Trivialisierung des Moralunterrichts

Ohne Erkenntnistheorie ist jeder Moralunterricht beliebig und gerät zur Ansammlung von Aphorismen und Deutungen philosophischer, soziologischer und psychologischer Fragen. Erkenntnistheorie heißt, sich mit der Leistungsfähigkeit menschlicher Erkenntniskraft auseinanderzusetzen. Gelegenheit dazu bietet sich bei den Themen Freiheit und Verantwortung sowie Vernunft und freier Wille.

Freiheit und Verantwortung sind aneinander gekoppelt durch Normen und Werte, wobei die Normen von einem autonomen Bewusstsein hergestellt werden. Vernunft und freier Wille sind gekoppelt durch die Einsicht, dass nur ein freier Wille ein guter sein kann (aber nicht muss), aber ohne Einsatz der Vernunft moralisch bedeutungslos bleibt.

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Vereinfachung – Quelle: counselling, Pixabay

Diese sehr komprimierte Darstellung des Zugangs zur Erkenntnistheorie überfordert jeden Anfänger im moralischen Diskurs. Deshalb müssen die komplexen Inhalte von Ethik trivialisiert werden, vereinfacht werden.

Die Beschäftigung mit den Vertragstheoretikern Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant sind Beispiel dafür. Schwerpunkt sind dabei der Vergleich von Naturzustand und Regierungsbildung bei den Theoretikern. Aber bereits bei J.J.R. wird klar, dass die Vernunft – allein auf sich gestellt und unkontrolliert – ein unauflösbares Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit hervorbringt.

Erst Kant zieht die Konsequenzen aus den Grenzen der Erkenntniskraft der Vernunft.
Das sind jedoch die Inhalte, die nicht behandelt, nicht diskutiert werden. Begründung: zu komplex – deshalb vereinfachen, trivialisieren.

Die SuS durchschauen diese Trivialisierung, reagieren aber nicht mit Nachfragen. Die derart trivialisierten Lehrinhalte sind nämlich abfragbar. Mit diesem Wissen können Noten gemacht werden. Die erkenntnistheoretischen Schlussfolgerungen jedoch münden in die Erkenntnis (wenn sie denn erfolgt), dass unsere Moral auf einem sehr dünnem Fundament steht. Oder, wie es die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann beschrieben haben: Man versucht einen Bus anzuschieben, in dem man gleichzeitig sitzt.

tmd.

Stichwort: Gemeinwille

Jean-Jacques Rousseau will die natürlichen Rechte des Menschen – Freiheit und Gleichheit – mittels Gesellschaftsvertrag sichern. Der Vertrag wird zwischen den Menschen eines Landes geschlossen und soll die einzig legitime Form von Herrschaft sein.

Fantasy, Märchenhaft
Freiheit oder Gleichheit – Quelle: kellepics, Pixabay

In diesen Vertrag treten die Menschen ein und geben dabei alle ihre persönlichen Rechte und Freiheiten auf. An Stelle dieser natürlichen Freiheiten erhalten sie rechtlich festgelegte Freiheiten. Jeder erhält die gleichen Freiheiten. Die Qualität der Freiheiten werden vor Vertragsbeginn von den Vertragsschließenden festgelegt. Niemand erhält also Freiheiten, die er nicht wollte und niemand erhält Freiheiten, die ein anderer nicht hat. Damit haben alle die gleiche rechtlich verbriefte Freiheit und sind somit gleiche Bürger.
J.J.R. meint damit, Freiheit und Gleichheit vom Naturzustand in den Staat gerettet zu haben. Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit wird aber nicht gelöst. Man ist als Bürger immer zuerst ein „gleicher“ und dann erst ein „freier“ Bürger.
In der politischen Mitbestimmung und in der Regierung taucht der Begriff „Gemeinwille“ auf. Gesetze werden von den Bürgen gemacht unter dem Aspekt, dass diese ihre Freiheit sichern wollen. Nichts wird beschlossen, das den Freiheitsrechten des Bürgers entgegensteht. Die Gesetze, die von den Bürgern gemacht werden, werden eingehalten, weil sie von ihnen selbst gemacht wurden. Die Ausführung der Gesetze wird an eine Regierung übergeben, die sich an die Gesetze halten müssen. Sie haben keinerlei Interpretationsspielraum.

Sollte es bei Volksabstimmungen abweichende Meinungen geben – Minderheitsmeinungen – dann haben sich die Bürger, die in der Minderheit sind, geirrt. J.J.R. macht hier einen schweren Konstruktionsfehler, indem er annimmt, dass die Mehrheit immer Recht hat.
Seine Erklärung dafür, dass sich die Mehrheit nicht irrt, hat einen logischen Fehler. Er meint, dass der Gemeinwille das wiedergibt, was alle Bürger gemeinsam wollen. Das, was es an unterschiedlichen Sonderwillen noch gibt, das geht über den Gemeinwillen hinaus, es ist nur der Gesamtwille.
Ähnlich verfährt J.J.R. auch beim Eigentum. Niemand darf mehr besitzen als ein anderer. Eigentum wird so zum Volkseigentum.

tmd.

Vergesellschaftung und Moral

Ich bin gefragt worden, was Vergesellschaftung und Gesellschaftstheorie mit Ethik zu tun haben. Die Frage ist berechtigt. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau lässt das Ziel der Aufgabe in den Hintergrund rücken. Zuweilen vergisst man, weshalb und warum man sich mit den Theorien beschäftigt. Außerdem gibt es etliche Literatur zum Thema, in der genau der moralisch Aspekt ausgeblendet ist.
Deshalb hier eine kurze Anmerkung zu Vergesellschaftung und Moral.

Rousseau und Hobbes sind der Meinung, dass die Menschen eine politische Ordnung nur mittels eines Vertrages herstellen können. Dazu gebrauchen sie außerdem ihre Vernunft. Ohne Vernunft geht also gar nichts bei den Vertragstheoretikern. Ohne Vertrag würden die Menschen im sogenannten Naturzustand weiterleben oder in einem Zustand, der sich „naturwüchsig“ aus den vorhandenen Menschenrechten (Freiheit und Gleichheit) entwickeln würde.
Hier zeigt sich, dass Hobbes und Rousseau nicht mehr die antike Vorstellung hatten, dass sich die Menschen als „politische“ Wesen ohne eigenes Zutun zu einem Staat zusammenschließen würden.

Fotomontage, Gesichter
Aspekt Menschenbild – Quelle: geralt, Pixabay

Also: Die antiken Menschen haben immer in politischen Verhältnissen gelebt, meinten sie. Sie mussten sich nur noch darum kümmern, dass es die „richtige“ politische Ordnung sei. Richtig war die politische Ordnung dann, wenn es eine „gute“ Ordnung war. Die Probleme, die sich dadurch ergaben, sind hier im Blog bei Platon, Sokrates und den Sophisten beschrieben.

Die politische Philosophie der Neuzeit hatte also ein doppeltes Problem.

  • Erstens: Sie musste eine politische Ordnung herstellen durch Vertrag und dabei auf das jeweilige Menschenbild achten bzw. es beim Vertragsentwurf berücksichtigen.
  • Zweitens: Sie mussten beim Vertragsentwurf darauf achten, dass die politische Ordnung eine „gute“ Ordnung sei.

Bei Hobbes ist die Ordnung die richtige, die Sicherheit herstellt. Bei Rousseau ist das Kennzeichen der guten Ordnung, die Freiheit und (!) die Gleichheit der Bürger herzustellen.

Nicht vergessen darf man, dass alles von der Vernunft des Menschen abhängig war. Nicht bedacht wurde dabei, dass sich die Vernunft auch recht willkürlich verhalten kann. Erst Immanuel Kant hat sich Gedanken gemacht, wie man die Vernunft vor Willkür schützen kann.
Vergesellschaftung ist also gar nicht so einfach. Die Vernunft muss den Menschen im Blick haben und versuchen zu verstehen, wie er „funktioniert“. Die Vernunft muss aber auch die mögliche politische Ordnung im Blick haben und fragen, ob es eine richtige, die „gute“ Ordnung ist. Das ist die Frage nach der Moral.

tmd.

Merkzettel: Thomas Hobbes

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Gleichheit – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Der Mensch ist grundsätzlich egoistisch und gewaltbereit. Sein Ziel ist es, sich alles anzueignen, was er haben will. Er ist gierig. Hat er einen Wunsch befriedigt, wartet sofort der nächste Wunsch. Soweit Hobbes über den Menschen im Naturzustand.
Der Naturzustand ist ein Gedankenexperiment. Hier wird erzählt, wie sich der Mensch ohne Gesetzte und Ordnungsmacht verhält. Es ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser Zustand ist also eine Fiktion. Der Naturzustand soll illustrieren, wie der Mensch von Natur aus ist. Hier kann er seine natürlichen Rechte ausleben. Der Naturzustand zeigt auch, dass sich aus den Naturrechten (Freiheit, Gleichheit) ohne Zuhilfenahme der Vernunft keine politische Ordnung entwickeln lässt.

Mit Vernunft kann der Mensch die Naturgesetze ermitteln. Naturgesetze sind keine physikalischen Gesetze. Naturgesetze sind von der Vernunft ermittelte Vorschriften wie:

  • jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb;
  • geschlossene Verträge soll man halten;
  • für einem Friedenszustand sollen alle die gleichen Rechte haben.

Diese von der Vernunft erkannten Vorschriften (Naturgesetze) können die Bürger für einen Vertrag weiterverwenden: Das ist der Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag wird zwischen allen Bürgern eines Staates geschlossen. Ziel ist es, den Naturzustand mit dem „Krieg aller gegen alle“ zu beenden.

Im Gesellschaftsvertrag geben die Menschen ihr Recht ab, sich alles, was sie wollen, auch gegen den Willen der Mitmenschen anzueignen. Der Vertrag sorgt dafür, dass der Staat – als abstrakter Herrscher – für die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags sorgt. Der Vertrag gibt den Menschen Sicherheit. Dafür opfern sie einen erheblichen Teil ihrer Freiheit.

Merksatz: Sicherheit statt Freiheit.

Die Bürger sind gezwungen, sich an den Vertrag zu halten. Der Vertrag kann nicht einseitig geändert werden.

Verletzt der Staat jedoch die genannten Naturgesetze, dann ist der einzelne Bürger sehr wohl berechtigt, sich zu wehren. Insbesondere dann kann sich der Bürger von seinem Staat verabschieden, wenn der Staat seine Schutzfunktion aufgibt.

tmd.

Freiheit und Gleichheit: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. will mit seinem Gesellschaftsvertrag eine politische Ordnung herstellen, in der Freiheit und Gleichheit gewährleistet sind.
Er beginnt damit, dass er grundsätzlich nach Legitimation von Herrschaft fragt. Zu seiner Zeit gab es drei Arten von Legitimation: Herrschaft von Gottes Gnaden, Naturrecht und ein Gesellschaftsvertrag.

Freiheit und Gleichheit
Freiheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

Gesellschaftsvertrag meint: die Bürger eines Landes schließen einen Vertrag, in dem die Herrschaft geregelt ist.
Herrschaft von Gottes Gnaden erwähnt er in seinen Überlegungen nicht. Das Naturrecht würdigt er, indem er Freiheit und Gleichheit als naturgegebene Rechte eines jeden Menschen bestimmt. Aus diesen Naturrechten lässt sich aber keine Herrschaft ableiten.
Warum ist das so?
J.J.R. hat ein bestimmtes Menschenbild. Der Mensch ist ein Einzelgänger, der den anderen Menschen besser aus dem Wege geht. Er ist frei und unabhängig und will es bleiben. In diesem Naturzustand kann der Mensch aber nicht überleben. Er ist in der Natur nicht überlebensfähig. Alle anderen Lebewesen sind ihm eigentlich überlegen. Also muss er sich mit anderen Menschen zusammenschließen, um sich zu schützen gegen die übermächtige Natur. Dieser naturwüchsige Zusammenschluss funktioniert jedoch nur in der Familie. Dort sind die Herrschaftsverhältnisse angebracht. Sobald aber der Mensch alt genug und vernünftig ist, braucht es eine andere Herrschaftsform. Es braucht eine Herrschaftsform, in der Gleichheit und Freiheit des Menschen gewährleistet sind. Das ist der Gesellschaftsvertrag.
Überlässt man es dem Zufall, dann wird die Vergesellschaftung zu einem Gefängnis für die meisten Menschen. Sie leben in Unfreiheit und sind nicht mehr gleich, weil sich einige Menschen mehr Rechte nehmen und die anderen Menschen beherrschen.
Nachdem J.J.R. diese Überlegungen abgeschlossen hat, geht es darum, einen Vertragsentwurf für einen Gesellschaftsvertrag zu machen, der den Menschen Schutz vor der übermächtigen Natur bietet, aber gleichzeitig auch Freiheit und Gleichheit herstellt.
J.J.R. sagt, alle Menschen haben dieses Ziel, nämlich frei und gleich zusammen zu leben. Im Vertrag muss also stehen, dass die Vertragschließenden, wenn sie vergesellschaftet sind, alle die gleiche Freiheit haben sollen.
Damit sie aber wirklich gleich sind, müssen sie mit dem Vertragsschluss ihre bisherigen Rechte auf individuelle Freiheit abgeben. Dafür erhalten alle Menschen die gleiche Freiheit, die im Vertrag zugesichert ist und die individuelle Freiheit ersetzt. Alle Bürger haben jetzt die „gleiche Freiheit“.

tmd.

Stichworte: Naturrecht, Naturgesetz

Polizeiboot
der Staat hat das Gewaltmonopol – Quelle: ptra, Pixabay

Thomas Hobbes macht einen Unterschied zwischen Naturrechten und Naturgesetzen, der für seine Staatstheorie notwendig ist.

Naturrechte sind dem Menschen im Naturzustand gegeben. Der Mensch hat das Recht darauf, alles zu besitzen und die Freiheit, alles zu tun, was er will. Das ist grenzenlose Freiheit und unbeschränktes Recht ohne jegliche Verantwortung.
Es ist „die Freiheit, nach welcher ein jeder zur Erhaltung seiner selbst seine Kräfte beliebig gebrauchen und folglich alles, was dazu beizutragen scheint, tun kann.“ (Leviathan, Kap. 14).

Naturgesetze sind Erkenntnisse der Vernunft. Der Mensch kann, wenn er seine Vernunft gebraucht, erkennen, dass es Regeln braucht, um konfliktfrei zusammenzuleben. Diese Regeln kann der Mensch selbst herstellen.

Daraus folgt aber, dass es eine Staatsgewalt geben muss, die für die Einhaltung der Gesetze sorgt.

Vom Naturrecht (grenzenlose Freiheit verbunden mit dem Krieg aller gegen alle) gelangt man durch Vernunft (Erkennen von Naturgesetzen: Friede muss hergestellt werden) zu einer Rechtsordnung (vom Menschen gemacht), die durch einen starken Staat geschützt und umgesetzt wird.

tmd.

Zwischen Freiheit und Diktatur – Zur Rettung der politischen Philosophie von J.J.R.

Jean Jacques Rousseau gehört zu den politischen Philosophen, die leider immer wieder – besonders in Prüfungsvorbereitungen – auf einige Schlagworte reduziert werden. Bei J.J.R. ist das der Naturzustand, der Gesamt- und der Gemeinwille. Meist soll dann noch ein Vergleich zu Hobbes hergestellt werden, und das war es dann. Was dabei raus kommt, ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Da könnte man auch die „Adler“, Deutschlands erste Dampflokomotive, mit einem Intercity vergleichen.
Es wird so getan, als ob unsere SuS nicht selbst denken können.
Das schematische Vergleichen, um damit irgendwelche abstrusen Prüfungsfragen zu entwickeln oder Folien mit Tabellen zu produzieren, führt dazu, das J.J.R. – genauso wie Hobbes – zur Lachnummer der politischen Philosophie verkommen.

Das ist alles nur noch bedauerlich und peinlich zugleich. Das Erkenntnisinteresse von J.J.R. rückt dadurch vollkommen in den Hintergrund.

Und: Das hat J.J.R. nicht verdient. Er hat mit Thomas Hobbes und David Hume, (der aus unerfindlichen Gründen, im Lehrplan nur eine Nebenrolle spielt, aber doch so wichtig wäre), dafür gesorgt, dass Kant – unser deutscher Großmeister – weiter machen und denken konnte.
Bei J.J.R. stehen also das Gedankenexperiment zum Naturzustand des Menschen, sein Menschenbild und das Suchen und Finden des Gemeinwillens im Vordergrund. Daran kann man sich dann abarbeiten und viel Ungereimtes finden, Sonderbares und Widersprüchliches. Letztlich hat man den Eindruck, dass da vieles noch nicht richtig durchdacht war.

Das stimmt einerseits, weil J.J.R. sich über Umsetzung des Gemeinwillens nicht die wirklich letzten Gedanken gemacht hat. Andererseits hat er in seinen Schriften vermerkt, dass manches wohl nicht so funktionieren wird, wie erdacht.

Was also tun? Klarheit schaffen!

Ich will also genau das versuchen. Als Grundlage dienen meine früheren Beitrage zu J.J.R. in diesem Blog. Es gibt einen Absatz aus seiner Schrift „Der Gesellschaftsvertrag“, der wohl in den meisten Ethikbüchern abgedruckt ist. Den sollte man aber auch aufmerksam lesen!

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. Wie hat sich diese Umwandlung zugetragen? Ich weiß es nicht. Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen? Diese Frage glaube ich beantworten zu können.“

Der Leitgedanke von J.J.R. ist: die Legitimation von Herrschaft.
Er schreibt: „Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen.“ Mit „ihr“ meint er die Herrschaft! Es geht nicht um Naturzustand, nicht um irgend ein Gedankenexperiment, es geht um Herrschaft, wer sie ausübt und wie der Mensch dabei seine Freiheit behält.

Herrschaft und die Kunst, frei zu bleiben – Quelle: geralt, Pixabay

Merke: Nur in diesem Punkt gibt es Vergleichsmöglichkeiten mit Hobbes und Kant. Der Vergleich ist aber beinahe trivial! Es gibt keine Unterschiede! Der freie und gleiche Bürger soll Herrschaft ausüben. Punkt! Nichts anderes! Und jetzt kommen die unterschiedlichen Begründungen, die natürlich historisch bedingt sind. Menschen versuchen das Gleiche mit unterschiedlichen Begründungen zu rechtfertigen. Mehr nicht!
Und darüber sollen dann Prüfungen geschrieben werden. Über eine Nebensache, die nur Wissenschaftshistoriker interessieren. Dort haben sie natürlich eine immense Bedeutung. Aber nicht beim Thema Moral im Ethikunterricht.

Hier geht es bei den drei Philosophen-Titanen um den Versuch, den Menschen in seine Rechte zu setzen. Nicht mehr Herrschaft von Gottes Gnaden oder durch vermeintliche Naturnotwendigkeit. Der Mensch ist frei und gleich! Was bei uns heute – leider – in Vergessenheit gerät, war für die drei Vor-Denker das Erkenntnisinteresse und ihr eigentliches Anliegen: Kann man Freiheit und Gleichheit im Paket retten? Gedankenexperimente über den Naturzustand dienen nur der Erklärung ihrer Lösungsvorschläge.

Freiheit oder Diktatur
Interessant für politische Philosophen ist das Spannungsverhältnis, das entsteht zwischen der Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Menschen einerseits und der politischen Willensbildung in einem Gemeinwesen, dem Gesellschaftsvertrag, andererseits. Ein Vertrag mindert in jedem Fall die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Ein Leben ohne Vertrag ist nur möglich in Einsamkeit und Lebensgefahr. Dann aber ist die Sicherheit des Menschen nicht gewährleistet. Das Spannungsverhältnis ist heute in unserer Demokratie aufgehoben (gerettet) in der Kompromissdemokratie. Es ist die Vermittlung von Einzelwille und Gemeinwille/Gemeinwohl. Der Gemeinwille ist dabei nie statisch, er ist ein dynamischer Prozess der Willensbildung. Dieses politische Spannungsverhältnis müssen wir ertragen. Wir sind nicht unumschränkt frei. Meine Freiheit endet am Grenzzaun der Rechte des Mitbürgers. Und wir sind nur rechtlich gleich, aber ansonsten sehr verschiedene Menschen. Der Vorschlag zur Vergesellschaftung von J.J.R. ist dabei ein Extremvorschlag. Er will Freiheit und Gleichheit ohne Verluste. Dadurch wird das Spannungsverhältnis aufgehoben und die Freiheit wird der Gleichheit geopfert. Das Ergebnis ist eine Diktatur.

tmd.

Thomas Hobbes revisited

Der Selbsterhaltungstrieb bringt den Menschen dazu, Verträge mit anderen Menschen zu schließen, die Sicherheit garantieren.

Der kurze Text zu Thomas Hobbes „Sicherheit statt Freiheit“ in diesem Blog bedarf unbedingt einer Ergänzung, die über das Minimalwissen für eine Prüfung hinausgeht.

Hobbes ist der erste von den drei Theoretikern (die in der 10. Klasse an bayerischen Gymnasien behandelt werden), die sich Gedanken über einen Gesellschaftsvertrag gemacht haben. Bei einem Vergleich mit den anderen wird er immer wieder zu Unrecht in die Ecke gestellt. Insbesondere in die rechte. Einige Interpreten machen ihn zum Vordenker eines totalitären Staates. Andere versuchen seine Beschreibung des Naturzustandes in Frage zu stellen, indem sie nachweisen, dass die Argumente von Hobbes eigentlich nur Spekulation sind. Da braucht man nichts nachweisen. Es ist ein Gedankenexperiment.

So einfach will ich es mir nicht machen, Hobbes gerecht zu werden.
Außerdem wissen wir bereits, das die philosophische Erkenntnis, und natürlich auch die naturwissenschaftliche (nicht alle Naturwissenschaftler hören das gerne) abhängig ist vom Interesse.

Der Naturzustand bei Hobbes ist ein Gedankenexperiment! Man kann es nicht oft genug wiederholen. Den Naturzustand, den Hobbes beschreibt, konnte er – und können wir – historisch nicht nachweisen. Das ist aus seinen Texten nicht abzuleiten und man kann es auch nicht unterstellen, dass er so etwas wollte. Es ist richtig, dass Hobbes als Beispiel für vorstaatliche Gesellschaften die Indianer Amerikas nannte. Das waren zum Teil rassistische Spekulationen. Aber das macht das Gedankenexperiment insgesamt nicht hinfällig. Hobbes hat das Menschenbild des Staatsbürgers psychologisiert. Er hat gefragt, wie der Mensch in einem Staat in Sicherheit leben kann, wenn er so und nicht anders gestrickt ist, nämlich egoistisch. Das ist der eigentliche Fortschritt bei Schaffung eines Menschenbildes. Der Mensch ist nicht böse, weil es den Teufel gibt oder sonstige finstere Mächte, er ist egoistisch von Natur her.

Verstand gebrauchen
Den Verstand gebrauchen – Quelle: geralt, Pixabay

Hobbes ist ein Kind der Aufklärung. Er glaubt fest daran, dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen ist. Er bringt die Vernunft ins Spiel, lange bevor sie von Immanuel Kant besetzt wurde. Hobbes sagt, dass der egoistische Mensch erkennt, dass es bestimmte Naturgesetze gibt, die bei der Staatsbildung beachtet werden müssen. Naturgesetze sind bei Hobbes aber nicht physikalische Gesetze. Es sind von der Vernunft entdeckte Vorschriften für die Vergesellschaftung: Das ist z.B. das Streben nach Frieden, Einhaltung von Verträgen und vieles mehr. Hobbes macht im Leviathan etliche Vorschläge, die in ähnlicher Form später auch bei Kant in seiner Schrift zum ewigen Frieden auftauchen. Die Leistung der Vernunft leitet er aber nicht aus moralischen Vorschriften ab, sondern aus dem Selbsterhaltungstrieb des Menschen.

Ich will mich hier nicht mit der Widerlegung der oft unsachlichen Auseinandersetzung mit Hobbes aufhalten. Zwei Punkte erscheinen mir bemerkenswert und sollen hervorgehoben werden.

  • Hobbes war der erste Theoretiker, der die Staatsgründung und die Vergesellschaftung per Vertrag so ausdrücklich und zentral formulierte. Die Bürger stehen im Mittelpunkt, die Bürger handeln, die Bürger sind alle gleich!
  • Hobbes geht bei der Konstruktion seines Menschenbildes vernunftorientiert vor, also rational, nicht empirisch. Er ist eben ein Kind der Aufklärung. Wie ein Naturwissenschaftler fragt er, woraus der Staat besteht: aus Menschen. Also muss ich wissen, wie der Mensch funktioniert. Bei dieser Frage lässt er sich dann von seinen Erfahrungen aus dem englischen Bürgerkrieg leiten. Und Hobbes fragt weiter, wie muss der Gesellschaftsvertrag aussehen, wenn der Mensch so und nicht anders gestrickt ist, damit der Staat die Sicherheit der Bürger garantieren kann.

Die neuere Politikforschung hat Hobbes längst wieder entdeckt. Die Bürgerkriegssituation, die Hobbes in seiner Heimat England erlebt und gefürchtet hat, wird auf die Internationale Politik und ihre „neuen Kriege“, die asymmetrischen Kriege übertragen. Es hat schon einen gewissen Reiz, sich vorzustellen, dass ein „Leviathan“ auf unserem Planeten für Frieden sorgen könnte. Also kein IS-Terror, kein Syrien-Krieg usw.

tmd.

J.J. Rousseau: Ein Wille für alle

Jean-Jacques Rousseau (J.J.R.) schreibt im Gesellschaftsvertrag, 4. Buch, 1.Kapitel: „Solange sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und auf das allgemeine Wohlergehen bezieht.“ Ist das möglich, dass mehrere Menschen einen einzigen Willen haben? „J.J. Rousseau: Ein Wille für alle“ weiterlesen

Naturzustand

Der „Naturzustand“ ist ein Gedankenexperiment der Philosophen (hier Hobbes, Rousseau und Kant). Sie konstruieren damit ein angeblich natürliches und ursprüngliches Menschenbild: So ist der Mensch wirklich.

Gemälde von Lucas Cranach, das Adam & Eva im Garten Eden zeigt
Lucas Cranach, Adam und Eva – Wikipedia

Aber da ist wohl was schiefgelaufen, mit dem Menschen, sagt Rousseau. Denn der Mensch ist plötzlich gar nicht mehr glücklich wie im Naturzustand. Und Hobbes sagt, dass die Menschen sich gegenseitig ausrotten werden, wenn man gegen den Naturzustand nichts unternimmt.
Das Menschenbild des Naturzustandes ist also die Basis einer Gesellschaftsanalyse mit der großen Frage: Warum funktioniert die Vergesellschaftung nicht. Beide, Hobbes und Rousseau haben unterschiedliche Antworten, aber eine formal gleiche Lösung: Ein Gesellschaftsvertrag muss her, dann wird alles gut.
tmd.