Zwischen Individualität und Anpassung

Der moralische Aspekt des selbstbestimmten Leben ist einfach zu ermitteln. Es geht um die Normen und Werte, denen jemand folgen will. Im besten Fall sind diese Normen geeignet, das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei zu gestalten.

Der sozial-psychologische Aspekt der Selbstbestimmung öffnet jedoch ein weites Feld. Individuell will jeder sein, aber dennoch auch dazugehören, also den anderen ähnlich sein. Gut wäre es, wenn es bei dem Hin und Her zwischen Individualität und Anpassung so etwas wie einen Mittelwert gäbe, der genau das ist, was beides bestens bedient. Das ist aber nicht so. Anpassung wird ausgelebt. Das ist Anpassung in Mode, Musik usw.

drei Frauen am Meer
Individuell bleiben – Quelle: Pexels, Pixabay

Freiheit ist das nur auf den ersten Blick. Es ist nur Freiheit unter der Bedingung der Gleichheit. Wir gewöhnen uns also immer mehr an eine Gleichheits-Freiheit: Freiheit als prêt-à-porter.
Erstaunlicherweise merken wir nur am Rande, dass sich die angebotene Freiheit von der Stange mit Regelmäßigkeit ändert. Ebenso interessant ist es, dass z.B. die Modezyklen ungebrochen weitergehen, aber gleichzeitig auch Moden konserviert werden.

Man kann einem Milieu angehören, dass nicht mehr aktuell ist, Kulturnischen bleiben bestehen, auch wenn die ursprüngliche Alterskohorte längs ausgestorben ist. Die Mode- und Kulturnischen stehen wie fahrende Händler inmitten der Gesellschaft und laden zur Einkehr ein.
Es ist ein Zeichen von Kompetenz, das möglichst bald zu durchschauen. Denn erst dann hat man so richtig Freude daran, frei das zu wählen, was andere auch wollen.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 3

In Freizeit, Schule und später im Beruf stellen meine Mitmenschen unterschiedliche Anforderungen an mich, denen ich nachkommen muss. Ich erbringe Leistungen entsprechend der Erwartungen, die an mich gestellt werden. Aber ich erwarte gleiches von meiner sozialen Umwelt.

Ich erwarte, dass mich der Taxifahrer dorthin bringt, wo ich hin will. Ich erwarte sogar, ohne vorher gefragt zu haben, dass der Taxifahrer einen Führerschein und eine Berechtigung zum Taxifahren hat. Das Bild, das ich mir vom Taxifahrer mache, ist also viel umfangreicher, als aus dem kurzen Gespräch mit ihm (Fahren sie mich zum Flughafen!) deutlich wird.
Alles das, was ich von jemandem erwarte, dass er es leistet, das nennt man eine soziale Rolle. Leistungen und Erwartungen entsprechen sich also.

Was ist aber, wenn jemand unsere Erwartungen nicht erfüllt, wenn er die Leistung, die er in seiner Rolle zu erbringen hat, eben nicht erbringt? Dann reagieren wir grundsätzlich mit Kritik, wir weisen den anderen zurecht, oder wir sind erstaunt, dass jemand sich nicht an die „Spielregeln“ hält. In manchen Fällen versuchen wir die Verletzung der Spielregeln zu übersehen. Wir tun so, als ob wir die Regelverletzung nicht bemerkt haben. Soziologen nennen das „healing“. Damit ist gemeint, dass wir die Rolle des andern, der gerade „aus der Rolle gefallen“ ist, stabilisieren wollen. Erst wenn der andere keine Anstalten macht, die Verletzung meiner Erwartungen durch Leistungen wieder gut zu machen, dann drohe ich mit Bestrafung, fachsprachlich „Sanktionen“. Werde ich aber auch belohnt, wenn ich alles richtig mache? Eigentlich nicht. Denn das „alles richtig machen“ gehört schließlich zu meiner Rolle. Das wird von mir erwartet. Soziologen haben aber auch das richtige „Rollenverhalten“ mit einem Fachwort belegt: Gratifikation (=Belohnung). Warum spiele ich brav meine Rolle, wenn ich nicht dafür belohnt werde? Weil ich am allgemeinen „Rollenspiel“ mitmachen will, das heißt, ich darf am sozialen Leben teilnehmen, ich werde nicht ausgeschlossen. Das Teilnehmen an der Gesellschaft ist für uns fast aus dem Blickfeld geraten. Wir sind es einfach gewohnt „mitzumachen“. Wir „wertschätzen“ kaum, was antike Philosophen als unverzichtbar bezeichnet haben. Der Mensch ist ein „politisches Wesen“.

Eine Rolle spielen
Rollenspiel – Quelle: Unsplash, Pixabay

Zurück zur sozialen Rolle. Es gibt Rollen, an die werden sehr viele verschiedene Erwartungen gestellt. Ein Lehrer muss fordern und fördern, heißt es. Er muss Autorität aber auch Vorbild sein. Er darf nicht Kumpel sein, aber auch nicht Oberlehrer. Zusammengenommen bilden diese verschiedenen Erwartungen ein „Rollenbündel“. In diesem Rollenbündel dürfen sich die Erwartungen nicht widersprechen.

Man hat jedoch nicht nur eine Rolle. Ein Lehrer ist auch Privatmensch, Vater/Mutter, Freund/Freundin usw. Diese Rollen können sich allerdings widersprechen. Bekanntestes Beispiel sind die Rollen, die man im Beruf spielt und die als Elternteil. Diese beiden Rollen zu vereinen, ist nicht so einfach. Auch heute, in Zeiten der Gleichberechtigung, sagen viele Frauen, dass sie sich einen Beruf ausgesucht haben, in dem sie Zeit für die Familie haben. Neuerdings ergeben Meinungsumfragen, dass auch Männer die Familie als wichtiger erachten als den Beruf.

Lange wurde in der Philosophie und Soziologie darüber diskutiert, ob es so etwas wie den „eigentlichen“ Menschen hinter den Rollen gibt. Eine Rolle „spielen“ legt schließlich nahe, dass es nur Spiel ist, dass man es auch sein lassen kann und nicht mehr spielt. Aber was ist dann?
Es gibt hinter den Rollenmasken, die wir ständig tragen und auch je nach Situation wechseln, nichts. Wir sind auf die Rollenmasken angewiesen. Keine Rolle spielen und sich „echt“ verhalten, ist die Rolle des „Nichtspielers“. Auch an sie stelle ich Erwartungen und hoffe auf Leistungen.

Kleine Aufgabe zum Nachdenken: Beschreibe die Rolle des „Nichtspielers“.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 2

Me - you - we
Die anderen und ich – Quelle: geralt, Pixabay

Soziale Interaktion: Ich und die anderen.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig und sind gebündelt, solange sie sich nicht widersprechen. Es lässt sich jedoch nicht vermeiden, dass ich unterschiedliche Rollen übernehme oder übernehmen muss, die sich sehr wohl widersprechen können. Daraus entstehen dann die sogenannten Spannungsfelder von Rollen. Das sind die „intrapersonalen“ Konflikte. Sie äußern sich letztlich in Dilemma-Situationen und einem schlechten Gewissen, was wiederum zu Normenkollisionen führt und letztlich im Gewissensmissbrauch enden kann.

Soll ich, kann ich, darf ich einem Menschen helfen, mit dem ich befreundet bin, der aber straffällig geworden ist und ich auf der Seite der Strafverfolgung arbeite?

Soziale Interaktion: Ich mit mir selbst.
Erwartungen, die ich an mich selbst richte, muss ich auch selbst mit Leistung bedienen. Dass es sich hier um Erwartungen handelt, die mir anerzogen wurden, weiß ich zwar, aber (siehe Freud und das Gewissen) ich habe die Erwartungen internalisiert (in mich eingepflanzt).
Mittels dieser internalisierten Erwartungen baue ich mir eine eigene Identität. Ich bin das, wozu andere mich gemacht haben, aber auch das, wozu ich mich selbst erfunden habe.

Überwiegt bei diesem Identität bildenden Prozess meine eigene Aktivität, dann habe ich unter Umständen eine stabile Persönlichkeit. Überwiegt dagegen die passive Anpassung, dann leide ich unter meiner anerzogenen Identität.

Die Folgen eines anerzogenen Rollensets sind fehlende soziale Kompetenz und schwere psychische Schäden. Bekanntestes Beispiel ist die leere Persönlichkeit, der Narzist. Narzissmus ist hier nicht die mythologische Selbstliebe, sondern das krankhafte Festhalten an antrainierten Rollenmustern. Diese antrainierten Rollenmuster sind (bildlich) die Hülle für eine ansonsten leere Identität. Eine Veränderung der Rollenmuster stellt für einen Narzisten eine Katastrophe dar, weil er seine Ich-Identität in Gefahr sieht. Er löst sich buchstäblich auf. Er kann aus sich heraus keine neuen Rollen aufbauen.

Wer dagegen seine Ich-Identität aktiv selbst gestaltet hat, kann auch Veränderungen vornehmen. Identitätsbildung ist also aktives Rollenmanagement und Rollen-building.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 1

(Anm.: Die Überschrift dieses Beitrags bezieht sich auf den Titel der deutschen Übersetzung des Soziologie-Klassikers von Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, 1959)

Im Folgenden ist das Basiswissen zum Thema soziale Rolle zusammengefasst. Dabei ist der Bezug zum moralischen Handeln ausgeblendet. Das wird in einem anderen Beitrag erfolgen. Hier geht es nur darum, zu verstehen, dass soziale Rollen nicht angeboren sind, sondern Eigenleistungen von Menschen sind.

Theater, Rolle spielen
Spiel deine Rolle – Quelle: Unsplash, Pixabay

Seine Rollen muss man spielen, wie ein Schauspieler.

Unsere Erwartungen an die Handlungen anderer Menschen entsprechen den Leistungen, die diese anderen Menschen für uns erbringen sollen. Unsere Leistungen anderen Menschen gegenüber entsprechen folglich den Erwartungen, die von anderen Menschen an uns gerichtet werden. Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig aufeinander bezogen.

Man kann Erwartungen, die sich nicht widersprechen (also nichts Widersprüchliches verlangen) zu sogenannten Erwartungsbündeln zusammenfassen. Diese Erwartungsbündel sind soziale Rollen. Sozial sind diese Rollen deswegen, weil sie uns nicht von Natur gegeben sind, sondern von Menschen gemacht wurden und werden. (Achtung! Rollen ändern sich auch.)

Soziale Rollen – also die gebündelten Erwartungen/Leistungen – können von Menschen übernommen werden oder auch nicht. Wenn ich sie aber übernehme, dann wird von mir erwartet, dass ich die Leistungen, die zu den Erwartungen gehören, auch erbringe.

Beispiel: Schüler/in am Gymnasium. Wer hier mitmachen will, der muss sich an die Regeln halten. Ansonsten wird er für die enttäuschten Erwartungen (keine Leistungen erbringen) bestraft (fachsprachlich: sanktioniert). Im Klartext: Er muss die Schule wegen fehlender Leistungen verlassen. Leistungen sind hier Noten, aber auch angemessenes Verhalten.
Beispiel Berufsleben: Wer sein Geld mit Arbeit in einer frei gewählten Tätigkeit verdienen will, der muss die verlangten Leistungen erbringen, ansonsten wird ihm gekündigt, weil er die Erwartungen enttäuscht hat.

Werden die Leistungen nicht erbracht, dann kommt es also zu Sanktionen (Bestrafungen). Werden die Leistungen erbracht, dann folgen Gratifikationen (Belohnungen). Sanktionen und Gratifikationen stabilisieren das soziale Rollenverhalten. Die Menschen können sich also zunächst darauf verlassen, dass sich alle wechselseitig an die vereinbarten Erwartungen und Leistungen halten.

Jeder Mensch steht aber auch im Zentrum von unterschiedlichen Erwartungen, die zu entsprechenden Erwartungsbündeln, also sozialen Rollen gehören. Man nennt das „das Spannungsfeld der Erwartungen“.
Beispiel: Rolle als berufstätige Mutter, eventuell auch alleinerziehend. Sind die Kinder krank, sieht sie sich widersprechenden Erwartungen gegenüber. Der Arbeitgeber will ihre Arbeitskraft. Ihre Kinder brauchen sie auch.

Was lernen wir?
Rollenverhalten und eine Rolle spielen, das ist nicht angeboren, das muss gelernt werden. Man muss seine Rolle bewusst spielen und Distanz zu seiner Rolle haben (wie ein Schauspieler), damit man sich nicht sklavisch an die Rolle gebunden fühlt, sondern sie eigenverantwortlich auch verändern kann. Denn: Rollenverhalten ist eine Eigenleistung des Menschen.

tmd.