Anthropozentrische Wende

Die „anthropozentrische Wende“ in der Philosophie ist schwer zu verstehen, weil dabei unsere Denkgewohnheiten auf den Kopf gestellt werden.
Ausgangspunkt für die Erklärungen sind die widersprüchlichen Welterklärungen der Naturphilosophen. Diese habe den alten mythischen Glauben und die Religion abgelöst. Das, was vorher durch die Mythen erklärt wurde, sollte jetzt durch Erklärungen ersetzt werden, die den heutigen naturwissenschaftlichen Erklärungen ähneln. Beispiel: Die Welt besteht aus Elementen, wie Luft, Feuer und Wasser.
Sie waren aber sehr unterschiedlich. Diese Widersprüche konnten die Naturphilosophen (Vorsokratiker genannt, weil sie vor Sokrates gelebt haben) nicht aus dem Weg räumen.

(Anmerkung: Sie konnten ihre Erklärungen und Theorien, wie die Welt funktioniert, nicht mit Experimenten beweisen oder widerlegen.)

Das Ziel der Naturphilosophen war es, die Welt nach einem Modell zu erklären. Da sie das nicht schafften, konnte sich eine neue Denkweise durchsetzen, die von den Sophisten vertreten wurde.

Anthropozentrisch: Der Mensch (griechisch anthropos) steht im Zentrum.

Die Sophisten wollten nicht mehr die unterschiedlichen Welterklärungen beseitigen, sondern sie haben ihre Denkrichtung gedreht. Nicht die Welt und Wirklichkeit steht im Zentrum, sondern der Mensch mit seinen Denkvoraussetzungen. Mit Denkvoraussetzungen ist gemeint: Welche Fähigkeiten hat der Mensch, die Welt zu erkennen. (Damit beschäftigt sich die Erkenntnistheorie)

Illusion – Quelle: Convegni_Ancisa, Pixabay

Wenn wir diese Weltdeutung (Paradigma nennt man so etwas in den Wissenschaften) anwenden, dann müssen wir unterschiedliche Sichtweisen von der Welt akzeptieren. Das widerspricht unseren Gewohnheiten. Wir gehen davon aus, dass wir alle die gleiche Wirklichkeit sehen und wahrnehmen. In der Schule lernen wir in Ethik ab der 8. Klasse im Gymnasium, dass die Philosophen nach der einen richtigen Wahrheit suchen: veritas est semper maior.

Das ist aber ein Irrtum! Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer, Gesunde und Kranke, alte und junge Menschen nehmen die Wirklichkeit anders wahr. Mediziner und Psychologen können das bestätigen.

But we decide which is right.
And which is an illusion?

(Graham Edge)

tmd.

Introspektion

„Ein gutes Gewissen haben“ und „ein schlechtes Gewissen haben“ sind Redewendungen, die eine Existenz eben dieses Gewissens voraussetzen. Die Existenz dieses Teils wird nicht bezweifelt. Das ist umso erstaunlicher, als wir es nicht sehen können. Wir müssten also doppelt vorsichtig sein, wenn wir uns damit beschäftigen.
Die Sinne können uns täuschen. Das war Thema bereits in der 5. Klasse in Ethik. Gewissen nehmen wir aber nicht über unsere Sinne wahr, sondern es ist eine „Wahrnehmung“, wenn wir in uns „hinein horchen“. Introspektion heißt hier das Fachwort. Das ist Selbstbeobachtung von Vorgängen in uns selbst.
Spätestens an dieser Stelle dürften wir eigentlich nicht mehr unkritisch vom Gewissen reden.

Introspektion – Quelle: geralt, Pixabay

Was machen wir eigentlich, wenn wir so in uns hinein horchen? Hirnforscher würden es folgendermaßen beschreiben. Der Mensch hat ein Bewusstsein. Bewusstsein ist: sich beim eigenen Denken zuschauen. Introspektion ist dann das Beobachten des „Sich selbst beim Denken zuschauen“. Ganz schön kompliziert.

Haben alle Menschen diese Wahrnehmung? Genau das ist das Problem. Philosophen und andere interessierte Menschen erzählen sich und uns von dieser Wahrnehmung. Die Erzählungen sind meist sehr ähnlich. Man kann sie aber nicht empirisch nachprüfen. Wissenschaftler können zwar die verschiedenen Hirnströme messen, aber letztlich machen wir uns ein gedankliches Modell davon, was das Gewissen ist.

Die Rede vom Gewissen ist also ein Leistung des Verstandes (epistemisch). Wenn wir die Introspektionen kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen wollen, dann haben wir nur die (aus der 8. Klasse bekannten) epistemischen Theorien zur Verfügung. Unser Modell von Gewissen muss also in sich widerspruchsfrei sein, von vielen akzeptiert werden und irgendwie unmittelbar einleuchtend sein, also kohärent, konsent und evident.

Damit ist klar, dass sich die Modelle, die Beschreibungen des Gewissens nicht immer gleichen müssen. Auch die Form (Modell) des Gewissens muss nicht immer gleich sein. Letztlich ist es auch eine Frage der Introspektion, was das Gewissen eigentlich leistet und woher es kommt.

Wir dürfen also nicht aus dem Blick verlieren, welche Interessen hinter den jeweiligen Modellen von Gewissen stehen.

tmd.

Über Werte und Tugenden

Tugendhaftes Handeln, macht das glücklich? – Quelle: meineresterampe, Pixabay

Der Unterschied zwischen Werten und Tugenden wird im Ethikunterricht nicht näher erklärt. Tugenden haben etwas mit dem Begriff Tauglichkeit zu tun. Werte beziehen sich auf etwas, was uns wichtig ist. Die klassischen Tugenden bei Aristoteles sind Tapferkeit, Mäßigung, Klugheit und Gerechtigkeit. Werte sind sozio-kulturell unterschiedliche Orientierungspunkte, wie z. B. Toleranz. Toleranz ist aber etwas, das nur derjenige als Wert leben kann, der freiwillig das Verhalten eines anderen „erduldet“. Grundsätzlich kann also nur der Stärkere, der Erfolgreiche tolerant sein.

Tugenden sind durch den Aspekt des Handelns – „tauglich sein für etwas“ – mit Übung verbunden. Man kann nicht einfach „tugendhaft“ sein. Man muss es einüben. Während Werte dazu dienlich sind, sich in einer Soziokultur zurechtzufinden und ggf. auch wohlzufühlen, sind Tugenden dazu da, ein guter und glücklicher Mensch zu werden und zu sein.

Merke: Tugendhaftes Handeln ist gutes Handeln und macht den Menschen glücklich, so die Vorstellung des antiken Griechen. Sich an Werten orientieren heißt, mit den jeweiligen moralischen Vorstellungen übereinzustimmen.

tmd.

Anmerkungen zum Nirvana

Nirwana – Quelle: mikegi, Pixabay

Der Versuch, die Bedeutung von Identität zu erklären, dass sie nämlich für den Menschen wichtig ist, kann auch so gehen, dass man sich Gedanken darüber macht, wie es wäre, wenn es so etwas wie Identität nicht gibt.
Alle die Merkmale, die uns voneinander unterscheiden, die sind bei diesem Gedankenexperiment eingeebnet. Menschen wären dann ununterscheidbar, bzw. sie würden sich gegenseitig nicht mehr erkennen.
Das kann man nicht mal mehr als Langeweile betrachten, weil dazu bedarf es ja wenigstens irgendeines Merkmals, weswegen wir uns langweilen.
So oder so ähnlich kann man sich das Nirvana vorstellen.

tmd.

Subjektive Wahrnehmung

Individualität – Quelle: geralt, Pixabay

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, heißt es in einem alten Ethik-Lehrbuch (G8). Hinter dem Satz steht ein bestimmtes Menschenbild. Alle Menschen sind von Natur aus irgendwie gut, aber doch auch und insbesondere verschieden. Diese Verschiedenheit macht uns untereinander so interessant und leider auch das Zusammenleben so kompliziert. Das Individuelle gefällt uns, aber eben nicht immer. Dann wird Ablehnung und Ausgrenzung daraus. Eigentlich schade, dass wir die sehr subjektive Wahrnehmung eines anderen Menschen nicht grundsätzlich als etwas positives sehen. Also müssen wir dann doch auf das Allgemeine (alle Menschen sind gleich) ausweichen, damit wir miteinander friedlich umgehen können.

tmd.

Moral und Ethik

Leben & Sterben – Quelle: DasWortgewand, Pixabay

Ethische Debatten zum Leben und Sterben kranken daran, dass sie sich ihres moralischen Charakters nicht bewusst sind oder sein wollen. Es geht im Kern um die Frage: Welcher Mensch darf leben und welcher Mensch darf wann und wie sterben. Dabei werden unterschiedliche Menschenbilder in Stellung gebracht. Den Befürwortern der Sterbehilfe beispielsweise wird vorgeworfen, dass durch ihr Bild vom Menschen der Mensch dem Zeitgeist geopfert wird. Dabei werden für dieses Argument Beispiele aus der Vergangenheit angeführt. Ähnlich ist es mit den Argumenten gegen jegliche Art von Stammzellforschung. Man solle sich nicht in den Plan der Natur/Gottes einmischen. Das Bild des Menschen sei nicht von ihm selbst abhängig. Bei dieser Argumentationsweise wird jedoch vergessen, dass sich der Standpunkt der Gegner von Sterbehilfe und Stammzellforschung nicht auf einem höheren Niveau von Moral befindet, der durch die Sichtung unterschiedlicher Moralen entstanden ist. Auch dieser Standpunkt muss sich vorwerfen lassen, ein Kind des Zeitgeistes zu sein. Für beide Standpunkte gibt es Argumente und Beispiele. Die Entscheidung, die getroffen wird, ist eine soziokulturell abhängige. Sie ist zudem abhängig von Machtverhältnissen. Insbesondere Machtverhältnisse werden bei der Diskussion nicht offengelegt. Das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen wird einer politischen Entscheidung geopfert.

tmd.

Wahrheit und Wille

Veritas semper major. Die Wahrheit ist immer größer (als alles andere). Dieser Satz im Ethik-Buch der 8. Klassen in Bayern irritiert den Morallehrer mehr als seine Schüler. Die lernen ihn brav auswendig. Es passt schließlich, zu sagen, dass die Philosophie immer nach Wahrheit strebt.

Wahres Wissen – was ist das? – Quelle johnhain, Pixabay

Und was dann? Was mache ich mit der Wahrheit?
Aus der angewandten Psychologie wissen wir, dass Menschen auch gegen ihren Willen dazu gebracht werden können, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollten. In der Alltagssprache nennt man das Gehirnwäsche. Das ist eine betrübliche Wahrheit. Man kann diese Erkenntnis umsetzen und fremde Menschen so manipulieren, dass diese nicht mehr Herr im eigenen Haus (Bewusstsein) sind. Man kann die Erkenntnis aber auch nutzen, um Aufklärung zu betreiben. Beispielsweise kann man erzählen, dass Sekten solche Methoden (wahren Erkenntnisse) einsetzen, um verunsicherte, labile Menschen zu rekrutieren.

Es geht also um die Anwendung von wahrem Wissen. Es geht darum, Gutes zu tun. Es reicht also nicht aus, nur zu ermitteln, was die Wahrheit ist. Ich muss sie auch nutzen zum Vorteil des Menschen. Ich muss sie einsetzen, um die Menschen gut zu machen. Das ist aber eine wirklich schwere Aufgabe. Kann der Ethik-Unterricht das leisten?

tmd.

Wir sind Obdachlose in unserer Welt

Besitz – ja oder nein
Besitz – ja oder nein – Quelle: lannyboy89, Pixabay

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Theodor W. Adorno schreibt das in Minima Moralia, dort in Asyl für Obdachlose. Grundlage ist hier bei einer Interpretation immer die Theorie von Basis und Überbau bzw. der Satz: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. So heißt es bei Marx. Es ist also anzunehmen, dass man – abhängig vom Dasein – nicht bemerkt, dass man im falschen Dasein lebt. Man täuscht sich also (wie die Kapitalisten) über die wahren Verhältnisse.

Da es hier im Blog um Moral geht, fragt man nach einem Ausweg aus dieser erkenntnistheoretisch ausweglosen Situation und dem moralisch richtigen Verhalten.

Soll man etwas besitzen? Um diese Frage dreht es sich.

Ist es moralisch richtig auf Eigentum zu verzichten? Ist das das richtige Leben? Natürlich, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, dass man dadurch keinen Nachteil hat und nicht abhängig wird von den gesellschaftlichen (kapitalistischen) Verwertungsverhältnissen. Aber das genau – so schreibt Adorno – ist man in der kapitalistischen Gesellschaft immer.

Also sollte man Eigentum ansammeln, damit man unabhängig wird von diesen Verwertungsverhältnissen. Dann aber unterstützt man durch sein Handeln doch wieder das kapitalistische System. Man schafft das falsche Leben, obwohl man meint, das moralisch Richtige zu tun. Wir sind also Obdachlose geworden in unserer kapitalistischen Welt. Wo und wie können wir moralisch handeln?

tmd.

Hobbes und die Sicherheitsdebatte

Menschenkette, Weltkarte
Gemeinsam geht´s – Quelle: geralt, Pixabay

„Je vielfältiger eine Gesellschaft, desto unmissverständlicher ihre Gesetze.“ Zwei Redakteure der Wochenzeitung DIE ZEIT haben das geschrieben (am 29.12.2016 auf der Titelseite). Der Satz gefällt allen, die von multikulti endgültig enttäuscht sind oder nie daran geglaubt haben und statt dessen die Sicherheit des Gemeinwesens und das friedliche Zusammenleben im Blick haben. Wer jedoch konservative Innenminister kritisiert, der wird eher so argumentieren: Wir haben doch schon genug Gesetze. Es geht also wieder mal um die Umsetzung von Gesetzen, welche die Sicherheit des friedliebenden Bürgers garantieren sollen.

Einen ernst zu nehmenden Vorschlag hat Thomas Hobbes gemacht, den wir schon aus mehreren Blog-Beiträgen kennen. Die Zeitgenossen von Hobbes waren nun wirklich nicht so pluralistisch aufgestellt und erst recht nicht multikulti wie unsere Gesellschaft. Aber es waren – jeder für sich, so meinte Hobbes – allesamt ausgeprägte Egomanen. Daher auch die Sprüche, die man im Ethik-Unterricht lernt: Der Mensch ist des Menschen Wolf, z.B.

Hobbes hatte natürlich auch Gesetze im Sinn, die das Zusammenleben friedlich regeln. Aber sehr viel interessanter war sein Vorschlag, wie man die Gesetze umsetzt, also anwendet. Seine Idee mit dem Leviathan kennen wir. Die Kritik daran kennen wir auch. Heute nennen das die Kritiker konservativer Innenminister: Überwachungsstaat. Ein ehemaliger Bürgermeister von Berlin soll zu dem Thema gesagt haben, dass er lieber gefilmt werde beim U-Bahn fahren, als in Gefahr zu sein verprügelt zu werden. Schauen wir uns doch den Leviathan genauer an. Er besteht aus den Bürgern des Landes, die sich ein umfassendes Sicherheitssystem schaffen wollen. Nichts anderes sind die Bürger unserer Republik. In der Verfassung heißt es in Art. 20 (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Und dieser Vertrag (das Grundgesetz) kann genauso wie bei Hobbes nicht einfach geändert werden. Im Kern der deutschen Verfassung heißt es in Art. 79, dass eine Änderung der in Art. 20 gelegten Grundsätze unzulässig sei.

Wenn also ein Gemeinwesen sich Sicherheit schaffen will und das auch durchsetzen kann, dann handeln Kritiker, die das aus wahltaktischen Gründen machen, ziemlich verantwortungslos.

tmd.

Der Wille zum Bösen

Gedenkstätte
Ursache des Bösen? – Quelle: misign, Pixabay

Nach jedem Terroranschlag beginnt in den Medien die Suche nach den Motiven für die Tat und das Psychogramm des Täters wird rekonstruiert. Sind es die soziokulturellen Merkmale, ist es die Religion, sind es psychische Gründe? Was auch immer für die Taten verantwortlich gemacht wird, dem bösen Willen der Täter wird ein Grund vorgeschaltet. Irgendein Grund muss es sein, der Menschen veranlasst böse zu sein.
Der Ansatz hat eine gewisse Berechtigung. Durch das Erforschen der Gründe, versuchen Sicherheitsexperten potenzielle Täter früher zu erkennen. Es wird sogar versucht, Menschen an ihrem Weg in die Gewalt zu hindern.

Die Suche nach der Ursache des Bösen verstellt uns aber den Blick auf den freien Willen desjenigen Menschen, der die Tat begeht. Den freien Willen scheint es bei diesen Konzepten nicht zu geben. Damit wird aber das Böse der moralischen Kritik entzogen. Moral hat nicht immer diesen Weg gewählt. Augustinus (354-430) macht den Willen allein verantwortlich für die bösen Taten des Menschen. Das geht jedoch nur, wenn der Mensch als Orientierung zum Guten sich an Gott wendet. Und schon haben wir wieder ein Motiv: die Religion.

tmd.