Kategorischer Imperativ und Goldene Regel

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nicht subjektiv soll es sein – Quelle: brenkee, Pixabay

Die Goldene Regel gibt es in unterschiedlichen Kulturen. Deshalb meinen viele Menschen, diese Regel ist ein ausreichendes Fundament für moralisches Handeln.
Oft wird die Goldene Regel auch mit dem Kategorischen Imperativ gleichgesetzt. Das ist aber grundfalsch.

Die Goldene Regel ist nur eine nicht mehrheitsfähige Kollektivnorm.
Die Goldene Regel widerspricht sogar dem Kategorischen Imperativ.

Der Kategorische Imperativ ist eine objektive Maxime. Maxime ist hier eine oberste Regel, eine Bestimmungsgrund.
Die Goldene Regel ist aber eine subjektive Maxime, vergleichbar mit dem pflichtgemäßen Handeln. Hierzu ein Beispiel: Wenn ich beschließe nicht zu stehlen, damit ich auch von den anderen Menschen nicht bestohlen werde, dann handele ich aus Eigennutz und eigentlich rein egoistisch.
Der Kategorische Imperativ schließt die subjektiven und egoistischen Beweggründe jedoch ausdrücklich aus. Die Maxime des Kategorischen Imperativs ist also objektiv. Er schließt damit die Goldene Regel als Maxime aus.

tmd.

Merkzettel: Kant – der gute Wille

Nur der gute Wille ist gut, so Immanuel Kant. Was meint er damit?
Mit dem „ist gut“ meint Kant die moralische Bewertung einer Handlung. Nur unter der Bedingung, dass der Wille gut ist, ist es auch die Handlung.
Das ist doch klar! Was sonst!

der gute Wille
nur der gute Wille zählt – Quelle: StockSnap, Pixabay

Falsch gefolgert! Denn wir wissen noch nicht, was Kant mit dem „guten Willen“ meint.
Gut ist ein Wille dann, wenn er frei und autonom ist. Er braucht also bei seiner Verwirklichung die negative und positive Freiheit. Also keine Einflüsse von außen wie Gefühle, Neigungen und politische Zensur. Außerdem muss er Regeln und Gesetze machen, die dem Kategorischen Imperativ genügen. Die Regeln dürfen in sich nicht widersprüchlich sein. Und sie dürfen nicht pflichtgemäß und hypothetisch sein.
Hypothetisch sind „wenn – dann“ Regeln. Pflichtgemäßes Handeln hat das Ergebnis im Blick. (Beispiele: Klavierspielen als Profi; Arbeit als Kaufmann)

Das ergibt sich aber nicht automatisch. Der Maxime des Kategorischen Imperativ folgen, ist eine Aufgabe, der sich der freie, aufgeklärte Bürger freiwillig unterzieht. Dafür gibt es aber keinen anderen Anlass als die Pflicht. (Ein anderer Grund oder Anlass würde wiederum bedeuten, das diese Umsetzung nicht autonom ist.)

Sittliches Verhalten ist also eine Pflicht. Der freie und aufgeklärte Bürger unterzieht sich also freiwillig dieser Pflicht.
Genau das, dieses „sich in die Pflicht“ nehmen, ist der gute Wille.

Kant verhindert damit, dass sich subjektive Interessen und Neigungen in den guten Willen einschleichen. Der gute Wille ist objektiv. Er arbeitet nach selbstgesetzten Regeln, die dem Kategorischen Imperativ genügen.

tmd.

Merkzettel: Kant – der freie Wille

Kant gründet seine Version eines Gesellschaftsvertrags auf die Vernunft und den autonomen Willen. Die Vernunft steht nicht zur Diskussion. Der Mensch ist vernünftig! Daran gibt es nichts zu zweifeln. Die Vernunft kann und muss eingesetzt werden. Sie kann eingesetzt werden, wenn die politischen Verhältnisse den Gebrauch der Vernunft erlauben. Die Vernunft muss eingesetzt werden, um aus der Unmündigkeit herauszukommen. Die Autonomie wird ebenfalls nicht bezweifelt. Autonomie ist eine Grundannahme des aufgeklärten Bürgers.

Merke: Die Leistungsfähigkeit der Vernunft wird nicht weiter diskutiert. Das hat Kant in seinen Hauptwerken bereits erledigt. Die Autonomie des Willens ist keine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens. Der aufgeklärte Bürger kann und will autonom und vernünftig handeln.

Freiheit
Freiheit – Quelle: sasint, Pixabay

Der autonome Wille soll Gesetze herstellen, denen die Bürger gehorchen wollen und können. Moral ist also Menschenwerk. Nun muss also geklärt werden, wie der autonome Wille mittels der Vernunft Gesetze macht, aber dennoch nicht willkürlich handelt. Denn: Natürlich kann sich der autonome Wille Gesetze geben, die er selbst befolgen will. Aber ungeklärt ist doch, ob alle Menschen diese Gesetze wollen. Der Wille soll also autonom Gesetze finden, denen alle Bürger freiwillig folgen.

Merke: Der freie Wille soll autonom Gesetze machen, denen alle Bürger freiwillig ohne Zwang Folgen können.

Kant diskutiert zunächst negative und positive Freiheit. Negative Freiheit ist Freiheit von äußeren Zwängen. Diese politische Freiheit ist die Forderung der Bürger, ihre Meinung frei äußern zu können. Positive Freiheit ist, sich Gesetze zu geben, denen man freiwillig folgt.
Nun muss noch ausgeschlossen werden, dass nicht mehrheitsfähige Kollektivmeinungen zu Gesetzen werden. Der autonome, freie Wille muss vor Willkür geschützt werden. Die Regeln, nach denen der freie Wille funktioniert, dürfen daher nicht fremd-gesetzlich (hetoronom) sein. Ein Wille, der heteronom funktioniert, ist nicht autonom. Die Autonomie zeigt sich darin, dass sich der freie Wille Gesetze gibt, denen alle Bürger zustimmen können. Nur dann kann ein freier Wille auch ein guter Wille sein.

Merke: Der aufgeklärte Bürger braucht negative und positive Freiheit. Negative Freiheit erlaubt die autonome politische Meinungsäußerung. Positive Freiheit schafft Gesetze, die von allen Bürgern akzeptiert werden.

Nun muss noch erklärt werden, wie der freie Wille die Gesetze herstellt. Das geht nur mit einem Gedankenexperiment. Die Gesetze, die hergestellt werden, müssen getestet werden, ob sie nicht in sich widersprüchlich sind. Beispiel: Wer sich Geld leiht, der muss es auch zurückzahlen. Es kann also nicht sein, dass jemand sich Geld leiht und gleichzeitig weiß, dass er das Geld nicht zurückzahlen wird. Jede Moral, jedes Gesetz muss sich an diesen Anforderungen messen. Kant nennt das den kategorischen Imperativ.

Merke: Normen, Gesetze müssen getestet werden und dem kategorischen Imperativ genügen.

Der autonome Wille handelt aber nicht automatisch. Der Bürger handelt vielmehr aus Pflicht. Kant unterscheidet hier das pflichtgemäße Handeln und das Handeln aus Pflicht. Außerdem macht er einen Unterschied zwischen dem kategorischen und dem hypothetischen Imperativ.
Pflichtgemäßes Handeln orientiert sich an den Folgen des Handelns. Beispiel: Ein Kaufmann betrügt seine Kunden nur deshalb nicht, weil er die negativen Folgen befürchtet. Aus Pflicht handelt er aber, weil er sich ungeachtet der Folgen so entscheidet, weil sein Handeln dem kategorischen Imperativ entspricht.
Hypothetische Imperative bestimmen zwar unser Leben, aber wir müssen ihnen nur bedingt folgen. Beispiel: Wenn ich professioneller Pianist sein will, dann muss ich täglich üben. Diesem Wenn-Dann-Befehl muss ich nur dann folgen, wenn ich professioneller Pianist sein will.

Merke: Moralisch handeln ist immer Handeln aus Pflicht und folgt freiwillig den Forderungen des kategorischen Imperativs.

Kant sichert moralisches Handeln aber noch zusätzlich ab. Neben der Maxime (oberste Regel) des kategorischen Imperativs gibt es noch die Maxime: Der Mensch ist immer Zweck des Handelns, er ist nie das Mittel.

tmd.

Anmerkungen zur Vernunft

Kameratechnik
Vernunft nutzen – Quelle: geralt, Pixabay

Verantwortung gibt es nur in Freiheit. Freiheit ist deshalb für jemanden, der moralisch handeln will, nicht verzichtbar. Selbstbestimmtes Handeln, selbstbestimmte Sinnfindung und ein selbst tragendes moralisches Koordinatensystem (das autonome Gewissen) sind nur möglich mit und durch die Koppelung von Freiheit und Verantwortung.
Die Basis der selbst tragenden Koppelung von Freiheit und Verantwortung kann nicht Moral sein. Denn Moral, also die Normen und Werte, ist Menschenwerk. Wenn ich Moral allein zur Basis mache, dann wird daraus ein Dogma, das ich nicht mehr verändern kann. Dann wäre ich also nicht mehr frei. Auf Freiheit will ich aber nicht verzichten.
Reicht die Verantwortung, dass meine Freiheit nicht zur Willkür wird?
Nein!
Meine in Freiheit und in Verantwortung hergestellte Moral muss kontrolliert werden. Kontrollinstanz ist die Vernunft. Maßstab kann der kategorische Imperativ sein.
Grundsätzlich muss ich aber im Blick haben, dass Moral gesamtgesellschaftlich akzeptabel ist. Nicht mehrheitsfähige Kollektivmeinungen sind das nicht.
Terroristen und Vertreter von nihilistischen Weltanschauungen sind deshalb eine Gefahr für eine auf Freiheit und Verantwortung bauende Gesellschaft, weil sie den Kontrollfaktor Vernunft ausschalten.

tmd.

Wer hat die richtige Moral?

Wohin? – Quelle: geralt, Pixabay

Immer dann, wenn es um Entscheidungen geht, bei denen man den Menschen nicht traut, dass diese die Entscheidung selbst treffen können, wird ein Ethikrat befragt. Der soll dann entscheiden, was moralisch richtig ist. Wer sich dann mit dieser Entscheidung nicht abfinden will, der wird an den moralischen Pranger gestellt. Diskursethik ist das nicht gerade. Ethik wird dann dazu missbraucht, eine Meta-Moral anzusagen. Aber mit welcher Begründung? Vernunftgründe wie der Kategorische Imperativ sind es nicht. Es geht um Machtverhältnisse. Die müssen offengelegt werden.

Es gibt niemanden, der ein Privileg hat, für die Moral zuständig zu sein. (Otfried Höffe, Philosoph, in einem Interview, fluter, 2005)

tmd.

Meta-Ethik

Die Goldene Regel ist als Handlungsanweisung in kleinen Gruppen mit gleicher moralischer Ausrichtung durchaus anwendbar. Doch Menschen sind nun mal verschieden. Insbesondere, wenn sie aus verschiedenen Kulturkreisen kommen oder verschiedene Religionen haben. Für sie müssen also moralische Regeln aufgestellt werden, die über dem sehr subjektiven Geltungsbereich der Goldenen Regel angesiedelt sind, wenn man Konflikte beim Zusammenleben vermeiden will.

Vorarbeit leistet dazu die deskriptive Ethik, die unterschiedliche Moralen beschreibt. Der Vergleich ist dann die nächste Stufe, auf der Suche nach universellen Regeln.

Regeln sind wichtig – Quelle: Didgeman, Pixabay

An dieser Stelle ist jedoch Vorsicht geboten. Der Vergleich auf einer Meta-Ebene hat schnell das Merkmal der Höherwertigkeit. Das ist aber nur dann der Fall, wenn die Aussagen einer Meta-Ethik universalisierbare Handlungsanweisungen produzieren. Aber diese Methode hat Grenzen. Wenn ich alle unterschiedlichen Moralen auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner hin überprüfe, dann haben die resultierenden Handlungsanweisungen nur noch den Wert von Allgemeinplätzen. Sie sind beliebig.

Von Kant wissen wir, dass er einen anderen Weg gegangen ist. Er hat nicht empirisch gearbeitet, sondern epistemisch. Er hat seine Vernunft eingesetzt. Sein kategorischer Imperativ ist zwar nicht konsequent einsetzbar, aber er hat zumindest die Richtung vorgegeben: Normen und Gesetze herstellen, die es unterschiedlichen Menschen erlauben, konfliktfrei miteinander zusammenzuleben. Wenn das nicht funktioniert, dann sollte man zunächst fragen: Wer stört hier den Frieden und warum?

tmd.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Steuerhinterziehung - unmoralisch?
Steuerhinterziehung – unmoralisch? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Du sollst nicht stehlen! Die Weltreligionen greifen diese Regel in leicht abgewandelter Textform auf. Das kann man wissen. Das Strafgesetz in Deutschland verfeinert diese Grundregel. Es gibt Unterschlagung, Diebstahl und (schweren) Raub. Die Kernbotschaft aber ist immer die gleiche. Man soll nicht jemandem etwas wegnehmen, was demjenigen gehört.

Wie ist es aber mit folgendem Fall. Der Gesetzgeber verbietet nicht ausdrücklich eine Handlung, die eigentlich unter die Norm fällt, um die es hier geht. Machen wir also die Argumentation auf. Es geht um sogenannte „cum-ex-Geschäfte“.

Hierbei konnten Aktienbesitzer das deutsche Finanzamt regelrecht ausplündern. Die Einzelheiten, also wie man das macht, interessieren uns hier nicht. Das ist Sache der Juristen und Finanzexperten. Was uns interessiert ist, ob und wie jemand dieses Fehlverhalten vor sich und der Gesellschaft rechtfertigen kann.

Auf Seiten der Straftäter heißt es: Was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Tatsache ist aber auch, dass hier einige – sowieso schon reiche – Personen den Staat, das Finanzamt betrügen. Das Geld, das sie erschwindeln, ist aber das Geld der anderen Bürger, die brav ihre Steuern gezahlt haben, um unseren Sozialstaat, die Polizei und die Infrastruktur zu finanzieren.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Reicht hier die Empörung? Nein! Wenden wir den kategorischen Imperativ an, dann werden wir sofort sehen, dass eine Gesellschaft so nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Wenn das jeder macht, dann wäre unser Gemeinwesen schnell pleite. Das Handeln dieser Personen, die sich darauf berufen, dass ihr Handeln nicht direkt verboten ist, dieses Handeln ist zutiefst unmoralisch. Das Geld, was sie sich aneignen, ist das Geld des Nachbarn, der seine Steuern gezahlt hat.

tmd.

Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 2)

Muss man eine Maxime, z.B. „du sollst nicht lügen“, sklavisch befolgen, auch wenn man damit Menschenleben gefährdet?
Genau diese Frage wird immer wieder gegen Kant ins Feld geführt. Ihm wird reiner Formalismus vorgeworfen. Das sei unmenschlich, sagen die Kritiker.
Die Maxime du sollst nicht lügen, hat bei Kant immer Vorfahrt. Was aber, wenn ich einen Menschen durch meine Lüge vor dem Tode rette? Dann muss man es tun. Man muss Menschenleben retten. Denn die Maxime, einen anderen Menschen zu retten vor dem Tode, ist höchstes Gut in unserer aufgeklärten Gesellschaft.
Was ist aber dann mit der Maxime, du sollst nicht lügen? Hat sie ihren Wert verloren? Sie hat nur Bedeutung und Verpflichtung in Handlungszusammenhängen, die das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei gestalten und regeln. Wenn aber eine Maxime das Zusammenleben und insbesondere die Menschenrechte selbst beschädigt, dann ist diese Maxime in diesem Zusammenhang nicht mehr brauchbar.
Also: Ein zu Unrecht Verfolgter in einer Diktatur genießt den Schutz eines jeden aufgeklärten Mitbürgers.
Jede Maxime muss dem – erweiterten – Gedankenexperiment genügen und widerspruchsfrei sein.

Gerne dien‘ ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung,
und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.
(Friedrich Schiller)

Heißt das, dass ich nicht moralisch handele, wenn ich aus Zuneigung oder Liebe handele?
Absolut falsch! Kant meinte, dass man dann, wenn keine Zuneigung besteht, man dennoch aus Pflicht oder zumindest pflichtgemäß (weil es zum Job gehört) handeln soll.

tmd.

Anmerkungen: Der kategorische Imperativ (Teil 1)

Unentschlossen
Möge, täte, wolle… – Quelle: Buecherwurm_65, Pixabay

Der Philosoph Günther Patzig hat in dem Aufsatz „Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion“ (erstmals erschienen 1978) einige interessante Präzisierungen zum Thema vorgenommen, die ich hier kurz in drei aufeinanderfolgenden Beiträgen zusammenfassen will.

Die Unterscheidung von kategorisch und hypothetisch wird mit hypothetischen Imperativen erklärt, die in wenn, dann-Sätzen verpackt sind. Beispiel: Wenn ich perfekt Klavier spielen will, dann muss ich fleißig üben. Dieser Imperativ richtet sich also nur an ehrgeizige Musiker. Der Imperativ richtet sich an die Bedürfnisse und Absichten der Menschen.

Kategorische Imperative haben jedoch die Verallgemeinerungsfähigkeit ihrer Handlungsanweisungen im Blick. Diese Handlungen muss jeder wollen können. Es gibt aber auch wenn, dann-Sätze, die kategorisch sind. Beispiel: Wenn du eine Familie hast, so sorge für ihren Unterhalt“ (Beispiel von Patzig). Dies ist nicht hypothetisch gemeint. Es geht hier nicht um Wünsche und Absichten, sondern um eine Situation. Jeder, der in diese Situation gerät, soll sich an die Maxime „Sorge für deine Familie“ halten – sofern er in der Situation ist.

Verallgemeinerungsfähige Maxime sollen ihre Trägfähigkeit erweisen, indem sie mit einem Gedankenexperiment getestet werden. Handlungsanweisungen dürfen nicht in sich widersprüchlich sein. Wenn ich eine Handlungsanweisung dulde, die das Lügen in bestimmten für mich vorteilhaften Situationen erlaubt, dann schaffe ich damit Vertrauen in der Gesellschaft ab. Niemand wird mehr Vertrauen aufbringen, wenn Vertrauensbruch erlaubt ist. Also: Ich kann nur lügen, weil die Anderen sich darauf verlassen, dass ich nicht lüge.

tmd.

Ethik als Pflicht: der freie Wille und die Vernunft

Kant und der freie Wille sind ein Hauptthema in diesem Blog. Denn nur ein freier Wille kann auch ein guter Wille sein. Kant unterscheidet grundsätzlich Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas. Freiheit von etwas nennt er negative Freiheit. Negativ heißt hier nicht schlecht. Gemeint ist, dass Handlungen der freien Bürger grundsätzlich (es gibt also Ausnahmen)  nicht fremdbestimmt sein dürfen. Das muss genauer untersucht werden, was hier Kant vorschlägt.

Schließlich ist der Mensch abhängig davon, dass er Essen und Trinken und Erholungsphasen braucht. Ist das dann schon Abhängigkeit? Diese physischen Ursachen meint Kant nicht. Er meint in erster Linie, dass der Wille nicht fremdgesteuert sein darf. Er denkt hier an biologische und psychologische Gesetze. Kant nennt solche Abhängigkeiten heteronom (fremdgesetzlich). Kant meint aber auch, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglichen sollen, in der Öffentlichkeit Kritik zu üben. Hier darf es keine Einschränkungen geben. Wo ist dann der Unterschied zur positiven Freiheit, zur Freiheit zu etwas?

Ballonfahren
Freiheit der Lüfte – Quelle: Cleverpix, Pixabay

Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, ist nur denkbar, wenn es auf Seiten der negativen Freiheit keine Beeinflussung gibt. Erst dann kann der Wille sich als freier gebärden. Wie wird aber die negative Freiheit – z.B. öffentlich Kritik üben zu dürfen -, welche die Grundlage der positiven ist, hergestellt? Durch Gesetze, die der freie, weil gute Wille macht. Stopp! Das ist aber genau betrachtet ein Zirkelschluss. Aber auch nur auf den ersten Blick.

Der freie Wille ist durch den kategorischen Imperativ dynamisch konstruiert. Je weiter es mit der Aufklärung vorangeht, desto mehr wird dafür gesorgt, dass der freie Wille nicht behindert wird durch Gesetze, die nicht der Aufklärung dienen.

Jetzt muss aber noch dafür gesorgt werden, dass der freie Wille nicht in Willkür abgleitet. Das geht nur durch die Pflicht, die beiden Kantischen Maxime zu beachten: (1) Der Mensch ist immer Zweck. (2) Die Gesetze müssen dem Gedankenexperiment des Kategorischen Imperativs genügen. Das verleiht dem freien Willen das Merkmal „gut“. Die Konstruktion aus negativer und positiver Freiheit, angereichert mit den beiden Maximen, verhilft der Vernunft zu der zentralen Rolle in Kants Philosophie.
Aber: Dieser Mechanismus läuft nicht automatisch ab! Dahinter steht immer die Pflicht!

Vernünftig (mit Vernunft) Gesetze zu machen, erfordert die Pflicht, die Maxime auch zu beachten. Deshalb nennt man die Ethik von Kant eine Pflichtethik.

tmd.