möglichkeiten haben jeweils eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit.

Nun können wir vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gibt und ich für mein moralisches Verhalten im Jenseits belohnt werde, beträgt nur 25 Prozent. Obwohl nun diese Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, meint Pascal dennoch, dass es sich in jedem Fall lohnt, moralisch zu leben und an die Existenz Gottes zu glauben. Denn die Alternative, unmoralisch zu leben und dafür nach dem Tod Rechenschaft abzulegen vor Gott, hat ebenfalls nur eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Angesichts dieser Patt-Situation ist es angeraten, moralisch zu leben und auf das Seelenheil im Jenseits zu setzen, wie auf einen möglichen Lottogewinn.

tmd.

Das Böse

Das Böse?
Gibt es das Böse? – Quelle: josealbafotos, Pixabay

Gibt es das Böse? Anselm von Canterbury, ein Mönch, der im Mittelalter lebte (1033 – 1109), hat darauf eine interessante Antwort gegeben. Grundsätzlich ist der Mensch ein guter Mensch. Und den Willen, den er hat, um frei zu entscheiden, den hat er von Gott. Und dieser Wille ist deshalb zunächst einmal auch gut. Wenn sich der Mensch aber entschließt – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr gut sein zu wollen, dann verliert er sein höchstes Gut, nämlich gut zu sein. Übrig bleibt nichts.

In einem Lehrer-Schüler-Dialog (aus seiner Schrift: Wahrheit und Freiheit) wird der Lehrer gefragt, ob das Böse nun auch ein „Etwas“ sei. Anselm lässt den Lehrer darauf wie folgt antworten. Wenn das Nichts etwas ist, das alles andere Denkbare, das etwas ist, ausschließt, dann gibt es zwar noch das andere Denkbare, aber nicht das Nichts. Für das Nichts bleibt also nichts mehr Denkbares übrig.

Da Anselm davon ausging, dass alles Denkbare auch existiert, kann er nun schlussfolgern: Wenn etwas ein Nichts ist, dann gibt es das nicht. Nun überträgt Anselm die Argumentation auf das Gute. Wenn das Gute schwindet, durch bösen Willen, dann ist das Gute irgendwann nicht mehr vorhanden, es ist ein Nichts. Gibt es dann noch das Nichts in Form des Bösen? Nein.

Wenn das Gute verschwindet, dann ist nur noch das Nichts.

tmd.

Sicherheit und Freiheit

Piratenromantik
Piratenromantik – Quelle: ptra, Pixabay

Kürzlich fiel mir eine Wandwerbung der Piraten auf. Die Piraten sind eine politische Gruppierung, die vor einigen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich zog. Politische Arbeit wurde als Tätigkeit am Notebook oder Smartphone dargestellt und es gab auch einen flotten Spruch: die politischen Gremien zu entern. Entern ist ein Begriff, der für die Beschreibung der Eroberung eines Schiffes von einem anderen Schiff aus gebraucht wird. Soviel zu der Politik-Piraten-Romantik dieser Partei.

Die Werbung, die ich erwähnte, hatte die Überschrift: Freiheit oder Sicherheit. Wer einem dabei reflexartig einfällt, das ist Thomas Hobbes (1588-1679). Ist er doch derjenige, der das Thema erst so richtig aufgemacht hat. Bei ihm stand Sicherheit an erster Stelle. Das ist verständlich, wenn man sich die Zeiten vor Augen führt, in denen er gelebt hat: ständiger Bürgerkrieg, Angst ums Überleben, keine Möglichkeit für die Zukunft zu planen. In einer solchen Situation ist es nur verständlich, wenn man nach einer starken Hand sucht, die Ordnung herstellt.

Das wird oft vergessen und Hobbes wird für sein pessimistisches Menschenbild gescholten. Der Mensch ist egoistisch und jeder Mensch ist des anderen „Wolf“. Dabei unterschlägt man jedoch, dass Hobbes‘ Menschenbild und seine Vorstellungen eines Staates, der wie ein Uhrwerk funktioniert, nur dazu dienten, seiner Grundannahme, dass der Bürger ein grundsätzlich freier Bürger ist, Geltung zu verschaffen.

Natürlich lernen wir für den Unterricht den Merksatz: Freiheit oder Sicherheit. Damit können wir dann diese schrecklich schrägen Vergleiche mit J.J. Rousseau durchführen. Aber für Hobbes war der Bürger in erster Linie ein freier Bürger, der sich das Recht nimmt, die politischen Verhältnisse so zu ordnen, das er, der freie Bürger, in einer Gemeinschaft sicher leben kann. Und dafür muss Sicherheit hergestellt werden.

Eine Gesellschaft, die in absoluter Sicherheit lebt, kann sich Gedanken machen über Freiheit, die ihr fehlt. Freiheit ist jedoch nur dann ein Thema für Menschen, wenn sie, die Menschen, für sich Freiheit grundsätzlich beanspruchen. Vielleicht sind die Piraten beim Entern der politischen Macht deshalb baden gegangen, weil die Wähler die Sicherheit vor Terroranschlägen wollten.

tmd.

Du sollst der werden, der du bist

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank hat das geschrieben, in ihrem Tagebuch (25.3.44), das zum literarischen Bestseller wurde. Sie hat nicht nur genau ihre Umgebung beobachtet, sondern auch sich selbst beim Beobachten zugeschaut. Und genau das ist der Weg, eine eigene Identität zu entwickeln und das auch selbst zu erkennen. Reflexion nennt man das: Nachdenken über sich selbst.

Wer bin ich?
Wer bin ich? – Quelle: geralt, Pixabay

Aber gerade das „Nachdenken über sich selbst“ macht das Thema „Identitätsfindung“ so sperrig. Es geht nämlich nicht ohne Voraussetzungen. Vorausgesetzt wird eben, dass man zu sich selbst auf Distanz gehen kann, Abstand zu sich und seinem Handeln nehmen kann. Das geht zwar über Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das geht über das Schreiben eines Tagebuchs. Erfolgsreich sind diese Wege aber nur, wenn man ehrlich gegenüber sich selbst ist, wenn man sich in Bezug auf sein Selbstbild nicht anlügt.

Friedrich Nietzsche, Philosoph und ebenfalls unerbittlicher Selbstbeobachter, hat es so genannt: „Du sollst der werden, der du bist.“ (Fröhliche Wissenschaft: II, 159) Wer man „ist“, muss man jedoch erst erkennen. Selbsterkenntnis ist also ein Merkmal der Identitätsfindung. Identität ist jedoch nicht statisch. Identität verändert sich. Wenn das nicht so wäre, könnten wir nicht auf die Umwelt, die sich ändert, angemessen reagieren. Und wir könnten auch nicht auf Veränderungen reagieren, die uns selbst betreffen.

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“

Das Thema eignet sich also nur bedingt für eine Rechenschaftsablage im Ethikunterricht. Die Kompetenzen, die hier abgefragt werden, beziehen sich nur auf die Methoden der Identitätsbildung und die Definitionen der Begriffe. Also: „Wie kann ich Identität beschreiben und wie kann ich Identität bilden?“ Die eigene Entwicklung, die persönliche Identitätsreife wird dadurch nicht gefördert oder abgefragt. Das ist auch gut so, denn das ist die sehr private Sache eines jeden Menschen. Offenlegen sollte man diese sehr private Angelegenheit erst dann, wenn man eben Identität hat und verantwortungsvoll über seine eigene Biographie entscheiden kann.

tmd.