Friedensethik ist Rechtfertigung

Die Fragen,  mit denen sich die Friedensethik beschäftigt:

  • Sind Menschen wirklich von Natur aus friedlich?
  • Wie soll man mit Konflikten umgehen?
Ist Frieden möglich? – Quelle: photoshopper24, Pixabay

Je nachdem, wie wir diese beiden Fragen beantworten, ergeben sich vier unterschiedliche Aufgabenfelder der Friedensethik.

  • Menschen sind grundsätzlich friedlich. Was ist Ursache und Anlass, dass sie gewalttätig werden?
  • Menschen sind von Natur aus gewaltbereit. Wie kann man sie zur Friedfertigkeit erziehen?
  • Konflikte sind das Ergebnis von falscher Sozialisation. Wie wird „richtig“ sozialisiert?
  • Konflikte gehören zum Leben dazu, sind unvermeidlich. Wie kann ich mit Konflikten umgehen, damit sie nicht in Gewalt münden?

Es geht also um die Friedenserziehung. Viele Pädagogen gehen davon aus, dass Friedenserziehung – beispielsweise in der Gruppe – auf das Konfliktverhalten zwischen Interessensystemen übertragen werden kann. Konfliktmanagement in Gruppe und Familie oder zwischen Partnern soll auf das Konfliktverhalten im Krieg angewendet werden. Ein Irrtum.

Die Konfliktlösungsmuster in Partnerschaft und Gruppe lassen sich nicht in Konflikten der internationalen Politik anwenden.

Nun gibt es Menschen, die sich von akademischen Diskussionen zum Thema Frieden in keiner Weise beeindrucken lassen. Ein islamistischer Terrorist kann alle die aufgelisteten Fragen mit reinem Herzen beantworten und im nächsten Atemzug seinen Gesprächspartner umbringen. Er würde sein Handeln folgendermaßen erklären und rechtfertigen: Von Natur sei er ein friedliebender Mensch und in keiner Weise an Konflikten interessiert. Aber die anderen Menschen, die nicht an seinen Gott glauben, die seien für die Konflikte verantwortlich. Als gläubiger Mensch habe er zudem die Pflicht, die Konflikte in dieser – sicherlich brutalen – Art und Weise zu lösen. Das Lösungsschema stehe schließlich so in seiner Heiligen Schrift.

Was lernen wir daraus?
Friedensethik ist zunächst eine große Rechtfertigung von allen an Konflikten Beteiligten für ihr eigenes Handeln.

Dennoch gilt es, den Frieden „irgendwie “ herzustellen. Das setzt Aufklärung voraus. Beispielhaft das sehr differenzierte Interview von Herlinde Koelbl mit dem israelischen Scharfschützen Nadav Wymann (DIE ZEIT, Nr. 49, 2016). Lesenswert!

tmd.

Stichwort: Umweltethik

Der Begriff Bereichsethik wird in einem Ethiklehrbuch im Zusammenhang mit Umweltethik genannt. Der Begriff Bereichsethik ist m.E. irreführend. Es wird der Eindruck erweckt, als ob es eine allgemeine Ethik gäbe, die keinen Bezug auf einen Gegenstandsbereich hat. Dem ist aber nicht so.

Jede moralische Überlegung bezieht sich auf konkretes Handeln. Allerdings wird Moral im Lehrplan an Gymnasien in Bayern – bevor es um Umwelt-, Friedens- und Arbeitsethik geht – mit Anwendungsfeldern in Verbindung gebracht, die keiner weiteren Erklärung bedürfen. Wenn wir uns mit Wahrnehmung, der Gruppe, der Familie oder Freundschaft beschäftigen, dann können wir unser Alltagswissen benutzen. In dieses Alltagswissen ist jedoch schon so viel Fachwissen eingeflossen, dass uns der Bezug zum Fachwissen nicht mehr auffällt. Wissensinhalte aus Psychologie, Soziologie und Pädagogik sind uns einfach schon geläufig. Und wenn wir etwas hinzulernen, dann fügt sich das wenig spektakulär in unser vorhandenes Alltagswissen ein.

Schützenswerte Umwelt
Schutz der Umwelt – Quelle: geralt, Pixabay

Anders ist es beispielsweise bei der Umweltethik. Hier kommt man ohne ein beträchtliches Maß von Spezialwissen einfach nicht aus. Dieses Spezialwissen kommt aus Naturwissenschaft und Technik, aus den Rechtswissenschaften und der Politik. Wer sich mit der Klimaerwärmung beschäftigt, der muss zunächst einmal grundlegende physikalisch-chemische Vorgänge begreifen. Wer sich mit Klimawandel beschäftigt, der muss sich mit Geologie und Meteorologie auseinandersetzen. Wer nach Lösungen für Umweltprobleme sucht, muss die vorhandenen politischen Konzepte kennen und auch deren Umsetzung in Verträgen.

Die rein methodischen Kompetenzen (um deren Erwerb es in der Schule geht) rücken gegenüber den Inhalten in den Hintergrund. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten erfordert die gleichen Kompetenzen wie in den Kernfächern (erklären, verstehen, Zusammenhänge herstellen und natürlich lesen, lesen, lesen). Es reicht aber nicht mehr aus, sein Heil in der Darstellungskompetenz zu suchen und ein Poster zu kleben und zu bemalen, wenn man nicht verstanden hat, was man eigentlich vermitteln will. Und es reicht erst recht nicht, ein Rollenspiel einzuüben mit Rollenkarten, die den SuS fremd sind (Politiker, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte). Man braucht grundsätzlich Sachwissen, bevor man moralisch urteilen und handeln will! Das erzeugt bei den meisten SuS, die sich mit Umweltethik beschäftigen, zunächst einmal Erstaunen, wenn nicht Unmut.

Der Wunsch, moralisch zu handeln, wenn es um die Umwelt geht, setzt aber außerdem die Kenntnis der verschiedenen theoretischen Positionen voraus, die sich mit Natur beschäftigen. Wenn es also in den Beiträgen, die hier unregelmäßig folgen werden, um Natur und Umwelt geht, ist diese grundsätzliche Vorbemerkung immer mit zu bedenken.

tmd.

Stichwort: Naturalistischer Fehlschluss

Fragezeichen
Was ist Wahrheit? – Quelle: qimono, Pixabay

Der naturalistische Fehlschluss bezeichnet einen logischen Fehler. Es ist nicht möglich vom SEIN (empirische Aussagen) auf das SOLLEN (normative Aussagen) zu schließen.

Der naturalistische Fehlschluss steht in Beziehung zur Evidenztheorie. Die Evidenzthorie gehört zu den epistemischen Wahrheitstheorien. (siehe hier im Blog: Was ist Wahrheit?) Beispiel: die Teile einer Sache sind kleiner als das Ganze. Das leuchtet unmittelbar ein. Dieses unmittelbar „evident-sein“ ist jedoch eine Aussage, die nicht zuerst durch die Empirie (Erfahrung) hervorgebracht wird, sondern durch Vernunft und Verstand. (Anm.: Natürlich kann man anschließend die evidente Aussage empirisch prüfen und beweisen. Aber darum geht es hier nicht.)

In moralischen Diskursen wird oft eine Sache empirisch beschrieben. (Medizinethik: z.B. Sterbehilfe) Ohne Ankündigung wird daraus eine Norm oder eine moralische Forderung abgeleitet und in Beziehung zu den empirischen Tatsachen gesetzt.

In diesem Zusammenhang wird nicht berücksichtigt, dass moralisches Handeln auch etwas mit Freundschaft, Wohlwollen, Mitleid und Liebe zu tun haben kann. Diese Dimensionen können nicht durch die Wahrheitstheorien bewiesen oder widerlegt werden.

tmd.

Über das Böse

Gibt es das Böse an sich oder ist es eine Erfindung der Religionen? Und: Kann man das Böse im Menschen abschalten und Mitgefühl und Empathie einschalten?

Wieder einmal ist eine E-Mail der Anlass, dass ich mich erneut mit Empathie und Mitgefühl beschäftige. Es geht um das Böse in der Welt. Die Ereignisse um Aleppo und den Berliner Weihnachtsmarkt sind zeitlich nahe Beispiele für das Thema.

Bei Wikipedia finden wir folgende Definition: „Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.“ Des weiteren wird eine Unterscheidung von Empathie und Mitgefühl gemacht. Der Beitrag dort eignet sich als Einstieg zum Thema.

Für den Moralunterricht ist zusätzlich noch das Wissen um die Theodizee nötig. Hier geht es um folgende Überlegung, die von Lactanz überliefert wurde. Gott ist allmächtig. Wenn Gott allmächtig ist, warum gibt es dann das Böse? Liegt es an der fehlenden Allmacht? Dann ist Gott schwach, also nicht Gott. Will Gott aber das Böse, dann ist er missgünstig, also nicht all-gütig, also ist er nicht Gott. Wenn aber Gott das Böse verhindern will und es auch kann, warum gibt es dann das Böse in der Welt?

Gut und böse
Gut & Böse – Quelle: johnhain, Pixabay

Darüber hinaus gibt es noch die Überlegung, dass Gott allwissend ist. Wenn aber Gott das Böse kennt und zulässt, dann sind Menschen, die das Böse in die Welt setzen, dazu verdammt, es ist ihr Schicksal. Sie können nichts anderes tun, als Unheil und Verderben in die Welt zu bringen. Zuletzt müssen wir noch eine weitere Unterscheidung machen. Existiert das Böse „an sich“, also objektiv und ohne unser Zutun? Oder ist das Böse ein Produkt unserer Welt „für sich“, ist das Böse ein Produkt unserer Kultur, ist es also eine Zuschreibung (eine Erfindung der Religionen).

Im Moralunterricht in der 10. Klasse an Bayerischen Gymnasien kann man durchaus dieses Basiswissen als Einstieg in eine Diskussion ansetzen, um anschließend Fragen kompetent zu bearbeiten.

Beginnen wir mit Empathie und Mitgefühl. Beides soll im Ethikunterricht erlernt, wachgerufen oder irgendwie hergestellt werden. Meist durch Rollenspiele. Empathie kann aber vorgetäuscht werden. Menschen sind nun mal begabte Rollenspieler und wenn es um Noten geht, dann erst recht. Als Katalysator und Indikator fürs „Empathie-Lernen“ sind Rollenspiele also wenig aussagekräftig. Psychologen sagen, dass man automatisch „mitfühlt“, wenn man sieht, dass jemand leidet und zwar so, als ob man selbst leidet. Wenn etwas automatisch funktioniert, dann brauche ich es aber nicht lernen.

Nun zum Mitgefühl. Hier geht es nicht nur ums Verstehen, ums Nachempfinden. Hier geht es ums Helfen, z.B. jemanden trösten. Auch das kann man lernen, aber auch vorspielen. Wenn die Methode des Rollenspiels erfolgreich wäre, dann dürfte es in keiner Klasse an Bayerischen Gymnasien gruppendynamische Probleme geben. Dann müssten alle Kriminellen geläutert die Haft verlassen: voll resozialisiert. Dem ist aber nicht so.

Nun zum zweiten Punkt der Überlegungen: Gibt es das „Böse“ als unveränderliche Erscheinung in Person von Menschen, die schlicht und einfach nur das Böse wollen? Für Christen gibt es das „Böse“, aber auch die Rettung durch den Glauben und insbesondere durch Jesus. Das erklärt zwar nicht unsere Probleme, aber es schafft Hoffnung durch Liebe. In aussichtslosen Situationen ist das sehr viel, eigentlich unverzichtbar.
Atheisten können das „Böse“ als kulturelle Zuschreibung erklären. Dann gibt es aber Probleme mit der Verantwortung für das Handeln des bösen Menschen. Michael Schmidt-Salomon hat in „Jenseits von Gut und Böse“ den Versuch gemacht, das Böse als Erfindung der Religionen zu erklären und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Seiner Argumentation kann ich nur schwer folgen.

Dies ist der zweite Beitrag im Blog, den ich nicht mit einer moralischen Einsicht abschließe. Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sind reichhaltig, aber auch widersprüchlich. Kinder haben es bei diesem Thema vielleicht noch etwas leichter mit einer Antwort. Wenn man noch sehr jung ist, kann man Harry Potter zitieren. Dort gab es das Böse. Und es wurde besiegt.

tmd.

Die Methoden der Sekten – und bei wem sie nicht wirken

Wer mit Identitätsdefiziten zu kämpfen hat, wer keine Freunde hat, wer in der Schule versagt, wer also ein Verlierer ist, der wird schnell zum Opfer von Sekten, neu-religiösen Bewegungen, Psychogruppen und fundamentalistischen Religionsfanatikern.

Sekten werben Mitglieder
Mitgliederwerbung – Quelle: Pavlofox, Pixabay

Aufklärung über Sekten und andere ideologielastige Gruppen ist am besten machbar durch das Nacherzählen von Geschichten über Menschen, die in die Fänge von Sekten geraten sind. Bücher über Aussteiger, z. B. aus Scientology, gibt es etliche. Eine andere Möglichkeit ist, die Methoden offenzulegen, nach denen Sekten neue Mitglieder werben.

Mitgliederrekrutierung ist eine Inszenierung.

  • Dabei spielt die Sekte die WIR-Rolle: Wir sind die Starken. Wir halten zusammen. Wir kennen die Wahrheit. Wir wissen, warum es den anderen so schlecht geht. Und wir sagen es auch! Fundamentalisten gehen meist diesen direkten Weg.
  • Eine andere Inszenierung ist die HELFER-Rolle: Hast du Probleme, dann komm doch mal bei uns vorbei. Ganz unverbindlich natürlich. Kostet nichts! Und wenn du länger bleiben willst … eine Schlafstelle haben wir auch für dich.
  • Besonders heimtückisch ist die entwaffnend ehrliche BESSERWISSER-Rolle. Die geht so: Also weißt du, so kannst du nicht weitermachen. Du musst etwas für deine Gesundheit tun. Und du musst endlich sehen, dass du ein Workaholic bist. Also du musst unbedingt mental „aufräumen“. Komm doch in meine Gruppe! Sieh mich an, mir geht es fantastisch, seitdem ich bei meiner Gruppe bin.

Diese Inszenierungen haben nicht bei jedem Erfolg. Nur wer Probleme hat, wer in Schule oder Ausbildung nicht zurecht kommt, wer keine gefestigte Identität hat, der wird zum Opfer. Wer es nicht gelernt hat, mit Enttäuschungen, Verlusten und Misserfolgen zurecht zu kommen, der wird die Inszenierungen dankbar annehmen.

Aufklärung macht immun gegen das Sekten-Virus.
Kritische junge Menschen, die „selbst denken“ wollen, sind dagegen immun gegen Sekten. Sie sind sogar eine Gefahr für jede Sekte. Wer bei Diskussionen mit Fundamentalisten sein moralisches Basis-Handwerkszeug, das „ethische Argumentieren“ auspackt, der wird schnell verabschiedet. Denn mit jungen Menschen, die logisch argumentieren, wollen Fundamentalisten und Sektierer nichts zu tun haben.

tmd.

Über Geisterfahrer auf den Autobahnen der Moral

Verwahrloster Fahrrad-Sattel
Verwahrlost – Quelle: pixel2013, Pixabay

Moralisches Verhalten muss man einüben. Dabei lernt man, den Widerspruch von unterschiedlichen Normen und Werten zu ertragen.

Normenkollisionen beschreiben, das ist deshalb so schwer, weil man die Erfahrung zwar irgendwie beschreiben kann, aber derjenige, der die Beschreibung hört, die Erfahrung nicht nachempfinden kann, wenn er selbst noch nie in einer solchen Situation war. Das erzeugt sehr viel praxisfremdes Gerede. Das langweilt junge Menschen.

Aus diesem Grund habe ich in einem früheren Beitrag (Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten) das Beispiel vom Geisterfahrer gewählt, um die Situation der Normenkollision zu beschreiben. Der Vergleich stammt nicht von mir, sondern vom Jesuiten-Pater Klaus Mertes.
Der Vergleich kann dafür sensibel machen, dass unmoralisches Verhalten schwer zu kritisieren ist, wenn man in der Minderheit ist. Der Konsens als Wahrheits-Indikator ist schwer zu durchbrechen. Deshalb ist es so erstaunlich, dass sich in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen trauten, Widerstand zu leisten.

Aber auch bei weit weniger dramatischen Kollisionen auf der Moral-Autobahn ist festzustellen, dass wir uns schwer gegen eine Mehrheit durchsetzen können.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer hat das an wirklich einfachen Beispielen herausgearbeitet. Die gesamte ökologische Bewegung musste sich widersetzen gegen eine große Mehrheit. Hier ging es zwar nicht um Leben und Tod, zumindest nicht für die aktuelle Gesellschaft. Aber die Öko-Alternativen konnten moralische Gründe ins Feld führen. Sie sahen die Zukunft der Menschheit in Gefahr. Dabei konnten sie sich auf den Philosophen Hans Jonas berufen. Der hatte in „Das Prinzip Verantwortung“ herausgearbeitet, das der Zeithorizont eines Gesellschaftsvertrages nicht ausreicht. Wir können keinen Vertrag mit der nächsten Generation schließen.

Philosophische Konzepte können keinen Widerstand leisten, das können nur Menschen. Diese Menschen müssen Normen- und Wertekollisionen aushalten. Wer aber einmal erfolgreich Widerstand geleistet hat, der spürt das als Identitätserweiterung und Stabilisierung. Welzer nennt das Selbstwirksamkeit. Einfach ausgedrückt: Man merkt, dass man erfolgreich war.

Den Umgang mit Normenkollisionen kann man eher an einfachen Problemen lernen. Niederschwellige Kollisionen treten ja schon dann auf, wenn es darum geht, einem Mobbing-Opfer zur Seite zu stehen.

Die bloße Kenntnis von Werten ersetzt nicht das Einüben!

Wenn man aber einmal selbst erfahren hat, sich moralisch erfolgreich durchgesetzt zu haben, dann ist das ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich schaffe das! Mit diesem Bewusstsein kann man sich auch als Geisterfahrer auf die moralische Autobahn wagen.

tmd.

Wer rettet Klara?

Beim Texten des Beitrags: Was ist eine Dilemma-Geschichte, habe ich das Dossier der ZEIT vom 17. September 2016 vor mir gehabt. Wer rettet Klara?
Dort heißt es: „Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament, das es retten könnte. Geben Sie ihm das Medikament? Dumme Frage. Natürlich.

Kranker Teddybär
Gedankenexperiment mit Krankheit – Quelle: condesign, Pixabay

Angenommen, ein Kind ist todkrank und Sie haben das Medikament. Angenommen, Sie wissen: Wenn die Rettung schief geht, darf niemand anderes mehr das Medikament bekommen. Zehn, vielleicht hundert Kranke, denen das Medikament helfen könnte, werden nicht behandelt werden, weil Sie versucht haben, das eine kranke Kind zu retten.

Was machen Sie? Geben Sie ihm das Medikament, oder lassen Sie es sterben, damit die vielen anderen eine Chance haben? Das ist ja ein absurdes Gedankenexperiment, denken Sie. So eine grausame Entscheidung muss niemand fällen. Irrtum. Das Gedankenexperiment ist gar nicht so weit von der Realität entfernt.“

Später heißt es dann: „Es geht beim Thema compassionate use immer auch um ein ethisches Dilemma: Was, wenn die sofortige Rettung eines Patienten die spätere Rettung vieler Patienten verhindert?“

Kompetenz setzt Wissen voraus! Deshalb empfehle ich, dieses Dossier zu lesen. Es ersetzt spielend die blutarmen und konstruiert wirkenden Fiktionen der Ethik-Lehrbücher.

tmd.

Friedensethik – weich gespülte Statements

Krieg und Religion?
Krieg – Quelle: 753446, Pixabay

Krieg und Religion, das ist kein gefälliges Thema. Denn es wird ein Zusammenhang mit den zwei Wörtern hergestellt, der nach Diskussion drängt, aber irgendwie tabu ist. Die Gläubigen wollen darüber nicht diskutieren, weil damit ihre Religion beschädigt werden kann, die Nicht-Gläubigen scheuen das Thema, weil die political correctness es verbietet.

Vielleicht kann man das Thema konfliktfrei abarbeiten, wenn man sich der Geschichte der Glaubenskriege zuwendet.
Aber man sollte dann vermeiden, aktuelle Konflikte anzusprechen.
Das geht jedoch heute nicht mehr. Die Schlussfolgerung aus der Kenntnis der Glaubenskriege ist nun mal die Frage: Ist das erlaubt, was beispielsweise die IS-Kämpfer anrichten, nur weil sie sich auf den Koran berufen können?

Natürlich nicht!, kommt hier die Antwort. Doch dieser mit Empörung vorgetragenen Zurückweisung des IS-Terrorismus folgt sofort die politisch korrekte Erklärung, die uns freilich in keiner Weise weiterhilft.
Das sei doch nur die falsche Auslegung der heiligen Schrift des Islam, heißt es sofort. Und dann kommt der obligatorische Verweis auf den Dschihad. Da gibt es den friedlichen Dschihad, der ein Kampf des einzelnen Gläubigen ist und zum Ziel hat, ein guter Mensch zu werden. Man kann es nicht mehr hören, dieses weich gespülte Statement. Und die Koranverse, die zum Abschlachten der Christen und Juden auffordern, die sind historisch einzuordnen, haben heute keine Bedeutung mehr. Also bitte keine Aufregung.

Ehrlicherweise muss man an dieser Stelle sagen, so einfach kann man es sich nicht machen. Im Gegenteil: Diese Argumentation öffnet den Fundamentalisten Tür und Tor für ihre krude Ideologie. Denn der Koran ist bei Fundamentalisten das originale Wort Gottes. Nicht etwa eine von Menschen niedergeschriebene Offenbarung. Am Koran darf nichts geändert werden!

Mit dieser Haltung ist der Islam aber nicht reformierbar und bleibt eine hermetisch in sich geschlossene Ideologie, die keinen Widerspruch zulässt. Denn der mögliche Widerspruch oder die vernünftige Kritik ist in diesem System bereits als Immunisierungsstrategie eingebaut. Wer den Koran nicht Wort für Wort glaubt, der hat eben nicht den richtigen Glauben, ist abgefallen. Mehr noch: Wer den Koran nicht in der Version des Hocharabischen lesen kann, der braucht sich als Kritiker überhaupt nicht zu Wort melden. Der versteht nichts, so die Fundamentalisten.

Die muslimischen Kritiker, die den Islam reformieren wollen, stehen da auf verlorenem Posten. Sie fordern Aufklärung. Aber Aufklärung bedeutet, sich aus der Unmündigkeit (der selbst verschuldeten) zu befreien. Das ist eigentlich Kant pur. Liberale Theologen im Islam meinen, die problematischen Texte im Koran sollten neu interpretiert werden und das Mohammed-Bild sollte entdogmatisiert werden, was nichts anderes heißt, als die dunklen Seiten des Propheten zu beleuchten. Beides zählt für Fundamentalisten zu den schlimmsten Beleidigungen des Religionsgründers.

Radikale Kritiker und Aufklärer halten von diesen Reformen wenig. Unmoralische Suren sollen gestrichen werden. Was unmoralisch ist, das soll auch benannt werden.

Doch radikale Aufklärer und liberale Theologen liefern den Ideologen unter den Moslems nur weiter den simplen Beweis, dass die Welt außerhalb des Islam gottlos ist und vernichtet werden soll.
Was tun?

Unter diesen Umständen ist es dann doch angebracht, sich im Ethikunterricht einfachen Aufgaben zuzuwenden – frei von moralischen Ansprüchen. Wir können ja ein Poster malen oder vielleicht ein Rollenspiel einüben, um unserer Betroffenheit Ausdruck zu geben.

tmd.


Quelle: gbs Koblenz, Youtube

Was ist Wahrheit?

Wie kann ich feststellen, ob etwas wahr ist, ob jemand die Wahrheit sagt? Wir haben nur vier Möglichkeiten, zu bestimmen, was wahr ist. (Folter, Lügendetektor, Gedankenlesen und dergleichen schließe ich als unwissenschaftlich aus)

Kirchenfenster, Alfa & Omega, Wahrheit
Kirchenfenster in Esslingen – Quelle: 7854, Pixabay

Hier die Möglichkeiten, jeweils mit einem  Beispiel.

  • Ich teile ein Stück Kuchen. Es ist unmittelbar einsehbar, dass die Teile kleiner sind als das ursprüngliche Stück Kuchen. Man nennt das Evidenz. Das ist eine einleuchtende Erkenntnis. Evidente Erkenntnisse kann man als wahr bezeichnen.
  • Die Erde, auf der wir leben, ist ein Planet (Himmelskörper) im Universum. Das sagen die meisten Menschen. Sie halten es für wahr. Wenn sehr viele Menschen eine Sache für wahr halten, dann nennt man das Konsens. Konsens kommt vom Lateinischen consentire und heißt übereinstimmen. Einige Naturvölker in Afrika oder Südamerika werden unserer Weltanschauung nicht zustimmen. Das ändert aber nichts daran, dass die Mehrheit der Menschen die Erde für einen Planeten hält. Wenn Konsens über eine Aussage besteht, dann ist die Aussage wahr – aber nur für diejenigen, die dieser Aussage auch zustimmen.
  • Menschen, die sich in großer Not befinden, vielleicht in Gefahr sind zu sterben, denen sollte geholfen werden. Nach einer Flutkatastrophe sind Tausende von Menschen in Not. Also sollten wir denen helfen, die von der Flut betroffen sind. Das ist eine typische ethische Argumentation. Man nennt das einen praktischen Syllogismus, im Unterschied zum logischen Syllogismus. Das Beispiel für einen logischen Syllogismus ist bekannter: (1) Alle Menschen sind sterblich. (2) Sokrates ist ein Mensch. (3) Sokrates ist sterblich. Mit logischen und praktischen Syllogismen können wir rational (mit dem Verstand) argumentieren. Man nennt das schlüssiges und widerspruchsfreies Argumentieren. Eine Aussage ist also wahr, wenn sie nichts Widersprüchliches enthält. Auch hier gibt es einen Fachbegriff: Kohärenz. Gemeint ist damit, dass Aussagen zusammenhängen (cohaerere, lateinisch für zusammenhängen). Widerspruchsfreie Aussagen sind also auch wahr. Doch Vorsicht: Man kann Aussagen auch so konstruieren, dass sie immun gegen Kritik werden. (Dazu werde ich noch einen gesonderten Beitrag schreiben.)

Diese drei Möglichkeiten, die Wahrheit festzustellen, setzen Verstand (ratio) voraus. Man nennt diese drei Wahrheitstheorien auch epistemische (Erkenntnis) Theorien.

  • Dann gibt es noch die vierte Wahrheitstheorie: die Korrespondenztheorie. Hier vergleiche ich die Welt und Wirklichkeit mit meinem Wissen. Ich mache Erfahrungen. Deshalb nennt man diese Theorie empirische Theorie (Empirie ist altgriechisch und heißt Erfahrung). Diese Theorie ist nicht einfach anzuwenden. Ich will mein Wissen von der Welt mit meiner Wahrnehmung der Welt (wie sie ist) vergleichen. Da kann ich mich sehr schnell täuschen. Beispiel: alle bekannten optischen Täuschungen. Dennoch sollten wir uns den Satz von Thomas von Aquin (lebte im Mittelalter) merken: veritas est adaequatio intellectus et rei = Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache.

tmd.

Moralische Kompetenz setzt Wissen voraus

Wer moralische Probleme nicht sieht, der sucht natürlich auch nicht nach Lösungen. Es ist also manchmal hilfreich, zuerst das Problem genauer zu beleuchten und dann erst die Lösung zu präsentieren.

Bücher, die Wissen enthalten
Moralisches Handeln setzt Wissen voraus – Quelle: ElasticComputeFarm, Pixabay

Wenig hilfreich ist es, Kinder und Jugendliche ohne Anleitung nach Lösungen suchen zu lassen.

Meist ist das Ergebnis eher trivial. Außerdem macht sich schnell ein Relativismus breit, der aus dem freien Suchen nach Lösungen entspringt.

Oder, wie mir mal eine Schülerin sagte: Jeder hat eine andere Meinung. Warum dann aber noch Zeit vergeuden, um diese unterschiedlichen Meinungen auszutauschen.

tmd.