Stichwort: Vernunft

Vernunft wird als Begriff erst in der Oberstufe näher untersucht. Vorher wird Vernunft etwas unscharf als die Fähigkeit beschrieben,

  • Wahrnehmung und Erfahrung zu kontrollieren und sich dessen bewusst zu sein und
  • Gesetze (Normen, Moral) herzustellen, nach denen Menschen ihr Verhalten selbst steuern.

Bei den Vertragstheoretikern Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant hat die Vernunft genau diese Aufgabe, Normen für das Zusammenleben der Bürger zu ermitteln.

Photo im Spiegel
Selbstreferenz – Quelle: StockSnap, Pixabay

Immanuel Kant ist nun derjenige, der näher untersuchte, wie die Vernunft bei der Herstellung von Moral kontrolliert werden kann. Er stellt dabei zwei Maximalforderungen auf.

  • Der Mensch, der sich selbst die Gesetze gibt, ist immer Zweck, nie das Mittel. Einfach gesagt: Die Moral ist für die Menschen gemacht, nicht etwa der Mensch für (die Befolgung) der moralischen Normen.
  • Die Gesetze, die sich der Mensch macht, müssen einem Gedankenexperiment unterzogen werden. Es muss gefragt werden, ob sich die Gesetze als allgemeine Gesetze verwenden lassen. Verständlicher ist es, wenn man prüft, ob sich die Gesetze nicht selbst widersprechen. Wenn es also ein Gesetzt gibt, dass fordert, Schulden zurückzuzahlen, dann darf es gleichzeitig kein Gesetz geben, dass sagt, dass es in bestimmten Fällen erlaubt sei, die Schulden nicht zurückzuzahlen.

Hier noch die viel zitierte Formel, die man auswendig lernen kann: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Zur Kritik an Kant, siehe auch die „Anmerkungen: der Kategorische Imperativ“ (Teil 1 bis 3) in diesem Blog.

tmd.

Merkzettel: Kant – der gute Wille

Nur der gute Wille ist gut, so Immanuel Kant. Was meint er damit?
Mit dem „ist gut“ meint Kant die moralische Bewertung einer Handlung. Nur unter der Bedingung, dass der Wille gut ist, ist es auch die Handlung.
Das ist doch klar! Was sonst!

der gute Wille
nur der gute Wille zählt – Quelle: StockSnap, Pixabay

Falsch gefolgert! Denn wir wissen noch nicht, was Kant mit dem „guten Willen“ meint.
Gut ist ein Wille dann, wenn er frei und autonom ist. Er braucht also bei seiner Verwirklichung die negative und positive Freiheit. Also keine Einflüsse von außen wie Gefühle, Neigungen und politische Zensur. Außerdem muss er Regeln und Gesetze machen, die dem Kategorischen Imperativ genügen. Die Regeln dürfen in sich nicht widersprüchlich sein. Und sie dürfen nicht pflichtgemäß und hypothetisch sein.
Hypothetisch sind „wenn – dann“ Regeln. Pflichtgemäßes Handeln hat das Ergebnis im Blick. (Beispiele: Klavierspielen als Profi; Arbeit als Kaufmann)

Das ergibt sich aber nicht automatisch. Der Maxime des Kategorischen Imperativ folgen, ist eine Aufgabe, der sich der freie, aufgeklärte Bürger freiwillig unterzieht. Dafür gibt es aber keinen anderen Anlass als die Pflicht. (Ein anderer Grund oder Anlass würde wiederum bedeuten, das diese Umsetzung nicht autonom ist.)

Sittliches Verhalten ist also eine Pflicht. Der freie und aufgeklärte Bürger unterzieht sich also freiwillig dieser Pflicht.
Genau das, dieses „sich in die Pflicht“ nehmen, ist der gute Wille.

Kant verhindert damit, dass sich subjektive Interessen und Neigungen in den guten Willen einschleichen. Der gute Wille ist objektiv. Er arbeitet nach selbstgesetzten Regeln, die dem Kategorischen Imperativ genügen.

tmd.

Merkzettel: Kant – der freie Wille

Kant gründet seine Version eines Gesellschaftsvertrags auf die Vernunft und den autonomen Willen. Die Vernunft steht nicht zur Diskussion. Der Mensch ist vernünftig! Daran gibt es nichts zu zweifeln. Die Vernunft kann und muss eingesetzt werden. Sie kann eingesetzt werden, wenn die politischen Verhältnisse den Gebrauch der Vernunft erlauben. Die Vernunft muss eingesetzt werden, um aus der Unmündigkeit herauszukommen. Die Autonomie wird ebenfalls nicht bezweifelt. Autonomie ist eine Grundannahme des aufgeklärten Bürgers.

Merke: Die Leistungsfähigkeit der Vernunft wird nicht weiter diskutiert. Das hat Kant in seinen Hauptwerken bereits erledigt. Die Autonomie des Willens ist keine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens. Der aufgeklärte Bürger kann und will autonom und vernünftig handeln.

Freiheit
Freiheit – Quelle: sasint, Pixabay

Der autonome Wille soll Gesetze herstellen, denen die Bürger gehorchen wollen und können. Moral ist also Menschenwerk. Nun muss also geklärt werden, wie der autonome Wille mittels der Vernunft Gesetze macht, aber dennoch nicht willkürlich handelt. Denn: Natürlich kann sich der autonome Wille Gesetze geben, die er selbst befolgen will. Aber ungeklärt ist doch, ob alle Menschen diese Gesetze wollen. Der Wille soll also autonom Gesetze finden, denen alle Bürger freiwillig folgen.

Merke: Der freie Wille soll autonom Gesetze machen, denen alle Bürger freiwillig ohne Zwang Folgen können.

Kant diskutiert zunächst negative und positive Freiheit. Negative Freiheit ist Freiheit von äußeren Zwängen. Diese politische Freiheit ist die Forderung der Bürger, ihre Meinung frei äußern zu können. Positive Freiheit ist, sich Gesetze zu geben, denen man freiwillig folgt.
Nun muss noch ausgeschlossen werden, dass nicht mehrheitsfähige Kollektivmeinungen zu Gesetzen werden. Der autonome, freie Wille muss vor Willkür geschützt werden. Die Regeln, nach denen der freie Wille funktioniert, dürfen daher nicht fremd-gesetzlich (hetoronom) sein. Ein Wille, der heteronom funktioniert, ist nicht autonom. Die Autonomie zeigt sich darin, dass sich der freie Wille Gesetze gibt, denen alle Bürger zustimmen können. Nur dann kann ein freier Wille auch ein guter Wille sein.

Merke: Der aufgeklärte Bürger braucht negative und positive Freiheit. Negative Freiheit erlaubt die autonome politische Meinungsäußerung. Positive Freiheit schafft Gesetze, die von allen Bürgern akzeptiert werden.

Nun muss noch erklärt werden, wie der freie Wille die Gesetze herstellt. Das geht nur mit einem Gedankenexperiment. Die Gesetze, die hergestellt werden, müssen getestet werden, ob sie nicht in sich widersprüchlich sind. Beispiel: Wer sich Geld leiht, der muss es auch zurückzahlen. Es kann also nicht sein, dass jemand sich Geld leiht und gleichzeitig weiß, dass er das Geld nicht zurückzahlen wird. Jede Moral, jedes Gesetz muss sich an diesen Anforderungen messen. Kant nennt das den kategorischen Imperativ.

Merke: Normen, Gesetze müssen getestet werden und dem kategorischen Imperativ genügen.

Der autonome Wille handelt aber nicht automatisch. Der Bürger handelt vielmehr aus Pflicht. Kant unterscheidet hier das pflichtgemäße Handeln und das Handeln aus Pflicht. Außerdem macht er einen Unterschied zwischen dem kategorischen und dem hypothetischen Imperativ.
Pflichtgemäßes Handeln orientiert sich an den Folgen des Handelns. Beispiel: Ein Kaufmann betrügt seine Kunden nur deshalb nicht, weil er die negativen Folgen befürchtet. Aus Pflicht handelt er aber, weil er sich ungeachtet der Folgen so entscheidet, weil sein Handeln dem kategorischen Imperativ entspricht.
Hypothetische Imperative bestimmen zwar unser Leben, aber wir müssen ihnen nur bedingt folgen. Beispiel: Wenn ich professioneller Pianist sein will, dann muss ich täglich üben. Diesem Wenn-Dann-Befehl muss ich nur dann folgen, wenn ich professioneller Pianist sein will.

Merke: Moralisch handeln ist immer Handeln aus Pflicht und folgt freiwillig den Forderungen des kategorischen Imperativs.

Kant sichert moralisches Handeln aber noch zusätzlich ab. Neben der Maxime (oberste Regel) des kategorischen Imperativs gibt es noch die Maxime: Der Mensch ist immer Zweck des Handelns, er ist nie das Mittel.

tmd.

Trivialisierung des Moralunterrichts

Ohne Erkenntnistheorie ist jeder Moralunterricht beliebig und gerät zur Ansammlung von Aphorismen und Deutungen philosophischer, soziologischer und psychologischer Fragen. Erkenntnistheorie heißt, sich mit der Leistungsfähigkeit menschlicher Erkenntniskraft auseinanderzusetzen. Gelegenheit dazu bietet sich bei den Themen Freiheit und Verantwortung sowie Vernunft und freier Wille.

Freiheit und Verantwortung sind aneinander gekoppelt durch Normen und Werte, wobei die Normen von einem autonomen Bewusstsein hergestellt werden. Vernunft und freier Wille sind gekoppelt durch die Einsicht, dass nur ein freier Wille ein guter sein kann (aber nicht muss), aber ohne Einsatz der Vernunft moralisch bedeutungslos bleibt.

einfach
Vereinfachung – Quelle: counselling, Pixabay

Diese sehr komprimierte Darstellung des Zugangs zur Erkenntnistheorie überfordert jeden Anfänger im moralischen Diskurs. Deshalb müssen die komplexen Inhalte von Ethik trivialisiert werden, vereinfacht werden.

Die Beschäftigung mit den Vertragstheoretikern Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant sind Beispiel dafür. Schwerpunkt sind dabei der Vergleich von Naturzustand und Regierungsbildung bei den Theoretikern. Aber bereits bei J.J.R. wird klar, dass die Vernunft – allein auf sich gestellt und unkontrolliert – ein unauflösbares Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit hervorbringt.

Erst Kant zieht die Konsequenzen aus den Grenzen der Erkenntniskraft der Vernunft.
Das sind jedoch die Inhalte, die nicht behandelt, nicht diskutiert werden. Begründung: zu komplex – deshalb vereinfachen, trivialisieren.

Die SuS durchschauen diese Trivialisierung, reagieren aber nicht mit Nachfragen. Die derart trivialisierten Lehrinhalte sind nämlich abfragbar. Mit diesem Wissen können Noten gemacht werden. Die erkenntnistheoretischen Schlussfolgerungen jedoch münden in die Erkenntnis (wenn sie denn erfolgt), dass unsere Moral auf einem sehr dünnem Fundament steht. Oder, wie es die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann beschrieben haben: Man versucht einen Bus anzuschieben, in dem man gleichzeitig sitzt.

tmd.

Anmerkung: Vertragstheorien

„Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag“, sagte der Teilnehmer einer Talkrunde im Fernsehen, die ich kürzlich anschaute.
Die Beschäftigung mit den klassischen Vertragstheoretikern (Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau) verstellt den Blick auf den Umstand, dass sich die Bürger/innen in einer Demokratie immer schon in einem vertraglichen Zustand befinden.

Vertragsunterschrift
Der Vertrag – Quelle: epicioci, Pixabay

Es ist nicht der Zustand, wie ihn Hobbes oder Rousseau beschrieben. Keiner hat einen Vertrag unterschrieben oder Vertragsinhalte mit den anderen Mitbürgern ausgehandelt. Es ist eher so, dass man in das politische Staatswesen hinein sozialisiert wird.
Aber die Gedankenfigur des Vertrags, der ausgehandelt wird, hat einen Bezug zu unserem aktuellen politischen System: Verträge können auch – per Vertrag – geändert werden. In einer Demokratie ist das die Regel. Nicht etwa grundsätzlich ist das so, sondern im Rahmen mit einer Verfassung, der die meisten zustimmen.
Man sollte also darauf achten, wenn ein neuer „Gesellschaftsvertrag“ gefordert wird. Ist das Grundgesetz gemeint oder die vertragliche Regelung unserer sozialpolitischen Ordnung?
Mir geht es hier um die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Wenn hier eine Änderung verlangt wird, dann wird immer auch mit Moral argumentiert. Es sei unmoralisch, wenn der eine zu viel und der andere zu wenig verdient, heißt es da oft sofort. Das sei nicht fair.

harte Arbeit
Der Mensch ist der Zweck – Quelle: skeeze, Pixabay

Wer Hobbes und Rousseau kennt, merkt auf. Es geht den Bürgern um Sicherheit, Freiheit und Gleichheit. Die Vertragsmodelle, die man hier im Blog nachlesen kann, zeigen, dass es keine spannungsfreie Lösung des Dreiecksverhälnisses aus den drei bürgerlichen Forderungen geben kann. Die Modelle von Hobbes und Rousseau sind anfällig für Diktaturen. Insbesondere der Vertragsentwurf von Rousseau kann über „direkte“ Demokratie in die verschleierte Diktatur führen. Gleichheit wird hergestellt zu Lasten der Freiheit.
Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit kann in der Tat nur moralisch gelöst werden.
Immanuel Kant hat hier eine moralisch ernstzunehmende Position eingenommen: Der Mensch ist Zweck, nie Mittel.

tmd.

Stichwort: Gemeinwille

Jean-Jacques Rousseau will die natürlichen Rechte des Menschen – Freiheit und Gleichheit – mittels Gesellschaftsvertrag sichern. Der Vertrag wird zwischen den Menschen eines Landes geschlossen und soll die einzig legitime Form von Herrschaft sein.

Fantasy, Märchenhaft
Freiheit oder Gleichheit – Quelle: kellepics, Pixabay

In diesen Vertrag treten die Menschen ein und geben dabei alle ihre persönlichen Rechte und Freiheiten auf. An Stelle dieser natürlichen Freiheiten erhalten sie rechtlich festgelegte Freiheiten. Jeder erhält die gleichen Freiheiten. Die Qualität der Freiheiten werden vor Vertragsbeginn von den Vertragsschließenden festgelegt. Niemand erhält also Freiheiten, die er nicht wollte und niemand erhält Freiheiten, die ein anderer nicht hat. Damit haben alle die gleiche rechtlich verbriefte Freiheit und sind somit gleiche Bürger.
J.J.R. meint damit, Freiheit und Gleichheit vom Naturzustand in den Staat gerettet zu haben. Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit wird aber nicht gelöst. Man ist als Bürger immer zuerst ein „gleicher“ und dann erst ein „freier“ Bürger.
In der politischen Mitbestimmung und in der Regierung taucht der Begriff „Gemeinwille“ auf. Gesetze werden von den Bürgen gemacht unter dem Aspekt, dass diese ihre Freiheit sichern wollen. Nichts wird beschlossen, das den Freiheitsrechten des Bürgers entgegensteht. Die Gesetze, die von den Bürgern gemacht werden, werden eingehalten, weil sie von ihnen selbst gemacht wurden. Die Ausführung der Gesetze wird an eine Regierung übergeben, die sich an die Gesetze halten müssen. Sie haben keinerlei Interpretationsspielraum.

Sollte es bei Volksabstimmungen abweichende Meinungen geben – Minderheitsmeinungen – dann haben sich die Bürger, die in der Minderheit sind, geirrt. J.J.R. macht hier einen schweren Konstruktionsfehler, indem er annimmt, dass die Mehrheit immer Recht hat.
Seine Erklärung dafür, dass sich die Mehrheit nicht irrt, hat einen logischen Fehler. Er meint, dass der Gemeinwille das wiedergibt, was alle Bürger gemeinsam wollen. Das, was es an unterschiedlichen Sonderwillen noch gibt, das geht über den Gemeinwillen hinaus, es ist nur der Gesamtwille.
Ähnlich verfährt J.J.R. auch beim Eigentum. Niemand darf mehr besitzen als ein anderer. Eigentum wird so zum Volkseigentum.

tmd.

Vergesellschaftung und Moral

Ich bin gefragt worden, was Vergesellschaftung und Gesellschaftstheorie mit Ethik zu tun haben. Die Frage ist berechtigt. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau lässt das Ziel der Aufgabe in den Hintergrund rücken. Zuweilen vergisst man, weshalb und warum man sich mit den Theorien beschäftigt. Außerdem gibt es etliche Literatur zum Thema, in der genau der moralisch Aspekt ausgeblendet ist.
Deshalb hier eine kurze Anmerkung zu Vergesellschaftung und Moral.

Rousseau und Hobbes sind der Meinung, dass die Menschen eine politische Ordnung nur mittels eines Vertrages herstellen können. Dazu gebrauchen sie außerdem ihre Vernunft. Ohne Vernunft geht also gar nichts bei den Vertragstheoretikern. Ohne Vertrag würden die Menschen im sogenannten Naturzustand weiterleben oder in einem Zustand, der sich „naturwüchsig“ aus den vorhandenen Menschenrechten (Freiheit und Gleichheit) entwickeln würde.
Hier zeigt sich, dass Hobbes und Rousseau nicht mehr die antike Vorstellung hatten, dass sich die Menschen als „politische“ Wesen ohne eigenes Zutun zu einem Staat zusammenschließen würden.

Fotomontage, Gesichter
Aspekt Menschenbild – Quelle: geralt, Pixabay

Also: Die antiken Menschen haben immer in politischen Verhältnissen gelebt, meinten sie. Sie mussten sich nur noch darum kümmern, dass es die „richtige“ politische Ordnung sei. Richtig war die politische Ordnung dann, wenn es eine „gute“ Ordnung war. Die Probleme, die sich dadurch ergaben, sind hier im Blog bei Platon, Sokrates und den Sophisten beschrieben.

Die politische Philosophie der Neuzeit hatte also ein doppeltes Problem.

  • Erstens: Sie musste eine politische Ordnung herstellen durch Vertrag und dabei auf das jeweilige Menschenbild achten bzw. es beim Vertragsentwurf berücksichtigen.
  • Zweitens: Sie mussten beim Vertragsentwurf darauf achten, dass die politische Ordnung eine „gute“ Ordnung sei.

Bei Hobbes ist die Ordnung die richtige, die Sicherheit herstellt. Bei Rousseau ist das Kennzeichen der guten Ordnung, die Freiheit und (!) die Gleichheit der Bürger herzustellen.

Nicht vergessen darf man, dass alles von der Vernunft des Menschen abhängig war. Nicht bedacht wurde dabei, dass sich die Vernunft auch recht willkürlich verhalten kann. Erst Immanuel Kant hat sich Gedanken gemacht, wie man die Vernunft vor Willkür schützen kann.
Vergesellschaftung ist also gar nicht so einfach. Die Vernunft muss den Menschen im Blick haben und versuchen zu verstehen, wie er „funktioniert“. Die Vernunft muss aber auch die mögliche politische Ordnung im Blick haben und fragen, ob es eine richtige, die „gute“ Ordnung ist. Das ist die Frage nach der Moral.

tmd.

Merkzettel: Thomas Hobbes

equality
Gleichheit – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und gewaltbereit. Sein Ziel ist es, sich alles anzueignen, was er haben will. Er ist gierig. Hat er einen Wunsch befriedigt, wartet sofort der nächste Wunsch. Soweit Hobbes über den Menschen im Naturzustand.
Der Naturzustand ist ein Gedankenexperiment. Hier wird erzählt, wie sich der Mensch ohne Gesetzte und Ordnungsmacht verhält. Es ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser Zustand ist also eine Fiktion. Der Naturzustand soll illustrieren, wie der Mensch von Natur aus ist. Hier kann er seine natürlichen Rechte ausleben. Der Naturzustand zeigt auch, dass sich aus den Naturrechten (Freiheit, Gleichheit) ohne Zuhilfenahme der Vernunft keine politische Ordnung entwickeln lässt.

Mit Vernunft kann der Mensch die Naturgesetze ermitteln. Naturgesetze sind keine physikalischen Gesetze. Naturgesetze sind von der Vernunft ermittelte Vorschriften wie:

  • jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb;
  • geschlossene Verträge soll man halten;
  • für einem Friedenszustand sollen alle die gleichen Rechte haben.

Diese von der Vernunft erkannten Vorschriften (Naturgesetze) können die Bürger für einen Vertrag weiterverwenden: Das ist der Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag wird zwischen allen Bürgern eines Staates geschlossen. Ziel ist es, den Naturzustand mit dem „Krieg aller gegen alle“ zu beenden.

Im Gesellschaftsvertrag geben die Menschen ihr Recht ab, sich alles, was sie wollen, auch gegen den Willen der Mitmenschen anzueignen. Der Vertrag sorgt dafür, dass der Staat – als abstrakter Herrscher – für die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags sorgt. Der Vertrag gibt den Menschen Sicherheit. Dafür opfern sie einen erheblichen Teil ihrer Freiheit.

Merksatz: Sicherheit statt Freiheit.

Die Bürger sind gezwungen, sich an den Vertrag zu halten. Der Vertrag kann nicht einseitig geändert werden.

Verletzt der Staat jedoch die genannten Naturgesetze, dann ist der einzelne Bürger sehr wohl berechtigt, sich zu wehren. Insbesondere dann kann sich der Bürger von seinem Staat verabschieden, wenn der Staat seine Schutzfunktion aufgibt.

tmd.

Freiheit und Gleichheit: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. will mit seinem Gesellschaftsvertrag eine politische Ordnung herstellen, in der Freiheit und Gleichheit gewährleistet sind.
Er beginnt damit, dass er grundsätzlich nach Legitimation von Herrschaft fragt. Zu seiner Zeit gab es drei Arten von Legitimation: Herrschaft von Gottes Gnaden, Naturrecht und ein Gesellschaftsvertrag.

Freiheit und Gleichheit
Freiheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Gesellschaftsvertrag meint: die Bürger eines Landes schließen einen Vertrag, in dem die Herrschaft geregelt ist.
Herrschaft von Gottes Gnaden erwähnt er in seinen Überlegungen nicht. Das Naturrecht würdigt er, indem er Freiheit und Gleichheit als naturgegebene Rechte eines jeden Menschen bestimmt. Aus diesen Naturrechten lässt sich aber keine Herrschaft ableiten.
Warum ist das so?
J.J.R. hat ein bestimmtes Menschenbild. Der Mensch ist ein Einzelgänger, der den anderen Menschen besser aus dem Wege geht. Er ist frei und unabhängig und will es bleiben. In diesem Naturzustand kann der Mensch aber nicht überleben. Er ist in der Natur nicht überlebensfähig. Alle anderen Lebewesen sind ihm eigentlich überlegen. Also muss er sich mit anderen Menschen zusammenschließen, um sich zu schützen gegen die übermächtige Natur. Dieser naturwüchsige Zusammenschluss funktioniert jedoch nur in der Familie. Dort sind die Herrschaftsverhältnisse angebracht. Sobald aber der Mensch alt genug und vernünftig ist, braucht es eine andere Herrschaftsform. Es braucht eine Herrschaftsform, in der Gleichheit und Freiheit des Menschen gewährleistet sind. Das ist der Gesellschaftsvertrag.
Überlässt man es dem Zufall, dann wird die Vergesellschaftung zu einem Gefängnis für die meisten Menschen. Sie leben in Unfreiheit und sind nicht mehr gleich, weil sich einige Menschen mehr Rechte nehmen und die anderen Menschen beherrschen.
Nachdem J.J.R. diese Überlegungen abgeschlossen hat, geht es darum, einen Vertragsentwurf für einen Gesellschaftsvertrag zu machen, der den Menschen Schutz vor der übermächtigen Natur bietet, aber gleichzeitig auch Freiheit und Gleichheit herstellt.
J.J.R. sagt, alle Menschen haben dieses Ziel, nämlich frei und gleich zusammen zu leben. Im Vertrag muss also stehen, dass die Vertragschließenden, wenn sie vergesellschaftet sind, alle die gleiche Freiheit haben sollen.
Damit sie aber wirklich gleich sind, müssen sie mit dem Vertragsschluss ihre bisherigen Rechte auf individuelle Freiheit abgeben. Dafür erhalten alle Menschen die gleiche Freiheit, die im Vertrag zugesichert ist und die individuelle Freiheit ersetzt. Alle Bürger haben jetzt die „gleiche Freiheit“.

tmd.

Stichworte: Naturrecht, Naturgesetz

Polizeiboot
der Staat hat das Gewaltmonopol – Quelle: ptra, Pixabay

Thomas Hobbes macht einen Unterschied zwischen Naturrechten und Naturgesetzen, der für seine Staatstheorie notwendig ist.

Naturrechte sind dem Menschen im Naturzustand gegeben. Der Mensch hat das Recht darauf, alles zu besitzen und die Freiheit, alles zu tun, was er will. Das ist grenzenlose Freiheit und unbeschränktes Recht ohne jegliche Verantwortung.
Es ist „die Freiheit, nach welcher ein jeder zur Erhaltung seiner selbst seine Kräfte beliebig gebrauchen und folglich alles, was dazu beizutragen scheint, tun kann.“ (Leviathan, Kap. 14).

Naturgesetze sind Erkenntnisse der Vernunft. Der Mensch kann, wenn er seine Vernunft gebraucht, erkennen, dass es Regeln braucht, um konfliktfrei zusammenzuleben. Diese Regeln kann der Mensch selbst herstellen.

Daraus folgt aber, dass es eine Staatsgewalt geben muss, die für die Einhaltung der Gesetze sorgt.

Vom Naturrecht (grenzenlose Freiheit verbunden mit dem Krieg aller gegen alle) gelangt man durch Vernunft (Erkennen von Naturgesetzen: Friede muss hergestellt werden) zu einer Rechtsordnung (vom Menschen gemacht), die durch einen starken Staat geschützt und umgesetzt wird.

tmd.