Über fehlende Selbstinspektion

Erkenne dich selbst – Quelle: Comfreak, Pixabay

Erkenne dich selbst: das ist so ein Merksatz, der richtig durchdacht werden sollte. Was man da erkennt, ist nicht immer erfreulich. Wollen wir doch alle gute Menschen sein – sind es aber nicht immer.

Friedrich Nietzsche, der unerbittliche psychologische Beobachter, hat diese Erkenntnis hergenommen, um auf unsere Gewohnheit der Projektion von negativen Charaktereigenschaften auf andere Menschen aufmerksam zu machen. Er meint: In dem Maße, in dem wir andere Menschen zu „Sündenböcken“ machen, lenken wir von unseren eigenen Schwachpunkten ab. (Menschliches, Allzumenschlich: Nr. 81,I)

Nietzsche nennt das: fehlende kritische „Selbstinspektion“. Er stellt fest: Die Selbstinspektion nimmt in dem Maße ab, wie der Unmut über andere Menschen zunimmt.

Wir erkennen dieses Verhalten auch und insbesondere im Mobbing in einer paradoxen Form. Das, was der Mobber an Selbsterkenntnis eigentlich unterdrücken will, das schreibt er dem Mobbingopfer zu. Gemeint ist: Die Angst, so zu sein wie ein anderer, ist nur zu ertragen, wenn die negativen Merkmale der anderen Person zugeschrieben werden.

Also: Achtung Mobber – ihr seid durchschaut!

tmd.

Tanz der Tiefseequalle

Mobbing – Quelle: tdesigns, Pixabay

Das Thema Mobbing und Außenseiter ist ein zentrales Thema im Ethikunterricht der 6. und 7. Klasse. Es ist ein Glücksfall, dass immer mehr Kinderbuchautoren die beiden Themen aufgreifen und spannend umsetzen. Auf die Textschnipsel und die dümmlichen Fallgeschichten der Lehrbücher kann man deshalb leicht verzichten.

Mit Tanz der Tiefseequalle hat Stefanie Höfler eine Geschichte vorgelegt, die punktgenau in den Lehrplan (G8) in Bayern passt. Die Strukturen und die Methoden von Mobbing werden beschrieben. Die Geschichte ist glaubwürdig und absolut in der Welt der SuS. Sehr wichtig ist: Stefanie Höfler legt die informellen Strukturen einer Gruppe (hier einer Klasse) offen. Die Außendarstellung einer Klasse – und nur die sieht der Lehrer/die Lehrerin – ist nun mal etwas anderes als die informellen Strukturen.

Beispiel: Als die Ereignisse im Ferienlager eskalieren, versucht die Lehrerin die Lage in den Griff zu bekommen. „Die hält wahrscheinlich drinnen gerade eine extralage Standpauke zum Thema Mobbing und andere in Ruhe lassen, Respekt und Toleranz, das ganze Blabla.“ (S. 63)

Dieses Blabla ist es, das die SuS langweilt und nervt im Unterricht. Die Gründe sind naheliegend. Es soll psychologisches und soziologisches Wissen angesammelt werden, das später in die Leistungsbewertung einfließt. Ziel ist also die Leistungsbewertung und nicht das Sammeln von Expertenwissen, um das Zusammenleben in einer Gruppe zu erleichtern.

Zurück zur Geschichte. Es geht um Nico und Sera. Er ist übergewichtig. Sie ist ein bildhübsches Mädchen. Er wird gemobbt, sie gerät in den Fokus der Mobber. Die Mobber sind allesamt Waschlappen. Unterstützung finden die beiden – wie so oft – bei Typen, die ebenfalls Außenseiter sind oder mittelschwer durchgeknallt.

„Ich bin auch nicht der Einzige“, sagt Lenni. „Gibt noch ein paar mehr Leute, die auf eurer Seite sind.“ Auf eurer Seite, sagt er. (S. 180)

Die Geschichte ist jeweils aus der Perspektive von Nico und Sera erzählt. Seine Sprache ist episch. Sera kommuniziert eher im Telegrammstil.
Im letzten Kapitel kommen beide absatzweise zu Wort.

tmd.

Nicht mehr kindisch sein

Mit dem Übergang von der Kindheit ins Jugendalter wird Moral erst so richtig wichtig. Moralisches Handeln war vorher antrainiertes Verhalten. Mit dem Erwachsenwerden ist Moral endgültig eigenverantwortliches Handeln. Jetzt kann man nicht mehr „kindisch sein“. Man muss zwischen unterschiedlichen Regeln (Vorzugsregeln) unterscheiden und die passenden Regeln für die entsprechende Situation wählen. Nicht ganz einfach, weil alle Regeln, Normen und Werte zunächst gleiche Wertigkeit für sich beanspruchen.

Kein Kind mehr sein
Kein Kind mehr sein – Quelle: cgordon8527, Pixabay

Wie lernt man in dieser „neuen Unübersichtlichkeit“ die richtigen Entscheidungen zu treffen? Normalerweise durch Orientierung an denen, die es schon geschafft haben, erwachsen geworden zu sein, also an den Vorbildern. Aber welches sind die richtigen Vorbilder?

Lebensgeschichten – fiktive oder auch reale – können diese Frage beantworten. Sind es Geschichten, die leicht verfremdet eigene Erfahrungen des Geschichtenerzählers wiedergeben, umso besser.
Henning Mankell hat 1992 mit seinem kurzen Roman „Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war“ eine autobiographische Geschichte des Übergangs von der Kindheit zum Jugendalter vorgelegt, das die damit verbundenen Probleme aufgreift: Mobbing, falsche Vorbilder und Identitätsfindung.

Die Hauptperson, der elfjährige Joel, löst sich aus der vom Vater bestimmten Vater-Sohn-Beziehung. Viele Eltern fürchten diese Prozesse. Sie werden als Entfremdung wahrgenommen. Für Joel und auch den Vater ist das aber kein Verlust. In Mankells Jugendbuch ist es eine Win-win-Situation. Der Roman ersetzt spielend vier Lehrbuchseiten mit Textschnipseln und Wimmelbildern zum Thema erwachsen werden.

tmd.

Leiden an Lebenslügen

Prinzip Eisberg – Quelle MartinFuchs, Pixabay

Das Eisbergmodell in der Psychologie ist ein leicht verständliches Modell für die Erklärung von menschlichem Handeln. Dabei werden Handlungen nicht durch Gründe erklärt, die wie die Handlungen selbst sichtbar sind. Die Gründe für die Handlungen sind – wie der größte Teil eines Eisbergs – nicht sichtbar, weil unter Wasser.

Bereits in der 7. Klasse Gymnasium ist das Eisbergmodell Thema in Ethik. Eine robuste Erklärung für Konflikte soll das Modell darstellen. Die Textschnipsel in Ethikbüchern sollen dazu dienen, das Modell mit Leben zu füllen. Aber es sind eben nur Schnipsel. Sie reichen nicht aus, um den nicht sichtbaren Teil des Eisbergs zu füllen. Von den bekannten Fakten zum Konflikt werden Gründe erdacht, die logisch passend sind oder von denen die SuS schon mal gehört haben: Mobber sind irgendwann einmal selbst gemobbt wurden. Das ist oft der Fall, aber eben nicht immer. Die Erklärung für Konflikte ist meist viel komplexer (vielschichtiger).

Lauren Oliver hat 2010 mit Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie das Gegenstück zu psychologischen Textschnipseln vorgelegt. Eine kompakte Entstehungsgeschichte von Mobbing, Selbstverleugnung und Selbsttäuschung. Auf 445 Seiten werden die Lebenslügen, der verzweifelte Kampf um Anerkennung, Liebe und Zuneigung der Hauptpersonen vorgeführt und demontiert. Seite um Seite erfährt der Leser, wie das morsche Gebäude von Inszenierungen in sich zusammenbricht. Das Gebäude, das eigentlich von den sensiblen und empfindlichen Kinderseelen errichtet wurde, um die Ängste niederzukämpfen. Die Ängste vor Einsamkeit und Ausgeschlossensein. NICHT.DAZU.GEHÖREN. Die Inszenierungen sind brutal komisch. Und sie sind realistisch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lauren Oliver die Geschichte aus der Perspektive einer – ja genau! – einer Toten erzählt.
Samantha, so heißt die Hauptperson, geht durch die Hölle einer unkontrollierten Psychotherapie. Dabei befreit sie sich aus den Zwängen ihrer Mädchen-Clique, demaskiert ihren Freund als einfältigen Angeber, der, wie die meisten Männer in dem Buch, nur Sex Drugs and Rock n Roll im Kopf hat, rettet einem Mädchen das Leben und findet sogar die große Liebe ihres Lebens.

Wenn du stirbst ist wieder ein Beispiel dafür, dass der Einsatz einer kompakten Lektüre zum Thema Konflikte und Mobbing auch im Ethikunterricht mehr leistet als ein Dutzend Textschnipsel in farbigen Kästchen mit bunten Bildern. Und: Mobbing-Täter können sich nur selbst heilen. Sie müssen erkennen, dass sie Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen haben. Ohne diesen Erkenntniszuwachs bleibt Sozialkompetenz ein antrainiertes Rollenspiel.

tmd.

Kuscheltiere erlaubt

Vor 10 Tagen erzählte ich in diesem Blog zum Thema Mobbing ein typisches Beispiel: Ein Mädchen in der Unterstufe einer weiterführenden Schule wird von den anderen gemobbt, weil es noch mit Plüschtieren spielt.

Teddy in Fahrradkorb
Kuschel erlaubt – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Jetzt hat ein Beitrag in der regionalen Presse in Franken das Thema in ein neues Licht gerückt: Auch Erwachsene haben Kuscheltiere und bekennen sich dazu. Mehr noch: Erwachsene lassen sich mit ihren Kuscheltieren photographieren.

Also: Entwarnung bei allen Kindern, die ohne ihre diversen Kuschelkameraden nicht leben können. Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen eine Flut von Selfies mit Plüschtier gepostet werden.

Sind also Erwachsene in Gefahr. Droht ihnen die Infantilisierung?
Keineswegs! Es werden doch nur überholte Rollenbilder und Rollenzuschreibungen aufgegeben. Man kann das auch „Ballast abwerfen“ nennen. Eine aufgeklärte und entspannte Gesellschaft braucht das.

tmd.

Mobbing: Psychogramm des Täters

Wie oft muss sich der Autor dieses Blogs eigentlich noch mit dem Thema Mobbing beschäftigen? So oft, antwortet der geneigte Leser und E-Mail-Schreiber, bis die Zielgruppe des Blogs das Kompetenzniveau erreicht hat, dem Problem Mobbing nicht mehr hilflos gegenüber zu stehen. Das ist schließlich Sinn und Zweck des Moralunterrichts.

Mobbing ist ein zentrales Thema, auch und besonders in Ethik. Denn hier ist es nicht nur eine Frage der Praxis: Wie gehe ich als Pädagoge und als betroffener Schüler damit um? Es ist auch eine Frage der Theorie: Was sind die Ursachen und Anlässe? Gibt es Erklärungen? Letzteres ist ein Kompetenzthema meiner Zielgruppe (nicht nur in der 7. Klasse).
Natürlich ist jedem klar, dass Mobbing moralisch nicht akzeptabel ist. Daraus lässt sich dann ableiten, dass diejenigen, die Mobbing betreiben, nicht einsichtig sind. Sie haben es nicht oder noch nicht begriffen, dass sie das eigentliche Problem sind.

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich mehrfach die Meinung vertreten, dass Mobber mit der komplexen, sich schnell verändernden Umwelt und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht zurechtkommen. Man könnte auch sagen: Im Prozess des Erwachsenwerdens haben diese Kinder keine „Roadmap“. Nicht etwa die falsche, wohlgemerkt, sie haben KEINE.
Aufklärung und Schadensvermeidung heißt bei diesem Thema, sich auch mit dem Psychogramm des Mobbers zu beschäftigen. Nicht wissenschaftlich und abstrakt, sondern in Beispielen.

Schwäche – Quelle: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay

Im Folgenden will ich mich also nicht damit beschäftigen, wie man Einsicht bei Kindern mit unsozialem Verhalten herstellt. Sehr viel hilfreicher ist es, die Technik des Mobbens offenzulegen mit dem Ziel, dem Mobber zu sagen: Du bist enttarnt und überführt. Wir kennen dein mieses Spiel.

Eine schwache Persönlichkeit – nichts anderes sind Mobber – sucht sich in einer unübersichtlichen, komplexen und neuen Situation Hilfe. Sie will eine Situation herstellen, in der sie sich sicher fühlt. Wovor fürchtet sich der Täter? Als Versager oder Schwächling zu gelten und von den anderen nicht akzeptiert zu werden.

Thomas Hobbes, den wir in der 7. Klasse als schlauen Philosophen kennenlernen, hat das herausgefunden. Fehlendes Selbstvertrauen ist ein Grund für Streiterei und Konflikte. Mobbing ist ein versteckter Konflikt.
Die einfachste Methode für eine Person ohne Selbstvertrauen, Sicherheit für sich herzustellen, ist, in einer Gruppe eine oder mehrere Gruppenmitglieder auszumachen, denen die Rolle des Außenseiters oder Sonderlings zugewiesen wird. Damit will der Mobber von sich ablenken. Das Interesse der Gruppe soll auf das Opfer gelenkt werden. Außerdem sucht sich der Mobber vorher einige andere noch schwächere Persönlichkeiten unter den Mitschülern/-innen. Denen verspricht er, dass er ihnen Schutz bietet. Stichwort: Gemeinsam sind wir stark.
Gemeinsam kann man sich nun dem Opfer zuwenden. Der Haupttäter versucht dabei aus dem Hinterhalt zu handeln. Hier ein Handlungsmuster von mehreren.

Phase 1: Zunächst werden über das Opfer Gerüchte in Umlauf gebracht. Beispiel: Über eine Mitschülerin wird erzählt, dass sie noch mit Plüschtieren spielt. Diese Gerüchte kann das Opfer nicht aus der Welt räumen. Es weiß davon noch nichts.

Phase 2: Das Opfer erfährt von den Gerüchten und will Klarheit herstellen. Der Mobber/die Mobberin muss jetzt sehr vorsichtig sein. Die Helfer werden beauftragt, mit dem Opfer die Sache zu klären: „Wir klären das untereinander.“ Allerdings liegt die Beweislast beim Opfer. Das Opfer soll die Gerüchte aus der Welt schaffen durch eine Gegendarstellung. In unserem Beispiel geht das nur durch eine Gegenbehauptung. Und die ist so gut wie nichts wert, wird aber von den Helfern des Mobbers angenommen. (Anmerkung: Helfen würde es hier, den Psychologen der Schule einzuschalten. Dann hat der Täter nämlich so gut wie verloren.)

Phase 3: Das Thema (Plüschtiere) wird jetzt wie beiläufig im Beisein des Opfers nochmals thematisiert. Das Opfer wehrt sich. Der Mobber/die Mobberin handelt jetzt anders als erwartet. Er/Sie entschuldigt sich. Das Opfer kann nicht anders, als die Entschuldigung anzunehmen.

Phase 4: Die Angelegenheit ist damit nicht beendet. Die Geschichte mit den Plüschtieren wird immer wieder erneut hervorgeholt, gefolgt von einer Entschuldigung. Die ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits wertlos.

Phase 5: Das Opfer kann ab sofort mit der Plüschtier-Geschichte ständig gemobbt werden. Die Täter können sich immer herausreden, dass es nur Spaß sei usw., und man sich entschuldigt hat.

Ich habe das Beispiel mit den Plüschtieren bewusst gewählt, weil es noch harmlos ist. Die Wirklichkeit ist brutaler. Schon in der Unterstufe wird mit harten Bandagen gekämpft.

Aus der Literatur wissen wir, dass es Mobbing in Schulen schon immer gab. Soll man das Problem also hinnehmen und ertragen? Typischer naturalistischer Fehlschluss. Dann wäre Moralunterricht sinnlos. Die Methode der Mobber, dem Opfer die Außenseiterrolle zuzuschreiben, muss offengelegt werden, muss transparent gemacht werden. Nicht nur die Pädagogen, sondern auch die Kinder müssen das miese Spiel dieser schwachen Persönlichkeiten als solches erkennen, kritisieren und beenden.

tmd.