Selbstverwirklichung durch Grundeinkommen

Schneiderin
selbstbestimmt und kreativ – Quelle: nikolabelopitiv, Pixabay

Kürzlich hat der Gründer der Drogeriemarktkette dm in einer Talkshow wieder einmal seine Vorstellungen zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) erklärt. Sein Vorschlag ist bekannt und er wird nicht müde, diesen medial zu verbreiten. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, wie reflexartig auf seine Argumente reagiert wird. In der Talkshow wurde neben den üblichen Bedenken die Frage der Gerechtigkeit diskutiert. Es wurde behauptet, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht gerecht sei. Götz Werner antwortet darauf, dass das BGE ein Menschenrecht sei und bezieht sich auf unsere Verfassung. Außerdem sei Arbeit grundsätzlich nicht zu bezahlen. Wie ist das zu verstehen?
Das BGE soll jede Person in Deutschland erhalten. Also auch Kleinkinder, aber noch nicht in voller Höhe. Der Betrag sei 1000 bis 1500 Euro. Finanziert wird das aus der Konsumsteuer. Jedes Produkt, das gekauft wird, soll mit ca. 50 % Konsumsteuer belegt werden. Im Gegenzug werden sämtliche Sozialleistungen und Steuern abgeschafft.
Hier setzt die Kritik an. Es sei nicht gerecht, dass jemand mit einem geringen zusätzlichen Einkommen für ein Produkt genauso viel zahlen soll, wie ein Millionär. Diese Ungerechtigkeit gibt es jedoch heute schon, sagt Götz Werner. Er meint, dass man das Konzept des BGE erst einmal durchdacht haben muss, bevor man es versteht.
Hier eine kurze Erklärung zum Konzept, dass Götz Werner schon an vielen Stellen erläutert hat.
Das BGE ist dazu da, ein bescheidenes Leben in Menschenwürde zu führen. Aus dieser Position heraus kann der Mensch entscheiden, ob er arbeiten will oder nicht. Und er kann entscheiden, was er arbeiten will. Das erklärt auch, dass erst das Grundeinkommen es ermöglicht zu arbeiten. In einem Dialog mit einem Journalisten hat Werner es mal so erklärt. Der Journalist wird dafür bezahlt, dass er überhaupt zur Arbeit antritt. Die Arbeit selbst kann man nicht bezahlen. Sie ist ggf. gesamtgesellschaftlich notwendig und die Entlohnung ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Arbeit, für die man niemanden findet, der sie macht, die muss man entweder automatisieren oder selbst machen. Eine dritte Möglichkeit ist, die Arbeit so zu gestalten, dass diejenigen, die sie machen, sich gestaltend einbringen können. Wenn auch das nicht hilft, dann muss eben der Lohn entscheiden. Beispiel: Unsere Gesellschaft braucht Müllwerker. Wenn die Arbeit niemand machen will, dann muss sie entweder automatisiert werden oder den Müllwerkern muss ein Arbeitsplatz geboten werden, der nachgefragt wird. Notfalls ist Geld der letzte entscheidende Faktor.
Der Grundgedanke ist also, keine Arbeit anzunehmen, die man eigentlich ablehnen will. Entfremdung im Arbeitsleben wäre damit abgeschafft. Arbeit wandelt sich zu sinnhafter Tätigkeit.
Ein Argument gegen das BGE, das noch vor Jahren diskutiert wurde, taucht in aktuellen Diskussionen nicht mehr auf. Die Folge des BGE wäre, dass keiner mehr arbeiten würde. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn der Zwang zu arbeiten entfällt, entwickelt sich die Kreativität des Menschen, sich durch nicht entfremdete Arbeit selbst zu verwirklichen.

tmd.

Das magische Viereck der Medizinethik: moralischer Nachholbedarf

Ethik
Selbstbestimmung bis zum Ende möglich? – Quelle: Malalisa, Pixabay

Das amerikanische Modell soll dem Mediziner und dem Patienten helfen, moralisch tragbare Entscheidungen zu treffen. Die Beteiligten (aber eigentlich nur der Arzt) sollen dabei vier ethische Prinzipien berücksichtigen.

  • Selbstbestimmung (des Patienten)
  • Schadensvermeidung (für den Patienten)
  • Fürsorge (um den Patienten)
  • Soziale Gerechtigkeit (gegenüber anderen Patienten und der Gesellschaft)

Die Spannungen zwischen den einzelnen Punkten ist enorm, insbesondere wenn es ums Sterben geht. Wie bei allen Modellen nach dem Schema magisches Viereck oder Sechseck usw. sollen die Eckpunkte ausgeglichen sein. Die Fallstudien zeigen, dass dies nicht möglich ist.
Grundsätzlich endet die Schadensvermeidung für den Patienten an der Leistungsfähigkeit der Krankenkassen. Die Selbstbestimmung des Patienten, der sterben will, findet seine Grenzen in der Schadensvermeidung, die der behandelnde Arzt im Blick hat. Wenn, wie in einem Beitrag in diesem Blog, der Arzt mit dem langen Sterben mehr Geld verdient, als mit Schadensvermeidung (Schmerzlinderung) und Selbstbestimmung des Patienten, dann ist es zudem sozial ungerecht. Das Geld könnte man an anderer Stelle investieren. Das ist aber marktwirtschaftlich gedacht und nicht moralisch.

Es ist interessant, dass immer wieder der wirtschaftliche Aspekt zum Vorschein kommt, wenn es doch eigentlich um moralische Entscheidungen geht. Ich nenne es deswegen moralische Entscheidungen und nicht ethische, weil die letzte Entscheidung des Einzelnen sich nicht auf den Kommunikationszusammenhang des amerikanischen Modells bezieht. Die ethische Kommunikation des amerikanischen Modells lässt doch nur wie mit einem Zaubertrick die moralischen Ängste, Wünsche und Triebkräfte des Patienten und der Angehörigen verschwinden. Zu Recht haben die Soziologen diese und ähnliche Erscheinungen mit dem Wort eskamotieren belegt. Kommunikation lässt Probleme auch verschwinden, verpackt in ethische Konzepte.

„Helfen sie mir Doktor“, fleht der Patient. Und der Arzt kann nur sagen, „ich kann nicht, ich will nicht, ich darf nicht.“

Die Schamanen indigener Völker müssen nicht auf Entscheidungshilfen wie das amerikanische Modell zurückgreifen. Ist ihr Patient am Ende seines Lebens angekommen, dann begleiten sie ihn und haben die autonome Person des Patienten (Selbstbestimmung) im Blick, erleichtern ihm das Sterben (Fürsorge und Verhinderung von Leiden) und sie sind gerecht. Jeder muss sterben und kann so sterben. Nur das ist dem Menschen würdig. Zumindest bei der Ethik des Sterbens hat unsere Gesellschaft noch Nachholbedarf.

tmd.