Die Gewöhnung schläfert den Blick unseres Urteils ein

Schiedsrichter
Regel, Normen, Werte… – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Wenn in Ethik Sachverhalte angesprochen werden, die nicht mit einfachen Merksätzen beschrieben werden können, dann taucht meist ein Sinnspruch eines Philosophen in einem Textschnipsel auf, der gut klingt, aber auch erst wieder interpretiert werden muss. Michel de Montaigne (1533-1592) ist so einer, der sich mit Moral und Sitte beschäftigt hat. Ließt man längere Text von ihm, z.B. „Die Verschiedenheit der Sitten“, dann ist man von seiner erkenntnistheoretischen Kritik überrascht. Der Mann hat vieles vorausgedacht.

„Die Gewöhnung schläfert den Blick unseres Urteils ein.“

Wir werden in eine Welt hineingeboren und akzeptieren alle möglichen Normen und Werte, ohne größeren Protest. Würde man die eigenen Gewohnheiten aber aus dem Blickwinkel fremder Kulturen betrachten können, würden wir schnell erkennen, dass viele unserer Verhaltensweisen schon sonderbar sind. Umgekehrt geht das schon einfacher. Montaigne bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel, dass es Völker gibt, „bei denen man dem den Rücken zuwendet, den man begrüßt, und den niemals anblickt, den man ehren will.“ Montaigne bezeichnet das als „Grillen“. Interessanterweise beschäftigt er sich ausdrücklich nicht mit den „plumpen Lügengewebe der Religionen“.
Vielmehr geht es ihm um den Nachweis, dass unsere Vernunft eben nicht allein ausreicht, den von Gewohnheit getrübten Blick zu klären. Montaigne ist der Meinung, dass die Vernunft bereits in der Gewohnheit drinnen steckt und deshalb nicht gegen die Gewohnheiten in Stellung gebracht werden kann.

Was heißt das nun in unsere Sprache übersetzt? Unsere Sitten und Moralen sind selbstverständlich Menschenwerk. Daran lässt Montaigne keinen Zweifel. Aber wie soll man die Entstehung von Moralen durchschauen? Wie soll man erkennen, dass sie von den gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsstrukturen derart durchsetzt sind, dass man ihren Ursprung nicht erkennt? Montaigne geht sogar soweit zu behaupten, dass unsere Theorien über Vergesellschaftung nicht objektive Gesetze sind, sondern unserer Gewohnheit folgen. Wissenschaftstheoretiker von heute würden ihm wohl zustimmen.
Das erinnert nun schon sehr an Marx und das falsche Bewusstsein.
Montaigne rät aber nicht zu Revolution, sondern zur Selbsterkenntnis. Die Gesellschaft gesundet von ihren Leiden nur durch den einzelnen Menschen. Das Leiden an der Gesellschaft ist der Weg zur Therapie der gesellschaftlichen Leiden.

tmd.