Moral ist keine Spielerei

Frau mit Waffe
kein Spiel – Quelle: Pexels, Pixabay

Das Gewissen als autonome Instanz funktioniert nicht auf Knopfdruck. Es ist weder angeboren, noch bildet es sich aus dem Nichts. Gewissen als autonome Instanz ist das Produkt von freiem moralischen Handeln und Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln.
Das Dreiecksverhältnis von autonomem Gewissen, Freiheit und Verantwortung lässt sich also nicht auflösen.
Die Gewissenspflege, also die Rückschau auf und die Bewertung von Handlungen (evaluativ) und die moralisch gestützte Entscheidungshilfe (präskriptiv) zu geplanten Handlungen, bringt die moralische Instanz erst hervor.
Insofern ist der Begriff „Pflege“ irreführend, weil man meint, es gebe da etwas zu pflegen, was schon vorhanden ist. Vielmehr entsteht das Gewissen erst durch den „pflegenden Gebrauch“, also durch Evaluation und Präskription.
Was war also zuerst vorhanden?
Das verantwortliche freie moralische Handeln.
Dieses muss aber eingeübt werden. Diese Art der Übung ist nicht spielerisch.

Jegliche Art von Spielerei entzieht der Freiheit den Boden, nämlich die Verantwortung.

Rollenspielereien im Unterricht sind demnach weder exemplarisch noch zielführend. Es ist Sozialisation in die falsche Richtung: Moral als Theater.

tmd.

Freiheit und Verantwortung

Mann in Landschaft
Freiheit und Verantwortung – Quelle: 27707, Pixabay

Was das Gewissen ist, das wissen wir. Wir meinen es wenigstens. Jemand hat ein schlechtes Gewissen. Jemand ist gewissenlos. Es gibt die Gewissensfreiheit. Und es gibt auch das gute Gewissen.
Fragt man genauer nach, dann stellt sich heraus: Ja! Da gibt es etwas. Breite Zustimmung. Jeder kann etwas zum Thema beitragen.
Fragen wir bei Philosophen und Psychologen nach, bekommen wir recht gute Antworten. Das, was sich bei uns regelmäßig meldet, wenn es etwas zu entscheiden oder zu beurteilen gibt – also „tu das nicht“ oder „da hast du was falsch gemacht – diese innere Meldung ist entweder eine Folge der Erziehung oder ein Produkt unserer Vernunft. Es ist entweder antrainiertes Verhalten oder Freiheit des Handelns mit integrierter Übernahme von Verantwortung für unser Handeln.

Ein autonomes Gewissen gibt es nicht zum Nulltarif

Von Sigmund Freud kennen wir das Modell: ÜBER-ICH – ICH – UNTERBEWUSSTSEIN. Im ÜBER-ICH sitzt die Erziehung unserer Eltern und macht uns Vorschriften. Das ÜBER-ICH ist unser Gewissen, es ist das Modell Gewissen, das fremdgesetzlich ist. Man nennt es heteronom. Aus dieser Abhängigkeit kommt man nur heraus, wenn man diese Abhängigkeit durchschaut. Wenn das funktioniert, hat man ein Gewissen, das frei, nach selbst gesetzten Regeln funktioniert.
Doch dieses autonome Gewissen bekomme ich nicht zum Nulltarif. Das Gewissen ist zwar frei von den Gängelungen der Umwelt, aber es funktioniert nicht ohne unser Zutun. Wir müssen es ständig pflegen. Und das heißt: Wir bewerten, was wir getan haben – evaluativ nennt man das – und wir machen uns selbst Vorschriften – präskriptiv nennt man das.

Freiheit ist immer an Verantwortung gekoppelt

Reicht das? Nein! Woran orientiere ich mich denn nun, wenn ich das Gewissen selbst als Kontrolleur einsetze? Welches sind die richtigen Regeln, was ist moralisch also angesagt?
Das ist nun eigentlich unsere eigene Sache. Wir machen die Regeln, an denen wir uns orientieren, selbst. Wir brauchen also einen Mechanismus, der uns hilft, das eigene Handeln in Freiheit irgendwie zu kontrollieren. Verantwortung heißt das Zauberwort.
Freiheit gibt es nur im Paket mit der Verantwortung. Ich muss also meine Handlungen immer selbst verantworten. Da hilft es auch nur bedingt, in den Büchern der großen Religionen nachzuschauen oder den Arzt oder Apotheker zu fragen. Denn: Wir können uns nicht auf jemanden berufen. Das ist nur billiger Gewissensmissbrauch.

Vernunft einschalten, wenn es um Moral geht

Was also tun, um Gewissenstäter – also Terroristen – zu beurteilen?
Es gibt immer noch die Vernunft. Dieses Werkzeug der Philosophie gilt es in Stellung zu bringen. Also tun wir es!

tmd.

Moralische Geisterfahrer

nicht mehrheitsfähige Kollektivnorm – Quelle: matamoros, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz muss Widersprüche ertragen können. Der Mensch lebt nicht in einer Welt, die eine Kopie seiner moralischen Innenwelt darstellt. Es sind die widersprechenden Normen unserer sozialen Umwelt, die das Gewissen auf den Plan rufen. Erst dann, wenn diese Widersprüche in Widerstand gegen die herrschenden Normen umgemünzt werden, dann, erst dann ist nach Meinung einiger Philosophen der Zustand erreicht, mit dem wir zufrieden sein können.

Doch hier ist Vorsicht angesagt. Was ist, wenn das Gewissen von nicht mehrheitsfähigen Kollektivnormen geleitet ist und diese Normen universell gemacht werden sollen? Fundamentalisten sind gemeint!

Der moralische Geisterfahrer wähnt sich meist im Recht.

Das Sturmgeschütz Vernunft ist hier in Stellung zu bringen. Nutzen wir es. Denn wer die Freiheit des Gewissens fordert, der muss für das Handeln in Freiheit Verantwortung übernehmen. Verantwortung lässt sich aber nicht am autonomen Gewissen vorbei übertragen – weder an einen weltlichen Führer noch an Gott.

tmd.

Autonomie – Verantwortung – Freiheit

Freiheit und Verantwortung – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz ist autonom gegenüber unkontrollierten Einflüssen der sozialen Umwelt. Der Mensch ist dabei verantwortlich für sein Handeln. Er kann und muss sich an die Weisungen des autonomen Gewissens halten. Er kann sich aber andererseits auf das Gewissen berufen. Das gibt dem Menschen die Möglichkeit und Freiheit, anders zu handeln als es die soziale Umwelt verlangt.
Aus dem Gedanken der Autonomie des Gewissens folgt also, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, aber auch die Freiheit einzufordern, gemäß dem Gewissen zu handeln.
Die Gewissensfreiheit ist im Grundgesetz geschützt durch den Artikel 4.
Wir behandeln also das Gewissen verfassungsrechtlich als moralische Instanz.

Diese Gewissensfreiheit hat allerdings auch ihren Preis. Ich muss die Anwendung der Autonomie pflegen. Wenn ich das nicht mache, dann kann ich mich auch nicht auf die Autonomie berufen. Diese Art der Gewissenspflege funktioniert folgendermaßen: Ich kann zurückblicken auf vergangene Handlungen (präskriptiv) und vorausblicken auf geplante Handlungen (evaluativ).
(Achtung: in einem Lehrbuch wird der Begriff präskriptiv vom Fehlerteufel niedergemacht und übrig bleibt das Wort deskriptiv.)
Die präskriptive und evaluative Funktion dient also der Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung.

tmd.

Merkzettel: Psychologische Deutung des Gewissens bei Freud

Wie ein Virenscanner sitzt das Über-ICH im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins.

Scan im Bewusstsein – Quelle: gagnonm1993, Pixabay

Sigmund Freud beschreibt das Gewissen als heteronomen (fremdbestimmten) Teil des Bewusstseins. Das Gewissen ist dabei abhängig von Erziehung und sozialer Umwelt.
Dem Analytiker Freud geht es nicht um die nähere Bestimmung eines psychischen Apparates, der für die Unterscheidung von Gut und Böse zuständig ist. Freud will Krankheiten, insbesondere Neurosen, behandeln und heilen. Diese Krankheiten sind das Ergebnis von Schuldgefühlen/Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis. Die Spannung von Schuld und Strafe muss aufgelöst werden. Freuds Vermutung: Neurosen sind Spannungslöser.
Das Modell des Gewissens von Freud ist einfach im Aufbau: Unterbewusstsein – ICH – Über-ICH. Das ICH ist die handelnde Person. Sie steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Unterbewusstsein und dem Über-ICH. Das Unterbewusstsein beherbergt die Wünsche des Menschen nach Lustbefriedigung. Das Über-ICH ist der Ort der anerzogenen Moralvorstellungen. Das ICH steht dazwischen und muss in seiner Umwelt handeln – gegen oder mit dem einen oder anderen Teil des Bewusstseins.
Das Über-ICH wacht über die Einhaltung der moralischen Vorstellungen. Es ist zunächst nur das Abziehbild der elterlichen Erziehung. Es löst sich jedoch von der sozialen Erziehungssituation und führt ein Eigenleben im Bewusstsein des Kindes. Das Kind fühlt sich auch dann von den Eltern beobachtet, wenn diese das amoralische Verhalten nicht bemerken – und zwar von dem Über-ICH.
Das Über-ICH sitzt wie eine App im Arbeitsspeicher des Bewusstseins und kontrolliert die Wünsche des Unterbewusstseins wie ein Virenscanner.
Das Kind fühlt sich also schon mit den Wünschen im Unterbewusstsein ertappt und hat ein schlechtes Gewissen, hat Schuldgefühle. Diese Spannung aus Schuldgefühl und Strafbedürfnis (damit wieder alles in Ordnung ist) will das Kind/der Jugendliche beenden durch Spannungsauflösung. Selbstbestrafung ist hier die Lösung.
Genau das sind die Neurosen, die Freud behandeln will.

tmd.

Stichwort: Gewissen – Grundmodell

Entscheidung – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

Intuitiv, also ohne eigenes Zutun, erlebt sich der Mensch oft „im Widerspruch“ zu sich selbst. D.h.: Man will seinen Interessen folgen – erfolgreich, glücklich und reich sein. Aber damit verhält man sich oft nicht als „Gutmensch“.
Die Rollen sind also schnell verteilt: Dem Eigeninteresse zu folgen, ist schlecht, dem gefühlten „idealen“ Handeln zu folgen, ist richtig.

Wer das Richtige tut, der folgt dem Gewissen und handelt verantwortungsvoll.

Erkenntnistheoretisch bleibt dabei unklar:
Entstehung, Form und Funktion des Gewissens.
Welche Rolle spielt der freie Wille?
Kann sich das Gewissen irren?
Kann man dem Gewissen folgen und keine Verantwortung übernehmen?

tmd.

Introspektion

„Ein gutes Gewissen haben“ und „ein schlechtes Gewissen haben“ sind Redewendungen, die eine Existenz eben dieses Gewissens voraussetzen. Die Existenz dieses Teils wird nicht bezweifelt. Das ist umso erstaunlicher, als wir es nicht sehen können. Wir müssten also doppelt vorsichtig sein, wenn wir uns damit beschäftigen.
Die Sinne können uns täuschen. Das war Thema bereits in der 5. Klasse in Ethik. Gewissen nehmen wir aber nicht über unsere Sinne wahr, sondern es ist eine „Wahrnehmung“, wenn wir in uns „hinein horchen“. Introspektion heißt hier das Fachwort. Das ist Selbstbeobachtung von Vorgängen in uns selbst.
Spätestens an dieser Stelle dürften wir eigentlich nicht mehr unkritisch vom Gewissen reden.

Introspektion – Quelle: geralt, Pixabay

Was machen wir eigentlich, wenn wir so in uns hinein horchen? Hirnforscher würden es folgendermaßen beschreiben. Der Mensch hat ein Bewusstsein. Bewusstsein ist: sich beim eigenen Denken zuschauen. Introspektion ist dann das Beobachten des „Sich selbst beim Denken zuschauen“. Ganz schön kompliziert.

Haben alle Menschen diese Wahrnehmung? Genau das ist das Problem. Philosophen und andere interessierte Menschen erzählen sich und uns von dieser Wahrnehmung. Die Erzählungen sind meist sehr ähnlich. Man kann sie aber nicht empirisch nachprüfen. Wissenschaftler können zwar die verschiedenen Hirnströme messen, aber letztlich machen wir uns ein gedankliches Modell davon, was das Gewissen ist.

Die Rede vom Gewissen ist also ein Leistung des Verstandes (epistemisch). Wenn wir die Introspektionen kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen wollen, dann haben wir nur die (aus der 8. Klasse bekannten) epistemischen Theorien zur Verfügung. Unser Modell von Gewissen muss also in sich widerspruchsfrei sein, von vielen akzeptiert werden und irgendwie unmittelbar einleuchtend sein, also kohärent, konsent und evident.

Damit ist klar, dass sich die Modelle, die Beschreibungen des Gewissens nicht immer gleichen müssen. Auch die Form (Modell) des Gewissens muss nicht immer gleich sein. Letztlich ist es auch eine Frage der Introspektion, was das Gewissen eigentlich leistet und woher es kommt.

Wir dürfen also nicht aus dem Blick verlieren, welche Interessen hinter den jeweiligen Modellen von Gewissen stehen.

tmd.

Merkzettel: Schuld und Sühne bei Sigmund Freud

In Freuds Theorie ist das Gewissen im Über-Ich beheimatet. Das Gewissen ist aber nichts Ursprüngliches, das dem Menschen bei der Unterscheidung von Gut und Böse hilft. Das Gewissen ist Ergebnis von Erziehung und Sozialisation. Verantwortlich für das Gewissen ist also die soziale Umwelt des Menschen. Da diese Umwelt von Mensch zu Mensch verschieden ist, ist auch das Gewissen unterschiedlich. Man bezeichnet diese Art von Gewissen heteronom (fremdgesetzlich).

Welchen Stellenwert hat das Gewissen bei Freud für das moralische Handeln? Gewissen ist bei Freud zufällig und bietet keinerlei moralische Orientierung. Dennoch hat der Mensch Schuldgefühle. Wie kommt es dazu?

Ein zerbrochenes GLas
Schuld – Quelle: stevepb, Pixabay

Freud nennt diesen Vorgang während der frühkindlichen Sozialisation Introjizierung. Schuldgedanken werden also in das ICH verpflanzt. Freud erklärt das folgendermaßen. Das Kind befürchtet Liebesentzug durch Eltern und sozialer Umwelt wegen aggressivem Verhalten (Lustbefriedigung). Diese Ängste werden in das Über-Ich eingepflanzt und richten sich gegen das ICH. Das Kind will Liebesentzug verhindern und baut im Über-Ich eine Kontrollinstanz auf, das dem ICH verbietet, Handlungen auszuführen, die zum Liebesentzug führen können. Diese Kontrollinstanz wäre nicht weiter problematisch, wenn sich das Über-Ich nicht auch als Kontrolleur bereits der Absichten und Wünsche einschalten würde. Das Kind, und später der Erwachsene, hat bereits dann ein schlechtes Gewissen, wenn es/er nur daran denkt, gegen die Warnungen des Über-Ich zu handeln.

Das ist das schlechte Gewissen. Genau damit sind aber auch Schuldgefühle zu rechtfertigen und werden von der Gesellschaft auch eingefordert. Eine Gesellschaft, in der das Gewissen als zufälliges Sozialisationsergebnis verstanden wird, hat also ein anderes Verständnis von Schuld und Sühne.

tmd.

Herausforderung zum „Selbst Denken“

Kind denkt nach
Selbst denken – Quelle: MrsBrown, Pixabay

Neben dem Gewissensirrtum und -missbrauch gibt es noch die Gewissenspflege. Ich würde es besser Gewissenserziehung nennen. Der Prozess der Erziehung ist dynamisch. Pflege hat den Anstrich des Erhaltens und Bewahrens. Da der Mensch aber in einer Welt lebt, die sich ständig ändert und diese Welt dem darin lebenden Menschen neue Herausforderungen abverlangt, muss das Gewissen auch komplexer werden können, um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden.
Schlüsselwörter bei der Gewissenspflege sind die Begriffe „präskriptiv“ und „evaluativ“.

Es gibt ein Lehrbuch, in dem der Begriff „präskriptiv“ vom Fehlerteufel umetikettiert wurde. Es ist dort die Rede von der „deskriptiven Funktion“.
Es ist aber ein feiner Unterschied, ob ich vorschreibe (praescribere) oder nur beschreibe (describere).

Was mir mein Gewissen vorschreibt, dem sollte ich folgen. Einer reinen Beschreibung fehlt das Merkmal der Forderung. Die evaluative Funktion ist mit dem Gewissensmissbrauch verknüpft. Hier nämlich bewerte ich meine Handlungen vor dem Hintergrund kollidierender Normenvorstellungen.

(Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Gäbe es keine Normenkollisionen, dann gäbe es die betreffenden Normen auch nicht. Was wir daraus lernen: Moral ohne Gut und Böse gibt es nicht. )

An diesem Punkt sieht man, dass Handlungsentscheidung und Handlungsbewertung die beiden Seiten einer Münze sind. Ich kann sie nicht trennen. In dem Moment, in dem ich mich für eine Handlung entscheide, denke ich die Bewertung gleich mit. In den einfachen Modellen der Gewissensfunktion sieht das eher so aus, dass ich handele und dann erstaunt feststelle, dass meine Handlung nicht korrekt war.

Einige Soziologen meinen, dass der Mensch bereits vorgefertigte Handlungsmuster inklusive Beurteilungsmuster in seiner sozialen Umwelt vorfindet und auswählt. Das ist besonders bei Handlungen interessant, die man eigentlich ablehnt und sogar moralisch verurteilt. Beispiel: Tierversuche, um Medikamente zu entwickeln, die Menschenleben retten. Der Missbrauch in Form der Rationalisierung ist hier in die Handlungsbeschreibung schon eingebaut: Menschenleben retten.
Gleiches gilt natürlich auch für die präskriptive Funktion. Eine Handlung auszuführen vor dem Hintergrund einer moralischen Forderung beinhaltet auch gleich die Orientierung an kollidierenden Normen und Werten.

Jetzt, wo wir also Irrtum, Missbrauch und Pflege nebeneinander stellen und verknüpfen können, sehen wir, dass die getrennte Darstellung nur eine analytische Trennung sein kann. Das Gewissen funktioniert nämlich im Multitasking-Modus.

Unsere Entscheidungen und die dazu gehörenden Bewertungen laufen also nicht getrennt voneinander ab. In einer bestimmten Situation sehe ich sofort die präskriptiven und evaluativen Komponenten. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, wenn ich so oder anders gehandelt haben werde. Das ist Futur II.

Dieses Modell von Gewissen integriert die fremd-gesetzlichen und autonomen Modelle. Moralische Normen und Werte sind Produkte menschlichen Handelns. Insofern sind wir von ihnen abhängig, als wir die Normen und Werte anerzogen bekommen. Wir sind im Umgang mit diesen anerzogenen Werten aber autonom, das heißt, wir können unsere Moral auch verändern. Das setzt allerdings Aufklärung voraus. Aber wir haben ja unseren Immanuel Kant und deshalb wird alles gut.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer sieht in dem Denken im Futur II eine Möglichkeit, die Zukunft unserer Gesellschaft moralisch zu bessern. Das Gewissen verliert in dieser Modellvorstellung seinen heteronomen (fremd-gesetzlichen) Charakter und wird zu einer absolut „autonomen“ Funktion unseres Bewusstseins. Wir beschreiben uns damit als Menschen, die zur Selbststeuerung nicht nur fähig, sondern auch moralisch verpflichtet sind. Gewissenspflege wird so gesehen zur Herausforderung für uns, Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln. Welzer steht hier in Tradition mit Kant. Für Kant war die Vernunft der Motor des moralisch korrekten Handelns. Also bitte: Selbst denken!

tmd.

Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten

Münze, Acropolis
Jede Münze hat zwei Seiten – Quelle: BITLAKE, Pixabay

Gewissensmissbrauch und Dilemma-Geschichten sind eigentlich zwei Seiten einer Münze. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, sieht man nicht sofort, weil die meisten Dilemma-Geschichten auf der „Vernunft-Ebene“ diskutiert werden und die Funktion des Gewissens nicht thematisiert wird.

Ein Beispiel: Karl ist Biochemiker, verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau ist arbeitslos und kümmert sich um die Kinder. Beide leben ökologisch-alternativ. Die Firma, für die Karl arbeitet, wird von einem internationalen Konzern aufgekauft. Karl steht vor der Entscheidung, entweder im Labor Tierversuche zu machen, oder arbeitslos zu werden.
Soweit die Dilemma-Geschichte mit den bekannten Problemen. Zwei Entscheidungen mit den üblichen Begründungen. Eigentlich nichts Neues.
Karl will weiter alternativ leben, aber er will auch nicht arbeitslos werden. Er kann seine Entscheidung rechtfertigen und … hat ein schlechtes Gewissen. Die Rechtfertigung war eigentlich ein Missbrauch seines Gewissens. Doch halt! Kann er überhaupt irgendwie ein gutes Gewissen haben? Nein! Wie er auch entscheidet, immer verhält er sich irgendwie moralisch daneben.

Und nun wenden wir uns mal den Inhalten zu, die in den meisten Lehrbüchern zum Thema Gewissensmissbrauch referiert werden. Da heißt es, dass Menschen ihr unmoralisches Handeln irgendwie begründen mit „beschönigen, rationalisieren usw.“. Selbstverständlich kommt sofort die Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Und damit ist das Thema beendet, die Formen des Missbrauchs werden auswendig gelernt und wieder vergessen.

Genau an diesem Punkt wird das kritische Denken plötzlich ausgeschaltet. Verfolgen wir deshalb nochmal den Gedankengang: Menschen im Nationalsozialismus sehen, dass Juden verschwinden. Sie hören, dass es Konzentrationslager gibt. Sie wissen, dass ihnen das gleiche Schicksal droht, wenn sie den Juden helfen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihnen nicht helfen.

Wir unterstellen aber sofort: Die wollten nicht helfen und suchen nach einer Entschuldigung. Genau das aber wissen wir nicht. Aus unserer komfortablen Situation heraus lässt sich hier leicht über Gewissensmissbrauch reden und über die Betroffenen urteilen.
Also: Wenn wir schon moralisches Handeln im Gedankenexperiment einüben wollen – denn nichts anderes machen wir im Schonraum Schule – dann müssen wir auch die Randbedingungen und Rahmenbedingungen mit in Rechnung stellen.

Wenn wir das bedenken, dann bekommen die Floskeln zum Gewissensmissbrauch (rationalisieren, verleugnen usw.) sofort eine andere Qualität. Es sind Begründungen für Entscheidungen in einem moralischen Dilemma.

Die Geschichten der Wehrmachtsoldaten über ihre Erlebnisse sind Legion von solchen Rechtfertigungen. Damit werden die Taten nicht entschuldigt, sondern aus einer anderen Perspektive in Augenschein genommen. Einer Perspektive, die die Bedeutung moralischer Entscheidungen grell ausleuchtet und die Tragödie des moralischen Handelns bewusst macht. Wir machen uns schuldig, egal wie wir uns entscheiden. C.G. Jung meinte genau diese Entscheidungen, wenn er davon sprach, dass der Mensch lernen muss, Normenkollisionen auszuhalten. Bei einer solchen Kollision fühlt man sich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Man zweifelt daran, auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenig zielführend ist jedoch, im Gedankenexperiment Heldenpositionen einzunehmen.

tmd.