Kampf um Anerkennung

Teamwork
Teamwork setzt Anerkennung voraus – Quelle: Antranias, Pixabay

Der Kampf um Anerkennung beginnt nicht erst in der Pubertät. Aber dort zeigt er sich im Zusammenhang mit den Prozessen der Identitätsfindung und -bildung.
Anerkennung ist hier nicht etwas, das individuell auf den Einzelen zugeschnitten ist. Der Einzelne will allgemeine Anerkennung. Er will den Respekt, der jedem zuteil wird. Anerkennung wird vermittelt über soziale Interaktion, also soziales Handeln. Das ist Kommunikation, aber auch Arbeit oder Spiel.
In der Person des Mobbers erkennen wir denjenigen, der diese Anerkennung verweigert. Er verweigert seine Anerkennung nicht nur einer einzelnen Person, sondern stellt sich gegen die Gesellschaft, die nur durch Anerkennung funktioniert.
Mobber passen nicht in eine Gesellschaft, die Respekt erwartet.

tmd.

Entäußerung und Entfremdung

Mädchen arbeitet in Spinnerei
entfremdete Arbeit – Quelle: skeeze, Pixabay

Entfremdung bei Marx wird meist so beschrieben: Ein Arbeiter stellt ein beliebiges Teil her, das ihm dann aber nicht gehört. Wo ist das Problem?, könnte man hier anmerken. Schließlich wird er doch dafür bezahlt! Dieser Einwand ist natürlich berechtigt. Warum sollte sich ein Arbeiter unglücklich fühlen, weil er nicht mehr im Besitz dessen ist, was er hergestellt hat.
Das ist nur verständlich, wenn man das Menschenbild kennt, das Marx hatte. Entfremdung heißt dabei, dass sich der Mensch selbst fremd wird, weil er nicht mehr Dinge herstellt, die ihm gehören. Mit Entäußerung ist gemeint, dass der Mensch seinen Plan von dem Ding, das er herstellt, zuerst nur im Bewusstsein hat. Nachdem er es hergestellt hat, ist das Teil außerhalb von ihm. Schmerzlich ist das für den Arbeiter, wenn er sieht, dass sein Produkt ihm nicht mehr gehört. Also: Der Mensch ist ein Wesen, dass nur durch „tätig sein“, durch Auseinandersetzung mit der Natur, Identität entwickelt, ein Bewusstsein entwickelt.
Das ist zunächst mal eine starke Behauptung. Nur dadurch, dass ich handwerklich tätig bin, soll ich also ein selbstbewusster Mensch werden. Was machen dann Menschen, die handwerklich voll ungeschickt sind, und nicht einmal in der Lage sind, einen Papierflieger zu basteln?
Die Lösung ist einfach. Marx hat ein ganz spezielles Verständnis von Arbeit. Das kann man wissen. Arbeit ist bei Marx immer Interaktion, also handeln mit anderen Menschen zu einem bestimmten Zweck. Dieses gemeinsame Handeln macht den Menschen jedoch nur glücklich, wenn alle, die an der Arbeit beteiligt sind, sozusagen auf Augenhöhe miteinander umgehen.
Das waren die Arbeiter zur Zeit von Marx nun wirklich nicht. Sie waren austauschbare Schnittstellen zu Maschinen, die den Arbeitstakt vorgaben. Und sie waren nur noch ein Kalkulationsfaktor neben vielen. Arbeiter wurden nach Zeit bezahlt und die Zeit steckte in den Produkten als Tauschwert.
Aber auch mit dieser Erklärung muss man sich nicht zufrieden geben. Wieder kann man argumentieren, dass die Arbeiter doch bezahlt werden.
Hier nun setzt Marx an. Er sagt: Die Arbeiter verbringen ihren Tag mit für sie sinnloser kleinteiliger Arbeit. Das ist aber nicht dem Wesen des Menschen entsprechend. Der Mensch will Produkte herstellen und stolz darauf sein. Wenn er das nicht kann, dann bleibt ihm nur noch die Freizeit, wo er das verdiente Geld ausgeben kann für Lebensmittel und Haushalt.
Und Marx führt noch ein weiteres Argument ins Feld. Der Unternehmer, der die Arbeiter beschäftigt, zahlt den Arbeitern nicht den anteiligen Wert für die hergestellten Produkte. Im Tauschwert der Produkte ist zwar die Arbeitszeit enthalten. Aber darin ist auch enthalten der Gewinn des Kapitalisten.
Hier könnte man einwenden: Das ist doch richtig so, schließlich hat der Unternehmer das Risiko zu tragen. Dafür soll er den Gewinn behalten.
Halt!, sagt hier Marx. Das ist kein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe. Die Kapitalisten werden immer reicher und die Arbeiter verarmen.
An dieser Stelle kann man moralisch urteilen. Wem gehört eigentlich der gesamtgesellschaftlich erzeugte Reichtum? Ist es moralisch, dass die Arbeiter, die den Gewinn erwirtschaften, weniger verdienen als die Kapitalisten, die (nur) die Verantwortung tragen (oder auch nicht)?
Es geht also um Gerechtigkeit und Gleichheit.
Warum dann die Erklärungen mit der Entfremdung? Der Arbeiter entwickelt in seiner traurigen Tätigkeit ein spezielles Bewusstsein. Er gewöhnt sich an diesen Zustand, dass er von sich selbst entfremdet ist, nicht mehr glücklich ist. Das ist eigentlich unmoralisch, gegen diesen zustand nichts zu unternehmen.

tmd.

Buchtipp: WAS WIR DACHTEN, WAS WIR TATEN

Mädchen mit Pistole
das Gesetz bin ich – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Darf man etwas kaputt machen, darf man einen anderen Menschen erniedrigen, darf man einem anderen Menschen Schmerz zufügen, weil man dazu gezwungen wird?
Ist Unrecht tun erlaubt, wenn einem Unrecht getan würde? Also gleichsam, weil es doch nur gerecht ist? Wie du mir, so ich dir!
Um diese Fragen geht es in „Was wir dachten, was wir taten“ von Lea-Lina Oppermann.
Die Geschichte ist einfach und schnell erzählt.
Es geht um einen Amoklauf. Ort ist eine Schule, ein Klassenzimmer. Nur die letzte Szene – drei Seiten – spielt vor der Schule.
Das Buch wird empfohlen für Leser ab 14 Jahre. Würde man den Inhalt unzensiert und werktreu in einen Film umsetzen – er wäre nicht mehr jugendfrei. Die Handlung ist brutal. Der Amokläufer quält seine Opfer. Es beginnt mit Erniedrigungen, gefolgt von Folter und endet – mit einem Selbstmord. Es erinnert in seiner kalten Handlungsbeschreibung an „Nichts“ von Janne Teller.
Die Story endet und lässt den Leser zunächst ratlos zurück. Die anfangs hier im Beitrag gestellten Fragen werden nicht beantwortet. Sie können auch nicht beantwortet werden. Die Opfer sind gleichzeitig die Täter. Man sucht vergeblich nach einem ersten Anlass, gleichsam nach einem Beginn der Tragödie, um jemanden zu finden, der verantwortlich ist. Alle stehen letztlich in der Schuld. Der Leser sehnt sich regelrecht nach dem selbstlosen und unerschrockenen Helden oder der Heldin, der/die sich opfert und damit das grausame Spiel beendet.
Das Buch mit 178 Seiten ist schnell gelesen und ist an keinem Punkt langweilig. Es eignet sich als Diskussionsgrundlage im Unterricht für die genannten moralischen Probleme.

tmd.

Theorie und Menschenbild

Armdrücken
auf Augenhöhe – Quelle: RyanMcGuire, Pixabay

Den Kommentar von Delphin zu meinem Beitrag „Eine Anmerkung zu Adam Smith“ habe ich kurz beantwortet, wiederum in einem Kommentar. Ein Gespräch mit einem Kollegen ist der Grund, dass ich nochmals in einem Beitrag darauf eingehe. Es zeigt sich, dass SuS und ihre Lehrer hier an der gleichen erkenntnistheoretischen Baustelle arbeiten.
Adam Smith meint: Egoistisches Handeln und Eigeninteresse führt keineswegs in das soziale Chaos und in eine unsoziale und unmoralische Gesellschaft. Smith betrachtet aber nur das wirtschaftliche Handeln der Menschen. Er trennt das wirtschaftliche Handeln vom Alltag des Menschen. Was er da entwirft ist eigentlich nur ein großartiges Gedankenexperiment. Er berücksichtigt nicht, dass es zwischen den wirtschaftlichen und politischen und sonstigen Systemen Beziehungen gibt. Politik und Wirtschaft beeinflussen sich gegenseitig. Diese Zusammenhänge berücksichtigt er nicht.
Moral und Mitgefühl haben bei ihm einen hohen Stellenwert. Aber das gilt eben nicht für die Wirtschaft. Dort sollen nur die harten Marktgesetze gelten.
Dies funktioniert jedoch nur, weil Smith ein besonderes Menschenbild hat. Die Wirtschaftssubjekte verkehren auf Augenhöhe. Sie sind gleich starke und gleichwertige Partner. Nur unter dieser Bedingung können die Subjekte egoistisch handeln. Nur unter diesen Verhältnissen kommt es zu wirklichen Kompromissen, bei denen keiner übervorteilt wird. Es ist eine klassische win-win-Situation. Solche Situationen existieren aber nur in der Theorie. Schuld daran ist die Tatsache, dass wir Menschen nicht alle gleich sind. Nicht jeder kann sich in der gleichen Weise bei Verhandlungen durchsetzen. Und: Gleichheit und Gerechtigkeit schließen sich aus. Was in der Realität durch Verfahren gerecht zur Gleichheit führen soll ist immer eine Ungerechtigkeit gegen jene, die durch Gleichmacherei ungerecht behandelt werden.
Gleiches gilt auch für die sogenannte Chancen- und Leistungsgerechtigkeit. Soll derjenige, der unverschuldet wenig leisten kann, genauso viel verdienen, wie jemand, der in der Lage ist, sehr viel mehr zu leisten? Ist das gerecht? Fehl am Platz sind hier in Diskussionen weich gespülte Solidaritätsbekundungen. Aber gerade diese Solidarität setzte Adam Smith voraus in seinem Menschenbild. Die vier großen Gerechtigkeiten, die im Ethikunterricht gelernt werden – Verteilung, Verfahren, Leistung und Chance – die soll sein Modell von Marktwirtschaft leisten.
Ich bin gefragt worden, was es für einen Sinn hat, sich mit Theorien von Moralphilosophen zu beschäftigen, deren Aussagen nur verständlich sind, wenn man das jeweilige Menschenbild immer im Blick hat, die aber dann noch keine wirklich brauchbaren Handlungsanleitungen fürs praktische Alltagsleben abwerfen.

  • Moderne Theorien bauen immer auf den alten auf. Neue Theorien sind meist sehr komplex und ohne Vorwissen nicht verständlich.
  • Es gibt klassische Philosophen, die auch heute noch weiterhelfen. Die Vorlesungen des jungen Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Jena (1803 bis 1806) sind Vorüberlegungen zu modernen Kommunikationstheorien.

Kommunikation ist nicht einfach das Senden und Empfangen von Informationen. Kommunikation ist „intersubjektiv“. Sprache ist ein gemeinsames „Etwas“ zwischen und außerhalb der Menschen. Es ist nicht nur subjektiv, sondern insbesondere objektiv. Das lässt Veränderungen zu. Asymmetrische Kommunikation kann man verändern!

tmd.

Kein gelebtes Mitgefühl

Verzweifeltes Mädchen
Wer die Verzweiflung eines Mitmenschen nicht fühlt, der hat kein Mitgefühl. – Quelle: Anemone123, Pixabay

Kann man Mitgefühl lernen? Mit „lernen“ meine ich die beiden Bedeutungsinhalte. Einmal das Erlernen in Form von Sozialisation und Erfahrungen machen. Das bedeutet, Mitgefühl ist nicht angeboren. Zum anderen „lernen“ als Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten, also das, was in der Schule stattfindet. Heute heißt das Kompetenz.
Die akademisch-wissenschaftliche Dimension will ich hier aussparen. Also die Diskussion um kognitives oder emotionales Mitgefühl und dergleichen. Denn in allen diesen Diskussionen steht das Ergebnis schon fest. Es ist möglich oder eben nicht und dann wird nach einer Erklärung für das Ergebnis gesucht.
Fragt man Jugendliche, dann bekommt man klare Antworten. Natürlich kann man Mitgefühl durch Erfahrung lernen, sofern man zur Selbsterkenntnis und Selbstreflexion fähig ist.
Ein Beispiel: Jemand wurde gemobbt. Dann dreht sich die Situation. Er selbst kann einen anderen mobben. Jetzt kann er sich an das eigene erfahrene Leid erinnern und „präskriptiv“ das Leid des anderen nachempfinden. Das kann funktionieren, muss aber nicht.
Jedenfalls handelt es sich hier um ein „Lernen“, dass nicht in der Schule stattfindet.
Mitgefühl in der Schule erlernen, ist eine Aufgabe, die dem Ethikunterricht zugeteilt ist. Wie soll es erlernt werden? Im Rollenspiel, meinen die meisten Didaktiker. Amüsant finden das die SuS. Und wollen sofort wissen, wie das benotet werden soll. Gar nicht, ist die Antwort. Das kann man nicht benoten. Benoten kann man nur das sozialpsychologische Fachwissen. Das ist aber kein gelebtes Mitgefühl.

tmd.

Freier Wille und Moral

Nur ein freier Wille kann ein guter Wille sein. Immanuel Kant hat das gesagt. Was aber ist, wenn es keinen freien Willen gibt?
Hirnforscher haben herausgefunden, dass wir nur meinen, einen freien Willen zu haben. Handlungen entstehen im Gehirn und treten erst dann in unser Bewusstsein. Heißt das, dass wir ferngesteuerte Roboter sind: Ferngesteuert von einem Gehirn, dass nach eigenen Gesetzen funktioniert und uns erst in letzter Sekunde offenlegt, was wir tun werden?

Kommunikation
Kommunikation – Quelle: geralt, Pixabay

Das virtuelle ICH
Vollkommen willenlos sind wir nicht. Die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns ist abhängig von Erfahrungen, die wir zum großen Teil nebenher machen. Wir lernen sozial und moralisch Handeln „implizit“. Genauso handeln wir dann nach dem Gelernten, ziemlich automatisch. Das heißt aber nicht, dass wir willenlos die im Gehirn gespeicherten Handlungsroutinen abarbeiten.
Im Bewusstsein schaut sich unser Gehirn sozusagen bei der Arbeit zu.
Und in diesem Teil der Hirntätigkeit kann der Mensch eine Handlung stoppen.
Es gibt also immer die Möglichkeit des „Nicht-Handelns“.
Dieses virtuelle ICH ist übrigens auch unsere Brücke zu anderen Menschen. Man kann es sich so vorstellen, dass Menschen voneinander wechselseitig (reziprok) annehmen, was im Bewusstsein abläuft.
Ich stelle mir vor, dass der andere dasselbe denkt wie ich, wenn wir uns in einer gemeinsamen Situation befinden. Oder ich erkenne, dass es Unterschiede gibt.
Kernsatz ist: Ich gehe davon aus, dass der andere weiß, dass ich erkenne, dass er die Situation genauso oder anders interpretiert.
Das heißt natürlich nicht, dass wir Gedanken lesen können. Wir können nur soziales und moralisches Handeln annehmen und voraussetzen. Nur so funktioniert Erziehung.
Diese Fähigkeit des virtuellen ICH ist jedoch nicht angeboren. Kinder lernen zum Beispiel erst mit ca. vier Jahren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ohne das virtuelle ICH wären wir Menschen nicht in der Lage zum moralischen Handeln.

tmd.

Wille und Handlung

Extremklettern
der Wille zum Handeln – Quelle: JudiCBell, Pixabay

Es gibt Philosophen, die den freien Willen als Wahnidee bezeichnen. Für diese Philosophen gibt es keinen freien Willen. Wenn es aber keinen freien Willen gibt: Wie verfährt man mit Menschen, die Böses tun? Wenn es keinen freien Willen gibt, dann kann man sowohl kleine Kriminelle, aber auch Terroristen und Personen wie Stalin und Hitler nicht zur Rechenschaft ziehen.
Michael Schmidt-Saomon ist einer der Philosophen, die den freien Willen als Wahnvorstellung ablehnen. Schmidt-Salomon löst das genannte Problem mit den Bösewichten, indem er einen Unterschied macht zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
Willensfreiheit lehnt er ab. Aber der Mensch ist immer noch frei zu handeln – oder nicht. Das Gehirn plant eine Entscheidung und bringt sie ins Bewusstsein. Dort, im Bewusstsein, kann die Entscheidung fallen: Handeln oder nicht handeln.
Was ist verantwortlich dafür, dass ein Mensch dem Willensvorschlag des Gehirns nachgibt oder nicht? Es ist Erfahrung, es ist Erziehung.
Mit Erziehung ist hier eigentlich gemeint, die eigene Vernunft einzusetzen. Das erinnert sehr an Kant, der aber an den freien Willen glaubte.
Wie soll man also umgehen mit der Handlungsfreiheit?
Man muss sie trainieren. Anders geht es nicht.
Schmidt-Salomon und die anderen Gegner des freien Willens, haben dabei aber nicht an die klassische Moralphilosophie gedacht – oder sie wollten nicht daran denken.
Moralisches Handeln ist bei Aristoteles Übung. Das, was eingeübt wird, dafür übernehme ich Verantwortung. Verantwortung übernehmen heißt aber, dass ich die Handlung verantworte und nicht irgendein Naturgesetz. Ich kann keine Ausrede finden!
Gegner des freien Willens sagen, dass menschliches Handeln durch Gesetze (Naturwissenschaften, Psychologie) vorgeschrieben ist. Man nennt das Determinismus. Gleichzeitig soll der Mensch aber auch Handlungsfreiheit haben.
Wenn Handlungsfreiheit aber nicht determiniert ist – und das muss sie sein, wenn hier Freiheit wirkt – dann ist der Mensch doch frei in der Entscheidung. Und dann kann und muss er auch zur Verantwortung gezogen werden.

tmd.

Buchtipp: Als ich dich suchte

junge Frau im Regen
in mir suche ich nach dir – Quelle: Pexels, Pixabay

Grenzsituationen sind nicht lösbar im Sinne von „Alles wird gut“. Grenzsituationen sind ausweglos. Sie sind ein Dilemma im Quadrat. Beim Dilemma kann man wenigsten wählen zwischen zwei unangenehmen Alternativen. Egal, was man macht, es ist immer falsch. Aber man muss sich halt entscheiden und dann beginnen die Begründungsversuche. Wir kennen das von Kohlberg.
Aber Grenzsituationen lassen keine Begründungen mehr zu.

Nichts geht mehr.

Lauren Oliver hat anscheinend für solche Situationen eine gewisse Vorliebe. Hier im Blog habe ich „Wenn du stirbst, zieht das ganze Lebe an dir vorbei, sagen sie“ schon vorgestellt. Mit „Als ich dich suchte“ hat sie wieder eine Geschichte vorgelegt, die man unbedingt im Ethikunterricht lesen sollte. Sie passt zum Modul Sinnfindung in der 8. Klasse (G8) und dort in das Kapitel Grenzsituationen.
Es geht um die Schwestern Nick und Dara. Unterschiedliche Typen. Damit ist die Übersichtlichkeit in dem Roman auch schon beendet. Die Geschichte hat zwei Erzähler, die beiden Schwestern. Dann werden noch einige Dokumente in die Handlung eingebaut. Und es wird von einem Autounfall berichtet, bei dem Dara schwer verletzt wird. Und wir lesen, dass Dara den Freund ihrer Schwester geküsst hat.

Der Leser versucht irgendwie einen roten Faden in dem Buch zu finden. Es ist wie im richtigen Leben. Erst im Rückblick wird vieles klar. Ich habe – als ich die Story verstanden und rekonstruiert habe – zurück geblättert und nach den Wendepunkten und Anhaltspunkten gesucht, die den Blick auf die wirkliche Handlung verstellen. Lauren Oliver hat nichts verheimlicht. Alles ist schlüssig und logisch. Aber der Leser merkt es eben erst zum Schluss. Der Originaltitel „Vanishing Gils“ tut ein Übriges, um für Verwirrung zu sorgen.

Da dies ein Moral-Blog ist, steht die literarische Leistung von Lauren Oliver nicht im Vordergrund. Ich will diese Leistung aber dennoch nicht ungelobt lassen. Schließlich müssen Bücher, die für den Unterricht gelesen werden, besonders interessant und spannend sein. Sie müssen ein eigenes Erlebnis sein. Ansonsten beschweren sich die SuS.
In der Geschichte steckt ein psychologisch erklärbares Problem, das Ergebnis einer Grenzsituation sein kann. Es geht um die Verarbeitung von Schuld.
Eine akademische Erklärung ist aber langweilend und die entsprechenden Textschnipsel in den Lehrbüchern sind es erst recht.

tmd.

Schuld und Vergebung

Gespräch in der Kirche
Wer seine Schuld nicht los wird, der sucht das Gespräch, damit ihm Vergebung zuteil wird – Quelle: Pexels, Pixabay

Wer sich entschuldigen will, will seine Schuld loswerden. Entschuldigungen kann man grundsätzlich nicht erzwingen. Es gibt gesellschaftliche Rituale der Entschuldigung. Manchmal ist dann jemand, der um Entschuldigung gebeten wird, praktisch gezwungen, die Entschuldigung anzunehmen.
Was aber tun, wenn man sich nicht mehr entschuldigen kann? Wenn derjenige, bei dem man sich ENTSCHULDEN will, beim Ritual der ENTSCHULDUNG nicht mitmachen kann – weil er tot ist?
Es gibt wenige Situationen, die so ausweglos sind und die spezieller Hilfe bedürfen. Heutzutage ruft man in diesem Fall schnell nach dem Fachmediziner, der die Sache heilen soll. Das geht aber nicht immer. Manchmal helfen eben keine Pillen und Therapien.

tmd.

Computergestützte Moral

Frau Gesicht Fantasy
Moral als künstliche Intelligenz? – Quelle: tweetyspics, Pixabay

Die Diskussion um das selbst fahrende Auto geht weiter. Soll so ein Auto im Zweifel an die Wand fahren, um so einer Gruppe Menschen, welche entgegen der Straßenverkehrsordnung den Fahrweg überqueren, das Leben zu retten? Der nicht selbst fahrende „Passagier“ des Autos würde dabei zu Tode kommen. Oder soll der Computer im Auto anders programmiert sein?

Die fachlichen Diskussionen sind lang und sollen hier nicht nacherzählt werden. Eine rein logische Überlegung sei aber erlaubt.
Das, was wir den Rechnern in den selbst fahrenden Autos einprogrammieren, sollte unseren moralischen Leitgedanken entsprechen. Dabei machen wir also nichts anderes, als unsere Normen und Werte handlungsleitend zu machen. Dazu gehört auch, dass wir nicht nur uns, sondern auch die Mitmenschen schützen sollen und wollen. Alles anderes wäre unmoralisch.

Wenn der Roboter im Auto so handelt, dann hält er sich – nebenbei bemerkt – an die Robotergesetze, die Isaac Asimov aufgesetzt hat.

  • Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  • Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  • Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

In „Aufbruch zu den Sternen“ wurde dann noch das Nullte Gesetz daraus abgeleitet und vorangestellt.
Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.

Dieser kleine Ausflug in das Genre der Science-Fiktion sei hier erlaubt. Denn die so formulierten Gesetze genügen zunächst einmal dem kategorischen Imperativ. Der Mensch ist immer Zweck. Holte man die genannten Gesetze zurück in die Alltagswelt, dann wäre unsere Welt zumindest formal sehr viel moralischer als sie es jetzt ist.

Moralische Entscheidungen erfolgen jedoch nicht auf der Basis von Algorithmen. Menschen treffen Entscheidungen nicht nach Drehbuch. Moral als soziale Tatsache ist ein selbst lernendes System. Die Dynamik dieses selbst lernenden Systems ist offen.

tmd.