Moral: eine soziale Tatsache

Es ist schon erstaunlich, dass wir die Normen und Werte, die Regeln des Zusammenlebens und die Moral selbst herstellen und uns dann darüber beschweren, dass wir diese Normen und Werte befolgen müssen. Nicht immer beschweren wir uns darüber, aber wenn, dann schon sehr heftig.
An dieser Stelle kann man einwenden, dass diejenigen, die sich über Normen beschweren, nicht immer diejenigen sind, die sie gemacht haben. Aber auch diejenigen, die gegen Normen rebellieren, halten sich an die Normen und Werte – zumindest meistens.

Soziologen bezeichnen Normen und Werte als „soziale Tatsachen“. Das hat etwas Beruhigendes. Das Wort Tatsache, das klingt schon sehr realistisch. Aber damit ist noch nicht geklärt, warum wir uns an diesen Tatsachen orientieren und warum wir den Tatsachen folgen. Und erst recht nicht geklärt ist, wo sich diese Tatsachen befinden. Beim Wort Tatsache denkt man doch automatisch an eine Feststellung, eine Aussage über die Wirklichkeit. Der Soziologe Émile Durkheim (1858 – 1917) meinte, dass sie ein „Eigenleben“ führen. Soziale Tatsachen sollen wie Dinge behandelt werden. Jedenfalls üben sie auf uns Zwang aus.

Und eine weitere Frage müsste geklärt werden. Auch wenn es sich um nicht mehrheitsfähige Kollektivnormen handelt, dann haben diejenigen, die diesen Normen folgen, dieselben im Bewusstsein. Diese Normen sind Teil ihres Wissens. Die Soziologen nennen das: kollektives Bewusstsein. Ist dieses kollektive Bewusstsein die Summe aller „Bewusstseins“ oder das Abbild eines „Meta“-Bewusstseins?

Wo befinden sich die sozialen Tatsachen, wie werden sie hergestellt und warum befolgen wir sie, auch wenn wir nicht immer froh darüber sind?
Wie soll man diese Fragen ohne soziologisches Vorwissen beantworten?

Wolken
soziale Tatsachen: wie eine cloud an Informationen, außerhalb von uns … – Quelle: StockSnap, Pixabay

Ich versuche es mit einem Vergleich. Das Internet hat die sogenannte Cloud. In dieser Cloud kann vieles abgelegt werden. Und aus dieser Cloud kann Wissen, können aber auch Prozesse (Programme) abgerufen werden.

(Ich weiß, dass diese Cloud nicht eine Wolke im eigentlichen Sinne ist. Die Cloud ist natürlich eine Sammlung von Computern und Speichermedien.)

Soziale Tatsachen kann man sich wie dieses Wissen, das in der Cloud gespeichert ist, vorstellen. Hergestellt wurde es durch die Nutzer. Benutzt wird es ebenfalls durch die Nutzer.
Überträgt man dieses Bild auf die Normen und Werte, dann sieht man, dass wir die Normen und Werte zwar herstellen, uns dann aber auch an sie – mehr oder weniger – halten. Wir befolgen die Normen.

Wie kommt es dann zu einem Wandel der Normen?
Auch hier verwende ich den Vergleich mit dem Internet. Wenn Normen und Werte nicht mehr praktisch anwendbar sind, unseren Vorstellungen nicht mehr genügen, dann machen wir neue. Nun geht es darum, dass diese neuen Werte auch abgerufen und verwendet werden. Ist das der Fall, dann haben sich die neuen Normen durchgesetzt. Gelingt es nicht, dann bleibt es bei den alten Werten.

Warum empfinden wir die sozialen Tatsachen wie Dinge, die außerhalb von uns existieren?
Wir müssen feststellen, dass Normen existieren und weiterbestehen, auch wenn wir mit ihnen nicht einverstanden sind. Wir orientieren uns an ihnen, weil wir feststellen, dass wir Probleme bekommen, wenn wir sie nicht einhalten. Das Modell der sozialen Rolle zeigt diese Abhängigkeit sehr deutlich. Soziale Rollen bestehen aus Erwartungen, die an uns gestellt werden. Diesen Erwartungen müssen wir folgen, auch wenn es uns nicht gerade gefällt. Wenn nicht, müssen wir mit Sanktionen (Strafe) rechnen. Bedauerlicherweise werden wir nicht besonders gelobt, wenn wir alles richtig machen, so wie es von uns verlangt wird.

soziale tatsachen im Kopf
… aber auch in unserem Bewusstsein: soziale Tatsachen – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Die politische Philosophie von Thomas Hobbes, Jean-Jaques Rousseau und Immanuel Kant macht uns jedoch Hoffnung. Dort wird der Wandel der sozialen Tatsachen, der Normen und Werte in den Vordergrund gestellt. Wir machen Gesetze, denen wir freiwillig folgen, weil wir die Gesetze in Freiheit und Verantwortung mittels Vernunft hergestellt haben.

tmd.

Stichwort: Vernunft

Vernunft wird als Begriff erst in der Oberstufe näher untersucht. Vorher wird Vernunft etwas unscharf als die Fähigkeit beschrieben,

  • Wahrnehmung und Erfahrung zu kontrollieren und sich dessen bewusst zu sein und
  • Gesetze (Normen, Moral) herzustellen, nach denen Menschen ihr Verhalten selbst steuern.

Bei den Vertragstheoretikern Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant hat die Vernunft genau diese Aufgabe, Normen für das Zusammenleben der Bürger zu ermitteln.

Photo im Spiegel
Selbstreferenz – Quelle: StockSnap, Pixabay

Immanuel Kant ist nun derjenige, der näher untersuchte, wie die Vernunft bei der Herstellung von Moral kontrolliert werden kann. Er stellt dabei zwei Maximalforderungen auf.

  • Der Mensch, der sich selbst die Gesetze gibt, ist immer Zweck, nie das Mittel. Einfach gesagt: Die Moral ist für die Menschen gemacht, nicht etwa der Mensch für (die Befolgung) der moralischen Normen.
  • Die Gesetze, die sich der Mensch macht, müssen einem Gedankenexperiment unterzogen werden. Es muss gefragt werden, ob sich die Gesetze als allgemeine Gesetze verwenden lassen. Verständlicher ist es, wenn man prüft, ob sich die Gesetze nicht selbst widersprechen. Wenn es also ein Gesetzt gibt, dass fordert, Schulden zurückzuzahlen, dann darf es gleichzeitig kein Gesetz geben, dass sagt, dass es in bestimmten Fällen erlaubt sei, die Schulden nicht zurückzuzahlen.

Hier noch die viel zitierte Formel, die man auswendig lernen kann: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Zur Kritik an Kant, siehe auch die „Anmerkungen: der Kategorische Imperativ“ (Teil 1 bis 3) in diesem Blog.

tmd.

Trivialisierung des Moralunterrichts

Ohne Erkenntnistheorie ist jeder Moralunterricht beliebig und gerät zur Ansammlung von Aphorismen und Deutungen philosophischer, soziologischer und psychologischer Fragen. Erkenntnistheorie heißt, sich mit der Leistungsfähigkeit menschlicher Erkenntniskraft auseinanderzusetzen. Gelegenheit dazu bietet sich bei den Themen Freiheit und Verantwortung sowie Vernunft und freier Wille.

Freiheit und Verantwortung sind aneinander gekoppelt durch Normen und Werte, wobei die Normen von einem autonomen Bewusstsein hergestellt werden. Vernunft und freier Wille sind gekoppelt durch die Einsicht, dass nur ein freier Wille ein guter sein kann (aber nicht muss), aber ohne Einsatz der Vernunft moralisch bedeutungslos bleibt.

einfach
Vereinfachung – Quelle: counselling, Pixabay

Diese sehr komprimierte Darstellung des Zugangs zur Erkenntnistheorie überfordert jeden Anfänger im moralischen Diskurs. Deshalb müssen die komplexen Inhalte von Ethik trivialisiert werden, vereinfacht werden.

Die Beschäftigung mit den Vertragstheoretikern Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant sind Beispiel dafür. Schwerpunkt sind dabei der Vergleich von Naturzustand und Regierungsbildung bei den Theoretikern. Aber bereits bei J.J.R. wird klar, dass die Vernunft – allein auf sich gestellt und unkontrolliert – ein unauflösbares Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit hervorbringt.

Erst Kant zieht die Konsequenzen aus den Grenzen der Erkenntniskraft der Vernunft.
Das sind jedoch die Inhalte, die nicht behandelt, nicht diskutiert werden. Begründung: zu komplex – deshalb vereinfachen, trivialisieren.

Die SuS durchschauen diese Trivialisierung, reagieren aber nicht mit Nachfragen. Die derart trivialisierten Lehrinhalte sind nämlich abfragbar. Mit diesem Wissen können Noten gemacht werden. Die erkenntnistheoretischen Schlussfolgerungen jedoch münden in die Erkenntnis (wenn sie denn erfolgt), dass unsere Moral auf einem sehr dünnem Fundament steht. Oder, wie es die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann beschrieben haben: Man versucht einen Bus anzuschieben, in dem man gleichzeitig sitzt.

tmd.

Thomas Hobbes: Architekt der Gesellschaft

Kritik an Thomas Hobbes ist leicht. Man nehme seine Beschreibung des Naturzustandes und seine Forderung nach Sicherheit und schon kann man kritisieren und polemisieren. Das zeigt aber nur, dass man sich nicht genauer mit dem genialen Polit-Philosophen auseinandersetzen will.

Naturzustand: Hobbes beobachtet die Gesellschaft in der er lebt. Er sieht, dass die Menschen nur deswegen einigermaßen friedlich miteinander umgehen, weil es einen Staat, also Herrschaft gibt, der für Ordnung sorgt. Hobbes überlegt. Was wäre, wenn es diesen Staat mit seiner Macht nicht gäbe. Und hier beginnt er zu spekulieren, wie es ohne Staat im Naturzustand aussähe. Ganz schlimm!
Er beschreibt, wie sich Menschen verhalten, wenn es niemanden gibt, der für Ordnung sorgt. „Krieg aller gegen alle.“ Die Schlussfolgerung ist einfach. Es muss jemanden geben, der für Ordnung sorgt. Ein Gedanke, den heute viele Politiker, die sich mit internationalen Konflikten und „faild states“ (gescheiterte Staaten) beschäftigen, auch haben. Wer in Krisengebieten lebt, der denkt zuerst an Sicherheit, dann an Freiheit.

Staatsmacht
Sicherheit herstellen – Quelle: Pexels, Pixabay

Sicherheit: Thomas Hobbes geht von Naturrechten (Freiheit und Gleichheit) aus, die der Mensch hat. Dazu gehört auch, sich zu verteidigen, wenn man in Gefahr ist. Hobbes gehört zu denjenigen, die meinen, dass der Mensch in der Lage ist, durch Vernunft Gesetze zu erkennen – die Naturgesetze -, die angeben, wie man eine Gesellschaft so organisiert, dass es friedlich zugeht.

Diese Naturgesetze sind nach seiner Meinung geeignet, die Naturrechte des Menschen zu sichern.

Der Staat: Vollkommen schlüssig ist es also, dass Hobbes fordert: Jemand muss die durch Vernunft erkannten Naturgesetze umsetzen, damit die Naturrechte des Menschen gewahrt bleiben. Das ist der Staat. Der ist verpflichtet, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen.

Der Vertrag: Darüber sollen die Bürger einen Vertrag machen und den Staat herstellen. Damit wird auch klar, dass Hobbes Gesellschaft als Produkt des Menschen sieht. Gesellschaft und Herrschaft ist nicht von Gottes Gnaden. Gesellschaft ist Menschenwerk. Das sollt man nicht vergessen.

tmd.

Jahresrückblick 2017

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Blick zurück ins Jahr – Quelle: ptksgc, Pixabay

Jeden zweiten Tag wurde im Jahr 2017 ein neuer Beitrag auf moralisch-handeln.de veröffentlicht. Es waren Anmerkungen, Stichworte, Merkzettel und kleine Essays.
Zwei Themen wurden besonders häufig aufgerufen: Beiträge zur Korrespondenz-Theorie und Kohärenz-Theorie, also Wahrheitstheorien, sowie Jean-Jacques Rousseau und seine Vertragstheorie. Der deutsche Großmeister in Sachen Philosophie – Immanuel Kant – kam auf Rang zwei.

Die Vertragstheoretiker Thomas Hobbes, Rousseau und Kant sind in einem Ethik-Unterricht, der mehr sein will als nur unverbindliche Handlungsempfehlungen abzugeben, unverzichtbar. Ethik ist hier politische Philosophie, die sich mit der Erkenntniskraft und Erkenntnisleistung der Menschen auseinandersetzt.

Ethik ohne Wahrheitstheorien ist machtlos. In einer medialen Welt, in der Lüge nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen ist, muss Wahrheit methodisch festgestellt werden.

tmd.

Anmerkung: Vertragstheorien

„Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag“, sagte der Teilnehmer einer Talkrunde im Fernsehen, die ich kürzlich anschaute.
Die Beschäftigung mit den klassischen Vertragstheoretikern (Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau) verstellt den Blick auf den Umstand, dass sich die Bürger/innen in einer Demokratie immer schon in einem vertraglichen Zustand befinden.

Vertragsunterschrift
Der Vertrag – Quelle: epicioci, Pixabay

Es ist nicht der Zustand, wie ihn Hobbes oder Rousseau beschrieben. Keiner hat einen Vertrag unterschrieben oder Vertragsinhalte mit den anderen Mitbürgern ausgehandelt. Es ist eher so, dass man in das politische Staatswesen hinein sozialisiert wird.
Aber die Gedankenfigur des Vertrags, der ausgehandelt wird, hat einen Bezug zu unserem aktuellen politischen System: Verträge können auch – per Vertrag – geändert werden. In einer Demokratie ist das die Regel. Nicht etwa grundsätzlich ist das so, sondern im Rahmen mit einer Verfassung, der die meisten zustimmen.
Man sollte also darauf achten, wenn ein neuer „Gesellschaftsvertrag“ gefordert wird. Ist das Grundgesetz gemeint oder die vertragliche Regelung unserer sozialpolitischen Ordnung?
Mir geht es hier um die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Wenn hier eine Änderung verlangt wird, dann wird immer auch mit Moral argumentiert. Es sei unmoralisch, wenn der eine zu viel und der andere zu wenig verdient, heißt es da oft sofort. Das sei nicht fair.

harte Arbeit
Der Mensch ist der Zweck – Quelle: skeeze, Pixabay

Wer Hobbes und Rousseau kennt, merkt auf. Es geht den Bürgern um Sicherheit, Freiheit und Gleichheit. Die Vertragsmodelle, die man hier im Blog nachlesen kann, zeigen, dass es keine spannungsfreie Lösung des Dreiecksverhälnisses aus den drei bürgerlichen Forderungen geben kann. Die Modelle von Hobbes und Rousseau sind anfällig für Diktaturen. Insbesondere der Vertragsentwurf von Rousseau kann über „direkte“ Demokratie in die verschleierte Diktatur führen. Gleichheit wird hergestellt zu Lasten der Freiheit.
Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit kann in der Tat nur moralisch gelöst werden.
Immanuel Kant hat hier eine moralisch ernstzunehmende Position eingenommen: Der Mensch ist Zweck, nie Mittel.

tmd.

Vergesellschaftung und Moral

Ich bin gefragt worden, was Vergesellschaftung und Gesellschaftstheorie mit Ethik zu tun haben. Die Frage ist berechtigt. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau lässt das Ziel der Aufgabe in den Hintergrund rücken. Zuweilen vergisst man, weshalb und warum man sich mit den Theorien beschäftigt. Außerdem gibt es etliche Literatur zum Thema, in der genau der moralisch Aspekt ausgeblendet ist.
Deshalb hier eine kurze Anmerkung zu Vergesellschaftung und Moral.

Rousseau und Hobbes sind der Meinung, dass die Menschen eine politische Ordnung nur mittels eines Vertrages herstellen können. Dazu gebrauchen sie außerdem ihre Vernunft. Ohne Vernunft geht also gar nichts bei den Vertragstheoretikern. Ohne Vertrag würden die Menschen im sogenannten Naturzustand weiterleben oder in einem Zustand, der sich „naturwüchsig“ aus den vorhandenen Menschenrechten (Freiheit und Gleichheit) entwickeln würde.
Hier zeigt sich, dass Hobbes und Rousseau nicht mehr die antike Vorstellung hatten, dass sich die Menschen als „politische“ Wesen ohne eigenes Zutun zu einem Staat zusammenschließen würden.

Fotomontage, Gesichter
Aspekt Menschenbild – Quelle: geralt, Pixabay

Also: Die antiken Menschen haben immer in politischen Verhältnissen gelebt, meinten sie. Sie mussten sich nur noch darum kümmern, dass es die „richtige“ politische Ordnung sei. Richtig war die politische Ordnung dann, wenn es eine „gute“ Ordnung war. Die Probleme, die sich dadurch ergaben, sind hier im Blog bei Platon, Sokrates und den Sophisten beschrieben.

Die politische Philosophie der Neuzeit hatte also ein doppeltes Problem.

  • Erstens: Sie musste eine politische Ordnung herstellen durch Vertrag und dabei auf das jeweilige Menschenbild achten bzw. es beim Vertragsentwurf berücksichtigen.
  • Zweitens: Sie mussten beim Vertragsentwurf darauf achten, dass die politische Ordnung eine „gute“ Ordnung sei.

Bei Hobbes ist die Ordnung die richtige, die Sicherheit herstellt. Bei Rousseau ist das Kennzeichen der guten Ordnung, die Freiheit und (!) die Gleichheit der Bürger herzustellen.

Nicht vergessen darf man, dass alles von der Vernunft des Menschen abhängig war. Nicht bedacht wurde dabei, dass sich die Vernunft auch recht willkürlich verhalten kann. Erst Immanuel Kant hat sich Gedanken gemacht, wie man die Vernunft vor Willkür schützen kann.
Vergesellschaftung ist also gar nicht so einfach. Die Vernunft muss den Menschen im Blick haben und versuchen zu verstehen, wie er „funktioniert“. Die Vernunft muss aber auch die mögliche politische Ordnung im Blick haben und fragen, ob es eine richtige, die „gute“ Ordnung ist. Das ist die Frage nach der Moral.

tmd.

Merkzettel: Thomas Hobbes

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Gleichheit – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und gewaltbereit. Sein Ziel ist es, sich alles anzueignen, was er haben will. Er ist gierig. Hat er einen Wunsch befriedigt, wartet sofort der nächste Wunsch. Soweit Hobbes über den Menschen im Naturzustand.
Der Naturzustand ist ein Gedankenexperiment. Hier wird erzählt, wie sich der Mensch ohne Gesetzte und Ordnungsmacht verhält. Es ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser Zustand ist also eine Fiktion. Der Naturzustand soll illustrieren, wie der Mensch von Natur aus ist. Hier kann er seine natürlichen Rechte ausleben. Der Naturzustand zeigt auch, dass sich aus den Naturrechten (Freiheit, Gleichheit) ohne Zuhilfenahme der Vernunft keine politische Ordnung entwickeln lässt.

Mit Vernunft kann der Mensch die Naturgesetze ermitteln. Naturgesetze sind keine physikalischen Gesetze. Naturgesetze sind von der Vernunft ermittelte Vorschriften wie:

  • jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb;
  • geschlossene Verträge soll man halten;
  • für einem Friedenszustand sollen alle die gleichen Rechte haben.

Diese von der Vernunft erkannten Vorschriften (Naturgesetze) können die Bürger für einen Vertrag weiterverwenden: Das ist der Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag wird zwischen allen Bürgern eines Staates geschlossen. Ziel ist es, den Naturzustand mit dem „Krieg aller gegen alle“ zu beenden.

Im Gesellschaftsvertrag geben die Menschen ihr Recht ab, sich alles, was sie wollen, auch gegen den Willen der Mitmenschen anzueignen. Der Vertrag sorgt dafür, dass der Staat – als abstrakter Herrscher – für die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags sorgt. Der Vertrag gibt den Menschen Sicherheit. Dafür opfern sie einen erheblichen Teil ihrer Freiheit.

Merksatz: Sicherheit statt Freiheit.

Die Bürger sind gezwungen, sich an den Vertrag zu halten. Der Vertrag kann nicht einseitig geändert werden.

Verletzt der Staat jedoch die genannten Naturgesetze, dann ist der einzelne Bürger sehr wohl berechtigt, sich zu wehren. Insbesondere dann kann sich der Bürger von seinem Staat verabschieden, wenn der Staat seine Schutzfunktion aufgibt.

tmd.

Stichworte: Naturrecht, Naturgesetz

Polizeiboot
der Staat hat das Gewaltmonopol – Quelle: ptra, Pixabay

Thomas Hobbes macht einen Unterschied zwischen Naturrechten und Naturgesetzen, der für seine Staatstheorie notwendig ist.

Naturrechte sind dem Menschen im Naturzustand gegeben. Der Mensch hat das Recht darauf, alles zu besitzen und die Freiheit, alles zu tun, was er will. Das ist grenzenlose Freiheit und unbeschränktes Recht ohne jegliche Verantwortung.
Es ist „die Freiheit, nach welcher ein jeder zur Erhaltung seiner selbst seine Kräfte beliebig gebrauchen und folglich alles, was dazu beizutragen scheint, tun kann.“ (Leviathan, Kap. 14).

Naturgesetze sind Erkenntnisse der Vernunft. Der Mensch kann, wenn er seine Vernunft gebraucht, erkennen, dass es Regeln braucht, um konfliktfrei zusammenzuleben. Diese Regeln kann der Mensch selbst herstellen.

Daraus folgt aber, dass es eine Staatsgewalt geben muss, die für die Einhaltung der Gesetze sorgt.

Vom Naturrecht (grenzenlose Freiheit verbunden mit dem Krieg aller gegen alle) gelangt man durch Vernunft (Erkennen von Naturgesetzen: Friede muss hergestellt werden) zu einer Rechtsordnung (vom Menschen gemacht), die durch einen starken Staat geschützt und umgesetzt wird.

tmd.

Lernen von Hobbes

Wegweiser
Wohin? – Quelle: MarkusMoerth, Pixabay

Diskussionen über Thomas Hobbes haben eines gemeinsam. Irgendwann wird Hobbes in die rechte Ecke gestellt und als Wegbereiter der Diktatur bezeichnet. Das geschieht beinahe reflexartig.
Das ist bedauerlich.
Jean-Jaques Rousseau, der auch als ein Vordenker politischer Systeme bezeichnet werden kann, wird sehr viel seltener mit der linken Diktatur im Kommunismus in Zusammenhang gebracht.

Bei diesen Disskussionen wird nicht berücksichtigt, dass Hobbes als einer der ersten prominenten Philosophen die Staatsgewalt so ausdrücklich vom Gottesgnadentum gelöst hat.
Hobbes sagt: Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen sollen im Staat die gleichen Rechte haben. Soll ein Friedenszustand in einem Land hergestellt werden, dann darf es niemanden geben, der mehr oder weniger Rechte hat.

Und: Dieser Staat wird von den Bürger eigenmächtig gegründet. Die Bürger sind der Bestandteil des Staates. Die Bürger sind die Architekten des Staates.

Was dem Modell eines Staates bei Hobbes fehlt ist die eingebaute Dynamik. Das Staatswesen kann sich nicht weiterentwickeln. Was ihm noch fehlt, ist die Gewaltenteilung.

Was können wir heute noch von Hobbes lernen?
Es gibt sogenannte „failed states“. In ihnen ist nichts mehr an Ordnungsmacht zu erkennen. Es sind „gescheiterte Staaten“. Jemen ist so ein Staat. Die dort lebenden Menschen befinden sich im Naturzustand, so wie es Hobbes in seinem Gedankenexperiment beschrieben hat.
Kann man den Gesellschaftsvertrag von Hobbes auf solche Situationen anwenden?
Hier fehlen die Akteure, die Bürger in Jemen, die bereit sind, einen Vertrag zu schließen.
Politikwissenschaftler haben vorgeschlagen, in solchen Fällen die Sicherheit für die Bürger „von außen“ herzustellen. Lange Zeit waren das die USA, die sich für den weltweiten Frieden engagierten. Das ist jetzt vorbei.

tmd.