Die Wissensgesellschaft ist weiblich

mädchen mit lexikon
Wissen ist Macht – Quelle: libellule789, Pixabay

Der Kampf um die Gleichberechtigung im Arbeitsleben ist eines der Themen im Ethikunterricht, die immer wieder zur erstaunten Frage führen: Was hat denn das mit Moral zu tun?
Die Frage ist berechtigt. Ist es unmoralisch, wenn ein Teil der Bevölkerung von der Arbeit ausgeschlossen wird – nicht arbeiten darf?

Die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft werden über Arbeit vermittelt. Arbeit bedeutet finanzielle Unabhängigkeit. Finanzielle Unabhängigkeit erst macht die Gleichberechtigung.
Darum geht es also!

Die gesellschaftlichen Normen und Werte, die dafür verantwortlich waren, dass Frauen aus dem Berufsleben ausgeschlossen waren (Kriegszeiten ausgenommen), die haben sich geändert. Mit dem Wegfallen dieser Zwänge einher ging aber auch ein Prozess, der schon in der Industrialisierung begann: soziale Individualisierung.
Mit dem Wegfall der frauenfeindlichen Gesetze im BGB wurden Frauen – wie auch die Männer vor ihnen – für ihr eigenes Leben und ihre Berufsbiographie selbst verantwortlich.
Und sie waren bisher damit sehr erfolgreich. Frauen sind die Gewinner der Individualisierung. In einer Gesellschaft, die ihr Geld mit Wissen und Kompetenz verdient, sind sie deutlich im Vorteil.

Aber um welchen Preis.
Die Berufsbiographien von Frauen entarten zu „Bastelbiographien“. Familie, Kinderwunsch und Karriere sollen unter einen Hut gebracht werden. Das funktioniert nicht reibungslos. Jeder soll für sich selbst verantwortlich sein, ist das Muster der Individualisierung. Diese Selbstverantwortung ist aber nicht gleich verteilt. Gleichberechtigung ist eben nicht Chancengleichheit. Die Zahl der Frauen, die in ihrem Berufsleben nur lückenhaft für ihre Rente sparen konnten, nimmt zu.
Und was ist mit den Männern?
Sie sind doppelte Verlierer. Die eröffneten Räume durch Individualisierung können sie nicht nutzen. Die Wissensgesellschaft ist weiblich, sagen die Soziologen.

tmd.

Stichwort: Individualisierung

Arbeiter auf Wolkenkratzer
Individualisierung des Arbeitsrisikos – Quelle: WikiImages, Pixabay

Individualisierung ist ein soziologischer Begriff. Er beschreibt also gesellschaftliche Strukturen und nicht psychische Befindlichkeiten. In Bezug auf die Arbeitsmoral heißt das: Das Arbeitsleben wird nicht mehr als Gemeinschaftsleistung wahrgenommen, sondern als Eigenleistung. Das hat dann wiederum Einfluss auf die psychische Verarbeitung von Arbeit beim einzelnen Menschen.
Der negativen Effekt der Individualisierung von Arbeitsbiographien ist: Jeder ist für sein berufliches Scheitern selbst verantwortlich. Wer aus dem Arbeitsprozess aussortiert wird, der sei selbst schuld, heißt es. Die Arbeitspsychologen können nur raten: Die eigenen Leistungsansprüche und Fähigkeiten miteinander abgleichen. Wer die geforderte Leistung nicht erbringt, der soll sich eben einen neuen Job suchen.
So oder ähnlich kann man das zusammenfassen, was über den Wandel der Arbeitsmoral in manchen Ethik-Lehrbüchern steht. Verschwiegen wird dabei, dass diese subjektive Sicht des einzelnen Arbeitnehmers im krassen Missverhältnis steht zur realen Berufswelt.
Der Arbeitnehmer, die Arbeitnehmerin ist doch nicht verantwortlich dafür, dass sein Arbeitgeber im globalen Wettbewerb nicht mithalten kann. Soll sich jeder einzelne Arbeitnehmer etwa dafür verantwortlich fühlen, dass seine Firma Pleite gemacht hat?
Das ist alles viel zu einfach beschrieben.
Der lokale und globale Wettbewerb funktioniert anders. Sobald eine Firma abhängig ist von den Entscheidungen seiner Besitzer, die nur über Aktien mit dem Betrieb verbunden sind, ist der Gewinn wichtiger als die Mitarbeiter.
Selbstverständlich muss eine Firma Gewinn machen. Aber man sollte den einzelnen Mitarbeiter nicht nur als Mittel für den eigenen Gewinn sehen. Der Mitarbeiter ist auch ein Mensch.
An diesem Punkt sind wir dann dabei, auch moralisch zu entscheiden. Manager, die nur an sich denken und nicht auch an die Mitarbeiter ihrer Firma, die den Gewinn und das Gehalt der Firmeninhaber erwirtschaften, behandeln die Mitarbeiter nur als Mittel.
Was sagte Kant dazu? Der Mensch ist nie Mittel, immer nur Zweck.

tmd.