Entscheiden und Begründen

Wie soll ich mich entscheiden? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

In einer Dilemma-Geschichte wird davon erzählt, dass sich jemand entscheiden muss zwischen zwei Handlungen. Beispielsweise muss er oder sie sich entscheiden, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen. Egal ist nun, was er/sie macht. Das Ergebnis ist in jedem Fall unangenehm. Nicht zu handeln geht übrigens gar nicht.
Beispiele stehen in jedem Ethikbuch.
Moralisch interessant sind Dilemma-Geschichten nicht deshalb, weil sie nie ein gutes Ende haben. Es geht darum, die Entscheidung, wenn sie getroffen ist, zu begründen.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Dilemma-Geschichten in seinen Forschungen verwendet, weil er wissen wollte, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihre Handlungen und Entscheidungen begründen. Die Entscheidungen selbst waren bei den Versuchspersonen nicht sehr verschieden. Unterschiede gab es aber bei den Begründungen. Kinder begründeten ihre Entscheidungen mit der Angst vor Strafe. Jugendliche berufen sich auf Gesetze und Regeln. Ältere Erwachsene begründeten ihre Entscheidung mit dem Wohl der Gemeinschaft oder mit allgemeinen universellen Lebensregeln – beispielsweise mit den Menschenrechten.
Was haben diese psychologischen Erkenntnisse im Ethikunterricht zu suchen?
Psychologen meinen, dass die moralische Entwicklung des Menschen in Abschnitten verläuft. Moral ist also eine Sache des Erwachsenwerdens. Es läuft aber nicht automatisch ab. Es ist gekoppelt an die Entwicklung der Identität. Wer nicht an der Konstruktion einer eigenen Identität arbeitet, der kann durchaus noch als Erwachsener in Dilemmasituationen sein Handeln wie ein Jugendlicher oder Kleinkind begründen.
Eine Hilfe bei der Identitätskonstruktion ist die Selbsterkenntnis. Eine weitere Hilfe ist es, zu lernen, dass man für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss. Verantwortung übernimmt man dann, wenn man sich bei seinen eigenen Handlungen nicht ausschließlich auf andere beruft. „Der oder jener hat gesagt, dass ich … .“
Und: Man kann Dilemma-Geschichte verwenden als Übungsmaterial. Wie würde ich entscheiden? Wie würde ich meine Entscheidung begründen?
Das hilft beim Erwachsen werden. Das hilft bei der Identitätskonstruktion.

tmd.

Selbsterkenntnis: ein hartes Training

make it your way – Quelle: skeeze, Pixabay

Ein Kommentar zum Beitrag Identität: selbst gemacht, ist Anlass, genauer zu beschreiben, was wir eigentlich machen, wenn wir Identitätskonstruktion betreiben. Die Frage ist, wie kann ich Identität neu in mir „konstruieren“, und zwar nicht nur als Abziehbild zur sozialen Umwelt, wenn mir doch nur die alten Verhaltensweisen der Kindheit zur Verfügung stehen.
Noch genauer gefragt: Wie kann ich das Nachdenken über mich selbst in Gang bringen?
Und eine zusätzliche Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Die zweite Frage ist leichter zu beantworten. Das Nachdenken über sich selbst hat in der Philosophie Tradition. Es geht um Selbsterkenntnis. Das ist Selbstreflexion. Selbsterkenntnis hat zum Ziel, ein sittliches (moralisches) Leben zu führen. Ein moralisches Leben zu führen, das war Ziel des antiken Menschen, der meinte, dadurch glücklich zu sein.

Die Ausgangsfrage ist nicht leicht zu beantworten. Sich selbst in der sozialen Umwelt zu verorten und über sich selbst nachzudenken, setzt mit der Pubertät ein. Soziale Rollen zu übernehmen läuft ab nach dem Muster: Versuch und Irrtum. Jugendliche probieren neue Rollen aus und sehen, ob es funktioniert oder nicht. Vorgegebene Rollenmuster zu übernehmen ist grundsätzlich einfacher, als etwas neues für sich zu erfinden. Konstruktion ist es dann, wenn Jugendliche Teile von Rollen neu zusammenzustellen.

Wie wird dieser Prozess unterstützt?
Ein einfaches Mittel der Selbstreflexion ist Analyse der eigenen Stärken und Schwächen. Diese Methode eignet sich für das gesamte Leben. Im Berufsleben engagieren sich Erwachsene ein Psychologie-Coach. Jugendliche können sich ein Feedback von Lehrern, Freunden und Eltern holen.
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis setzt außerdem Zeitbewusstsein voraus. Nur ein Vergleich von vorher – nachher ermöglicht es, zu erkennen, dass man für sich selbst einen Lebensentwurf in die Zukunft verlängert.

Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion können dazu führen, dass man sich zum eigenen Baumeister seiner Identität erklärt.
Das muss aber nicht zwingend so sein. Der Kommentarschreiber weist zu Recht darauf hin, dass man in Krisensituationen auf altbewährte Handlungsmuster zurückgreift.

Identitätskonstruktion ist also letztlich von erfolgreichen Rollenspielen abhängig. Damit sind aber nicht diese dümmlichen Trockenübungen im Unterricht gemeint. Dort ist der Text bekannt, die Regieanweisungen sind übersichtlich. Dort wird nichts fürs echte Leben gelernt, weil die Realität eben anders funktioniert. Im echten Leben ist Identitätskonstruktion nämlich eher ein Pokerspiel mit echt miesen Karten.

tmd.

Moralisches Urteilen und Pubertät

Erwachsen werden läuft nicht automatisch ab. Das meint man nämlich nur, weil die biologischen/physischen Veränderungen eigentlich nicht aufzuhalten sind.
Man wird eben älter, ob man will oder nicht.

Das, was da angeblich so automatisch abläuft, kann die Betroffenen aber ganz schön in Schwierigkeiten bringen. Verbunden mit dem Erwachsen werden sind nämlich auch seelische (psychische) und soziale Umbrüche. Nichts ist so wie bisher, wenn die Pubertät beginnt.

Während die physischen Veränderungen nicht aufzuhalten sind, kannst du die seelischen und sozialen Veränderungen zumindest irgendwie beeinflussen. Und du bist nicht vollkommen überrascht, wenn die Psyche Karussell mit dir fährt. Dazu musst du aber wissen, wie die Veränderungen ablaufen, und wie du sie kontrollieren kannst.

Individuell und ähnlich
Individuell und doch ähnlich – Quelle: 3194556, Pixabay

Es geht dabei zunächst um die Entwicklung und Steuerung von Identität und Individualität. Das ist der eine Schwerpunkt beim Erwachsen werden.
Einerseits willst du irgendwie sein, wie irgendein Vorbild. Andererseits willst du aber auch unverwechselbar sein.
Was den nun?
Beides brauchst du.

Identität und Individualität

Identität heißt: du hast ein eigenes Bild von dir selbst, wie und was du bist. Hier kannst du deinen Vorbildern ähneln.
Individualität heißt jedoch: Du hast ein Bild von dir, das unverwechselbar ist und einmalig. Es gibt dich nur einmal.

Individualität und Identität sind aber nur möglich durch Eigenleistung.
Eigenleistung heißt: Individualität und Identität musst du selbst herstellen.

Moralisches Urteilsvermögen

Es geht beim Erwachsen werden aber auch um die Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens. Moral haben schon Kinder, aber sie begründen ihre Moralurteile anders als du. Ist die Pubertät abgeschlossen, hat sich dein Urteilsvermögen wieder geändert. Aber nicht automatisch. Es gibt leider Menschen, die moralisch gesehen auf dem Entwicklungsstand eines Jugendlichen stehengeblieben sind.

Train the brain – Quelle: geralt, Pixabay

Dein moralisches Urteilsvermögen kannst du verbessern durch Erfahrungen machen, Diskutieren, Argumentieren. Das ist wie: Bodybuilding für den Geist. Schließlich verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn wird in der Pubertät kernsaniert.

tmd.

Kinder als Riesen und Erwachsene als Zwerge

Kinder als Riesen geboren – zu Erwachsenen geschrumpft

Kürzlich habe ich einige Zeilen eines deutschen Liedermachers gelesen. Dort heißt es in etwa, dass Kinder als Riesen geboren und im Laufe der Erziehung zu Erwachsenen geschrumpft werden. Der Gedanke, der dahinter steht ist: Kinder sind insgesamt in Ordnung, aber wir, die Erwachsenen, machen sie zu Zwergen, weil wir selbst schon (durch Erziehung) verzwergt sind. Das klingt zunächst pädagogisch mitreißend und unheimlich verständnisvoll. Ach, die lieben Kleinen. Doch Vorsicht! Was ist das für ein Menschenbild? Die Kinder sind ursprünglich „echt“ und „unverstellt“. Das ist die Hoffnung bzw. die Annahme, die hinter dem Gleichnis mit den Schrumpfriesen steht. Sofort fällt einem dabei Matthäus 18:3 ein: Wenn ihr nicht (…) werdet, wie die Kinder.

Jean-Jacques Rousseau oder Thomas Hobbes

Dieses Menschenbild ist nicht neu. J.J.R. ist davon ausgegangen, dass der Mensch von Natur aus gut und friedlich ist. Erst die Kultur, die Erziehung nimmt ihm seine wirkliche Identität. Erziehung ist an allem Schuld. J.J.R war ein Einzelgänger. Nur so ist sein Menschenbild verständlich. Thomas Hobbes (das ist der andere Vertragstheoretiker, den man in Ethik an bayerischen Gymnasien kennenlernt) hatte da eine andere Meinung. Seine Meinung, die eher der eines erfahrenen Streetworkers in Europas Metropolen gleicht, ist da etwas realistischer. Menschen sind egoistisch und streitbar. Damit sich die Menschen nicht gegenseitig umbringen, muss es jemanden geben, der Ordnung herstellt. Damit Kinder später am sozialen Leben teilnehmen können, müssen gelegentlich „Leitplanken“ gezogen werden, damit die „Kleinen“ nicht auf die schiefe Bahn geraten.

Zwerge & Riesen – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Vor diesem Hintergrund sieht das Gleichnis von den Schrumpfriesen und den Zwergerwachsenen anders aus. Ein Gedankenexperiment: Wie würde unsere Wirtschaft funktionieren, wenn an den Schaltstellen egoistische Streithansel oder sozial inkompetente Eigenbrötler sitzen würden? Gar nicht! Und was für eine Moral hätten wir, wenn wir Kleinkindern die Entscheidung diesbezüglich überließen?

Rolle als Maske oder Rolle als Identität

Philosophisch steht hinter dieser Frage nach Erziehung oder nicht, die Frage nach der Sozialen Rolle. Gibt es hinter der anerzogenen Rolle noch so etwas wie eine Person ohne Maske? Sozialpsychologen und Soziologen sind der Meinung, dass Menschen immer eine soziale Rolle spielen (müssen). Siehe hierzu auch die Blog-Beiträge: Wir alle spielen Theater.

Buchempfehlungen:
Ralph Dahrendorf: Homo Soziologicus.
Erving Goffman: Wir alle spielen Theater.

tmd.

Subjektive Wahrnehmung

Individualität – Quelle: geralt, Pixabay

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, heißt es in einem alten Ethik-Lehrbuch (G8). Hinter dem Satz steht ein bestimmtes Menschenbild. Alle Menschen sind von Natur aus irgendwie gut, aber doch auch und insbesondere verschieden. Diese Verschiedenheit macht uns untereinander so interessant und leider auch das Zusammenleben so kompliziert. Das Individuelle gefällt uns, aber eben nicht immer. Dann wird Ablehnung und Ausgrenzung daraus. Eigentlich schade, dass wir die sehr subjektive Wahrnehmung eines anderen Menschen nicht grundsätzlich als etwas positives sehen. Also müssen wir dann doch auf das Allgemeine (alle Menschen sind gleich) ausweichen, damit wir miteinander friedlich umgehen können.

tmd.

Erwachsen werden und Sinnfindung

Buch mit Herz
Buchempfehlungen – Quelle: congerdesign, Pixabay

Sinnfindung und Lebensgestaltung sind Abiturthemen in Ethik. Die Vorbereitung dazu beginnt in der 7. Klasse mit dem Thema Erwachsen werden und in der 8. Klasse mit dem Thema Sinnfindung (G8). Die bunten Bilder und Textschnipsel einiger Lehrbücher verstellen dabei den Blick darauf, dass es bei diesem Thema um ein „dickes Brett, das zu bohren es gilt“, geht. Einige Texte in den Lehrbüchern sind sowohl ungeeignet, als auch Lichtjahre von der Wirklichkeit der SuS in den beiden Klassenstufen entfernt. Die entsprechenden Seiten in den Lehrbücher kann man lesen, um die SuS zu erheitern, meist endet es jedoch in sprachloser Langeweile. Es ist nicht verständlich, warum im Moralunterricht das Lesen von Büchern so selten praktiziert wird.

Deshalb hier drei Buchempfehlungen.

Das erste Buch ist ein klassischer Roman zum Thema Erwachsen werden und Sinnfindung. Das Buch hat mir eine Schülerin aus einer 6. Klasse (!!) empfohlen. „Frankie“ von Carson McCullers. McCullers hat das Buch 1946 veröffentlicht. Frankie ist ein 12-jähriges Mädchen, das all die Turbulenzen beim Erwachsenwerden erlebt. Der sozialpsychologische Aspekt ist besonders hervorgehoben. Frankie merkt, dass sich Leistungen und Erwartungen, die an sie gestellt werden, ändern, dass sie die Veränderung aber auch selbst vorantreiben will. Sicher ist die Sprache in dem Roman nicht sofort eingängig, aber für leseerfahrene SuS ist das kein Hindernis.

Die beiden anderen Bücher bewegen sich zwischen dem Genre Jugendroman und Aufklärungsliteratur. Mårten Melin hat 2016 „Etwas mehr als Kuscheln“ und 2017 „Viel mehr als ein Kuss“ geschrieben. Die Story ist einfach und übersichtlich. Man muss jedoch wissen, dass die Handlung beider Bücher ineinander verschachtelt ist. „Etwas mehr als Kuscheln“ ist aus der Sicht des 13-jährigen Manne erzählt, „Viel mehr als ein Kuss“ aus der Perspektive der gleichaltrigen Isa.

Es ist unverständlich, warum der erste Band, der sich in erster Linie an die Jungen richtet, für 12-Jährige empfohlen wird, während der zweite Teil (der für die Mädchen) erst ab 13 Jahre geeignet sein soll. Die beiden Teile sollten aber im Paket gelesen werden. Mit dieser Altersempfehlung hängen die Bücher aber eher zwischen der 7. und 8. Klasse im Niemandsland. In der 8. Klasse ist das Thema schon kein Aufreger mehr. In der 7. Klasse ist es zwar punktgenau, aber da sind viele Schülerinnen noch nicht 13 Jahre alt. Da hilft nur, dass sich die Eltern auf die Meinung der zahlreichen positiv ausgefallenen Rezensionen verlassen und die Bücher dennoch kaufen (lassen).

tmd.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Hufeisen
Was ist Glück? – Quelle: aischmidt, Pixabay

Der antike Mensch wusste, dass ein moralisches Leben ein glückliches Leben ist. Was aber Glücklichsein bedeutet, das war schon in der Spätantike nicht mehr so klar.

Anicius Manlius Severinus Boethius meinte, dass die Menschen das Glücklichsein unterschiedlich empfinden. Er nannte Reichtum, Ehre, Macht, Ruhm und Lust als Merkmalsausprägungen von Glücklichsein. Welches davon ist aber nun die wahre Glückseligkeit? Die Menschen streben sehr individuell und eben unterschiedlich nach Glück. Boethius empfand das nicht als das große Problem.

„Das Gute ist es also, wonach die Menschen mit so verschiedenem Streben trachten, und hiermit zeigt sich leicht, wie groß die Kraft der Natur ist, da, wie mannigfaltig und einander widersprechend die Ansichten sein mögen, sie doch alle in der Liebe zum Guten ihr Ziel sehen.“
(aus: Trost der Philosophie, Buch III)

Der Weg war damit schon damals offen in Richtung Selbstverwirklichung.

tmd.

Rollenzwang: den Erwartungen dienen

Leistungen und Erwartungen sind es, die unser soziales Leben herstellen und zusammenhalten. Im Begriff der sozialen Rolle erkennen wir diese Leistungen und Erwartungen, fassen sie zu Leistungs- und Erwartungsbündeln zusammen und richten uns nach diesen Rollen. Ohne Rollen funktioniert es nicht – das soziale Leben. Wir leiden oft darunter, diese Rollen spielen zu müssen. Wir ändern aber allein durch die Erkenntnis nichts an diesem Leiden. Die Erkenntnis hilft nicht weiter, sie kann uns sogar in noch größere Verzweiflung stürzen, wenn wir sehen, dass wir gefangen sind in unseren Rollen.

Literarisch in bester Form hat das Theodor Fontane in seinem Roman Effi Briest herausgearbeitet im Dialog zwischen Geert von Instetten und Geheimrat Wüllersdorf.

Rolle, spielen, Zwang
Welche Rolle spielst du? – Quelle: gmello, Pixabay

Für diejenigen, die Effi Briest nicht gelesen haben, hier eine sehr kurze Zusammenfassung der Handlung. Instetten heiratet die Tochter seiner früheren Geliebten. Effi ist von der Ehe mit dem sehr viel älteren Mann überfordert und beginnt ein Verhältnis mit einem Freund von Instetten, Major Crampas. Nach Jahren erfährt Instetten von dem Verhältnis und sieht sich gezwungen zum Duell mit Crampas. Er berät sich deswegen mit seinem Kollegen und Vorgesetzten Wüllersdorf.

In diesem Gespräch geht es in der Hauptsache um die Frage, warum dieses Duell überhaupt noch nötig ist. Wüllersdorf argumentiert, dass die Angelegenheit doch schon so lange her sei und Instetten seine Frau liebe und keinerlei Hass gegen Crampas im Sinn führe. „…Instetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte.“

Instetten spricht die gesellschaftlichen Zwänge an, wenn er sagt: „Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“

Und Wüllersdorf weiß genau, was Instetten mit dem „Etwas“ meint und antwortet ihm: „Ich finde es furchtbar, dass Sie Recht haben, aber Sie haben Recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem ‚muss es sein‘. Die Welt ist einmal wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die anderen wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“

Fontane kritisiert hier die festgezurrten Leistungs- und Erwartungsbündel preußischer Offiziere.

Ein Role-Making, ein Role-Changing erscheint uns heute als überfällig, blickt man auf die historische Situation in Fontanes Roman. Uns fällt das zwanghafte Festhalten der Personen an Rollenvorstellungen, die sich eigentlich schon überlebt haben, sofort auf. Aber das auch nur, weil wir Distanz haben.

Im Hier und Heute müssen wir diese Distanz erst mühevoll erarbeiten.

tmd.

SENZA FINE

Grenzsituationen sind endgültig. Sie sperren sich gegen Gedankenexperimente und dergleichen Überlegungen, die Grenzsituationen zur reinen Spekulation werden lassen über Zustände, Gefühle oder Gedanken. Dennoch sind Grenzsituationen das Thema für Menschen, das herausfordert. Insbesondere, wenn es ums Sterben geht. Es ist nicht so sehr die Neugierde, wissen zu wollen, was danach kommt – nach dem Tod. Es ist das Interesse daran, wie dieser Prozess vom Betroffenen erlebt wird und wie die soziale Umwelt mit dieser Situation umgeht.

Leben – Tod
Grenzerfahrungen – 733215, Pixabay

Leben wird ganz plötzlich zu einer einzigen großen Planung. Die Literatur ist reich an Beispielen von Menschen, die noch einmal dies oder jenes tun wollen oder ihr Leben ordnen wollen. Dabei kommt es dann zu grotesken Überschneidungen und Konflikten zwischen den Planungen des Menschen, der den Tod vor sich hat und den Planungen seiner sozialen Umwelt, die über den Tag hinaus planen kann. Vielleicht ist die Geschichte einer jungen Frau, sie heißt Ann, die von Isabel Coixet in einem Film (Mein Leben ohne mich, 2003) erzählt wird, gerade deshalb so erschütternd, weil von ihrem nahen Tod ihr soziales Umfeld so gut wie nichts erfährt. Nur der Zuschauer ist über alles informiert. Im Film ist nur der behandelnde Arzt Zeuge der eigentlichen Handlung. Die weiteren Protagonisten leben ihr Leben, haben ihre Probleme und planen weiter.

Life is what happens to you while you’re busy making other plans (John Lennon)

Ann hat auch eine Liste gemacht von Dingen, die sie vor ihrem Tod noch erledigen will. Da werden die Wünsche und Hoffnungen offengelegt, wenn solche Listen gemacht werden. Aber in diesem Fall ist die Liste doch ungewöhnlich. Ann will das Leben nach ihrem Tod planen. Das Leben derer, die weiterleben. Sie erstellt Tondokumente für ihre beiden kleinen Töchter. Jeweils zum Geburtstag soll ihr Arzt den Kindern die Audio-Botschaften schicken. Und sie sucht nach einer Stiefmutter für ihre Kinder, sie sucht nach einer Frau für ihren Mann.

Der Film enthält sich einer Wertung. Ist es moralisch zu rechtfertigen, das Handeln von Ann? Ist Sterben ein Prozess, in den das soziale Umfeld eingebunden sein soll? Der Film endet, wie eine der Filmmelodien, senza fine. Ann ist nicht mehr zu sehen, man hört nur ihre Stimme.

tmd.

Nicht mehr kindisch sein

Mit dem Übergang von der Kindheit ins Jugendalter wird Moral erst so richtig wichtig. Moralisches Handeln war vorher antrainiertes Verhalten. Mit dem Erwachsenwerden ist Moral endgültig eigenverantwortliches Handeln. Jetzt kann man nicht mehr „kindisch sein“. Man muss zwischen unterschiedlichen Regeln (Vorzugsregeln) unterscheiden und die passenden Regeln für die entsprechende Situation wählen. Nicht ganz einfach, weil alle Regeln, Normen und Werte zunächst gleiche Wertigkeit für sich beanspruchen.

Kein Kind mehr sein
Kein Kind mehr sein – Quelle: cgordon8527, Pixabay

Wie lernt man in dieser „neuen Unübersichtlichkeit“ die richtigen Entscheidungen zu treffen? Normalerweise durch Orientierung an denen, die es schon geschafft haben, erwachsen geworden zu sein, also an den Vorbildern. Aber welches sind die richtigen Vorbilder?

Lebensgeschichten – fiktive oder auch reale – können diese Frage beantworten. Sind es Geschichten, die leicht verfremdet eigene Erfahrungen des Geschichtenerzählers wiedergeben, umso besser.
Henning Mankell hat 1992 mit seinem kurzen Roman „Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war“ eine autobiographische Geschichte des Übergangs von der Kindheit zum Jugendalter vorgelegt, das die damit verbundenen Probleme aufgreift: Mobbing, falsche Vorbilder und Identitätsfindung.

Die Hauptperson, der elfjährige Joel, löst sich aus der vom Vater bestimmten Vater-Sohn-Beziehung. Viele Eltern fürchten diese Prozesse. Sie werden als Entfremdung wahrgenommen. Für Joel und auch den Vater ist das aber kein Verlust. In Mankells Jugendbuch ist es eine Win-win-Situation. Der Roman ersetzt spielend vier Lehrbuchseiten mit Textschnipseln und Wimmelbildern zum Thema erwachsen werden.

tmd.