Moralische Wahrscheinlichkeit

Grüß Gott
Gibt es einen Gott? – Quelle: Didgeman, Pixabay

Unter den vielen Gottesbeweisen ist der von Blaise Pascal (1623-1662) derjenige, der am besten in unsere Zeit passt. Er ist schlicht und einfach und verzichtet auf komplizierte Argumentationsketten. Er passt zum modernen Menschen, der ergebnisorientiert an die Probleme herangeht. In unserer schnelllebigen Zeit sind Lösungen wie diese unverzichtbar.

Der Mathematiker und Philosoph Pascal argumentiert wie folgt. Zunächst geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Es gibt Gott oder nicht. Das ist eine 50/50-Wahrscheinlichkeit. Dann gibt es jeweils die Entscheidung, moralisch oder unmoralisch zu leben. Diese Möglichkeiten haben jeweils eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit.

Nun können wir vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gibt und ich für mein moralisches Verhalten im Jenseits belohnt werde, beträgt nur 25 Prozent. Obwohl nun diese Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, meint Pascal dennoch, dass es sich in jedem Fall lohnt, moralisch zu leben und an die Existenz Gottes zu glauben. Denn die Alternative, unmoralisch zu leben und dafür nach dem Tod Rechenschaft abzulegen vor Gott, hat ebenfalls nur eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Angesichts dieser Patt-Situation ist es angeraten, moralisch zu leben und auf das Seelenheil im Jenseits zu setzen, wie auf einen möglichen Lottogewinn.

tmd.

Das Böse

Das Böse?
Gibt es das Böse? – Quelle: josealbafotos, Pixabay

Gibt es das Böse? Anselm von Canterbury, ein Mönch, der im Mittelalter lebte (1033 – 1109), hat darauf eine interessante Antwort gegeben. Grundsätzlich ist der Mensch ein guter Mensch. Und den Willen, den er hat, um frei zu entscheiden, den hat er von Gott. Und dieser Wille ist deshalb zunächst einmal auch gut. Wenn sich der Mensch aber entschließt – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr gut sein zu wollen, dann verliert er sein höchstes Gut, nämlich gut zu sein. Übrig bleibt nichts.

In einem Lehrer-Schüler-Dialog (aus seiner Schrift: Wahrheit und Freiheit) wird der Lehrer gefragt, ob das Böse nun auch ein „Etwas“ sei. Anselm lässt den Lehrer darauf wie folgt antworten. Wenn das Nichts etwas ist, das alles andere Denkbare, das etwas ist, ausschließt, dann gibt es zwar noch das andere Denkbare, aber nicht das Nichts. Für das Nichts bleibt also nichts mehr Denkbares übrig.

Da Anselm davon ausging, dass alles Denkbare auch existiert, kann er nun schlussfolgern: Wenn etwas ein Nichts ist, dann gibt es das nicht. Nun überträgt Anselm die Argumentation auf das Gute. Wenn das Gute schwindet, durch bösen Willen, dann ist das Gute irgendwann nicht mehr vorhanden, es ist ein Nichts. Gibt es dann noch das Nichts in Form des Bösen? Nein.

Wenn das Gute verschwindet, dann ist nur noch das Nichts.

tmd.

Brahman – Atman: eine Anmerkung

Kaleidoskop
Kaleidoskop – immer wieder andere Farben – Quelle: sweetlouise, Pixabay

Die Schwierigkeiten mit dem Begriffspaar Atman und Brahman sind erst kürzlich im Blog thematisiert worden. Das Verhältnis von Atman und Brahman verständlich zu machen und gleichzeitig eine Vorstellung von Seele zu gewinnen, dazu eignet sich sehr gut ein Kaleidoskop. Der Tipp hierzu kam von einem kenntnisreichen Leser dieses Blogs.

Der Blick durch das Kaleidoskop zeigt ständig sich neu entwickelnde Farbstrukturen. So in etwa kann man sich das ICH in der Hindu-Philosophie vorstellen. Das ICH ist beständig in Auflösung begriffen und gleichzeitig in Neuformation.

Diese materielle Deutung eignet sich auch, um Sinndeutungen zu erklären. Kulturgüter sind kommunikativ eingefrorene und weitergegebene Sinndeutungen. Zu diesen Sinndeutungen gehört auch und besonders Religion.

Interessant bleibt aber die Frage: Wie ist es möglich, dass die materiellen Strukturen in Form von Lebewesen und Sinnstrukturen in Form von Kultur so konstant bleiben?

tmd.

Nietzsche: Der Mensch ist der Sinn des Lebens

Muss es Gott sein?
Muss es Gott sein? – Mysticsartdesign, Pixabay

In einem Ethikbuch habe ich eine Karikatur gefunden, die einen Jugendlichen vor einer Wand zeigt. Auf der Wand steht in schwarzer Schrift geschrieben: GOTT IST TOT. NIETZSCHE. Darunter steht in Rot auf gesprüht: NIETZSCHE IST TOT. GOTT. Neben dem Jugendlichen steht eine Sprühdose mit Aufschrift ROT. Offensichtlich hat er dieses Graffiti zu verantworten. Nebenbei bemerkt: Das ist Sachbeschädigung. Die Fragen zur Karikatur lassen vermuten, dass deren dümmliche Botschaft nicht erkannt wurde. So missverstanden wird Nietsche von seinen Kritikern oder denen, die ihn nicht verstehen, sehr oft. Man greift sich ein Zitat aus seinen zahlreichen Aphorismen heraus und versucht sich in einer Deutung.

Nietzsche hat nicht nur die radikalste Form der Religionskritik vertreten, er hat wissenschaftskritisch die Leistungsfähigkeit der Erkenntniskraft des Menschen und die Grenzen der Kulturproduktion – und dazu gehört Religion – unter die Lupe genommen.

Nietzsche hat offengelegt, dass Moral und Sitte und natürlich auch Religion Menschenwerk sind. Gut, das war nichts Neues damals. Aber er hat erkannt und die Schlussfolgerung gezogen, dass ein Abschied von Gott dem Menschen gleichsam den Boden unter den Füßen wegzieht. Was kommt an die Stelle von Gott?, fragt Nietzsche. Und er gibt sich eben nicht mit Utopien und von Interessen gesteuerten Lösungen zufrieden. An die Stelle von Religion tritt nur wieder eine andere Form von Sitte und Moral, gemacht von wieder den gleichen Menschen mit den gleichen Erkenntnisfähigkeiten.

Was tun? Ein neuer Mensch mit neuer Erkenntnisfähigkeit muss her: der Übermensch. Der Übermensch ist in Kritik am Christentum konzipiert. Das kann man wissen. Seine Merkmale müssen also den Aussagen über den Christenmenschen absolut widersprechen.

Man muss auch fragen, warum Nietzsche – abgesehen von seiner Krankheit – den Gedankengang nicht verfolgt hat, den moderne Geisteswissenschaften heute gehen können. Aber das ist kein eigentliches moralisches Thema. Meine vorsichtige Vermutung ist, dass ihm die entsprechende Kommunikation, ein passendes Paradigma gefehlt hat. Es geht um die Frage, wie kann ich meine Kritikfähigkeit auf die eigene Kritik anwenden? Moderne Soziologen des letzten Jahrhunderts haben darauf eine Antwort gegeben. Es geht nicht. Die Aufgabe wird verglichen mit dem Versuch, ein Auto von außen anzuschieben, in dem man sitzt. (Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit). Liest man Nietzsche aus dieser Perspektive, dann ist seine Philosophie keineswegs nihilistisch, sondern die Basis für einen handfesten Existentialismus. Aber das geht weit über die gesteckten Ziele des Blogs hinaus.

Mit diesen Grundinformationen kann man Nietzsche lesen und verstehen. Aber ohne Lesen der Originaltexte geht bei Nietzsche nichts. Ich empfehle zum Einstieg aus der MORGENRÖTE, Erstes Buch, Begriff der Sittlichkeit der Sitte (9) und Vom Ursprung der Religionen (62).

tmd.

Sigmund Freud als Religionskritiker

Religion, Kreuz
Religion – Opium fürs Volk? – Quelle: MasterTux, Pixabay

Grundlage für das Verständnis von Freuds Religionskritik ist das Modell von ICH – ES – ÜBER-ICH.
Im Blog gibt es dazu die Beiträge:
Der Tyrann in uns – Das Gewissen bei Freud
Gewissen: eine kritische Auseinandersetzung

Religion erfüllt bei Freud für den nicht aufgeklärten Menschen drei wichtige Aufgaben.

  • Sie erklärt ihm seine Herkunft und die Entstehung der Welt.
  • Sie gibt ihm in der komplexen, unübersichtlichen Welt Halt und Orientierung.
  • Sie gibt Regeln und Normen für das moralische Handeln.

Religiöse Orientierung und Sinngebung sind vergleichbar mit einem Beruhigungsmittel. Ohne dieses Beruhigungsmittel meint der Mensch, an der Sinnlosigkeit des Lebens zu zerbrechen. Freud diagnostiziert Religion wie eine Zwangsneurose. Es ist eine Zwangshandlung, die den Blick auf die Realität vernebelt und den Menschen auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes belässt.

Hier liegt allerdings ein kleiner systematischer Stolperstein. Religion ist einerseits Teil der Erziehung und Sozialisation und demnach im ÜBER-ICH angesiedelt. Es ist aber auch eine Zwangshandlung des ICH, das die Verletztheit des ES beruhigen soll.
Betrachtet man also Religion wie eine Zwangskrankheit, dann muss man von Religion geheilt werden.

tmd.

Stichwort: Dialektik

Im Internet gibt es massenhaft Erklärungen für den Begriff Dialektik. Dennoch fragen mich SuS, was mit Dialektik gemeint ist. Und sie fragen nach Beispielen, nach verständlichen.

Die abstrakten Erklärungen (These – Antithese – Synthese) helfen nicht weiter. Hier der Versuch einer Erklärung in einfacher Sprache. Ich beginne mit Wissen über Dialektik aus der Redeschulung (Rhetorik). Ein Sprecher stellt eine Behauptung (These) auf. „Die Bausteine des Lebens sind Feuer und Erde.“ Ein anderer Sprecher behauptet (Antithese): „Die Bausteine des Lebens sind Wasser und Luft“. Damit kommen beide nicht weiter. Die Lösung (Synthese) ist: Die Bausteine des Lebens sind die Elemente, die in allen genannten Stoffen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) enthalten sind.

Durch Diskussion kann man also sein Wissen über die Welt vergrößern. Die Erweiterung meines Wissens war zu Anfang der Diskussion noch nicht vorhanden. Die Erweiterung ist die Synthese. In dieser Synthese ist das Wissen der These und das Wissen der Antithese enthalten. Ein wirklich simples Beispiel sind alle „sowohl als auch“ Aussagen. Wenn zwei Aussagen möglich sind, dann kommt es meist zu einer neuen Aussage, die beide anderen enthält.

Dialektikbücher
Bücher über Dialektik – Altpapier? – Quelle: rotkevichkonstantin, Pixabay

Komplizierter ist die Dialektik bei Karl Marx angelegt. Es war die Theorie von Marx, dass sich der Kapitalismus ungebremst weiterentwickelt. Gleichzeitig aber kommt es zur Verelendung der Arbeitnehmer (These) und zu einer Konzentration Produzenten (das sind die Besitzer der Fabriken) (Antithese). Marx nennt das Widersprüche in der Gesellschaft. Das sieht so aus: Die Kapitalisten brauchen als Konsumenten die Arbeiter, die aber immer mehr verelenden. Die Arbeiter brauchen die Kapitalisten, um zu überleben (sich zu reproduzieren, nennt das Marx). In dieser Situation kann es so nicht weitergehen. Die gesellschaftlichen Widersprüche streben nach Auflösung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Hier kommt Marx mit der frohen Botschaft: Es kommt zur Revolution, die Arbeiter übernehmen die Produktionsmittel (das sind die Fabriken samt den Maschinen) und es beginnt der Sozialismus. Kuba, DDR und Russland sind Beispiele dafür, dass es nicht funktioniert. Das ändert aber nichts an der schönen Theorie von den gesellschaftlichen Widersprüchen, die dialektisch angelegt sind und in einen neuen Zustand umschlagen. Marx hat die Figur der Dialektik auch auf seine Religionskritik angewendet. Dazu mehr im Beitrag über den Religionskritiker Marx.

tmd.

Karl Marx als Religionskritiker

Denkmal, Marx
Marx-Denkmal in Chemnitz – Quelle: diema, Pixabay

Zwei Begriffspaare und einen Schlüsselbegriff soll man kennen und anwenden können, wenn man die Religionskritik von Karl Marx erklären will. Es geht um das falsche Bewusstsein und das Begriffspaar Basis und Überbau, sowie das Begriffspaar Sein und Bewusstsein. Die Basis ist der Alltag der Menschen mit ihrer Arbeit und Freizeit. Der Überbau ist das Wissen und die Kenntnisse dieser Menschen. Es sind die kulturellen Leistungen, die Menschen hervorgebracht haben. Es ist auch der Sinn, den die Menschen in ihrem Leben suchen und finden. Es ist die Religion.

Das Sein entspricht der Basis. Das Bewusstsein entspricht dem Überbau. Warum hat Marx zwei Begriffspaare für ein und dieselbe Sache verwendet? Die meisten Philosophen vor Marx (insbesondere Feuerbach und Hegel) waren der Meinung, dass die Menschen durch ihr Bewusstsein das Sein (Dasein) beeinflussen und lenken. Bei Hegel klingt das sogar sehr dramatisch, wenn er schreibt, dass der Geist (der Weltgeist) das Sein herstellt und sich selbst darin erkennt!

Marx dreht den Zusammenhang um. Nicht das Bewusstsein stellt das Sein her, sondern das Dasein der Menschen, die Verhältnisse in denen sie leben, ist ausschlaggebend für ihr jeweiliges Bewusstsein. Speziell die Arbeiter, die durch die Industrialisierung immer ärmer werden und die Kapitalisten, die durch den selben Prozess immer reicher werden, entwickeln durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben ein bestimmtes Bewusstsein (den Überbau).
Die Strukturen Basis und Überbau bleiben erhalten. Die Funktion Sein und Bewusstsein dreht Marx um. Wichtig dabei ist, dass sowohl die Arbeiter als auch die Kapitalisten ein falsches Bewusstsein entwickeln. Beide Gruppen täuschen sich über die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse hinweg.

Geht es um die Religionskritik, dann interessieren hier besonders die Arbeiter und ihr falsches Bewusstsein. Die Kapitalisten haben zwar auch ein falsches Bewusstsein, aber bei denen ist eher wichtig zu wissen, dass sie nicht sehen, wie ihr Kapitalismus langsam an die Wand gefahren wird und dass sie selbst daran Schuld haben.

Bei den ausgebeuteten Fabrikarbeitern, die langsam verelenden, weil sie immer weniger verdienen, hat das falsche Bewusstsein und der Überbau eine wichtige Funktion: Er sorgt dafür, dass die Arbeiter ihre Lage nicht durchschauen. Warum? Weil sie gleichsam als gesamtgesellschaftliche Droge die Religion haben. Ein Spruch von Marx dazu: Religion ist Opium fürs Volk.
Die Religion täuscht die Arbeiter darüber hinweg, dass sie in einer hoffnungslosen Lage sind, wenn es so weiter geht. Die Religion macht den Ausgebeuteten der Erde vor, dass es im Jenseits eine Erlösung gibt und dass vor allem alles so Rechtens ist, wie es ist.

Wie können die Arbeiter ihr falsches Bewusstsein ablegen, wie können sie erkennen, dass sie getäuscht werden? Nun, sie müssen die Täuschung nicht durchschauen. Denn die Rettung naht in Form einer historischen Dialektik. Gemeint ist, dass die gesellschaftlichen Widersprüche (die zwischen Arbeitern und Kapitalisten; die zwischen Kapital und Arbeit) sich zwangsläufig in einer Revolution auflösen werden. Es wird zum Showdown kommen zwischen den Kapitalisten, die immer weniger Gewinne machen mit ihren Investitionen, und den Arbeitern, die von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können.
Der Kapitalismus wandelt sich in den Sozialismus, in dem die Arbeiter den Besitz der Produktionsmittel haben. Am Ende entsteht der Kommunismus, in dem alle Menschen glücklich zusammen leben und das produzieren, was die Kommune zum Leben braucht.
Religion wird in dieser Gesellschaftsform nicht mehr gebraucht. Die Arbeiter, die im Kommunismus die Produktionsmittel besitzen, haben kein falsches Bewusstsein mehr. Sie haben ein von Religion befreites Klassenbewusstsein.

tmd.

Ludwig Feuerbach

Bereits in der Antike gab es die Vermutung, dass die Menschen sich ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde machen. Feuerbach will diesen Ansatz systematisieren. Dazu verwendet er eine psychologische Erklärung. Untersucht man die Merkmale, die Gott näher bestimmen, sieht man, dass es Aussagen sind, die menschliche Defizite in ihr Gegenteil verkehren. Menschen sind sterblich, wissen nicht alles, sind schwach und missgünstig. Gott dagegen ist stark, allwissend, mächtig und gütig.
Bei Feuerbach heißt es dann: die Prädikate, die Gott näher bestimmen sind nicht göttlicher Natur (gehen von Gott aus), es sind vielmehr menschliche Zuschreibungen. Sie haben ihren Ursprung im Menschen. In der Sprache der Religion: Nicht Gott teilt dem Menschen durch Offenbarung mit, dass er (Gott) das Pradikat gut sein hervorbringt.

Gut zu sein ist ein Prädikat, dass der Mensch gerne hätte und in Gott idealisiert. Das wird Projektionstheorie genannt.

Ludwig Feuerbach
Ludwig Feuerbach – Quelle: Wikimedia

Wie kommt Feuerbach auf diese Idee, dass der Mensch eigentlich gut sein will, es nicht ist und deshalb ein Idealbild schafft, um sich an diesem Ideal zu orientieren?
Feuerbach stand in Tradition von Georg Wilhelm Hegel. Bei Hegel entwickelt sich das Bewusstsein des Menschen in Schritten von zunehmender Selbsterkenntnis (sehr einfach ausgedrückt, er nennt das Dialektik, dazu gibt es einen eigenen Beitrag). Das, was das Bewusstsein als sein Selbst erkennt, sind aber die kulturellen Leistungen der Menschheit. Dazu gehören auch die Religionen. Der Mensch erkennt also in der Religion sein eigenes Produkt. Heute würde man sagen: Religion ist das Ergebnis kommunikativen Handelns oder verdinglichte Kommunikation. Feuerbach argumentierte auch in Tradition der Sophisten. Die Erkenntnisfähigkeit ist abhängig vom Menschen. Der Mensch schafft sich also seine Erkenntnisse mittels zunehmender Selbsterkenntnis.

Feuerbach legt damit die Grundlagen für die Religionskritik von Marx. Er wird aber auch von modernen Theologen instrumentalisiert, die seine psychologische Erklärung in einen Gottesbeweis ummünzen wollen. Die Geschöpfe Gottes erkennen in ihren eigenen Kulturleistungen die Handschrift ihres Herrn.

Kritik wird gelegentlich auch an seiner Projektionstheorie geübt. Sie berücksichtige nicht, dass Gott im alten Testament andere, negative Prädikate besitzt. Dabei wird jedoch übersehen, dass sich das Bewusstsein in Schritten weiterentwickelt. Die kulturelle Leistung des Menschen war zur Zeit des Alten Testaments eine andere als im 19. Jahrhundert.

Anmerkung:
Vergleiche zwischen den einzelnen Religionskritikern sind mit Vorsicht zu genießen. (Ebenso sind natürlich auch Rollenspiele, bei denen sich SuS als Religionskritiker in Diskussion befinden, wenig zielführend.) Nur Feuerbach und Marx haben Anknüpfungspunkte. Marx bezieht sich ausdrücklich in seinen Schriften auf Feuerbach. Nietzsche und Freud beispielsweise gehen von grundsätzlich anderen Vorüberlegungen aus.

Feuerbachs Ansatz wird auch anthropologisch genannt. Er will die positiven Prädikate für den Menschen zurückerobern. Wir müssen unsere Sehnsucht nach einer menschenfreundlichen Gesellschaft nicht ins Jenseits und auf Gott projizieren. Genau hier kann moralisches Handeln ansetzen.

tmd.

Wahrheit und Religion

Eine interessante Antwort auf die Frage: Welche Religion ist die wahre Religion?, gibt es seit Lessings Ringparabel in Nathan der Weise. (Der Inhalt der Parabel ist in den meisten Ethikbüchern als Zusammenfassung enthalten.)

Die wahre Religion zeigt sich hier im Handeln des Menschen. Im Humanismus zählt also der Output. Der Input, die heiligen Schriften, gewinnen ihre Bedeutsamkeit erst über das menschenfreundliche Handeln. Gleichzeitig wird aber der Boden bereitet für den Gedanken der Toleranz und für den interreligiösen Dialog zwischen den Religionen.

Diese Antwort auf die konkurrierenden Wahrheitsansprüche der Religionen nennt man Pluralismus. Religionen sind grundsätzlich gleichwertig, haben aber unterschiedliche Antworten auf die Sinnfragen des Lebens. Diese Position gleicht einem Waffenstillstand. Die drei Religionen, um die es hier im Wesentlichen geht, können dabei intern weiterhin davon ausgehen, dass es eine wahre Religion gibt und das ist die eigene.

Für eine Prüfungsvorbereitung wichtig sind hier die Begriffe Exklusivismus und Inklusivismus. Exklusivismus meint die radikale Variante der Vorstellung im Besitzt der Wahrheit zu sein: Nur die eigene Religion gibt die Wahrheit wieder. Der Inklusivismus ist hier sehr viel geschickter in der Behauptung, die Wahrheit zu besitzen. Die anderen Religionen sind nicht grundsätzlich falsch, aber sie vermitteln nicht die absolute Wahrheit, sondern nur Teilwahrheiten. Der Islam ist in der komfortablen Situation, die beiden anderen Buchreligionen als Teilwahrheiten in seinen Wahrheitsanspruch integrieren zu können.

Keiner der drei Standpunkte (Inklusivismus, Exklusivismus, Pluralismus) kann also argumentativ die konkurrierenden Wahrheitsansprüche der drei Buchreligionen lösen.
Der Toleranzgedanke des Humanismus (Ringparabel) hilft ebenfalls nicht weiter. Verwendet man die Bedeutung der Toleranz im eigentlichen Sinne (wie er von den Römern verwendet wurde), dann kann er nur von denen verwendet werden, die Macht haben. Toleranz ist also der Standpunkt der Mächtigen.

tmd.

siehe auch hier im Blog:
Wahrheit und Wahrnehmung
Wahrheit und Rechtfertigung

Stichwort: Theodizee

Die Beschäftigung mit den Religionskritikern, die an bayerischen Gymnasien behandelt werden, wird erleichtert durch Vorwissen über die Theodizee. Theodizee ist der Versuch, die Existenz Gottes zu beweisen. Die Diskussion führte letztlich zu der Erkenntnis, dass Gott nicht unmittelbar wahrnehmbar ist. Wir können Gott über seine Schöpfung nur mittelbar erkennen, aber ein direkter Zugriff auf Gott ist nicht möglich. Die Folge ist, dass wir eigentlich keine Vorstellung von Gott haben können. Gott ist absolut transzendent. Transzendent ist das, was Menschen nicht wahrnehmen können. Menschen nehmen aber an, dass hinter manchen Wahrnehmungen etwas existieren muss, sonst gäbe es diese Wahrnehmungen nicht.

Oh mein Gott
OMG; nicht nur ein Wortspiel – Quelle: Wokandapix, Pixabay

Jetzt zur Theodizee: Es geht um die Antwort auf die Frage, warum es das Böse in der Welt gibt, warum es Leid, Elend, Katastrophen usw. gibt und warum Gott das zulässt. Von Gott wiederum wird gesagt, dass über ihn bestimmte Aussagen gemacht werden. Gott ist allmächtig, Gott ist all-gütig und Gott ist allwissend. Nun werden Fragen und Aussagen gegeneinander ausgespielt.

Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er das Böse in der Welt verhindern. Will er das nicht, dann ist er nicht all-gütig. Dann ist er nicht Gott. Kann er das nicht, dann ist er nicht allmächtig. Dann ist er wieder nicht Gott. Eine Lösung gibt es nur, wenn man Gott in Kategorien denkt, die sich unserer Vernunft entziehen. Das kann so weit gehen, dass wir sagen, es gibt zwar einen Gott, aber er kümmert sich nicht um uns. Offenbarung und Schöpfungsgeschichte werden damit zu einer von Menschen gemachten Deutung eines Gottes, von dem man annimmt, dass es ihn gibt, über den man jedoch nichts Verlässliches mehr aussagen kann.

Damit ist die Diskussion, ob es Gott gibt oder nicht, eigentlich erledigt. Glaube und Religion werden zur kulturellen Leistung der Menschen. Diese Kulturleistung muss ihre Brauchbarkeit im Alltagsleben beweisen. Hier setzen die Religionskritiker Feuerbach, Marx und Nietzsche an. Als Naturwissenschaftler wird hierzu Sigmund Freud befragt. Sie untersuchen die negativen Effekte von Religion und Glaube in der Gesellschaft. Die Religionskritiker werden in jeweils eigenen Beiträgen behandelt.

tmd.