Merkzettel: Wahrheitstheorien

Mädchen sucht im Internet
Auf der Suche nach Wahrheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Was wir als Wahrheit bezeichnen, können wir mit den vier Wahrheitstheorien feststellen. Wahr ist demnach:

  • Wenn uns etwas unmittelbar einsichtig ist, dann sagen wir, dass dies wahr ist. Beispiel: Der Teil eines Kuchens ist selbstverständlich kleiner an Umfang und Gewicht als der ganze Kuchen. Das leuchtet uns unmittelbar ein. Das ist die Evidenztheorie.
  • Wenn eine Gruppe von Menschen etwas für wahr hält, dann ist eine Aussage für die Menschen dieser Gruppe wahr. Das ist die Konsenstheorie. Das heißt nicht, dass außerhalb der Gruppe andere Menschen nicht andere Wahrheiten haben.
  • Wenn sich Aussagen nicht widersprechen, dann sind diese Aussagen wahr. Das ist die Kohärenztheorie.
  • Wenn meine Wahrnehmung und eine Sache oder Aussage übereinstimmen und diese Übereinstimmung meinem urteilenden Denken, meinem kritischen Denken nicht widerspricht, dann ist die Sache wahr. Das ist die Korrespondenztheorie. Hier merken wir uns den Satz von Thomas von Aquin: Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache (veritas est adaequatio intellectus et rei).

Leistungsfähigkeit und Schwächen der vier Wahrheitstheorien

  • Die Evidenztheorie ist schon sehr mächtig, hilft aber nicht weiter bei komplexen Problemen. In der Physik und Biochemie gibt es Erkenntnisse, die sind eben nicht sofort klar: Lichtgeschwindigkeit, Raum-Zeit-Krümmung sind gute Beispiele.
  • Die Konsenstheorie ist die robusteste unter den Wahrheitstheorien. Sie ist aber angreifbar, wenn es um Irrtümer geht. Irrtümer werden oft lange Zeit für wahr gehalten.
  • Die Kohärenztheorie ist nun diejenige, die sehr geeignet ist, Irrtümer und Fehler herauszufinden und für Aufklärung zu sorgen. Auf diese Wahrheitstheorie wollen wir nicht verzichten.
  • Die Korrespondenztheorie ist unsere Brücke zur Welt und Wirklichkeit. Ohne die Wahrnehmung der Welt und Wirklichkeit können wir nichts über die Welt aussagen. Leider hat diese Theorie einen Schwachpunkt. Ich kann meine Wahrnehmung nur durch Fremdwahrnehmung wieder bestätigen. Das ist ein infiniter Regress.

Was also tun?
Wir müssen die vier Theorien kombinieren.
Wenn etwas evident ist, müssen wir fragen, ob es auch kohärent ist und Konsens findet. Und ich muss auch meine Wahrnehmung mit der Wirklichkeit vergleichen.
Nichts anderes machen wir in den Wissenschaften.

Die vier Theorien werden außerdem unterschieden in epistemische und empirische Theorien.

  • Die Korrespondenztheorie ist eine empirische Theorie. Empirie heißt Erfahrung. Meine Wahrnehmung, meine Erfahrung wird mit der Wirklichkeit verglichen.
  • Die anderen Theorien sind epistemisch, haben etwas mit Vernunft und Verstand zu tun. Hier beurteile ich meine Wahrnehmung nur abstrakt mit den Werkzeugen der Vernunft.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 2

Ein wichtiger Teil unserer Wahrnehmung läuft über Kommunikation. Wann ist eine Kommunikation „wahr“? Hier hilft nur, zu prüfen, ob das Gesagte nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei ist. Eine Sache, z.B. ein Baum, kann nicht wahr oder falsch sein. Entweder es gibt den Baum oder es gibt ihn nicht.
Die Problematik mit der Korrespondenztheorie bleibt hier unbeachtet, bzw. alle, die an der Kommunikation beteiligt sind, meinen, das es den Baum tatsächlich gibt.

Waldsterben
Waldsterben – Quelle: Boke9a, Pixabay

Die Aussage: „Der Baum dort ist krank“, kann allerdings wahr oder falsch sein. Ich muss die Aussage also mit anderen Aussagen vergleichen, mit Aussagen also über den Krankheitszustand von Bäumen. Vielleicht muss ich noch weiteres Wissen heranziehen. Insgesamt müssen aber alle Aussagen zueinander widerspruchsfrei sein.
Gleiches gilt bei Kommunikation vor Gericht und in den Wissenschaften.
Natürlich kann ich mich gewaltig irren, wenn ich Aussagen heranziehe, die teilweise falsch sind, oder auf einem Irrtum beruhen. Lange Zeit z.B. galt es als wahre Aussage, dass Spinat viel Eisen enthält. Es handelte sich aber um einen Messfehler!

Diese Art der Wahrheitsprüfung, die Aussagen daraufhin untersucht, ob sie nachvollziehbar, schlüssig und widerspruchsfrei sind, wird Kohärenztheorie genannt. Sie unterstützt die Korrespondenztheorie.
Widerspruchsfreie Aussagen über die Welt und Wirklichkeit sollten außerdem unmittelbar einleuchtend sein. „Ein Stück eines Kuchens ist kleiner als der ganze Kuchen.“ Das ist unmittelbar verstehbar. Diese Theorie nennt man Evidenztheorie. Dabei muss beachtet werden, dass der empirische Sachverhalt (die Erfahrung) gar nicht zur Urteilsbildung herangezogen werden muss. Die Evidenz ergibt sich in unserer inneren Wahrnehmung. „Ein Teil einer Menge ist weniger, als das Ganze.“
Die genannten Wahrheitstheorien verlieren ihre Beweiskraft, wenn unter den Menschen, die sie anwenden, kein Konsens herrscht. Die Konsenstheorie ist sicher die wirkungsmächtigste Theorie zur Klärung von Wahrheit. Wahrheit ist das, was die meisten Menschen für wahr halten. Damit ist sie aber auch empfindlich für Täuschung. Menschen lassen sich gerne täuschen. Psychologen wissen das. Politiker wissen das. Kaufleute auch. Schnell entstehen „Wahrheiten“, die keine sind. Fake News.
Gegen solche Täuschungen kann man nur die Kohärenztheorie in Stellung bringen: Widersprüche enthüllen und aufdecken.
Die Korrespondenztheorie ist eine reine empirische Theorie. Sie arbeitet mit der Erfahrung. Die drei anderen Theorien arbeiten mit der Vernunft. Sie nennt man epistemisch, sie beziehen sich auf Wissen, das man hat.

bewusstsein
epistemische Wahrheit – Quelle: sciencefreak, Pixabay

Wissen wir jetzt, was Wahrheit ist?
Nein!
Aber wir haben einen Koffer voller Werkzeuge, mit denen wir feststellen können, ob uns jemand täuschen will.
Also: Wenden wir die Werkzeuge an. Lernen wir argumentieren.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 1

Zuerst die schlechte Nachricht. Wir wissen es nicht genau. Wer sich mit Moral beschäftigt, der kennt das Problem. Wir wissen eben nicht genau, welche Moral die richtige ist. Und auch die Ethiker, die verschiedene Moralen beschreiben und vergleichen, sind nicht im Besitzt der Wahrheit. Ganz zu schweigen von den vielen Fundamentalisten, die es in jeder Religion gibt.

Es gibt aber eine gute Nachricht. Unser Alltag, der noch nicht von Wissenschaft besetzt ist, ist voll von Wahrheiten. Wenn wir uns nämlich ständig Gedanken darüber machen würden, was nun „Wahr“ oder „Falsch“ ist, dann würden wir im Leben nicht voran kommen. Wir verlassen uns auf Gewohnheiten nach dem Motto: Jeden Tag geht die Sonne wieder auf. Wir meinen sehr viel zu wissen, aber das meiste haben wir nicht nachgeprüft, wir werden es nicht nachprüfen oder können es nicht – wir glauben es einfach. Ein philosophischer Blick auf die Welt und Wirklichkeit würde uns mehr als verunsichern.

Dreieck
Illusion – Quelle: ptra, Pixabay

Woher wissen wir, dass es die Welt, die wir sehen, überhaupt gibt?

Zunächst einmal speichern wir die Wahrnehmung als etwas Sinnliches (sehen, hören usw.) ab und meinen, dass es die Welt da draußen tatsächlich gibt. Optische Täuschungen können wir durch Erfahrung und Übung schnell ausschließen. Vollkommene Sicherheit haben wir jedoch nicht, weil wir die gemachten Wahrnehmungen – das Bild in unserem Kopf – von der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit vergleichen können. Denn dabei sind wir immer wieder auf unsere Wahrnehmung angewiesen. Wir müssten dafür „außerhalb“ von uns stehen. Das geht aber nicht.

Wir sind Gefangene unserer sinnlichen Wahrnehmung.

Dennoch hat diese Art der Wahrheitskontrolle keineswegs zur Verunsicherung geführt. Das liegt an dem recht „pragmatischen Umgang“ mit unserem „Weltwissen“. Solange unser Wissen von Welt und Wirklichkeit uns keine Probleme verursacht, reicht uns diese eigentlich unvollkommene Wahrheit. In der Philosophie wird die Art der Wahrheitstheorie „Korrespondenztheorie“ genannt. Wir gehen davon aus, dass es eine „Korrespondenz“ von Welt und Wahrnehmung gibt. Korrespondenz ist hierbei die veraltete Bezeichnung für Übereinstimmung. Im Ethikunterricht lernen wir dazu den Satz „Wahrheit ist die Übereinstimmung von urteilendem Denken und Wirklichkeit“. Veritas est adaequatio intellectus et rei. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Diese Theorie wird auch „empirisch“ genannt, weil sie über die Erfahrung (Empirie) ermittelt wird.
Wir müssen also unsere Wahrnehmung (das urteilende Denken) an die Wirklichkeit anpassen.
Leider hilft uns diese Theorie allein nicht recht weiter.
Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

tmd.

Was ist Wahrheit?

Wie kann ich feststellen, ob etwas wahr ist, ob jemand die Wahrheit sagt? Wir haben nur vier Möglichkeiten, zu bestimmen, was wahr ist. (Folter, Lügendetektor, Gedankenlesen und dergleichen schließe ich als unwissenschaftlich aus)

Kirchenfenster, Alfa & Omega, Wahrheit
Kirchenfenster in Esslingen – Quelle: 7854, Pixabay

Hier die Möglichkeiten, jeweils mit einem  Beispiel.

  • Ich teile ein Stück Kuchen. Es ist unmittelbar einsehbar, dass die Teile kleiner sind als das ursprüngliche Stück Kuchen. Man nennt das Evidenz. Das ist eine einleuchtende Erkenntnis. Evidente Erkenntnisse kann man als wahr bezeichnen.
  • Die Erde, auf der wir leben, ist ein Planet (Himmelskörper) im Universum. Das sagen die meisten Menschen. Sie halten es für wahr. Wenn sehr viele Menschen eine Sache für wahr halten, dann nennt man das Konsens. Konsens kommt vom Lateinischen consentire und heißt übereinstimmen. Einige Naturvölker in Afrika oder Südamerika werden unserer Weltanschauung nicht zustimmen. Das ändert aber nichts daran, dass die Mehrheit der Menschen die Erde für einen Planeten hält. Wenn Konsens über eine Aussage besteht, dann ist die Aussage wahr – aber nur für diejenigen, die dieser Aussage auch zustimmen.
  • Menschen, die sich in großer Not befinden, vielleicht in Gefahr sind zu sterben, denen sollte geholfen werden. Nach einer Flutkatastrophe sind Tausende von Menschen in Not. Also sollten wir denen helfen, die von der Flut betroffen sind. Das ist eine typische ethische Argumentation. Man nennt das einen praktischen Syllogismus, im Unterschied zum logischen Syllogismus. Das Beispiel für einen logischen Syllogismus ist bekannter: (1) Alle Menschen sind sterblich. (2) Sokrates ist ein Mensch. (3) Sokrates ist sterblich. Mit logischen und praktischen Syllogismen können wir rational (mit dem Verstand) argumentieren. Man nennt das schlüssiges und widerspruchsfreies Argumentieren. Eine Aussage ist also wahr, wenn sie nichts Widersprüchliches enthält. Auch hier gibt es einen Fachbegriff: Kohärenz. Gemeint ist damit, dass Aussagen zusammenhängen (cohaerere, lateinisch für zusammenhängen). Widerspruchsfreie Aussagen sind also auch wahr. Doch Vorsicht: Man kann Aussagen auch so konstruieren, dass sie immun gegen Kritik werden. (Dazu werde ich noch einen gesonderten Beitrag schreiben.)

Diese drei Möglichkeiten, die Wahrheit festzustellen, setzen Verstand (ratio) voraus. Man nennt diese drei Wahrheitstheorien auch epistemische (Erkenntnis) Theorien.

  • Dann gibt es noch die vierte Wahrheitstheorie: die Korrespondenztheorie. Hier vergleiche ich die Welt und Wirklichkeit mit meinem Wissen. Ich mache Erfahrungen. Deshalb nennt man diese Theorie empirische Theorie (Empirie ist altgriechisch und heißt Erfahrung). Diese Theorie ist nicht einfach anzuwenden. Ich will mein Wissen von der Welt mit meiner Wahrnehmung der Welt (wie sie ist) vergleichen. Da kann ich mich sehr schnell täuschen. Beispiel: alle bekannten optischen Täuschungen. Dennoch sollten wir uns den Satz von Thomas von Aquin (lebte im Mittelalter) merken: veritas est adaequatio intellectus et rei = Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache.

tmd.