Fides quaerens intellectum

Etwas größeres als Gott ist nicht denkbar. Anselm von Canterbury hat das geschrieben. Die Idee dazu hatte er von Augustinus entlehnt. Anselm lebte im 11. Jahrhundert und hat die Diskussion um den Gottesbeweis so richtig eröffnet.
Seine Argumentation ist aber nur zu verstehen, wenn wir zwei seiner Sätze kennen.

Fides quaerens intellectum – Glaube, der nach Einsicht sucht.
Credo ut intelligam – Ich glaube, damit ich verstehe.

Erkenntnistheoretisch ist dieses Vorgehen hochinteressant.
Nicht die Offenbarung oder Spekulation werden bemüht. Die Vernunft ist es, die weiterhelfen kann. Aber sie kann eben nur genutzt werden, weil sie auf dem Glauben ruht.
Dennoch: Die Vernunft wird bemüht und ihr wird ein wesentlicher Anteil an der erfolgreichen Suche zugeschrieben.
Anselms Argumentation ist einfach und ein Vorgriff auf die Evidenztheorie. Sie sei hier kurz wiedergegeben.
Wenn ich mir etwas vorstellen kann, dann gibt es das auch. Denn in meinem Bewusstsein kann nur das sein, was es auch gibt. (Fantasy-Fans können an dieser Stelle schon mal jubeln.)
Gott ist das Größte, das es gibt, was ich mir denken kann. Mein Glaube, dass es nichts größeres als Gott gibt, ist also richtig, weil ich mir etwas Größeres nicht vorstellen kann.
Die erfolgreiche Nutzung der Vernunft hat jedoch auch einen Nachteil.
Sobald jemand auf die Idee kommt, seine Vernunft ohne den Glauben einzusetzen, ist es um das „fides quaerens intellectum“ und das „credo ut intelligam“ geschehen.
Und das ist dann der Fall, wenn es um die naturwissenschaftlich-technische Erklärung der Welt geht. Dabei kann man selbstverständlich gläubig sein und bleiben, aber die naturwissenschaftlich-technische Methode kennt keine Denkverbote, je erfolgreicher sie ist.
Was in Technik erfolgreich ist, soll auch bei der Suche nach Moral erfolgreich sein.
Mit dem Bemühen, Gott zu beweisen, haben Anselm und andere den Startschuss gegeben, Gott als Motor in der Welt abzuschaffen. Ohne Gott braucht es aber eine neue Verortung von Moral.

tmd.

Diskursethik

Kant und der kategorische Imperativ sind notwendiges Vorwissen, um in der Oberstufe die Diskursethik von Jürgen Habermas zu verstehen.
Habermas bezeichnet Kants Ethik als deontologische und formalistische Ethik.

Mit deontologisch meint er, dass die moralischen Gebote nichts mit den Folgen des Handelns zu tun haben. Eine Handlung ist also bei Kant nicht deshalb gut, weil die Folgen gut sind. Das moralische Gesetz muss für sich schon gut sein. Das ist es aber nur, wenn es in sich widerspruchsfrei ist. Dazu haben wir z.B. die Geschichten mit dem Kaufmann gelernt, der nicht nur deswegen nicht betrügt, weil es dem Firmenimage schadet, sondern, weil er grundsätzlich, also „aus Pflicht“, nicht betrügt. Soviel zur Deontologie.

Formal ist die Ethik von Kant, weil er in einem Gedankenexperiment die Widersprüche in Sätzen herausfiltern kann. Betrügen muss grundsätzlich verboten sein. Wenn es Einzelfälle gibt, in denen das Betrügen erlaubt ist, dann ist die moralische Regel unbrauchbar.

Skywalker & Moral – Quelle: federicoghedini, Pixabay

Was verändert Habermas an Kants Vorgaben? Der Kategorische Imperativ ist nicht haltbar. Ich kenne nämlich nicht alle Menschen und ihre kulturellen Besonderheiten. Da kann es leicht passieren, dass ich eine Regel in meinem Kulturkreis für optimal erkläre, aber in anderen Kulturen die Sache ganz anders aussieht. Habermas nennt das die Gefahr des Ethnozentrismus.

Anmerkung an dieser Stelle: In meinem Ethikbuch für die Oberstufe an Gymnasien in Bayern sind die relevanten Texte von Habermass gekürzt wiedergegeben. Das ist bedauerlich. Ich würde seinen Gedankengang mit diesen Kürzungen nicht verstehen.

Habermas verengt Deontologie und Formalethik auf den schmalen Bereich einer Diskussion. Geltung haben die gefundenen Aussagen – deontologisch und formal – vorerst nur in einer kleinen Gruppe von Menschen, die miteinander sprechen.

Wie sieht so eine Diskussion aus. An dieser Stelle werden die praktischen Anweisungen gegeben. Dabei wird aber nicht erwähnt, dass Habermas davon ausgeht, dass eine solche Diskussion nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Habermas nennt das den moralischen Standpunkt. Mit Standpunkt meint Habermas das, was wir für eine Diskussion voraussetzen. Das erinnert sehr an das Menschenbild in Ethik: Was kann der Mensch erkennen. Hier geht es darum, unter welchen Voraussetzungen ist ein Diskurs möglich, der zu moralisch akzeptablen Regeln führt.

Habermas hat dazu Vorschläge gemacht, die heftig kritisiert wurden. Seine Vorschläge brauche ich hier nicht nochmal auflisten. Sie stehen in jedem Ethik-Lehrbuch. Habermas antwortet seinen Kritikern, dass der Diskurs eine ideale Sprechsituation vorwegnimmt. Der ideale Sprecher unterstellt dem Gesprächspartner, dass er ebenfalls wahrheitsgemäß argumentiert und es keinen Druck und Zwang gibt.

Solche Sprechsituationen sind denkbar und auch möglich.

tmd.

Der Sinn von Moral

Buch mit Theorien
Grau ist alle Theorie – Quelle: moritz320 – Pixabay

Wittgenstein macht im Tractatus logico-philosophicus eine interessante Notiz zum Thema Moral unter 6.41 (die Ethik ist transzendental). Moralische Aussagen sind Menschenwerk. Davon geht er aus, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt.

Der Sinn von moralischen Aussagen liegt entweder in den Aussagen selbst oder außerhalb dieser Aussagen. Liegt der Sinn in den Aussagen, dann sind alle moralischen Aussagen gleichwertig. Es fehlen Aussagen, die über den moralischen Aussagen stehen. Liegt der Sinn von moralischen Aussagen außerhalb der (menschlichen) Aussagen, dann sind sie nicht empirisch, man nennt das transzendent (vor und außerhalb der Erfahrung).

Heute versuchen Ethiker mit Hilfe meta-etischer Überlegungen dem Problem der Gleichwertigkeit der Moralen zu begegnen. Sie untersuchen also, wie Moral entsteht, was sie will und was sie leistet.

Doch Vorsicht! Auch diese Aussagen sind nicht transzendent. Sie wurzeln in unserer Welt. Ihr Blick von oben herab auf die niederen Moralen macht sie nicht zur Supervisor-Moral. Das vergessen nicht nur manche Ethikräte, sondern auch die Menschen, die unkritisch Aussagen der Ethikräte hinnehmen.

tmd.

Warum soll ich moralisch handeln?

Fragezeichen
Warum? – Quelle: qimono, Pixabay

Warum soll ich moralisch handeln? Diese Frage war Thema der letzten beiden Beiträge. Der moralisch handelnde Mensch der Antike fühlte sich glücklich, wenn er das Gute anstrebte und sich dadurch als Person verwirklichte. Das Richtige zu tun braucht damit keine weitere Begründung. Man macht ja schließlich das Richtige.

Moral ist jedoch Menschenwerk. Ich kann also auch fragen, warum ich überhaupt Moral brauche in einer Gesellschaft. Es müssten doch Gesetze, Normen und Konventionen auch reichen. Beispiele dazu lernt man in der 10. Klasse anhand der Vertragstheoretiker. Damit sollen Freiheit, Gleichheit und Sicherheit der Bürger gewährleistet werden. Das funktioniert nicht ohne Verluste. Gerade die Freiheit und die Sicherheit vertragen sich nicht so recht. Die Freiheit und Sicherheit des Einzelnen zu schützen, ist eben auch eine moralische Angelegenheit.

Die Steuerhinterzieher aus dem letzten Beitrag könnten nun antworten: Warum sollen gerade wir moralisch handeln und auf die cum-ex Geschäfte verzichten? (Der Bundesfinanzminister hat das Steuerloch mittlerweile gestopft.) Es geht uns durch den Steuerbetrug doch besser?

Hier hilft Moral alleine nicht weiter. Man muss die Vernunft einsetzen. Man muss sich fragen, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen und welchem Menschenbild wir folgen. Das ist natürlich eine Mehrheitsentscheidung und auch eine moralische Entscheidung. Derjenige, der hier nicht mitmachen will, der kann sich nicht auf Freiheiten berufen, die in der jeweiligen Gesellschaft und mit dem jeweiligen Menschenbild nicht enthalten sind. Sind wir also auf ewig gefangen in dem Netz von Moral einerseits und Normen und Gesetzen andererseits? Nur bedingt, denn Moral ist gemacht für und von Menschen. Nicht umgekehrt.

tmd.

Buddhismus – Leseempfehlung

Bogensport und Buddhismus – Quelle: Sigipritzi, Pixabay

Hier zwei Leseempfehlungen zum Thema Buddhismus.

Eugen Herrigel, ZEN in der Kunst des Bogenschießens
O.W.Barth Verlag, 2011, Neuauflage

Leseprobe:
Die Übungshalle war hell erleuchtet. Der Meister hieß mich eine Moskitokerze, lang und dünn wie eine Stricknadel, vor der Scheibe in den Sand zu stecken, das Licht im Scheibenstand jedoch nicht anzuknipsen. Es war so dunkel, dass ich nicht einmal die Umrisse wahrnehmen konnte, und wenn nicht das winzige Fünklein der Moskitokerze sich verraten hätte, hätte ich die Stelle, an welcher die Scheibe stand, vielleicht geahnt, aber nicht genau auszumachen vermocht. Der Meister „tanzte“ die Zeremonie. Sein erster Pfeil schoss aus strahlender Helle in tiefe Nacht. Am Aufschlag erkannte ich, das er die Scheibe getroffen habe. Auch der zweite Pfeil traf. Als ich am Scheibenstand Licht gemacht hatte, entdeckte ich zu meiner Bestürzung, dass der erste Pfeil mitten im Schwarzen saß, wahrend der zweite die Kerbe des ersten Pfeiles zersplittert und den Schaft ein Stück weit aufgeschlitzt hatte, bevor er sich neben ihm ins Schwarze bohrte.
(S. 72/73)

Das ist die zentrale Szene in Herrigels Beschreibung seiner Ausbildung im Bogenschießen. Das Buch hilft dabei, eine Ausprägung des Buddhismus besser zu verstehen.

Hermann Hesse: Siddhartha

Die Geschichte von Buddha wird neu erzählt. Vertieft das Grundwissen Buddhismus und hat viele Beispiele und Klärungen für die Begriffe Nirwana, Meditation und die vier edlen Wahrheiten. Ein Klassiker.

tmd.

Grundwissen: Buddhismus

Vorbemerkung: Das Grundwissen Buddhismus bezieht sich auf den Lehrplan Ethik in Bayern. Das Wissen ist sehr knapp gefasst und gibt nur einen Bruchteil dessen wieder, was über den Buddhismus eigentlich gewusst werden kann. Das Wissen zum Buddhismus als Religion dient hauptsächlich dazu, einen Vergleich mit abrahamitischen Religionen vorzunehmen. Es geht also um:

  • den Vergleich von Erleuchtung und Offenbarung
  • um unterschiedliche Interpretationen von Wiedergeburt und Jenseits/Tod
  • unterschiedliche Formen der Lebensführung

Lebensweg des Buddha: In den Ethiklehrbüchern ist der Lebensweg wiedergegeben. Mit der Überlieferung kann Buddhas Weg zum Religionsgründer erklärt werden. Dem Meister nachzufolgen, dafür gibt es unterschiedliche Wege, meist werden die drei YANAS genannt: Hinayana, Mahayana, Vajrayana. Mit JANA ist sinnbildlich das Floß gemeint, mit dem man von einem Ufer zum anderen kommt. Das andere Ufer ist das Nirwana. In Europa kennt man den ZEN-Buddhismus in Japan und den tibetischen Buddhismus mit seinem derzeitigen Oberhaupt dem Dalai Lama.

Buddhistische Mönche
Folgen – Quelle: suc, Pixabay

Im Buddhismus geht es um Erleuchtung. Erleuchtung heißt, dass der Mensch einen Zustand erreicht hat, der eine Wiedergeburt ausschließt.
Dieses Ziel zu erreichen, dabei helfen zum einen die vier edlen Wahrheiten, zum anderen der achtfachen Pfad. Dies wird nicht in allen Ethiklehrbüchern gleich dargestellt.

Der achtfache Pfad sagt dem gläubigen Buddhisten, wie er zu leben hat. Es sind kognitive und praktische Kenntnisse und Methoden.

  • Er soll nach Weisheit streben: Rechte Ansicht und Rechtes Denken. (Pfad 1,2)
  • Er soll sich ethisch verhalten: Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechter Lebenserwerb. (Pfad 3,4,5)
  • Er soll meditieren: Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration. (Pfad 6,7,8)

Die Buddhistische Ethik ist in ihren Kernsätzen dem NT sehr ähnlich: z.B. nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Die Grundlage für den achtfachen Pfad sind die vier edlen Wahrheiten. Die muss man zuerst erkannt haben.

  1. Das gesamte Leben ist LEID: Geburt, Krankheit, Alter,Schmerzen usw.
  2. Ursache für dieses Leid ist der „Durst“ des Menschen, diese Leid zu umgehen und ungeschehen zu machen. Es ist die Lust auf Liebe, Freude, Ruhm und Reichtum.
  3. Dagegen hilft nur: Den Durst nach Leben, nach Liebe, nach Selbsterhaltung usw. zu beenden.
  4. Den Punkt 3 verwirklichen wir, indem wir den achtfachen Pfad gehen.

Vergleich von Offenbarung und Erleuchtung:
Erleuchtung ist eine Eigenleistung. Sie muss vom gläubigen Buddhisten erbracht werden. Dabei helfen ihm Meditation und die restlichen Anweisungen des achtfachen Pfades. Unterschiede gibt es noch hinsichtlich der drei JANAS.

Vergleich von Nirwana und Paradies:
Nirwana ist die vollständige Auflösung der menschlichen Individualität. Das ICH ist letztlich nicht mehr vorhanden. Eine unsterbliche Seele gibt es nicht. Das Paradies dagegen ist der Ort, an dem der Mensch nach seinem Tode vollkommen ist. Er ist Individuum und bei Gott. Die Seele ist unsterblich.

Ethik und Moral:
Hier sind die Unterschiede zwischen Christen und Buddhisten in der Praxis nicht sehr groß. Buddhisten orientieren sich an den vier edlen Wahrheiten und dem achtfachen Pfad. Christen orientieren sich am NT (Bergpredigt).

Sinn des Lebens:
Buddhisten: Erleuchtung.
Christen: Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

Literaturempfehlungen folgen in einem eigenen Beitrag.

tmd.

Über die Freiheit eines Christenmenschen

Was sagt uns eigentlich Martin Luther (1483-1546) zum Thema Freiheit?
Die Freiheit des Christenmenschen ist eigentlich nur eine bedingte Freiheit. Der Mensch hat zwar einen freien Willen, aber dieser freie Wille tendiert immer dazu, gegen die göttlichen Gesetze – die im Alten Testament stehen – zu verstoßen. Der Mensch will gerne so sein, wie Gott es vorschreibt, aber er ist einfach zu schwach und sündigt immer wieder.

Martin Luther
Martin Luther – Quelle: Tama66, Pixabay

Was also tun? Luther lenkt unseren Blick auf das Neue Testament. Dort ist Verheißung und Vergebung angesagt – aber nur, wenn man fromm und gläubig ist. Nur der Glaube kann den Christenmenschen retten. Wer nicht glaubt, der wird sich an den Moralvorstellungen des AT abarbeiten und immer wieder scheitern. Wer aber glaubt, der weiß, dass ihm vergeben wird, wenn er sich schuldig gemacht hat.

Hilft uns das weiter – als Christenmenschen? Nur bedingt, wird ein Psychologe und Philosoph anmerken. Es gibt Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, diese Pauschalentschuldung durch Glauben zu erfassen. Das widerstrebt der Vernunft. Denn damit ist der Sünde eigentlich Tür und Tor geöffnet. Man wird schließlich immer wieder „entschuldet“ durch Glauben und Hoffnung auf die Zusagen Gottes. Der verzweifelte Versuch zu glauben, aber es nicht zu können, führt oftmals in Depression und Neurose.

tmd.

Auf der Suche nach Wahrheit

Himmel mit WOlken
Der platonische Ideenhimmel – qimono, Quelle Pixabay

Der Unterschied zwischen empirischen und epistemischen Wahrheitstheorien ist nicht so einfach zu verstehen. Das liegt daran, dass wir im Alltagsleben die Welt, so wie sie ist, niemals in Zweifel ziehen. Die Welt mit all ihren Objekten gibt es und muss es geben, sonst könnten wir uns nicht in ihr zurecht finden. Wir können eben nicht jedes mal darüber nachdenken, ob es den Baum, den wir sehen, auch wirklich gibt.

Das Problem ist nicht allein die Frage nach der Existenz der Welt. Es geht um die Frage, was ist Wahrheit und welche Moral ist wahr. Verantwortlich für das Problem ist natürlich Platon, der die sinnliche Wahrnehmung zum geistigen Kerker machte (siehe dazu die Blogbeiträge zum Höhlengleichnis und der Ideenlehre). Allein die Vernunft sei in der Lage, so Platon, uns wahre Erkenntnis zu liefern. Aber schon Aristoteles rückte von dieser Vorstellung ab und meinte, man könne die Objekte der Welt zunächst allgemein erfühlen. Im Ethikunterricht wird das bereits in der Unterstufe thematisiert, wenn es um das Allgemeine und das Besondere geht. Allgemein sind alle Menschen gleich – gemeint ist, sie haben die gleichen Menschenrechte – aber im Besonderen sind sie doch sehr verschieden.

Thomas von Aqiun hat diese Sicht weiter ausgebaut. Man vergleicht das, was man sieht mit dem, was die Vernunft einem sagt. Deshalb wird in der Mittelstufe gelernt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache. Und damit war sie geboren, die (empirische) Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit, die ich sehe, mit meinem Urteil (aus der Vernunft) übereinstimmt, dann ist der Vergleich wahr. So einfach kann das sein.

Als die Philosophen jedoch feststellten, dass die Übereinstimmung nur eine Aussage ist, die ich nicht an der Wirklichkeit nachweisen kann, weil dieser Nachweis wieder nur eine Aussage ist, und so weiter, war es um die Leistungsfähigkeit der Korrespondenztheorie geschehen.

Seither hat die (epistemische) Kohärenztheorie die Aufgabe, Wahrheit zu beweisen. Aussagen sind nur dann wahr, wenn sie in sich nicht widersprüchlich sind und nicht im Widerspruch zu anderen wahren Aussagen stehen. Die Konsenstheorie und die Evidenztheorie (beides epistemische Theorien) gibt es zwar auch noch, aber bei den beiden Theorien weiß man, dass sie nicht sehr robust sind. Die Mehrheit (Konsens) muss nicht immer Recht haben und nicht jede Idee ist wahr, auch wenn sie uns gefällt.

Die Kohärenztheorie ist auch deshalb so erfolgreich in moralischen Dingen, weil es hier um Aussagen über Werte und Normen geht. Moralische Aussagen müssen der Verallgemeinerungsfähigkeit dienen, damit jeder Mensch Anteil an ihnen hat.

Wer jedoch in einem platonischen Ideenhimmel eine Entsprechung zu diesen wahren Aussagen sucht, der muss enttäuscht werden. Unsere moralischen Aussagen sind von Menschen gemacht und müssen sich auch nur vor Menschen als wahr rechtfertigen.

tmd.

Sicherheit und Freiheit

Piratenromantik
Piratenromantik – Quelle: ptra, Pixabay

Kürzlich fiel mir eine Wandwerbung der Piraten auf. Die Piraten sind eine politische Gruppierung, die vor einigen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich zog. Politische Arbeit wurde als Tätigkeit am Notebook oder Smartphone dargestellt und es gab auch einen flotten Spruch: die politischen Gremien zu entern. Entern ist ein Begriff, der für die Beschreibung der Eroberung eines Schiffes von einem anderen Schiff aus gebraucht wird. Soviel zu der Politik-Piraten-Romantik dieser Partei.

Die Werbung, die ich erwähnte, hatte die Überschrift: Freiheit oder Sicherheit. Wer einem dabei reflexartig einfällt, das ist Thomas Hobbes (1588-1679). Ist er doch derjenige, der das Thema erst so richtig aufgemacht hat. Bei ihm stand Sicherheit an erster Stelle. Das ist verständlich, wenn man sich die Zeiten vor Augen führt, in denen er gelebt hat: ständiger Bürgerkrieg, Angst ums Überleben, keine Möglichkeit für die Zukunft zu planen. In einer solchen Situation ist es nur verständlich, wenn man nach einer starken Hand sucht, die Ordnung herstellt.

Das wird oft vergessen und Hobbes wird für sein pessimistisches Menschenbild gescholten. Der Mensch ist egoistisch und jeder Mensch ist des anderen „Wolf“. Dabei unterschlägt man jedoch, dass Hobbes‘ Menschenbild und seine Vorstellungen eines Staates, der wie ein Uhrwerk funktioniert, nur dazu dienten, seiner Grundannahme, dass der Bürger ein grundsätzlich freier Bürger ist, Geltung zu verschaffen.

Natürlich lernen wir für den Unterricht den Merksatz: Freiheit oder Sicherheit. Damit können wir dann diese schrecklich schrägen Vergleiche mit J.J. Rousseau durchführen. Aber für Hobbes war der Bürger in erster Linie ein freier Bürger, der sich das Recht nimmt, die politischen Verhältnisse so zu ordnen, das er, der freie Bürger, in einer Gemeinschaft sicher leben kann. Und dafür muss Sicherheit hergestellt werden.

Eine Gesellschaft, die in absoluter Sicherheit lebt, kann sich Gedanken machen über Freiheit, die ihr fehlt. Freiheit ist jedoch nur dann ein Thema für Menschen, wenn sie, die Menschen, für sich Freiheit grundsätzlich beanspruchen. Vielleicht sind die Piraten beim Entern der politischen Macht deshalb baden gegangen, weil die Wähler die Sicherheit vor Terroranschlägen wollten.

tmd.

Brahman – Atman: eine Anmerkung

Kaleidoskop
Kaleidoskop – immer wieder andere Farben – Quelle: sweetlouise, Pixabay

Die Schwierigkeiten mit dem Begriffspaar Atman und Brahman sind erst kürzlich im Blog thematisiert worden. Das Verhältnis von Atman und Brahman verständlich zu machen und gleichzeitig eine Vorstellung von Seele zu gewinnen, dazu eignet sich sehr gut ein Kaleidoskop. Der Tipp hierzu kam von einem kenntnisreichen Leser dieses Blogs.

Der Blick durch das Kaleidoskop zeigt ständig sich neu entwickelnde Farbstrukturen. So in etwa kann man sich das ICH in der Hindu-Philosophie vorstellen. Das ICH ist beständig in Auflösung begriffen und gleichzeitig in Neuformation.

Diese materielle Deutung eignet sich auch, um Sinndeutungen zu erklären. Kulturgüter sind kommunikativ eingefrorene und weitergegebene Sinndeutungen. Zu diesen Sinndeutungen gehört auch und besonders Religion.

Interessant bleibt aber die Frage: Wie ist es möglich, dass die materiellen Strukturen in Form von Lebewesen und Sinnstrukturen in Form von Kultur so konstant bleiben?

tmd.