Merkzettel: Kant – der gute Wille

Nur der gute Wille ist gut, so Immanuel Kant. Was meint er damit?
Mit dem „ist gut“ meint Kant die moralische Bewertung einer Handlung. Nur unter der Bedingung, dass der Wille gut ist, ist es auch die Handlung.
Das ist doch klar! Was sonst!

der gute Wille
nur der gute Wille zählt – Quelle: StockSnap, Pixabay

Falsch gefolgert! Denn wir wissen noch nicht, was Kant mit dem „guten Willen“ meint.
Gut ist ein Wille dann, wenn er frei und autonom ist. Er braucht also bei seiner Verwirklichung die negative und positive Freiheit. Also keine Einflüsse von außen wie Gefühle, Neigungen und politische Zensur. Außerdem muss er Regeln und Gesetze machen, die dem Kategorischen Imperativ genügen. Die Regeln dürfen in sich nicht widersprüchlich sein. Und sie dürfen nicht pflichtgemäß und hypothetisch sein.
Hypothetisch sind „wenn – dann“ Regeln. Pflichtgemäßes Handeln hat das Ergebnis im Blick. (Beispiele: Klavierspielen als Profi; Arbeit als Kaufmann)

Das ergibt sich aber nicht automatisch. Der Maxime des Kategorischen Imperativ folgen, ist eine Aufgabe, der sich der freie, aufgeklärte Bürger freiwillig unterzieht. Dafür gibt es aber keinen anderen Anlass als die Pflicht. (Ein anderer Grund oder Anlass würde wiederum bedeuten, das diese Umsetzung nicht autonom ist.)

Sittliches Verhalten ist also eine Pflicht. Der freie und aufgeklärte Bürger unterzieht sich also freiwillig dieser Pflicht.
Genau das, dieses „sich in die Pflicht“ nehmen, ist der gute Wille.

Kant verhindert damit, dass sich subjektive Interessen und Neigungen in den guten Willen einschleichen. Der gute Wille ist objektiv. Er arbeitet nach selbstgesetzten Regeln, die dem Kategorischen Imperativ genügen.

tmd.

Thomas Hobbes: Architekt der Gesellschaft

Kritik an Thomas Hobbes ist leicht. Man nehme seine Beschreibung des Naturzustandes und seine Forderung nach Sicherheit und schon kann man kritisieren und polemisieren. Das zeigt aber nur, dass man sich nicht genauer mit dem genialen Polit-Philosophen auseinandersetzen will.

Naturzustand: Hobbes beobachtet die Gesellschaft in der er lebt. Er sieht, dass die Menschen nur deswegen einigermaßen friedlich miteinander umgehen, weil es einen Staat, also Herrschaft gibt, der für Ordnung sorgt. Hobbes überlegt. Was wäre, wenn es diesen Staat mit seiner Macht nicht gäbe. Und hier beginnt er zu spekulieren, wie es ohne Staat im Naturzustand aussähe. Ganz schlimm!
Er beschreibt, wie sich Menschen verhalten, wenn es niemanden gibt, der für Ordnung sorgt. „Krieg aller gegen alle.“ Die Schlussfolgerung ist einfach. Es muss jemanden geben, der für Ordnung sorgt. Ein Gedanke, den heute viele Politiker, die sich mit internationalen Konflikten und „faild states“ (gescheiterte Staaten) beschäftigen, auch haben. Wer in Krisengebieten lebt, der denkt zuerst an Sicherheit, dann an Freiheit.

Staatsmacht
Sicherheit herstellen – Quelle: Pexels, Pixabay

Sicherheit: Thomas Hobbes geht von Naturrechten (Freiheit und Gleichheit) aus, die der Mensch hat. Dazu gehört auch, sich zu verteidigen, wenn man in Gefahr ist. Hobbes gehört zu denjenigen, die meinen, dass der Mensch in der Lage ist, durch Vernunft Gesetze zu erkennen – die Naturgesetze -, die angeben, wie man eine Gesellschaft so organisiert, dass es friedlich zugeht.

Diese Naturgesetze sind nach seiner Meinung geeignet, die Naturrechte des Menschen zu sichern.

Der Staat: Vollkommen schlüssig ist es also, dass Hobbes fordert: Jemand muss die durch Vernunft erkannten Naturgesetze umsetzen, damit die Naturrechte des Menschen gewahrt bleiben. Das ist der Staat. Der ist verpflichtet, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen.

Der Vertrag: Darüber sollen die Bürger einen Vertrag machen und den Staat herstellen. Damit wird auch klar, dass Hobbes Gesellschaft als Produkt des Menschen sieht. Gesellschaft und Herrschaft ist nicht von Gottes Gnaden. Gesellschaft ist Menschenwerk. Das sollt man nicht vergessen.

tmd.

Freiheit und Versuchung

Sünde ist unmoralisches Verhalten bei Gläubigen. Verantwortlich dafür ist der Teufel, der den Menschen vom rechten Weg abbringen will. Die Menschen wiederum sind frei in ihrer Entscheidung, eine Sünde zu begehen oder nicht.

Engel
himmlische Versuchung – Quelle: 5arah, Pixabay

Papst Franziskus hat mit einem kleinen Interview eine Diskussion angestoßen. Es geht um die Übersetzung des Vaterunser (ein Gebet). Darin bitten die Gläubigen Gott, dass er sie nicht „in Versuchung“ führt. Es kann nicht sein, dass Gott den Menschen in Versuchung führt, meinte Franziscus. Denn das ist Sache des Teufels.

Das Problem, das damit angesprochen wird, finden wir in der Theodizee wieder. Gott ist allgütig, heißt es dort. Wenn er aber die Menschen in Versuchung führt, dann ist er nicht mehr allgütig.
Von einem deutschen Kardinal, Walter Kasper, gibt es hierzu eine Deutung, die ich kürzlich in DIE ZEIT (Nr. 52, 2017), gelesen habe. Er meinte: „Gott aber will unsere Freiheit und begrenzt seine Allmacht durch unsere Freiheit.“ Nebenbei wird damit auch die Allmacht Gottes hinfällig.
Wir müssen uns also von dem Gottesbild verabschieden, dass Gott mit menschlichen Wunsch-Eigenschaften (Allmacht, Allgüte, Allwissenheit) beschreibt.

Bleibt noch zu klären, welchen Stellenwert nun die Freiheit des Menschen hat. Wenn Gott die Freiheit des Menschen will, dann gibt er ihm auch die Freiheit zur Sünde. Ist das nicht Versuchung pur?

tmd.

Vergesellschaftung und Moral

Ich bin gefragt worden, was Vergesellschaftung und Gesellschaftstheorie mit Ethik zu tun haben. Die Frage ist berechtigt. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau lässt das Ziel der Aufgabe in den Hintergrund rücken. Zuweilen vergisst man, weshalb und warum man sich mit den Theorien beschäftigt. Außerdem gibt es etliche Literatur zum Thema, in der genau der moralisch Aspekt ausgeblendet ist.
Deshalb hier eine kurze Anmerkung zu Vergesellschaftung und Moral.

Rousseau und Hobbes sind der Meinung, dass die Menschen eine politische Ordnung nur mittels eines Vertrages herstellen können. Dazu gebrauchen sie außerdem ihre Vernunft. Ohne Vernunft geht also gar nichts bei den Vertragstheoretikern. Ohne Vertrag würden die Menschen im sogenannten Naturzustand weiterleben oder in einem Zustand, der sich „naturwüchsig“ aus den vorhandenen Menschenrechten (Freiheit und Gleichheit) entwickeln würde.
Hier zeigt sich, dass Hobbes und Rousseau nicht mehr die antike Vorstellung hatten, dass sich die Menschen als „politische“ Wesen ohne eigenes Zutun zu einem Staat zusammenschließen würden.

Fotomontage, Gesichter
Aspekt Menschenbild – Quelle: geralt, Pixabay

Also: Die antiken Menschen haben immer in politischen Verhältnissen gelebt, meinten sie. Sie mussten sich nur noch darum kümmern, dass es die „richtige“ politische Ordnung sei. Richtig war die politische Ordnung dann, wenn es eine „gute“ Ordnung war. Die Probleme, die sich dadurch ergaben, sind hier im Blog bei Platon, Sokrates und den Sophisten beschrieben.

Die politische Philosophie der Neuzeit hatte also ein doppeltes Problem.

  • Erstens: Sie musste eine politische Ordnung herstellen durch Vertrag und dabei auf das jeweilige Menschenbild achten bzw. es beim Vertragsentwurf berücksichtigen.
  • Zweitens: Sie mussten beim Vertragsentwurf darauf achten, dass die politische Ordnung eine „gute“ Ordnung sei.

Bei Hobbes ist die Ordnung die richtige, die Sicherheit herstellt. Bei Rousseau ist das Kennzeichen der guten Ordnung, die Freiheit und (!) die Gleichheit der Bürger herzustellen.

Nicht vergessen darf man, dass alles von der Vernunft des Menschen abhängig war. Nicht bedacht wurde dabei, dass sich die Vernunft auch recht willkürlich verhalten kann. Erst Immanuel Kant hat sich Gedanken gemacht, wie man die Vernunft vor Willkür schützen kann.
Vergesellschaftung ist also gar nicht so einfach. Die Vernunft muss den Menschen im Blick haben und versuchen zu verstehen, wie er „funktioniert“. Die Vernunft muss aber auch die mögliche politische Ordnung im Blick haben und fragen, ob es eine richtige, die „gute“ Ordnung ist. Das ist die Frage nach der Moral.

tmd.

Das Glück als Ziel des menschlichen Lebens

Das ist der Titel des ersten Buches der Nikomachischen Ethik. Damit benennt Aristoteles den Kern antiker Ethik: Glücklich sein.
Daran hat sich auch heute nichts geändert – an dem Streben nach Glück. Der Unterschied besteht darin, dass wir den Weg zum Glücklichsein nicht mehr direkt über das Einüben von Tugenden suchen. Wir wollen das Glücklichsein als Angebot, als eine Art Ware bestellen. Oder wir fragen, warum es nicht funktioniert – das mit dem Glücklichsein.
Die Untersuchung von Lebensläufen legt offen, dass es im Leben eines Menschen sogenannte Wendepunkte gibt, an denen viel kaputt gehen kann beim Streben nach Glück. Pubertät und Erwachsen werden sind solche Wendepunkte, aber auch das Altern und der Prozess des Sterbens. Kennt man solche Wendepunkte, an denen sich vieles verändert, dann ist man darauf vorbereitet, dass es Probleme gibt. Dann kann man also verhindern, durch diese Wendepunkte unglücklich zu werden.
Die Beispiele sind zahlreich: Schwierigkeiten in der Schule (plötzlich schlechte Noten), erste Liebe (die unglücklich endet), Probleme im Berufsleben (Mobbing) usw.
Die psychologischen Ratgeber sind voll von Lösungsmustern dazu. Was uns hier im Blog interessiert, das ist die Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Aristoteles und seine Ethik wurden schon genannt. Der antike Mensch will glücklich sein und ist es, wenn er gut ist.
Von dieser Maximalforderung ist heute übrig geblieben, dass sich an den Wendepunkten des Leben die Beurteilung der Welt und Wirklichkeit verändert. So die Aussage von Psychologen. Insbesondere in der Pubertät müssen Jugendliche neben einer eigenen Identität auch eigene Moralvorstellungen finden.
Es geht also um das Finden von eigenen Moralvorstellung. Nun ist es so, dass Moral nicht jedes mal neu erfunden wird. Orientierung gibt es in Schule und Familie.
Sehr viel schwieriger ist es mit dem Umgang von Sinnkrisen. Diese können den Menschen jederzeit treffen: ein schwerer Unfall, eine Krankheit, eine Trennung von lieben Menschen.
Hier ist wieder die Philosophie gefragt. Die bietet aber nur den beschwerlichen Weg der Selbsterkenntnis an. Es hat keinen Sinn, sich in Grenzsituationen selbst anzulügen, aufzugeben oder die eigene Verzweiflung auf anderen Menschen abzuladen.

alter Mann
Grenzsituation Lebensende – Quelle: Myriams-Fotos, Pixabay

Grenzsituationen sind solche, bei denen es keinen Ausweg mehr gibt: Tod, Leiden, Schuld. Der Philosoph Viktor Frankl meint, dass man auch in diesen Grenzsituationen einen Sinn finden soll. Man soll sich fragen: Was erwarten die Menschen von mir in dieser Situation? Was hilft den anderen? Diese Art der „Selbstdistanzierung“ hilft gerade in aussichtslosen Situationen.

tmd.

Merkzettel: Thomas Hobbes

equality
Gleichheit – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und gewaltbereit. Sein Ziel ist es, sich alles anzueignen, was er haben will. Er ist gierig. Hat er einen Wunsch befriedigt, wartet sofort der nächste Wunsch. Soweit Hobbes über den Menschen im Naturzustand.
Der Naturzustand ist ein Gedankenexperiment. Hier wird erzählt, wie sich der Mensch ohne Gesetzte und Ordnungsmacht verhält. Es ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser Zustand ist also eine Fiktion. Der Naturzustand soll illustrieren, wie der Mensch von Natur aus ist. Hier kann er seine natürlichen Rechte ausleben. Der Naturzustand zeigt auch, dass sich aus den Naturrechten (Freiheit, Gleichheit) ohne Zuhilfenahme der Vernunft keine politische Ordnung entwickeln lässt.

Mit Vernunft kann der Mensch die Naturgesetze ermitteln. Naturgesetze sind keine physikalischen Gesetze. Naturgesetze sind von der Vernunft ermittelte Vorschriften wie:

  • jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb;
  • geschlossene Verträge soll man halten;
  • für einem Friedenszustand sollen alle die gleichen Rechte haben.

Diese von der Vernunft erkannten Vorschriften (Naturgesetze) können die Bürger für einen Vertrag weiterverwenden: Das ist der Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag wird zwischen allen Bürgern eines Staates geschlossen. Ziel ist es, den Naturzustand mit dem „Krieg aller gegen alle“ zu beenden.

Im Gesellschaftsvertrag geben die Menschen ihr Recht ab, sich alles, was sie wollen, auch gegen den Willen der Mitmenschen anzueignen. Der Vertrag sorgt dafür, dass der Staat – als abstrakter Herrscher – für die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags sorgt. Der Vertrag gibt den Menschen Sicherheit. Dafür opfern sie einen erheblichen Teil ihrer Freiheit.

Merksatz: Sicherheit statt Freiheit.

Die Bürger sind gezwungen, sich an den Vertrag zu halten. Der Vertrag kann nicht einseitig geändert werden.

Verletzt der Staat jedoch die genannten Naturgesetze, dann ist der einzelne Bürger sehr wohl berechtigt, sich zu wehren. Insbesondere dann kann sich der Bürger von seinem Staat verabschieden, wenn der Staat seine Schutzfunktion aufgibt.

tmd.

Freiheit und Gleichheit: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. will mit seinem Gesellschaftsvertrag eine politische Ordnung herstellen, in der Freiheit und Gleichheit gewährleistet sind.
Er beginnt damit, dass er grundsätzlich nach Legitimation von Herrschaft fragt. Zu seiner Zeit gab es drei Arten von Legitimation: Herrschaft von Gottes Gnaden, Naturrecht und ein Gesellschaftsvertrag.

Freiheit und Gleichheit
Freiheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Gesellschaftsvertrag meint: die Bürger eines Landes schließen einen Vertrag, in dem die Herrschaft geregelt ist.
Herrschaft von Gottes Gnaden erwähnt er in seinen Überlegungen nicht. Das Naturrecht würdigt er, indem er Freiheit und Gleichheit als naturgegebene Rechte eines jeden Menschen bestimmt. Aus diesen Naturrechten lässt sich aber keine Herrschaft ableiten.
Warum ist das so?
J.J.R. hat ein bestimmtes Menschenbild. Der Mensch ist ein Einzelgänger, der den anderen Menschen besser aus dem Wege geht. Er ist frei und unabhängig und will es bleiben. In diesem Naturzustand kann der Mensch aber nicht überleben. Er ist in der Natur nicht überlebensfähig. Alle anderen Lebewesen sind ihm eigentlich überlegen. Also muss er sich mit anderen Menschen zusammenschließen, um sich zu schützen gegen die übermächtige Natur. Dieser naturwüchsige Zusammenschluss funktioniert jedoch nur in der Familie. Dort sind die Herrschaftsverhältnisse angebracht. Sobald aber der Mensch alt genug und vernünftig ist, braucht es eine andere Herrschaftsform. Es braucht eine Herrschaftsform, in der Gleichheit und Freiheit des Menschen gewährleistet sind. Das ist der Gesellschaftsvertrag.
Überlässt man es dem Zufall, dann wird die Vergesellschaftung zu einem Gefängnis für die meisten Menschen. Sie leben in Unfreiheit und sind nicht mehr gleich, weil sich einige Menschen mehr Rechte nehmen und die anderen Menschen beherrschen.
Nachdem J.J.R. diese Überlegungen abgeschlossen hat, geht es darum, einen Vertragsentwurf für einen Gesellschaftsvertrag zu machen, der den Menschen Schutz vor der übermächtigen Natur bietet, aber gleichzeitig auch Freiheit und Gleichheit herstellt.
J.J.R. sagt, alle Menschen haben dieses Ziel, nämlich frei und gleich zusammen zu leben. Im Vertrag muss also stehen, dass die Vertragschließenden, wenn sie vergesellschaftet sind, alle die gleiche Freiheit haben sollen.
Damit sie aber wirklich gleich sind, müssen sie mit dem Vertragsschluss ihre bisherigen Rechte auf individuelle Freiheit abgeben. Dafür erhalten alle Menschen die gleiche Freiheit, die im Vertrag zugesichert ist und die individuelle Freiheit ersetzt. Alle Bürger haben jetzt die „gleiche Freiheit“.

tmd.

Lernen von Hobbes

Wegweiser
Wohin? – Quelle: MarkusMoerth, Pixabay

Diskussionen über Thomas Hobbes haben eines gemeinsam. Irgendwann wird Hobbes in die rechte Ecke gestellt und als Wegbereiter der Diktatur bezeichnet. Das geschieht beinahe reflexartig.
Das ist bedauerlich.
Jean-Jaques Rousseau, der auch als ein Vordenker politischer Systeme bezeichnet werden kann, wird sehr viel seltener mit der linken Diktatur im Kommunismus in Zusammenhang gebracht.

Bei diesen Disskussionen wird nicht berücksichtigt, dass Hobbes als einer der ersten prominenten Philosophen die Staatsgewalt so ausdrücklich vom Gottesgnadentum gelöst hat.
Hobbes sagt: Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen sollen im Staat die gleichen Rechte haben. Soll ein Friedenszustand in einem Land hergestellt werden, dann darf es niemanden geben, der mehr oder weniger Rechte hat.

Und: Dieser Staat wird von den Bürger eigenmächtig gegründet. Die Bürger sind der Bestandteil des Staates. Die Bürger sind die Architekten des Staates.

Was dem Modell eines Staates bei Hobbes fehlt ist die eingebaute Dynamik. Das Staatswesen kann sich nicht weiterentwickeln. Was ihm noch fehlt, ist die Gewaltenteilung.

Was können wir heute noch von Hobbes lernen?
Es gibt sogenannte „failed states“. In ihnen ist nichts mehr an Ordnungsmacht zu erkennen. Es sind „gescheiterte Staaten“. Jemen ist so ein Staat. Die dort lebenden Menschen befinden sich im Naturzustand, so wie es Hobbes in seinem Gedankenexperiment beschrieben hat.
Kann man den Gesellschaftsvertrag von Hobbes auf solche Situationen anwenden?
Hier fehlen die Akteure, die Bürger in Jemen, die bereit sind, einen Vertrag zu schließen.
Politikwissenschaftler haben vorgeschlagen, in solchen Fällen die Sicherheit für die Bürger „von außen“ herzustellen. Lange Zeit waren das die USA, die sich für den weltweiten Frieden engagierten. Das ist jetzt vorbei.

tmd.

Über das Einüben von Tugenden

jugendlicher Klavierspieler
Übung – Quelle: nightowl, Pixabay

Eine Diskussion zum Thema Tugenden und Werte hat das Problem mit dem Einüben derselben offengelegt.
Werte kann man nicht erwerben wie Aktien an der Börse. Die reine Kenntnis der Werte hilft auch nicht weiter. Man muss sie schon anwenden.
Mit den Tugenden ist es nicht anders. Gerecht, klug, tapfer und maßvoll handeln, kann man eigentlich erst dann, wenn man es ist: gerecht, klug, tapfer und maßvoll.
Was also tun?, werde ich immer wieder gefragt. Wie beginne ich mit dem tugendhaften Verhalten?

Die Frage stellt sich übrigens auch schon beim Erwerb und der Konstruktion von Identität und der Bildung eines autonomen Gewissens.

Tugendhaft Handeln geht nur durch Übung. Man muss damit anfangen – und zwar selbst. Nötig dazu ist auch ein Lehrer, eine Lehrerin, aber der/die kann den Übenden nicht „zum Jagen tragen“.
Im Weg steht uns dabei sowohl das antike als auch das moderne kapitalistische Denken. Schon bei Platon entsteht der Eindruck, dass man das Gute nur wissen muss, um auch gut zu handeln. Aber der antike griechische Polis-Bewohner zur Zeit des Sokrates hatte noch die Vorstellung, dass man das Gute nur im Handeln des Menschen erkennen kann. So gesehen ist das Gute zu wissen immer verbunden mit dem Einüben dieses Wissens.
Tugendhaft leben heißt für den antiken Menschen aber auch glücklich sein.
In unserer modernen kapitalistischen Welt ist Glück aber von den Tugenden entkoppelt worden.
Vor diesem Hintergrund ist das Einüben von Tugenden doppelt erschwert.
Warum tugendhaft handeln wollen und beim Üben Niederlagen einstecken, wenn man Glück auch ganz ohne persönlichen Einsatz erreichen kann? Im Berufsleben durch einen Job, der nur die Freizeit finanziert – beispielsweise.
Die Frage: Was für ein Mensch willst du sein?, wird dabei ausgeklammert.

Die Frage: Kann man Tugenden in der Schule einüben?, ist schnell beantwortet. Man kann es ja mal versuchen.

tmd.

Bildung und Herrschaft

… was not born to follow – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Das Bildungssystem im Platonischen Staatswesen erinnert an unser Schulsystem und auch an das sozialistische Gegenstück in der ehemaligen DDR.
Kinder haben grundsätzlich die gleichen Chancen. Jeder besucht eine Schule und die Bildung ist für alle kostenlos.
Wer seine Leistungsgrenzen erreicht hat, der wird in entsprechende Berufsfelder eingegliedert. Wer bis zum Schluss seine Grenzen nicht erreicht hat, der ist qualifiziert für eine Führungsrolle im Staat.
Denn nach Platon sollen schließlich nur diejenigen herrschen, die philosophisch gebildet sind.
Politische Herrschaft ist demnach eng an Bildung gekoppelt. Damit sind alle diejenigen, die während der Aus-„Bildung“ vorzeitig aussortiert werden, von der Herrschaft prinzipiell ausgeschlossen. Das kann man als undemokratisch bezeichnen.
Demokratisch wäre es, wenn alle die gleiche Chance auf Herrschaft hätten, also auch die Un- oder wenig Gebildeten. Legt man das Bildungssystem Platons zu Grunde, dann ist die Mehrheit in einem Staat nicht gebildet genug, um einen Staat zu führen. Nur wenige taugen zum Philosophen und deshalb zum Herrschen.
Denkt man dies weiter, dann ist Demokratie zwar die Herrschaft aller, aber nicht unbedingt die Herrschaft der Geeigneten. Man kann auch überspitzt sagen, Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit, also die Herrschaft der Dummen, der Ungebildeten. Unter diesem Blickwinkel schicken wir also nicht die philosophisch Gebildeten in den Bundestag.
Das passt nun gar nicht zu unserer Vorstellung von Politik.
Was also tun?
Kontrollieren wir diejenigen, die für uns die Herrschaft übernommen haben. Damit verhindern wir, dass sich Dummheit durchsetzt. Und widersetzen wir uns der Politik, die der kritischen Diagnose der Vernunft nicht standhält.

tmd.