Der freie Wille als Manager

Freier Wille? – Quelle: ptra, Pixabay

Wenn es um den freien Willen geht, wird immer auch der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet genannt, verkürzt zitiert und zu Unrecht in die Ecke der Deterministen gestellt.

Erzählt wird dann, dass eine Handlung im Gehirn unbewusst entsteht, vorhanden ist und erst 400 ms später im Bewusstsein als Handlung realisiert wird. Die Deterministen jubeln, ist doch die Handlung entstanden, bevor sie bemerkt wurde.

Das kann man so nicht stehen lassen, insbesondere weil man mit diesem Wissen bei Prüfungen keine Aussicht auf Erfolg hat. Denn dort werden Texte vorgelegt, die Kenntnis voraussetzen darüber, was Libet wirklich herausgefunden hat. Handlungen entstehen sehr wohl im Gehirn und werden erst später – das sind die 400 ms – im Bewusstsein als solche realisiert. Aber diese Handlungen marschieren nicht ungehindert durch unseren psychischen Apparat. Sie können nämlich auch blockiert werden. Die Handlung wird nicht ausgeführt.

Der freie Wille ist also nicht der Produzent, sondern der Manager der vielen möglichen Handlungen, die im Gehirn entstehen. Der freie Wille ist Reflexion und Reduktion der komplexen Aktionen in unserem Gehirn.

Kultur und insbesondere Moral bekommen so einen vollkommen neuen Stellenwert. Moral entsteht nicht in einem transzendenten 3-D-Drucker. Moral ist die aktive Konstruktionsarbeit unserer kommunikativen Verhältnisse.

Braucht es in dieser Theorie des freien Willens die Verantwortung? In gewisser Hinsicht schon, wenn man bedenkt, dass Verantwortung selbst ein Teil dieser Konstruktionsarbeit ist.

tmd.

Über die Freiheit eines Christenmenschen

Was sagt uns eigentlich Martin Luther (1483-1546) zum Thema Freiheit?
Die Freiheit des Christenmenschen ist eigentlich nur eine bedingte Freiheit. Der Mensch hat zwar einen freien Willen, aber dieser freie Wille tendiert immer dazu, gegen die göttlichen Gesetze – die im Alten Testament stehen – zu verstoßen. Der Mensch will gerne so sein, wie Gott es vorschreibt, aber er ist einfach zu schwach und sündigt immer wieder.

Martin Luther
Martin Luther – Quelle: Tama66, Pixabay

Was also tun? Luther lenkt unseren Blick auf das Neue Testament. Dort ist Verheißung und Vergebung angesagt – aber nur, wenn man fromm und gläubig ist. Nur der Glaube kann den Christenmenschen retten. Wer nicht glaubt, der wird sich an den Moralvorstellungen des AT abarbeiten und immer wieder scheitern. Wer aber glaubt, der weiß, dass ihm vergeben wird, wenn er sich schuldig gemacht hat.

Hilft uns das weiter – als Christenmenschen? Nur bedingt, wird ein Psychologe und Philosoph anmerken. Es gibt Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, diese Pauschalentschuldung durch Glauben zu erfassen. Das widerstrebt der Vernunft. Denn damit ist der Sünde eigentlich Tür und Tor geöffnet. Man wird schließlich immer wieder „entschuldet“ durch Glauben und Hoffnung auf die Zusagen Gottes. Der verzweifelte Versuch zu glauben, aber es nicht zu können, führt oftmals in Depression und Neurose.

tmd.

Das Böse

Das Böse?
Gibt es das Böse? – Quelle: josealbafotos, Pixabay

Gibt es das Böse? Anselm von Canterbury, ein Mönch, der im Mittelalter lebte (1033 – 1109), hat darauf eine interessante Antwort gegeben. Grundsätzlich ist der Mensch ein guter Mensch. Und den Willen, den er hat, um frei zu entscheiden, den hat er von Gott. Und dieser Wille ist deshalb zunächst einmal auch gut. Wenn sich der Mensch aber entschließt – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr gut sein zu wollen, dann verliert er sein höchstes Gut, nämlich gut zu sein. Übrig bleibt nichts.

In einem Lehrer-Schüler-Dialog (aus seiner Schrift: Wahrheit und Freiheit) wird der Lehrer gefragt, ob das Böse nun auch ein „Etwas“ sei. Anselm lässt den Lehrer darauf wie folgt antworten. Wenn das Nichts etwas ist, das alles andere Denkbare, das etwas ist, ausschließt, dann gibt es zwar noch das andere Denkbare, aber nicht das Nichts. Für das Nichts bleibt also nichts mehr Denkbares übrig.

Da Anselm davon ausging, dass alles Denkbare auch existiert, kann er nun schlussfolgern: Wenn etwas ein Nichts ist, dann gibt es das nicht. Nun überträgt Anselm die Argumentation auf das Gute. Wenn das Gute schwindet, durch bösen Willen, dann ist das Gute irgendwann nicht mehr vorhanden, es ist ein Nichts. Gibt es dann noch das Nichts in Form des Bösen? Nein.

Wenn das Gute verschwindet, dann ist nur noch das Nichts.

tmd.

Das ICH als Illusion

Cold hearted orb that rules the night,
Removes the colours from our sight,
Red is gray and yellow white,
But we decide which is right.
And which is an illusion?
(Graeme Edge, 1967)

Maya ist ein Begriff der indischen Philosophie, der bei der Erklärung und Vermittlung reflexartig Irritationen und Verstehensprobleme hervorruft.
Grund ist die bis in die Antike zurückreichende Denktradition, die das Subjekt in den Mittelpunkt der Erkenntnis stellt. Dieser erkenntnistheoretisch unverzichtbare Anthropozentrismus europäischen Denkens ist in der indischen Philosophie MAYA. Das erkennende Subjekt ist selbst eine Illusion!

Farben
Farbenfrohe Illusionen – Quelle: frankspandi, Pixabay

Der kritischen und rationalen Untersuchung von Individualität und Sinn im Leben wird damit sozusagen der Boden und den Füßen weggezogen.
Eine Annäherung an den Begriff MAYA ist damit eigentlich grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Vergleiche helfen nicht weiter. In einem Ethikbuch habe ich die Geschichte von einem Schmetterling gefunden, der träumt, ein Mensch zu sein – und umgekehrt. Die Geschichte hat einen fernöstlichen Anstrich, ist aber nicht viel mehr als der Kerngedanke aus Das Leben ist ein Traum von Calderón de la Barca. Dort kann die Figur Sigismund nicht zwischen Traum und Realität unterscheiden. Aber in all diesen Vergleichen gibt es ein handelndes Subjekt.

In der indischen Philosophie ist das handelnde Subjekt aber selbst eine Illusion. Wie soll eine Illusion sich als solche erkennen? MOKSHA ist die Lösung, verspricht die indische Philosophie. Mehr dazu in einem weiteren Beitrag.

tmd.

Selbstbestimmt leben heißt auch selbstbestimmt sterben.

„Wir wollen nicht, dass sich ein verzweifelter Todkranker aus dem Fenster stürzen muss.“ Peter Hinze (CDU/CSU), verstorben
„Unsere Gesellschaft betont individuelle Verantwortung. Warum sollte das beim Sterben aufhören?“ Dr. Petra Sitte (Die Linke)

Der Deutsche Bundestag hat im Juli 2016 über eine Regelung der Sterbehilfe debattiert. Die unterschiedlichen Meinungen liefen quer durch alle Parteien. Die Entscheidung gegen ein selbstbestimmtes Sterben, die im selben Jahr vom Bundestag gefasst wurde, kann also nicht einer Partei angerechnet werden. Die Diskussion war komplex.

Hospital Zimmer
In der Klinik – Quelle: Parentingupstream, Pixabay

Ich will hier nur zwei Punkte herausgreifen, weil sie im Zusammenhang mit den Lehrplanvorschlägen in Bayerns Gymnasien stehen. Es geht um das Verhältnis von Arzt und Patient (das amerikanische Modell) und um die Lösung medizinethischer Probleme (wird in den Lehrbüchern als Situationsanalyse, Analyse der Lösungsmöglichkeiten und der Zielanalyse beschrieben). Die Vertreter von „keine Sonderrechte für Ärzte“ haben sich durchgesetzt. Das heißt aber auch, dass der Hilfesuchende sich grundsätzlich nicht mehr an einen Arzt wenden kann, wenn er, der Patient, noch bei Bewusstsein ist und Verantwortung übernehmen kann.

Für die Ärzte ist es ein Weg in die Rechtssicherheit, aber auch Bedeutungslosigkeit. Der Arzt ist nicht mehr Ansprechpartner des Leidenden. Bei der Situationsanalyse ist ebenfalls kein Fortschritt zu sehen. Todkranke Menschen werden in Kliniken unsinniger Weise zu Tode behandelt. Das schreiben zwei Redakteure der ZEIT in der Ausgabe 4 von 2017. Für die Kliniken ist das ein Geschäft! Sie verdienen damit Geld.
Im einem Ethik-Lehrbuch heißt es zur Analyse der Situation, dass man immer eine Wertung vornehmen müsse, … welche Bedürfnisse Vorrang haben.

Im genannten Beispiel (DIE ZEIT) sind es garantiert nicht die Bedürfnisse des Patienten und auch nicht die der Angehörigen und Freunde, die das Dahinsiechen des Kranken miterleben müssen. Es sind nur wirtschaftliche Interessen, die zählen.

tmd.

Kann man die Freiheit des Willens beweisen?

Das ist keine leichte Frage. Was bräuchte man, um den freien Willen wie ein Naturgesetz zu erklären und zu beweisen?

Schnecke, die ein Hindernis überwindet
Wille – Quelle: Maryam62, Pixabay

Genau! Eine heteronome (fremdgesetzliche) Bestimmung, nach welcher der Wille funktioniert. Beispiele wären psychologische Modelle. Aber dann wäre der Wille eben nicht mehr frei.
Was also tun?
Kant gibt hier eine einfache, aber um so robustere Erklärung: Für einen Menschen der Aufklärung ist der freie Wille eine Setzung, eine Forderung der Vernunft. Was sonst! Der aufgeklärte Mensch ist sich seiner Allmacht, nämlich der Herr im eigenen Haus – dem Bewusstsein – zu sein, vollkommen sicher.
Wie ist es dann möglich, das Menschen ihren freien Willen missbrauchen?
Kant würde antworten: Die sind eben nicht vernünftig oder wollen böse sein.
tmd.

Kant: Der freie Wille

Ausgangsüberlegung von Kant: Kant will den Willen des Menschen als autonomen Prozess beweisen. Außerdem will er nachweisen, dass nur der freie Wille ein guter Wille sein kann.

Als Zeitgenosse der Aufklärung (selbst denken, Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit) muss er jegliche Fremdeinwirkung und Fremdsteuerung des Willens ausschließen. „Kant: Der freie Wille“ weiterlesen

Kant: Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens

Es hilft, Kant zu verstehen, wenn man Original-Texte liest.
Hier ein Ausschnitt aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens.
„Kant: Der Begriff der Freiheit ist der Schlüssel zur Erklärung der Autonomie des Willens“ weiterlesen