Merkzettel: Wahrheitstheorien

Mädchen sucht im Internet
Suche nach Wahrheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Was wir als Wahrheit bezeichnen, können wir mit den vier Wahrheitstheorien feststellen. Wahr ist demnach:

  • Wenn uns etwas unmittelbar einsichtig ist, dann sagen wir, dass dies wahr ist. Beispiel: Der Teil eines Kuchens ist selbstverständlich kleiner an Umfang und Gewicht als der ganze Kuchen. Das leuchtet uns unmittelbar ein. Das ist die Evidenztheorie.
  • Wenn eine Gruppe von Menschen etwas für wahr hält, dann ist eine Aussage für die Menschen dieser Gruppe wahr. Das ist die Konsenstheorie. Das heißt nicht, dass außerhalb der Gruppe andere Menschen nicht andere Wahrheiten haben.
  • Wenn sich Aussagen nicht widersprechen, dann sind diese Aussagen wahr. Das ist die Kohärenztheorie.
  • Wenn meine Wahrnehmung und eine Sache oder Aussage übereinstimmen und diese Übereinstimmung meinem urteilenden Denken, meinem kritischen Denken nicht widerspricht, dann ist die Sache wahr. Das ist die Korrespondenztheorie. Hier merken wir uns den Satz von Thomas von Aquin: Wahrheit ist die Übereinstimmung des urteilenden Denkens mit der Sache (veritas est adaequatio intellectus et rei).

Leistungsfähigkeit und Schwächen der vier Wahrheitstheorien

  • Die Evidenztheorie ist schon sehr mächtig, hilft aber nicht weiter bei komplexen Problemen. In der Physik und Biochemie gibt es Erkenntnisse, die sind eben nicht sofort klar: Lichtgeschwindigkeit, Raum-Zeit-Krümmung sind gute Beispiele.
  • Die Konsenstheorie ist die robusteste unter den Wahrheitstheorien. Sie ist aber angreifbar, wenn es um Irrtümer geht. Irrtümer werden oft lange Zeit für wahr gehalten.
  • Die Kohärenztheorie ist nun diejenige, die sehr geeignet ist, Irrtümer und Fehler herauszufinden und für Aufklärung zu sorgen. Auf diese Wahrheitstheorie wollen wir nicht verzichten.
  • Die Korrespondenztheorie ist unsere Brücke zur Welt und Wirklichkeit. Ohne die Wahrnehmung der Welt und Wirklichkeit können wir nichts über die Welt aussagen. Leider hat diese Theorie einen Schwachpunkt. Ich kann meine Wahrnehmung nur durch Fremdwahrnehmung wieder bestätigen. Das ist ein infiniter Regress.

Was also tun?
Wir müssen die vier Theorien kombinieren.
Wenn etwas evident ist, müssen wir fragen, ob es auch kohärent ist und Konsens findet. Und ich muss auch meine Wahrnehmung mit der Wirklichkeit vergleichen.
Nichts anderes machen wir in den Wissenschaften.

Die vier Theorien werden außerdem unterschieden in epistemische und empirische Theorien.

  • Die Korrespondenztheorie ist eine empirische Theorie. Empirie heißt Erfahrung. Meine Wahrnehmung, meine Erfahrung wird mit der Wirklichkeit verglichen.
  • Die anderen Theorien sind epistemisch, haben etwas mit Vernunft und Verstand zu tun. Hier beurteile ich meine Wahrnehmung nur abstrakt mit den Werkzeugen der Vernunft.

tmd.

Moral ist keine Spielerei

Frau mit Waffe
kein Spiel – Quelle: Pexels, Pixabay

Das Gewissen als autonome Instanz funktioniert nicht auf Knopfdruck. Es ist weder angeboren, noch bildet es sich aus dem Nichts. Gewissen als autonome Instanz ist das Produkt von freiem moralischen Handeln und Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln.
Das Dreiecksverhältnis von autonomem Gewissen, Freiheit und Verantwortung lässt sich also nicht auflösen.
Die Gewissenspflege, also die Rückschau auf und die Bewertung von Handlungen (evaluativ) und die moralisch gestützte Entscheidungshilfe (präskriptiv) zu geplanten Handlungen, bringt die moralische Instanz erst hervor.
Insofern ist der Begriff „Pflege“ irreführend, weil man meint, es gebe da etwas zu pflegen, was schon vorhanden ist. Vielmehr entsteht das Gewissen erst durch den „pflegenden Gebrauch“, also durch Evaluation und Präskription.
Was war also zuerst vorhanden?
Das verantwortliche freie moralische Handeln.
Dieses muss aber eingeübt werden. Diese Art der Übung ist nicht spielerisch.

Jegliche Art von Spielerei entzieht der Freiheit den Boden, nämlich die Verantwortung.

Rollenspielereien im Unterricht sind demnach weder exemplarisch noch zielführend. Es ist Sozialisation in die falsche Richtung: Moral als Theater.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 2

Ein wichtiger Teil unserer Wahrnehmung läuft über Kommunikation. Wann ist eine Kommunikation „wahr“? Hier hilft nur, zu prüfen, ob das Gesagte nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei ist. Eine Sache, z.B. ein Baum, kann nicht wahr oder falsch sein. Entweder es gibt den Baum oder es gibt ihn nicht.
Die Problematik mit der Korrespondenztheorie bleibt hier unbeachtet, bzw. alle, die an der Kommunikation beteiligt sind, meinen, das es den Baum tatsächlich gibt.

Waldsterben – Quelle: Boke9a, Pixabay

Die Aussage: „Der Baum dort ist krank“, kann allerdings wahr oder falsch sein. Ich muss die Aussage also mit anderen Aussagen vergleichen, mit Aussagen also über den Krankheitszustand von Bäumen. Vielleicht muss ich noch weiteres Wissen heranziehen. Insgesamt müssen aber alle Aussagen zueinander widerspruchsfrei sein.
Gleiches gilt bei Kommunikation vor Gericht und in den Wissenschaften.
Natürlich kann ich mich gewaltig irren, wenn ich Aussagen heranziehe, die teilweise falsch sind, oder auf einem Irrtum beruhen. Lange Zeit z.B. galt es als wahre Aussage, dass Spinat viel Eisen enthält. Es handelte sich aber um einen Messfehler!

Diese Art der Wahrheitsprüfung, die Aussagen daraufhin untersucht, ob sie nachvollziehbar, schlüssig und widerspruchsfrei sind, wird Kohärenztheorie genannt. Sie unterstützt die Korrespondenztheorie.
Widerspruchsfreie Aussagen über die Welt und Wirklichkeit sollten außerdem unmittelbar einleuchtend sein. „Ein Stück eines Kuchens ist kleiner als der ganze Kuchen.“ Das ist unmittelbar verstehbar. Diese Theorie nennt man Evidenztheorie. Dabei muss beachtet werden, dass der empirische Sachverhalt (die Erfahrung) gar nicht zur Urteilsbildung herangezogen werden muss. Die Evidenz ergibt sich in unserer inneren Wahrnehmung. „Ein Teil einer Menge ist weniger, als das Ganze.“
Die genannten Wahrheitstheorien verlieren ihre Beweiskraft, wenn unter den Menschen, die sie anwenden, kein Konsens herrscht. Die Konsenstheorie ist sicher die wirkungsmächtigste Theorie zur Klärung von Wahrheit. Wahrheit ist das, was die meisten Menschen für wahr halten. Damit ist sie aber auch empfindlich für Täuschung. Menschen lassen sich gerne täuschen. Psychologen wissen das. Politiker wissen das. Kaufleute auch. Schnell entstehen „Wahrheiten“, die keine sind. Fake News.
Gegen solche Täuschungen kann man nur die Kohärenztheorie in Stellung bringen: Widersprüche enthüllen und aufdecken.
Die Korrespondenztheorie ist eine reine empirische Theorie. Sie arbeitet mit der Erfahrung. Die drei anderen Theorien arbeiten mit der Vernunft. Sie nennt man epistemisch, sie beziehen sich auf Wissen, das man hat.

epistemische Wahrheit – Quelle: sciencefreak, Pixabay

Wissen wir jetzt, was Wahrheit ist?
Nein!
Aber wir haben einen Koffer voller Werkzeuge, mit denen wir feststellen können, ob uns jemand täuschen will.
Also: Wenden wir die Werkzeuge an. Lernen wir argumentieren.

tmd.

Was ist eigentlich Wahrheit? Teil 1

Zuerst die schlechte Nachricht. Wir wissen es nicht genau. Wer sich mit Moral beschäftigt, der kennt das Problem. Wir wissen eben nicht genau, welche Moral die richtige ist. Und auch die Ethiker, die verschiedene Moralen beschreiben und vergleichen, sind nicht im Besitzt der Wahrheit. Ganz zu schweigen von den vielen Fundamentalisten, die es in jeder Religion gibt.

Es gibt aber eine gute Nachricht. Unser Alltag, der noch nicht von Wissenschaft besetzt ist, ist voll von Wahrheiten. Wenn wir uns nämlich ständig Gedanken darüber machen würden, was nun „Wahr“ oder „Falsch“ ist, dann würden wir im Leben nicht voran kommen. Wir verlassen uns auf Gewohnheiten nach dem Motto: Jeden Tag geht die Sonne wieder auf. Wir meinen sehr viel zu wissen, aber das meiste haben wir nicht nachgeprüft, wir werden es nicht nachprüfen oder können es nicht – wir glauben es einfach. Ein philosophischer Blick auf die Welt und Wirklichkeit würde uns mehr als verunsichern.

Dreieck
Illusion – Quelle: ptra, Pixabay

Woher wissen wir, dass es die Welt, die wir sehen, überhaupt gibt?

Zunächst einmal speichern wir die Wahrnehmung als etwas Sinnliches (sehen, hören usw.) ab und meinen, dass es die Welt da draußen tatsächlich gibt. Optische Täuschungen können wir durch Erfahrung und Übung schnell ausschließen. Vollkommene Sicherheit haben wir jedoch nicht, weil wir die gemachten Wahrnehmungen – das Bild in unserem Kopf – von der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit vergleichen können. Denn dabei sind wir immer wieder auf unsere Wahrnehmung angewiesen. Wir müssten dafür „außerhalb“ von uns stehen. Das geht aber nicht.

Wir sind Gefangene unserer sinnlichen Wahrnehmung.

Dennoch hat diese Art der Wahrheitskontrolle keineswegs zur Verunsicherung geführt. Das liegt an dem recht „pragmatischen Umgang“ mit unserem „Weltwissen“. Solange unser Wissen von Welt und Wirklichkeit uns keine Probleme verursacht, reicht uns diese eigentlich unvollkommene Wahrheit. In der Philosophie wird die Art der Wahrheitstheorie „Korrespondenztheorie“ genannt. Wir gehen davon aus, dass es eine „Korrespondenz“ von Welt und Wahrnehmung gibt. Korrespondenz ist hierbei die veraltete Bezeichnung für Übereinstimmung. Im Ethikunterricht lernen wir dazu den Satz „Wahrheit ist die Übereinstimmung von urteilendem Denken und Wirklichkeit“. Veritas est adaequatio intellectus et rei. Thomas von Aquin hat das geschrieben. Diese Theorie wird auch „empirisch“ genannt, weil sie über die Erfahrung (Empirie) ermittelt wird.
Wir müssen also unsere Wahrnehmung (das urteilende Denken) an diee Wirklichkeit anpassen.
Leider hilft uns diese Theorie allein nicht recht weiter.
Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

tmd.

Moralische Feldvermessung

Ein kleines erkenntnistheoretisches Problem beschäftigt Philosophen schon immer und sie können es nicht lösen: Die Beschreibung der Welt – und zwar umfassend und in ihrer Totalität, so nannten es zuletzt die Soziologen der Kritischen Theorie.

Welt in der Hand
Beschreibung der Welt – Quelle: sweetlouise, Pixabay

In dem Moment, in dem ich die Welt beschreibe, muss ich in Rechnung stellen, dass ich mich, der die Welt beschreibt, nicht unterschlagen kann – bei der Beschreibung. Wenn ich mich also in die Beschreibung der Welt mit einbeziehe, dann stehe ich für einen Augenblick außerhalb der Welt, die beschrieben wird und muss sogleich erkennen, dass ich mich wiederum in die Beschreibung einbeziehen muss, und so weiter.

Vor einigen Jahren hat der Philosophieprofessor Markus Gabriel einen Lösungsvorschlag gemacht, der soziologische Aspekte hervorhebt. Die Welt in ihrer Totalität können wir nicht beschreiben, weil es sie so und in dieser Art nicht gibt. Das heißt, wir haben die Frage falsch gestellt, bzw. wir suchen nach etwas, was es so nicht gibt.

Gabriel arbeitet mit „Sinnfeldern“. Sinnfelder konstruieren wir nach Bedarf. Das können x-beliebige Gegenstände sein. Sie müssen nur eines, andere Gegenstände, die unter Umständen ähnlich sind, ausschließen. Ein Beispiel: Eine Cola-Dose kann ich nur als solche auch wahrnehmen, weil ich alle anderen Dosen, die keine Cola enthalten, ausgrenze. „Man macht einen Unterschied“, so nannte das der Soziologe Niklas Luhmann.

Hilft uns das weiter, moralische Entscheidungen zu treffen? Zunächst wird der Standpunkt, dass es viele unterschiedliche Moralen gibt, mit einem wissenschaftlichen Argument gestützt. Das kennen wir. Moral ist Menschenwerk. Ein Sinnfeld einer Moral setzt voraus, dass es da noch andere Moralen gibt. Sonst wäre ja eine Unterscheidung nicht möglich. Dann aber wird ausgeschlossen, dass es so etwas wie eine weltumfassende Moral gibt, die alle anderen Moralen umfasst. Das schließt sowohl die Sinnfeldtheorie als auch unsere grundsätzliche Unfähigkeit, die Welt in Gänze zu beschreiben, aus.

Was sagt das nun aber aus, wenn wir versuchen, moralisch zu urteilen?
Selbstreflexion ist angesagt! Wer die Meinung vertritt, dass es universelle Regeln gibt, der hat ein Problem. Zumindest macht er sich verdächtig, seine Moral als alleinig Seeligmachende zu empfehlen. Das ist philosophisch nicht brauchbar.

tmd.

Gewaltfreie Kommunikation im Alltag

Sprache, das sind nicht nur Aussagesätze. Aussagesätze, die auf ihre logische Korrektheit untersucht werden können. Aussagesätze, die kohärent sein sollen, damit sie Wahrheit belegen. Sprache ist auch Kommunikation ohne ständige Reflexion des Gesagten. Freundschaft und Liebe funktioniert so. Professionellen Kommunikationstheoretikern gefällt das natürlich nicht. Bei ihnen soll Kommunikation immer so ablaufen, dass sich der Sprecher der vier Ebenen bewusst ist, auf denen er kommuniziert. Das ist die Sachebene, die Apellebene, die Beziehungsebene und die Selbstkundgabeebene. Wer diesen Blog kennt, der weiß, dass der Autor diese Art von Kommunikation kritisch sieht.

Kommunikation, gewaltfrei
Gewaltfreie Kommunikation – Quelle: cherylholt, Pixabay

Umso erstaunter wird der Leser sein, dass hier auf eine kleine Anleitung zu einer einfühlsamen Kommunikation hingewiesen wird: „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“ von Serena Rust. Es ist in dem typischen Stil geschrieben, wie diese Ratgeber geschrieben sind. Darüber muss man hinwegsehen. Aber es hat eine Botschaft, die interessiert: gewaltfreie Kommunikation im Alltag. Ohne ein Schema kommt auch diese Anleitung nicht aus. Es handelt sich hier um:

  • Beobachten statt bewerten
  • Fühlen statt Interpretation (Deutung)
  • Bedürfnisse (was brauche ich) statt Strategien (wie setze ich die Bedürfnisse durch)
  • Bitten statt fordern

Die Beispiele sind zum Teil amüsant und wirken befremdlich, ein wenig wie die Anleitungen zur aggressionsfreien Kommunikation vor 40 Jahren. Aber die SuS von heute stören sich nicht daran. Und von denen kam auch der Hinweis, dieses kleine Buch zu lesen. Im Vergleich zu der professionellen „vier-Ebenen-Kommunikation“ setzt dieses Modell allerdings ein erhebliches Maß an Selbstbewusstsein und Courage voraus. Kurz gesagt: Mut.

  • Jemanden um etwas bitten statt zu fordern, das heißt: die Zurückweisung einkalkulieren.
  • Bedürfnisse zu äußern heißt: Enttäuschungen hinzunehmen.
  • Fühlen statt bewerten heißt: auf sich selbst zurückgeworfen werden. Hier sind Ausreden nicht mehr möglich.

Wenn also SuS mit diesem Büchlein gewaltfreie Kommunikation im Alltag kennenlernen und einüben können, dann ist eigentlich nichts falsch gemacht. Sie lernen Sozialkompetenz.

tmd.

Reifikation: Wer macht unsere Wirklichkeit?

Die Müdigkeit, Worte zu verwenden / die auch sie im Munde führen / „gib kein Wort auf“ / aber: wer sagte schon alles „Sozialismus“ / „Demokratie“ / „Freiheit“ / Anfälle von Ekel / und die Angst / daß wir verlorengehen / im Dickicht der Phrasen / daß kein Wort mehr übrigbleibt / für das, was wir meinen.
(23.6.1977), Jürgen Fuchs, Bürgerrechtler und Schriftsteller (19.12.1950 – 9.5.1999)

Moralische Begriffe sind Menschenwerk, das darf man nicht vergessen. Auch nicht vergessen darf man, dass diese Begriffe unser Leben bestimmen.

Reifikation ist kein eigentliches Thema für moralisches Handeln. Wenn es um wissenschaftliche Begriffe geht, die etwas mit Moral zu tun haben, dann wird die Verdinglichung plötzlich ungemein wichtig.

Was ist Reifikation? Damit meinen die Wissenschaftstheoretiker, dass wissenschaftliche Begriffe für Dinge (Erscheinungen/Pänomene) gebildet werden, die es im Alltag oder in wissenschaftlichen Experimenten gibt. Diese Begriffe sollen aber nicht mit der Wirklichkeit an sich (so, wie die Dinge von sich aus sind) verwechselt werden. Die Naturwissenschaftler haben es da einfach. Sie untersuchen die Welt und machen über sie Aussagen. Solange diese Aussagen praktikabel sind, man mit ihnen in der Forschung und Entwicklung zurechtkommt, heißt es nur: weiter so.

Was aber ist mit Begriffen in den Geistesschaften? Was ist mit Begriffen wie Rolle, Status, Position? Was ist mit einem Modell, das ICH – ES – ÜBER-ICH beschreibt? Die Methodologen – das sind die Wissenschaftstheoretiker, die sich mit der Arbeit der Wissenschaftler beschäftigen – warnen davor, solche Begriffe für das zu nehmen, was sie beschreiben.

Wo ist das Problem dabei?
Wissenschaftliche Begriffe gehen sehr schnell ins Alltagsleben über. Der Begriff der Rolle ist so einer. Ist das, was der Begriff Rolle beschreibt, auch das sozialen Phänomen? Wir reden schon im Alltag über die soziologischen Begriffe derart, dass man meinen könnte, das Leistungs- und Erwartungsverhalten der Menschen ist genau das: Soziale Rolle.

Maßstab
Gibt es einen Maßstab für Leben – Quelle: pashminu, Pixabay

Das wissen wir aber nicht! Wir wissen nur, dass der Begriff Rolle etwas beschreibt, was nicht hintergehbar ist. Gemeint ist, dass es hinter der Rolle des Menschen nicht noch etwas Typischen, Wahres gibt: So etwas, wie die echte Person des Menschen. Das heißt, das, was wir mit dem Begriff Rolle beschreiben, wird so zum Maßstab.

Aber was ist, wenn die Beschreibung oberflächlich ist und so oberflächlich auch ins Alltagsleben einfließt? Das betrifft unser soziales Zusammenleben! Das betrifft unsere Aufklärung über uns selbst! Wir werden zu Handelnden unter dem Vorzeichen der wissenschaftlichen Beschreibungen.

Geht es aber nicht nur um wissenschaftliche Begriffe, sondern um moralische Begrifflichkeiten, dann ist unsere Vorstellung vom richtigen Leben schwer betroffen. Wenn wir hier nicht untersuchen, welche Begrifflichkeiten verwendet werden, wie sie hergestellt wurden und wie alltagstauglich sie sind, dann wird moralisches Handeln den eigentlichen Handelnden aus der Hand genommen. Sie können es nicht mehr bestimmen.

Wissenschaftliche Begrifflichkeiten beherrschen schon heute unser Leben. Daran ist nichts zu ändern. Wir verhalten uns jetzt schon so, wie die Wissenschaftler uns in ihren Studien beschreiben. Autonomes Leben: Das ist die Entscheidung des aufgeklärten Bürgers.

tmd.

Stichwort: Naturalistischer Fehlschluss

Fragezeichen
Was ist Wahrheit? – Quelle: qimono, Pixabay

Der naturalistische Fehlschluss bezeichnet einen logischen Fehler. Es ist nicht möglich vom SEIN (empirische Aussagen) auf das SOLLEN (normative Aussagen) zu schließen.

Der naturalistische Fehlschluss steht in Beziehung zur Evidenztheorie. Die Evidenzthorie gehört zu den epistemischen Wahrheitstheorien. (siehe hier im Blog: Was ist Wahrheit?) Beispiel: die Teile einer Sache sind kleiner als das Ganze. Das leuchtet unmittelbar ein. Dieses unmittelbar „evident-sein“ ist jedoch eine Aussage, die nicht zuerst durch die Empirie (Erfahrung) hervorgebracht wird, sondern durch Vernunft und Verstand. (Anm.: Natürlich kann man anschließend die evidente Aussage empirisch prüfen und beweisen. Aber darum geht es hier nicht.)

In moralischen Diskursen wird oft eine Sache empirisch beschrieben. (Medizinethik: z.B. Sterbehilfe) Ohne Ankündigung wird daraus eine Norm oder eine moralische Forderung abgeleitet und in Beziehung zu den empirischen Tatsachen gesetzt.

In diesem Zusammenhang wird nicht berücksichtigt, dass moralisches Handeln auch etwas mit Freundschaft, Wohlwollen, Mitleid und Liebe zu tun haben kann. Diese Dimensionen können nicht durch die Wahrheitstheorien bewiesen oder widerlegt werden.

tmd.

Kann man Moral durch Rollenspiele lernen? Szenen aus dem Unterricht

Dies ist eine fiktive Geschichte. Etwaige Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit sind rein zufällig und waren nicht beabsichtigt.

Thema Mobbing in der 7. Klasse. Das Thema soll, nachdem es theoretisch erarbeitet worden war (Kommentar der Kinder: gähn, das wissen wir doch schon alles, ich hab da einen Film gesehen, können wir den Film anschauen), kompetent umgesetzt werden und Empathie soll eingeübt werden.

Trauriger Junge in der Schule
Mobbing in der Schule – Quelle: Patrice_Audet, Pixabay

Teil eins: Gruppen bilden und Rollenkarten schreiben. In der Klasse (24 Kinder) sind nur 4 Jungs. Die vier wollen nicht auf die Mädchengruppen verteilt werden. Der Lehrer macht ein Angebot. Er hilft beim Texten der Rollenkarten. Funktioniert immer.

Teil zwei: Rollen verteilen. Die Mädels: „Wir wollen Opfer spielen.“ Es gibt aber je Gruppe nur ein Opfer. Streiterei. Da hilft nur eine Entscheidung von oben herab. Die Jungs (hä?!?) müssen Opfer spielen, wenn sich die Mädels nicht einigen. Konflikt beseitigt. Die Jungs als Opfer, das wollen die Mädels nicht. Weiter geht es.

Teil drei: Rollenkarten schreiben. Harry: „Was soll ich schreiben?“ Antwort: Deinen Text und deine Rolle, du bist Täter! „Was macht ein Täter?“ Antwort: Frag die Svenja, die hat im Unterricht aufgepasst. Ronald: „Können wir das Rollenspiel filmen und ins Netz stellen? Ich hab ’ne Lumina. Hat ’ne starke Auflösung.“ Antwort: Ist verboten, das weißt du doch! Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“ Ronald: „Das sagst du nur, weil du nicht das Opfer sein darfst.“

Teil vier: Rollenspiel. Harry: „Kann ich den Text von der Karte ablesen? Ich kann mir das nicht merken, was die Svenja da aufgeschrieben hat.“ Crissy: „Stell dich als unbeteiligter Täter, der nicht hilft, an die Seite. Dann musst du gar nichts sagen.“ Ronald: „Das war mein Text! Das wollte ich sagen! Die hat meinen Text geklaut!“ Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“ Svenja: „Ich kann die Rollen von Täter und Opfer auch alleine spielen, wenn ihr ständig stört!“ Paula: „Nein! das Opfer bin ich, ich lasse mir die Rolle nicht wegnehmen.“

Teil fünf: Perspektivwechsel abfragen. Wie fühlt man sich als Opfer und Täter? Crissy: „Das nächste Mal will ich das Opfer sein.“ Antwort: Es gibt kein nächstes Mal. Wir haben das Thema abgeschlossen. Ronald: „Können wir einen Film anschauen …“ Svenja: „Du weißt doch, dass er keinen Film zeigen will.“ Crissy: „Können wir nicht was anderes machen?“

Teil sechs: Unterricht ist zu Ende. Kinder aus dem Religions-Unterricht kommen ins Klassenzimmer. Paula: „Wir haben heute Rollenspiel gemacht. Mobbing. Ich war das Opfer.“

tmd.

Sinnsuche und Moral – methodische Überlegungen

Warum und wozu leben wir? ist eine einfache Frage. Die Antworten sind viele und oft auch kompliziert. Sie sind der Sinn, den wir dem Leben geben. Man kann die Antworten ordnen, zusammenfassen und gelangt so zu den beiden Hauptgruppen, die im Ethikunterricht erarbeitet werden.

  • Konventionelle Antworten
    (mein Haus, meine Familie, meine Karriere usw.)
  • Philosophische Überlegungen
    (Gutes tun, die Welt retten, …)

Darüber kann man dann diskutieren, kann feststellen, dass nicht jeder denselben Sinn im Leben erkennt. Das Ergebnis der Veranstaltung ist: Soll doch jeder machen, was er will, solange es erlaubt ist. Und außerdem: Was hat das alles mit Moral zu tun?

An diesem Punkt könnte man also das Thema als erledigt betrachten und sich wichtigeren Dingen zuwenden.

Ein Philosoph wie Aristoteles wäre erstaunt, dass wir uns nicht darum kümmern, unserem Leben einen Sinn zu geben, um glücklich zu werden. Ein „anything goes“ gibt es bei Aristoteles nicht. Glücklich ist der Mensch nämlich nur, wenn er sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise führt. Gemeint ist ein tugendhaftes Leben. Die Tugenden des Aristoteles (gerecht, klug, maßvoll, tapfer) stoßen heutzutage nicht mehr auf ungeteilte Begeisterung. Statt über Tugenden wird heute über Werte geredet. Werte werden dann so behandelt, als ob man sie ohne Übung besitzen kann.

Tugenden einüben im Unterricht und für Noten? Das ist ein grundsätzliches Problem. Moralisches Handeln lässt sich zwar bewerten aber nicht benoten. Deshalb ist das Thema Sinnsuche auch so sperrig. Es ist zwar wichtig, aber auch privat.

Es ist aber nicht mehr nur privat, wenn junge Menschen Salafisten in den Krieg folgen, weil sie deren Propaganda nicht durchschauen. Sinnsuche und -findung ist also einerseits das private „Erkenne dich selbst“, andererseits ist es Aufklärung (= selbst denken) durch Wissenszuwachs.

Um diese Wissensvermehrung geht es im Thema Sinnfindung und Probleme und Risiken bei der Sinnsuche.

Mädchen blickt in RIchtung Sonnenuntergang
Suche nach dem Sinn des Lebens – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Soziologie und Psychologie sind die Wissenschaften, die Handreichungen bieten, mit der Sinnfindung zurechtzukommen. Das einfache Schema von Maslow beispielsweise, das meist verwendet wird, kann dabei helfen, die eigene Sicht der Dinge zu reflektieren (darüber nachzudenken).
Gleiches gilt für die soziologischen Untersuchungen zu den jugendlichen Gegenwelten. Das Kommen und Gehen von Altersgruppen (in der Soziologie Kohorten genannt) erkennen, hilft die eigene Rolle in einer solchen „Gegenwelt“ besser zu verstehen („verorten“ ist das Fachwort) und auch selbstverantwortlich verändern.

Immer wieder ist es interessant gewesen, die verschiedenen Modezyklen zu untersuchen. Jede Generation versucht sich so von der Elterngeneration abzugrenzen, was heutzutage allerdings sehr viel schwerer ist, weil die Modetrends die Altersgrenzen überwunden haben.

tmd.