Marx: Sein und Bewusstsein

Hier eine kurze Ergänzung zu Marx und dem Verhältnis von Basis und Überbau. Marx behauptet: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Mit Sein meint Marx das Dasein, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, den Alltag also. Bewusstsein ist die Deutung und Verarbeitung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, der Sinn des Lebens. Arbeiter haben demnach ein anderes Bewusstsein als die Kapitalisten. Kapitalisten sind bei Marx diejenigen, die die Arbeiter ausbeuten. Arbeiter sind diejenigen, die sich nicht wehren können.

Marx & Engels – Quelle: jensjunge, Pixabay

Irgendwann kommt es, so Marx, zu einem Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Es kommt zur Revolution und die Arbeiter können die Fabriken der Kapitalisten übernehmen und dann wird alles gut, weil der Sozialismus ist da und bald danach auch der Kommunismus. Auslöser der Revolution soll sein: das Sinken der Profitrate (Kapitalisten verdienen nicht mehr soviel) und die Verelendung der Arbeiter (weil sie von den Kapitalisten keine Arbeit mehr bekommen, da die ihre Produkte nicht mehr verkaufen können). Welche Rolle spielt hierbei aber das Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Warum erwähnt Marx das? Das ist in den Beiträgen zu Marx bisher nicht erklärt worden.

Die Produktionsverhältnisse veränderten sich in der industriellen Welt, so wie sie Marx kannte, sehr schnell. Heute geht das sogar noch schneller. Die Produktionsverhältnisse sind aber das Sein des Arbeiters. Also ändert sich auch das Bewusstsein der Arbeiter. Ändert sich auch das Bewusstsein der Kapitalisten? Nein! Es ändert sich nicht oder zumindest sehr viel langsamer. Marx sagt das. Nur so ist erklärlich, das es zur Revolution kommt. Die Arbeiter entwickeln ein neues Bewusstsein – das Klassenbewusstsein. Die Arbeiter erkennen, dass sie es sind, die im Kapitalismus, die Herrschaft übernehmen sollen. Die Kapitalisten wundern sich, dass die Arbeiter plötzlich nicht mehr mit ihrem Dasein zufrieden sind. Aber da ist es nach der Revolution schon zu spät, um irgendetwas am alten Herrschaftssystem zu retten.

Kann man diese Deutung auf unsere Verhältnisse übertragen? Einige Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, meinen das. Sie denken dabei an die „Wutbürger“ oder an die Arbeiterklasse, die in den USA Donald Trump gewählt hat.

tmd.

Der Verlust der Freiheit

Texte von Marx lesen, das setzt voraus, die Begriffspaare „Basis-Überbau“, „Sein-Bewusstsein“ sowie den Begriff Entfremdung sicher zu erklären und im Text wiederzufinden. Beiträge dazu hier im Blog. Ein Satz von Marx wird aber allein mit diesem Vorwissen nicht recht verständlich.

Tierisch oder menschlich – Quelle: Alexas-Fotos, Pixabay

Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.

Hier eine Lesehilfe. Zunächst der erste Teil des Satzes: Das Tierische wird das Menschliche. Das Tierische am Menschen sind Essen, Trinken, Schlafen und Kinder zeugen. Marx nennt das auch Reproduktion. Reproduktion schafft nichts, was dem Menschen äußerlich ist, das er als sein Produkt ansehen kann, sieht man einmal von den Kindern ab, in denen man sich selbst auch wiedererkennt. Von der Entfremdung wissen wir, dass der Mensch vom Produkt seiner Arbeit getrennt wird. Das, was ihm das Wichtigste ist, wo er sich als Mensch sieht, geht verloren. In der Arbeit ist der Mensch nicht mehr frei. Marx schlussfolgert nun, dass sich der Mensch einen Ersatz für die in der Arbeit verlorene Freiheit sucht. Es ist die Freizeit, die Zeit der Nicht-Arbeit, die sich der Mensch als Ersatz sucht. In dieser Freizeit spielt sich dann das ab, was das Tierische ist: Essen, Trinken und Schlafen.

Diesen Gedankengang kennen wir vom Philosophen Robert Menasse. Er nennt das die Freizeit-Freiheit. Menschen suchen sich in ihrer Freizeit ihre verlorengegangene Freiheit. Sie arbeiten nur noch für diese Freizeit. Freizeit wird zum Opium des Arbeiters, der nur so die Arbeit erträgt.

Arbeit ist Zweck nicht Mittel

Jetzt den zweiten Teil des Satzes: Das Menschliche wird Tierisch. Das Menschliche ist eigentlich seine Entäußerung in Arbeit. Hier erst erkennt der Mensch, dass er mehr ist als ein Tier. Wird ihm aber die Verfügung über seine Arbeit, also die Arbeitsprodukte, die Arbeitsprozesse und der Gewinn weggenommen, dann ist Arbeit nicht mehr selbstbestimmt und identitätsstiftend. Arbeit wird zur Knechtschaft, wird tierisch. Marx sagt, dass entfremdete Arbeit nicht mehr der Zweck (der Sinn) des Lebens ist, sondern nur noch ein Mittel zum Zweck.

tmd.

Stichwort: Entfremdung

Hier das Basiswissen für den Begriff der Entfremdung bei Marx.

Arbeit ist für den Menschen die Ausdrucksform des Handelns. Im „Tätig sein“ erfährt sich der Mensch als ein vernunftbegabtes Wesen. Arbeit ist sinnstiftend. Arbeit verändert das Selbstbewusstsein.

Der Mensch ist bei der Arbeit kein vom Instinkt gesteuertes (von der Natur geleitetes) Wesen. Der Mensch kann vielmehr den Arbeitsprozess, die Arbeitsabsicht und das Produkt reflektieren (kann darüber nachdenken und es vergleichen).

Fingerschnipp
Überflüssig? – Quelle: geralt, Pixabay

Wenn dem Menschen der Zugriff (Beeinflussung, Veränderung, Manipulation) auf den Arbeitsprozess, auf das Produkt und die eigentliche Absicht des Herstellungsprozesses entzogen wird, dann kommt es zum Phänomen (Erscheinung) der Entfremdung.

Der Zugriff auf Prozess, Produkt und Absicht des Arbeitens wird entzogen durch Industrialisierung, Rationalisierung und die Abwertung der Arbeitnehmer zu einer austauschbaren Ware.

Die Entfremdung zeigt sich im Verhältnis:

  • zum Produkt (nicht mehr Eigentum des Arbeiters)
  • zum Produktionsprozess (Arbeiter ist austauschbarer Zeitfaktor, also Ware)
  • zum Prozess der Vergesellschaftung (soziales und politisches Selbstverständnis und Verhältnis zu anderen Arbeitern, das ist Entsolidarisierung)

tmd.

Karl Marx als Religionskritiker

Denkmal, Marx
Marx-Denkmal in Chemnitz – Quelle: diema, Pixabay

Zwei Begriffspaare und einen Schlüsselbegriff soll man kennen und anwenden können, wenn man die Religionskritik von Karl Marx erklären will. Es geht um das falsche Bewusstsein und das Begriffspaar Basis und Überbau, sowie das Begriffspaar Sein und Bewusstsein. Die Basis ist der Alltag der Menschen mit ihrer Arbeit und Freizeit. Der Überbau ist das Wissen und die Kenntnisse dieser Menschen. Es sind die kulturellen Leistungen, die Menschen hervorgebracht haben. Es ist auch der Sinn, den die Menschen in ihrem Leben suchen und finden. Es ist die Religion.

Das Sein entspricht der Basis. Das Bewusstsein entspricht dem Überbau. Warum hat Marx zwei Begriffspaare für ein und dieselbe Sache verwendet? Die meisten Philosophen vor Marx (insbesondere Feuerbach und Hegel) waren der Meinung, dass die Menschen durch ihr Bewusstsein das Sein (Dasein) beeinflussen und lenken. Bei Hegel klingt das sogar sehr dramatisch, wenn er schreibt, dass der Geist (der Weltgeist) das Sein herstellt und sich selbst darin erkennt!

Marx dreht den Zusammenhang um. Nicht das Bewusstsein stellt das Sein her, sondern das Dasein der Menschen, die Verhältnisse in denen sie leben, ist ausschlaggebend für ihr jeweiliges Bewusstsein. Speziell die Arbeiter, die durch die Industrialisierung immer ärmer werden und die Kapitalisten, die durch den selben Prozess immer reicher werden, entwickeln durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben ein bestimmtes Bewusstsein (den Überbau).
Die Strukturen Basis und Überbau bleiben erhalten. Die Funktion Sein und Bewusstsein dreht Marx um. Wichtig dabei ist, dass sowohl die Arbeiter als auch die Kapitalisten ein falsches Bewusstsein entwickeln. Beide Gruppen täuschen sich über die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse hinweg.

Geht es um die Religionskritik, dann interessieren hier besonders die Arbeiter und ihr falsches Bewusstsein. Die Kapitalisten haben zwar auch ein falsches Bewusstsein, aber bei denen ist eher wichtig zu wissen, dass sie nicht sehen, wie ihr Kapitalismus langsam an die Wand gefahren wird und dass sie selbst daran Schuld haben.

Bei den ausgebeuteten Fabrikarbeitern, die langsam verelenden, weil sie immer weniger verdienen, hat das falsche Bewusstsein und der Überbau eine wichtige Funktion: Er sorgt dafür, dass die Arbeiter ihre Lage nicht durchschauen. Warum? Weil sie gleichsam als gesamtgesellschaftliche Droge die Religion haben. Ein Spruch von Marx dazu: Religion ist Opium fürs Volk.
Die Religion täuscht die Arbeiter darüber hinweg, dass sie in einer hoffnungslosen Lage sind, wenn es so weiter geht. Die Religion macht den Ausgebeuteten der Erde vor, dass es im Jenseits eine Erlösung gibt und dass vor allem alles so Rechtens ist, wie es ist.

Wie können die Arbeiter ihr falsches Bewusstsein ablegen, wie können sie erkennen, dass sie getäuscht werden? Nun, sie müssen die Täuschung nicht durchschauen. Denn die Rettung naht in Form einer historischen Dialektik. Gemeint ist, dass die gesellschaftlichen Widersprüche (die zwischen Arbeitern und Kapitalisten; die zwischen Kapital und Arbeit) sich zwangsläufig in einer Revolution auflösen werden. Es wird zum Showdown kommen zwischen den Kapitalisten, die immer weniger Gewinne machen mit ihren Investitionen, und den Arbeitern, die von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können.
Der Kapitalismus wandelt sich in den Sozialismus, in dem die Arbeiter den Besitz der Produktionsmittel haben. Am Ende entsteht der Kommunismus, in dem alle Menschen glücklich zusammen leben und das produzieren, was die Kommune zum Leben braucht.
Religion wird in dieser Gesellschaftsform nicht mehr gebraucht. Die Arbeiter, die im Kommunismus die Produktionsmittel besitzen, haben kein falsches Bewusstsein mehr. Sie haben ein von Religion befreites Klassenbewusstsein.

tmd.