J.J.R. als Politikbeobachter

Manchmal hilft es, in der schnelllebigen, hektischen Welt der Politik inne zu halten und einen Großmeister der politischen Philosophie zu befragen.
Dient die Politik den Bürgerinnen und Bürgern? Grundsätzlich ist das schon möglich. Politiker behaupten, dass sie für das Gemeinwohl tätig sind und den Gemeinwillen durchsetzen wollen – also das, was die meisten wollen. Aber in einem demokratisch-pluralistischen Politiksystem gibt es eben mehrere Parteien, die alle für sich reklamieren, dass sie genau das wollen – tätig sein für das Gemeinwohl und den Willen der Menschen.

Bundestag
Politik, ein Wettbewerb? – Quelle: LoboStudioHamburg, Pixabay

In demokratisch-pluralistischen Politiksystemen entscheidet der Wettbewerb, welche Partei das Gemeinwohl/den Gemeinwillen durchsetzt. Dazu passt, dass sich die Parteiprogramme einerseits immer ähnlicher werden, andererseits Polarisierungen helfen sollen, um Alleinstellungsmerkmale zu präsentieren und auf sich aufmerksam zu machen. Man will schließlich gewählt werden. Die angeführten Merkmale von Politik schließen nicht aus, dass es um das Gemeinwohl und den Willen der Menschen geht.

Was aber, wenn eine Partei abgewählt wird? Wenn der mündige und politisch kompetente Bürger einer anderen Partei den Auftrag gibt, das Gemeinwohl zu gestalten und den Gemeinwillen durchzusetzen? Jean-Jacques Rousseau kannte das Problem so nicht. Der Bürger entscheidet und will dabei seine Freiheit sichern. Das ist der Gemeinwille. Das wollen alle Bürger. Diejenigen, die nicht in diesem Sinne abstimmen, die sind verwirrt und irren sich.

Wie hätte J.J.R die Diskussionen nach der Wahl in NRW am letzten Sonntag beurteilt? Was die Torten- und Balkengraphiken der Meinungsforscher da im TV zeigten, das seien doch nur die vielen unterschiedlichen Ausprägungen des Gesamtwillens. Damit lässt sich keine an der Freiheit des Menschen orientierte Politik machen, würde er schlussfolgern. Wenn also eine Partei sich beklagt, dass sie nicht mehr gewählt wurde, dann hat sie nach J.J.R. nicht mehr für den Gemeinwillen gearbeitet, sondern für einen Teil des Gesamtwillens.

Völlig abwegig und überhaupt nicht zielführend würde J.J.R. es finden, wenn sich Parteien, nachdem sie abgewählt wurden, zusammen fänden, um eine künstliche Mehrheit zu bilden – nämlich aus mehreren Gesamtwillen -, die dann gegenüber den Bürgern als Gemeinwillen präsentiert wird. Es ist nur verständlich, warum J.J.R. die repräsentative Demokratie ablehnte.

tmd.

Gegenaufklärung mit Konstruktionsfehlern

In meinem Beitrag: „Gefangen im Kerker der Sinne“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine Idee des Bösen gibt.

Gehofft hatte ich, dass es dazu einen Kommentar gibt – von Seiten der Schüler/-innen. Eine E-Mail hat mich nun veranlasst, das Thema erneut aufzugreifen, wenn auch nur in der gebotenen Kürze.

Grundsätzlich ist die Diskussion über das Böse (in welcher Form es das gibt) nicht auf Platon beschränkt. Hier zeigt es sich nur als logisches Problem in der Konstruktion von Platons Ideenlehre. (Ich rede übrigens nicht von Theorie, sondern von Lehre – die Ideenlehre ist m.E. keine Wissenschaft.) Wenn es die Idee des Guten gibt, dann muss es doch auch – weil es in der Welt das Böse gibt – die Idee des Bösen geben.
In Platons Dialogen finden sich dazu sehr widersprüchliche Aussagen, für die ich hier – keineswegs Wissenschaftlichkeit beanspruchend – eine Erklärung gebe.

In der Platonforschung ist man sich nicht einig, ob die Reihenfolge der Dialoge so ist, wie sie angenommen wird. Warum ist das so wichtig? Man sagt, dass sich die Lehre von Platon in seinen Dialogen mit der Zeit geändert hat. Anfangs scheint er sich nicht sicher gewesen zu sein, dann kommt eine starke Phase, wo die Ideenlehre ausgearbeitet wird, und schließlich sieht es so aus, als ob Platon davon wieder Abstand nimmt. Einige Wissenschaftler sagen aber, dass Platon nur zeigen wollte, wie er nicht verstanden werden will. Wenn aber die Reihenfolge der Bücher nicht stimmt, dann stimmt auch dieses Argument nicht.
Für mich ist ein anderer Punkt ausschlaggebend: der siebte Brief Platons.

Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay
Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay

Diesen Brief soll Platon nicht geschrieben haben, sagen die meisten Altphilologen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Inhalt zu der Entwicklung seiner (Platons) politischen Karriere (die keine war, denn er war nicht erfolgreich) passt. Derjenige, der den Brief verfasst hat, muss das gewusst haben. Ich meine, dass Platon mit seinen politischen Ansichten nicht erfolgreich war und das hat sich in seinen Schriften gespiegelt. Ich nehme an, dass Platon den Sokrates deshalb so unerreichbar moralisch gut dargestellt hat, um damit für seine (Platons) politische Lehre eine Gründerfigur zu haben, die zudem nicht direkt angreifbar war, weil es keine eigenen Schriften von Sokrates gibt.

Wie also soll man mit dem Gedanken von der Idee des Bösen umgehen? Der Vorschlag von Jostein Gaarder (Sophies Welt) ist mir zu simpel, aber er hat wenigstens den Vorteil einer Erklärung, die man jedoch nicht hinterfragen darf. Damit sind allerdings nicht die Widersprüche in den Dialogen beseitigt.

Ich meine, die Diskussion um die Idee des Bösen lenkt nur von einem dahinterstehenden Problem ab. Es geht hier nicht um die Konstruktion eines logisch in sich widerspruchsfreien Systems von Aussagen, sondern es geht um das Erreichen der politischen Deutungshoheit.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang immer wieder auf meinen Vorschlag zurück, dass die Ideenlehre nur dazu dienen sollte, den Sophisten politisch die Kommunikation aus der Hand zu nehmen. Und zwar nicht durch einen ständigen Prozess der Diskussion (den hatte Sokrates vollkommen offen angelegt), sondern durch eine in sich geschlossene Ideologie, die bestimmten Bürgern die Herrschaft sichert. Denn Ideologien sind nicht dazu da, logisch einwandfrei konstruiert zu sein, sondern sind dazu da, Menschen zu überzeugen, die nicht selbst denken wollen.

Oder etwas pointierter: Platons Ideenlehre ist handfeste Gegenaufklärung, aber mit erheblichen Konstruktionsfehlern. Die Konstruktionsfehler sind Ergebnis des Versuchs, die Idee des moralisch Guten auf die Welt der Gegenstände zu übertragen, ihnen dadurch einen Platz im „Ideenhimmel“ zu sichern und damit den Relativismus der Sophisten auszuhebeln. Platon sicherte sich damit die Deutungshoheit.

Ich muss mir dabei natürlich den Vorwurf gefallen lassen, dass ich hier den Sokratischen Diskurs zu einem herrschaftsfreien Diskurs wie bei Jürgen Habermas umdeute und grundsätzlich materialistisch-historisch argumentiere. (siehe dazu: Erkenntnis und Interesse in: Technik und Wissenschaft als >Ideologie<) Aber damit kann ich leben.

tmd.

J.J. Rousseau: Ein Wille für alle

Jean-Jacques Rousseau (J.J.R.) schreibt im Gesellschaftsvertrag, 4. Buch, 1.Kapitel: „Solange sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und auf das allgemeine Wohlergehen bezieht.“ Ist das möglich, dass mehrere Menschen einen einzigen Willen haben? „J.J. Rousseau: Ein Wille für alle“ weiterlesen