Vermintes Gelände – Islam im Ethikunterricht

Islam mit Logo
Ist der Islam fähig zur Aufklärung? – Quelle: Ramdlon, Pixabay

Menschenbild und Moral wird dann zum Problem im Ethikunterricht, wenn es um Religion geht. Insbesondere wenn es um den Islam geht. Die Beschäftigung mit den religiösen Vorstellungen vom Menschen ist immer auch mit Kritik an diesen Bildern verbunden. Während die Kritik an soziologisch, psychologisch oder philosophisch geprägten Weltbildern dem wissenschaftlichen Diskurs dient und ihn voranbringt, ist das bei religiös geprägten Weltbildern und hier insbesondere dem islamischen Weltbild sehr viel komplizierter.
Es gibt Fundamentalisten im Islam, die jegliche Kritik ablehnen. Kritik ist für diese Gläubigen gleichzusetzen mit Gotteslästerung. Die Ablehnung jeglicher Kritik beginnt schon damit, dass der Dialog mit Kritikern, die nicht in der Lage sind, den Koran im Original zu lesen, grundsätzlich abgelehnt wird. Meine eigene Erfahrung.
Es gibt aber auch kritisch aufgeklärte Gläubige in allen drei Buchreligionen. Das Christentum hat sogar aus den eigenen Reihen Kritiker hervorgebracht und muss mit Kritik leben. Gläubige Islamkritiker, die ihre Religion reformieren wollen, haben es schwer. Kernpunkt der Reformer und Kritiker im Islam ist, dass erstens die Person des Propheten kritisch untersucht werden soll und zweitens, dass der Koran nur noch als historischer Text behandelt wird und nicht Gottes Original-Sprech ist.
Beides geht nach Meinung der Fundamentalisten und Traditionalisten gar nicht.
Wenn aber diese Kritik nicht erlaubt ist, kann das Menschenbild im Islam nicht ohne Verluste untersucht werden.
Zwei Beispiele:
Es ist in der kritischen Islamwissenschaft kein Aufreger mehr, wenn klargestellt wird, dass auf einen islamistischen Terroristen im Paradies nicht Jungfrauen warten, sondern nur weiße Trauben. Es ist schlicht ein Übersetzungsfehler. Ein Fundamentalist wird das nicht akzeptieren. Denn damit wäre das Tor offen für weitere Kritik. Der Koran ist eben nicht in einem Stück im Hocharabischen geschrieben worden. Er ist wahrscheinlich nicht mal zu Lebenszeit des Propheten geschrieben worden.
Die Person des Propheten ist zuletzt vom Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad untersucht und entzaubert worden. Es gibt Islamwissenschaftler, die sogar die historische Figur Mohammed bezweifelt (Volker Popp). Das allerdings ist im Islam undenkbar.
Beide Themen müssen freilich in Bezug zum Menschenbild gesetzt werden. Schließlich beschreibt Mohammed die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Hier ist auch anzumerken, dass der Prophet im Koran an keiner Stelle als Autor genannt wird und überhaupt erst 200 Jahre nach seinem Tod als Autor bezeichnet wird.
Geht es dann um Moral, ist die Angelegenheit noch komplizierter. Ein kritikunfähiger Islam ist nicht in der offenen pluralistischen Gesellschaft einzupassen. Zwar gibt es im Islam auch so etwas wie die Goldene Regel. Das gibt es in allen Religionen. Aber es gibt eben auch die Scharia und die Hadithen. Überlieferte Regeln, die in ihrem historischen Hintergrund gesehen werden müssen, sind das. Und es muss akzeptiert werden, dass diese Regeln nicht mehr angewendet werden dürfen. Wir haben das BGB und das StGB. Wir brauchen keine Scharia, die durch die Hintertür importiert wird.
Insgesamt ist also die Beschäftigung mit dem Islam im Ethikunterricht ein vermintes Feld.

tmd.

Sterbefasten

Wolken, Himmel, Glaube
nicht auf den Tod warten, ihm entgegengehen – Quelle: geralt, Pixabay

Ein Tabuthema hat es in die Medien geschafft: Fasten mit dem Ziel das eigene Leben selbstbestimmt zu beenden. Das Erstaunliche daran ist, dass nur noch wenig Kritik von Ethikräten und Medizinern zu hören ist.
Einfach ist dieser Tod nicht. Aber die Beteiligten, besonders die Angehörigen des Menschen, der sterben will, sind informiert. Sie sind am Prozess des Sterbens beteiligt. Der Tod des geliebten Menschen trifft sie nicht unvorbereitet.
Bei dieser Art von Freitod leisten die Angehörigen keine Sterbehilfe. Sie leisten Sterbebegleitung. Eine schwierige Aufgabe. Müssen sie doch dafür sorgen, dass ihr Angehöriger bei seinem Vorhaben nicht behindert wird.
In einer Talkshow habe ich von der Geschichte eines Mannes gehört, dessen Sterben unnötig hinausgezögert wurde, weil eine Pastorin ihm immer wieder – wenn sie unbeobachtet war – Wasser zu trinken gab.
Das nun ist verständlich aus der Sicht der Gottesfrau. Sterbefasten ist für solche Theologen Selbstmord. Selbstmord ist aber eine Form der Selbsterlösung (vom Elend der Welt). Das ist in den drei großen Weltreligionen nicht erlaubt, sieht man mal von den Märtyrern ab, die Andersgläubige und Ungläubige weg sprengen.
Bleibt abzuwarten, wann und wie die Fundamentalisten unter den Gläubigen hier zur Gegenaufklärung ansetzen.

tmd.

Moral und Technik

Geschäftsräume und Mitarbeiter
Digitalisierung schafft neues Bewusstsein und verlangt nach passender Moral – Quelle: sigre, Pixabay

„Nur das Wissen um Normen und Werte, erst die Fähigkeit zur Debatte über Technikfolgen, macht eine Gesellschaft urteilsfähig.“ Nachzulesen ist dieser Satz in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom 15. Februar 2018 und dort auf Seite 67 in „These 9. Ethik ist kein intellektuelles Dekor; erst sie macht Menschen urteilsfähig“. Es geht dabei um ethische Dilemmata, die durch Digitalisierung und Robotik entstehen.
Eine Herausforderung ist das. Aber eigentlich nichts Neues. Die Reihenfolge im Gedanken ist hier wichtig. Zuerst gibt es Technikfolgen, dann die Debatte darüber, die der Normen und Werte bedarf.
Karl Marx würde sich amüsieren und sich bestätigt sehen. Die Moral entsteht schließlich nicht im lufleeren Raum. Digitalisierung als Faktor der Produktionsverhältnisse bringt die Dilemmata im Paket mit der passenden Moral hervor. Das kann man wissen.
Es ist eben nicht so, dass wir einen Koffer mit moralischen Werkzeugen haben, die nichts mit den Problemen zu tun haben. Vernunft arbeitet sich an den Problemen ab und die Lösungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Problem. Es soll, so der Text in DIE ZEIT, verhindert werden, dass nur mit technischen Expertisen auf die Dilemmata geantwortet wird. Genau das aber geschieht, wenn man die Abhängigkeit des ethischen Diskurses von der Technikentwicklung nicht sehen will. Wann gab es eine geplante Weiterentwicklung der Technik, die vorherzusehen war?
Marx dachte, man könne die Produktionsverhältnisse gesamtgesellschaftlich politisch steuern, um die Abhängigkeit des Arbeiters von der Entwicklung der Produktionsverhältnisse zu verhindern. Ein Irrtum war das.
Was jetzt schon festzustellen ist: Es wird darüber nachgedacht, wie man Verantwortung abgeben kann in der neuen digitalen Welt der Roboter. Ein schwerer Fehler.

tmd.

Naturrecht und Gott – am Vorabend der Aufklärung

Bild Gottes
Urheber des Naturrechts – Quelle: travelspot, Pixabay

Kürzlich bin ich gefragt worden, wie die Philosophen der Aufklärung auf die Idee kamen, dass Freiheit und Gleichheit der Menschen durch das Naturrecht gewährleistet werden.
Die Philosophen vor Jean-Jaques Rousseau und Kant (ich erwähne sie, weil sie aus dem Unterricht bekannt sind) haben ähnliches geschrieben. Auch sie – Augustinus und Thomas von Aquin zum Beispiel – sind von Naturrechten ausgegangen. Aber sie haben Gott als Ursache für das Naturrecht genannt.

Bei Samuel Pufendorf (1632-1694) lesen wir, dass man das Naturrecht am besten durch die Erforschung des Menschen und seiner Veranlagung erkennt. Diese Methode kennen wir von Thomas Hobbes. Pufendorf meint, dass der Mensch auf Selbsterhaltung bedacht ist, aber nicht alleine leben kann. Das kennen wir von Rousseau. Das heißt also, der Mensch muss lernen in der Gemeinschaft zu leben. All das haben die Aufklärer nach ihm auch vertreten. Pufendorf schreibt weiter: „Die Regeln dieses Gemeinschaftslebens oder die Lehren darüber, wie sich ein jeder betragen muss, um ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu sein, werden als Naturrecht bezeichnet.“

Er präzisiert das, indem er schreibt: „Jeder muss die Gemeinschaft nach Kräften schützen und fördern.“ Dabei soll der Mensch alles dafür tun, was für das Leben in der Gemeinschaft nützlich ist. Und: „Alle übrigen Vorschriften, deren Richtigkeit im Lichte der natürlichen Vernunft, die dem Menschen gegeben ist, unmittelbar einleuchtet, sind nur Folgesätze dieses obersten Grundsatzes.“ Diese Argumentation kennen wir ebenfalls. Thomas Hobbes hat Naturgesetze aus dem Naturrecht abgeleitet..

Die Frage ist: Woher weiß der Mensch von den Naturrechten. Pufendorf meint, dass der Mensch die Naturrechte durch seine Vernunft erkennt, bzw. dass die Naturrechte so klar und eindeutig sind, dass ihnen jeder zustimmt. Eine Form von Evidenz ist das.

Das klingt alles schon sehr aufgeklärt, wenn Pufendorf nicht andererseits darauf besteht, dass Gott der Urheber des Naturrechts ist. „Wenn auch der Nutzen dieser Gebote offensichtlich ist, so ist doch für ihre Geltung als Gesetz notwendige Voraussetzung, dass es einen Gott gibt, der in seiner Vorsehung alles lenkt.“

Aber die Tür zur Aufklärung ist schon mehr als offen. Wenn es um das Zusammenleben der Menschen in Gemeinschaft geht, dann finden wir bei Pufendorf Hinweise auf frühe soziologische Erkenntnisse. Er schreibt: „Grundsätzlich können die Regeln des Naturrechts, die sich auf das Verhalten zu anderen Menschen beziehen, unmittelbar aus dem Prinzip des Lebens in der Gemeinschaft abgeleitet werden, das wir hier als obersten Grundsatz angenommen haben.“
Damit wird aber der Weg der Argumentation umgedreht!
Das ist doch nichts anderes, als das Zusammenleben der Menschen beobachten und daraus Gesetze abzuleiten. Das ist empirische Soziologie. Die Ergebnisse müssen nicht mehr mit oder durch Gott erklärt werden.
(Zitate aus: Über die Pflicht des Menschen und des Bürgers nach dem Gesetz der Natur.)

tmd.

Arbeit und Interaktion

Fließband in Autoproduktion
Entfremdete Arbeit – Quelle: MikesPhotos, Pixabay

Das Menschenbild bei Karl Marx ist nicht vollständig erklärt mit den Begriffen Entfremdung und Entäußerung. Es geht auch um Arbeit und Interaktion. Für Marx ist Arbeit immer Interaktion. Produziert wird gemeinsam.
An dieser Stelle sei ein Gedankenexperiment erlaubt. Ist Arbeit auch möglich ohne Interaktion? Selbstverständlich ist es das. Damit wird aber nicht der Zusammenhang von Arbeit und Interaktion, der Marx vorschwebt, hinfällig. Ein einsamer Mensch arbeitet auch. Er stellt Dinge her, die er zum Leben braucht. Aber hat keine Möglichkeit, seine Produkte zu tauschen. Mit wem auch, wenn er nicht in Gesellschaft lebt.
Genau hier ist der Unterschied zwischen dem einsamen Produzenten und den Arbeitern in einer Gesellschaft. Die Arbeiter produzieren Dinge, die später getauscht werden – gegen Geld. Oder einfacher gesagt: Die Produkte werden verkauft. Bei diesem Verkaufen entstehen Gewinne. Wem gehört dieser gesellschaftlich hergestellte Reichtum? Das war die Frage, die sich Marx (und andere zu seiner Zeit) gestellt hat (haben).
Das meiste gehört dem Unternehmer, dem Kapitalisten. Nur ein geringer Teil dem Arbeiter. Das war die Meinung der Vertreter einer freien Marktwirtschaft. Aber Marx hatte ein anderes Menschenbild. Für ihn war Arbeit immer Interaktion.
Wie soll man sich das vorstellen. Ein Vergleich mit Sprache und Kommunikation hilft hier weiter. Sprache ist nicht etwas subjektives, sondern wird von den Menschen gemeinsam hervorgebracht und gelernt. Der Verhaltensforscher Michael Tomasello erklärt es folgendermaßen: Es wird auf einen Gegenstand gedeutet und dabei wird der Name des Gegenstandes gesagt. Dieses Deuten und Erklären ist Sprache lernen. Wo beginnt aber das Lernen. Es beginnt dort, wo Menschen in Gemeinschaft sich über Gegenstände verständigen wollen. Und sie wollen nicht nur, sie müssen es, um in Gemeinschaft sich gegen die Natur durchzusetzen. Arbeit und Interaktion sind also nicht die private Sache von einzelnen Menschen, es ist die Sache von mehreren Menschen. Arbeit ist „intersubjektiv“.
Für Marx ist das die Begründung, dass Arbeit eine Sache der Gesellschaft ist. Kapitalisten können sich also nicht außerhalb dieser Interaktion sehen. Wird diese Interaktion aufgebrochen, dann leiden alle Beteiligten darunter.

tmd.

Die neue Handelspolitik und der alte Adam Smith

Jeans im Regal
Strafzoll auf USA-Jeans ist nicht die Lösung – Quelle: jarmoluk, Pixabay

Adam Smith taucht im Moralunterricht unter den Stichworten Unsichtbare Hand und Eigennutz auf. Smith war aber auch ein Vertreter des Freihandels und entschiedener Gegner von Handelsschranken durch Zölle oder andere Einfuhrbeschränkungen. Letzteres macht die EU. Güter werden dabei nicht mit Zöllen belastet, sondern es wird gefordert, dass sie bestimmten Standards oder DIN-Normen entsprechen. Das verteuert die Ware und verhindert den Import mehr als Zölle.
Adam Smith und die Vertreter des Freihandels meinen, dass Handelsschranken zu Lasten der Verbraucher gehen. Ein aktuelles Beispiel: Agrarimporte in die EU werden durch hohe Zölle erschwert oder verhindert. Die EU-Produzenten können dadurch ihre Ware teurer verkaufen. Würden die ausländischen Importe ohne Zollaufschlag in die EU kommen, dann hätte der Verbraucher mehr für sein Geld.
Warum dann Zölle?
Das nutzt nur den Unternehmern und den Produzenten eines Landes, nicht den Verbrauchern. Der alte Adam Smith würde so argumentieren. Wer weltweit ein Produkt am billigsten herstellt und (!) dabei noch für sich den optimalen Gewinn macht, der soll die Möglichkeit dazu haben. Denn auf diese Weise ist dem Selbstnutzen aller gedient. Die Produzenten können zum besten Preis verkaufen und die Verbraucher erhalten die beste Ware zum billigsten Preis. Auch international funktioniert, so Smith, die unsichtbare Hand.
Wenn also die EU aus den Ländern der dritten Welt, aus den Entwicklungsländern, deren Ware importiert, dann freut das die Verbrauchern in der EU, weil sie billiger einkaufen können. Es freut aber auch die Exporteure, weil sie damit nicht mehr auf Entwicklungshilfe angewiesen sind.
Aber auch Industrienationen leiden unter Handelsschranken. Amerikanische Autos werden in der EU hoch verzollt. Wenn der amerikanische Präsident Donald Trump jetzt dasselbe mit EU-Importen macht, dann ist das nur verständlich.
Hier ist also politische Ökonomie gefragt und nicht Zölle auf Jeans und Kult-Motorräder.

tmd.

Friedensförderung im Dilemma

Friedensförderung geht nicht ohne Militär. Friedensförderung geht aber auch nicht ohne Kulturtransfer. Die Helfer dürfen die westliche Aufklärung nicht verraten.

friendly contact
friend to friend – Quelle: skeeze, Pixabay

Neben den traditionellen Versuchen, Frieden herzustellen (peacemaking und peacekeeping), gibt es noch die Friedensförderung. Sie beschäftigt sich damit, wie man Konflikte auf ziviler Ebene lösen kann, also nicht mit Waffengewalt.
Hier gibt es die Schlüsselworte: local ownership und empowerment. Damit ist gemeint, dass vor Ort entschieden werden muss, wie ein friedliches Zusammenleben der Menschen aussehen soll und wie man den Menschen vor Ort helfen kann, ihr Leben politisch und wirtschaftlich selbst zu bestimmen.
Der Gedanke hat etwas faszinierendes. Der Aspekt der Friedenssicherung durch militärische Gewalt wird ausgeblendet. Das heißt nicht, dass dieser Aspekt nicht mehr existiert.
Wiederaufbauarbeit, also das statesbuilding, eines Landes nach einem Bürgerkrieg, ist aber noch nie ohne militärische Begleitung geglückt. Mehr noch, auch mit Militär funktioniert es nicht. Bestes Beispiel ist Afghanistan.

Europa ist der letzte Dominostein, der kippt

Was also tun?
Peacemaking/peacekeeping und local ownership/empowerment sind zwei Seiten einer Medaille.
Ehrlicherweise müsste man hier anmerken, dass es heute bei den Versuchen, Frieden in Konfliktgebieten herzustellen, nicht mehr darum geht, einem Land oder einer Region den Frieden zu bringen, weil man den Menschen dort helfen will. Es ist nicht ausschließlich moralisches Handeln, was hier stattfindet.
Weltweit sind Konflikte eine Gefahr auch für Regionen, die derzeit noch im Frieden leben. Migrationsströme, ausgelöst durch Kriege und Naturkatastrophen, sind auf dem alten Kontinent Europa nicht mehr unbekannt. Die failed states in Afrika und im Orient sind die Dominosteine, die Europa kippen könnten.
Unter diesen Aspekten ist Friedenssicherung Eigenschutz, was ja nicht unmoralisch sein muss.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Punkt, der bei dem Thema Friedensförderung nicht vergessen werden darf. Hinter dem local ownership verbirg sich die Ansicht, dass die Helfer auch soziale und vielleicht sogar moralische Verhältnisse und Standards akzeptieren sollen, die in aufgeklärten Gesellschaften undenkbar sind. Wenn also ein hilfebedürftiges Land das Zusammenleben nach der Shariah organisiert, dann müssen die Friedenshelfer sich entscheiden, ob sie ein solches System unterstützen wollen. Eine klassische Dilemma-Situation. Nicht helfen ist unmoralisch. Helfen aber eigentlich auch, weil dadurch Herrschaftsstrukturen stabilisiert werden, die aufgeklärte Europäer ablehnen.

tmd.

Entfremdung und Tauschwert

Dieser Beitrag ist etwas länger. Hier kurz, worum es geht.
Entfremdung bei Karl Marx ist nur zu verstehen, wenn man seine Überlegungen zum Tauschwert der Ware kennt. Marx stellt eine Gleichung zwischen Tauschwert, Gebrauchswert und Herstellung (in Zeit) einer Ware her. Der Tauschwert einer Ware entspricht also dem Zeitaufwand zu seiner Herstellung. Diesen Zeitaufwand kann man in Geld berechnen. Aus dem Gebrauchswert einer Ware wird also ein Tauschwert. Gesamtgesellschaftliches Produzieren von Gütern dient also nicht mehr der Versorgung mit Gebrauchswerten, sondern der Herstellung von Tauschwerten. Durch die Koppelung von Tauschwert und Produktionszeit wird der Arbeiter abhängig vom Tauschwert.

Bildhauer bei der Arbeit
Nicht entfremdet: Werkstück und Künstler – Quelle: dimitrisvetsikas 1969, Pixabay

Hier der Gedankengang von Marx. Bei meiner Erklärung halte ich mich an den Marx-Text von 1859: Zur Kritik der Politischen Ökonomie.

Das Ergebnis seiner Überlegungen ist:

  • Nur Waren, die einen Gebrauchswert besitzen, können getauscht werden. Gebrauchswert ist der Dienst, den ein beliebiges Produkt darstellt und zwar nur für den Erwerber. Wird ein Produkt nur erworben, um es weiter zu verarbeiten, dann hat es ebenfalls Tauschwert.
  • Unterschiedliche Produkte mit unterschiedlichen Gebrauchswerten kann ich nur in ihrem Tauschwert vergleichen. Beispiel: Ein Kleinwagen (PKW) und ein Fahrrad haben unterschiedliche Gebrauchswerte. In ihnen steckt jedoch Arbeitszeit. Die Arbeitszeit, die in der Herstellung eines Autos steckt, ist um ein vielfaches größer als die Arbeitszeit, die in der Herstellung eines Fahrrades steckt. Arbeitszeit ist also der Vergleichsmaßstab.
  • Marx muss also Zeit als Maßstab so verfeinern und skalieren, dass man damit alle Tätigkeiten in einer Gesellschaft abbilden kann. Dabei geht er wie folgt vor. Er nimmt eine sehr einfache Tätigkeit und das entsprechende Produkt der Tätigkeit. Z.B., einen Nagel in die Wand klopfen. Ein Loch in ein Stück Stein bohren ist schon anspruchsvoller. Man könnte also die Arbeit „Loch in Stein bohren“ vergleichen mit „zehn Nägel in eine Wand klopfen“. Diese Vergleiche kann man auf alle Arbeiten, die in einer Gesellschaft geleistet werden, anwenden und Produkte vergleichbar machen. Hier noch ein Beispiel von Marx: Eine Elle (Längenmaß) Leinwand entspricht 2 Pfund Kaffee.
  • Was ist damit gewonnen? Marx grenzt Produktion von Ware als reinem Gebrauchswert und Produktion von Ware als Tauschwert ab. In einer Gesellschaft, in der nur Gebrauchswerte für die Familie hergestellt werden, bedarf es keiner Tauschwerte.
  • Geld wird von Marx mit dem Tauschwert gleichgesetzt. Geld dient nicht nur dazu, den Tauschhandel zu vereinfachen. Geld wird selbst zur Ware.
    „Die Ökonomen pflegen das Geld aus den äußeren Schwierigkeiten abzuleiten, worauf der erweiterte Tauschhandel stößt, vergessen dabei aber, daß diese Schwierigkeiten aus der Entwicklung des Tauschwertes und daher der gesellschaftlichen Arbeit als allgemeiner Arbeit entspringen.“
    Damit ist auch die Tür offen für das „Geld verdienen“ mit Geld durch Spekulation und Zinsen, also ohne Produktion.
  • Die Herstellung von Produkten ist also immer auch Herstellung von Tauschwert. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft kann also die gesamte geleistete Arbeit als Tauschwert dargestellt werden. An diesem Punkt kommt die Entfremdung ins Spiel. Entfremdung ist erstens, wenn der Arbeiter nicht mehr Besitzer seiner Arbeit ist und wenn er nur noch einzelne Arbeitsgänge ausführt. Entfremdung ist zweitens, wenn der Arbeiter austauschbar ist, wenn er selbst zum Produktionsfaktor wird. Entfremdung ist drittens – und das ist der wichtigste Punkt -, wenn der Arbeiter ins Verhältnis zum Tauschwert seiner Arbeit gesetzt wird. Genau das wollte Marx beweisen.
  • Der Arbeiter wird damit abhängig vom Tauschhandel, er wird abhängig vom Kapital. Wenn der Wert einer Ware beim Tausch sinkt, dann sinkt auch der Wert des Arbeiters. Das ist nur deshalb der Fall, weil es nicht mehr um den Gebrauchswert einer Ware geht, sondern nur um den Tauschwert. Der Arbeiter wird damit zum Objekt der Ökonomie. Dabei ist Entfremdung keine moralische Erkenntnis des Arbeiters. Die Arbeitsmoral des Arbeiters ist nicht etwas, dass in seinem Bewusstsein entsteht. Es entsteht im gesamtgesellschaftlichen Tauschhandel, also in seinem Dasein.
Zeituhr
Zeit verknüpft den Warenwert mit dem Arbeiter – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Nur so ist Entfremdung als Schlüsselbegriff zu verstehen, wenn es um die Revolution des Proletariats geht. Es geht darum, den Arbeiter wieder zum Subjekt zu machen.

tmd.

Freier Wille und Moral

Nur ein freier Wille kann ein guter Wille sein. Immanuel Kant hat das gesagt. Was aber ist, wenn es keinen freien Willen gibt?
Hirnforscher haben herausgefunden, dass wir nur meinen, einen freien Willen zu haben. Handlungen entstehen im Gehirn und treten erst dann in unser Bewusstsein. Heißt das, dass wir ferngesteuerte Roboter sind: Ferngesteuert von einem Gehirn, dass nach eigenen Gesetzen funktioniert und uns erst in letzter Sekunde offenlegt, was wir tun werden?

Kommunikation
Kommunikation – Quelle: geralt, Pixabay

Das virtuelle ICH
Vollkommen willenlos sind wir nicht. Die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns ist abhängig von Erfahrungen, die wir zum großen Teil nebenher machen. Wir lernen sozial und moralisch Handeln „implizit“. Genauso handeln wir dann nach dem Gelernten, ziemlich automatisch. Das heißt aber nicht, dass wir willenlos die im Gehirn gespeicherten Handlungsroutinen abarbeiten.
Im Bewusstsein schaut sich unser Gehirn sozusagen bei der Arbeit zu.
Und in diesem Teil der Hirntätigkeit kann der Mensch eine Handlung stoppen.
Es gibt also immer die Möglichkeit des „Nicht-Handelns“.
Dieses virtuelle ICH ist übrigens auch unsere Brücke zu anderen Menschen. Man kann es sich so vorstellen, dass Menschen voneinander wechselseitig (reziprok) annehmen, was im Bewusstsein abläuft.
Ich stelle mir vor, dass der andere dasselbe denkt wie ich, wenn wir uns in einer gemeinsamen Situation befinden. Oder ich erkenne, dass es Unterschiede gibt.
Kernsatz ist: Ich gehe davon aus, dass der andere weiß, dass ich erkenne, dass er die Situation genauso oder anders interpretiert.
Das heißt natürlich nicht, dass wir Gedanken lesen können. Wir können nur soziales und moralisches Handeln annehmen und voraussetzen. Nur so funktioniert Erziehung.
Diese Fähigkeit des virtuellen ICH ist jedoch nicht angeboren. Kinder lernen zum Beispiel erst mit ca. vier Jahren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ohne das virtuelle ICH wären wir Menschen nicht in der Lage zum moralischen Handeln.

tmd.

Wille und Handlung

Extremklettern
der Wille zum Handeln – Quelle: JudiCBell, Pixabay

Es gibt Philosophen, die den freien Willen als Wahnidee bezeichnen. Für diese Philosophen gibt es keinen freien Willen. Wenn es aber keinen freien Willen gibt: Wie verfährt man mit Menschen, die Böses tun? Wenn es keinen freien Willen gibt, dann kann man sowohl kleine Kriminelle, aber auch Terroristen und Personen wie Stalin und Hitler nicht zur Rechenschaft ziehen.
Michael Schmidt-Saomon ist einer der Philosophen, die den freien Willen als Wahnvorstellung ablehnen. Schmidt-Salomon löst das genannte Problem mit den Bösewichten, indem er einen Unterschied macht zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
Willensfreiheit lehnt er ab. Aber der Mensch ist immer noch frei zu handeln – oder nicht. Das Gehirn plant eine Entscheidung und bringt sie ins Bewusstsein. Dort, im Bewusstsein, kann die Entscheidung fallen: Handeln oder nicht handeln.
Was ist verantwortlich dafür, dass ein Mensch dem Willensvorschlag des Gehirns nachgibt oder nicht? Es ist Erfahrung, es ist Erziehung.
Mit Erziehung ist hier eigentlich gemeint, die eigene Vernunft einzusetzen. Das erinnert sehr an Kant, der aber an den freien Willen glaubte.
Wie soll man also umgehen mit der Handlungsfreiheit?
Man muss sie trainieren. Anders geht es nicht.
Schmidt-Salomon und die anderen Gegner des freien Willens, haben dabei aber nicht an die klassische Moralphilosophie gedacht – oder sie wollten nicht daran denken.
Moralisches Handeln ist bei Aristoteles Übung. Das, was eingeübt wird, dafür übernehme ich Verantwortung. Verantwortung übernehmen heißt aber, dass ich die Handlung verantworte und nicht irgendein Naturgesetz. Ich kann keine Ausrede finden!
Gegner des freien Willens sagen, dass menschliches Handeln durch Gesetze (Naturwissenschaften, Psychologie) vorgeschrieben ist. Man nennt das Determinismus. Gleichzeitig soll der Mensch aber auch Handlungsfreiheit haben.
Wenn Handlungsfreiheit aber nicht determiniert ist – und das muss sie sein, wenn hier Freiheit wirkt – dann ist der Mensch doch frei in der Entscheidung. Und dann kann und muss er auch zur Verantwortung gezogen werden.

tmd.