Buchtipp: Empfindliches Gleichgewicht

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Akzeptanz und Toleranz – Quelle: QuinceMedia, Pixabay

Patchworkfamilien und Alleinerziehende sind Gegenstand des Ethikunterrichts mit dem Ziel unterschiedliche Lebensformen zu akzeptieren. Das Thema ist bereits heute schon kein Aufreger mehr. Die Kinder haben das Thema extrem versachlicht.
Dasselbe sollte nun mit den Themen Regenbogenfamilien, Transgender und Transidentität der Fall sein. Aber hier tun sich die Erwachsenen noch schwer, während die SuS darin keinerlei Problem sehen.
Das zeigt sich exemplarisch an der Beliebtheit der Lektüre: Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson.
Jetzt hat Sarah N. Harvey, die ein Gespür für Familiensoziologie hat, ein Buch vorgelegt, das den Moralunterricht in Sachen LGBT wirklich unterstützen kann: Empfindliches Gleichgewicht. Die Story ist wenig spektakulär und eher übersichtlich. Es geht um Harriet, die zusammen mit ihrer Mutter lebt und sich auf die Suche nach ihren Halbgeschwistern macht. Denn Harriet ist ein Produkt künstlicher Befruchtung. Im Laufe der Geschichte findet Harriet nicht nur zwei Halbschwestern – von denen eine bei ihren lesbischen Eltern lebt -, sondern auch den Samenspender. Nebenbei verliebt sich Harriet in den Freund ihrer zweiten Halbschwester. Der ist allerdings als Mädchen geboren worden.
Wie man schnell erkennt, hat Sarah N. Harvey also alles, was gender-soziologisch interessant ist, verarbeitet.
Als Lektüre für den Ethikunterricht eignet sich das Buch, weil es nicht mit pädagogischem Anstrich daherkommt. Denn das lehnen die SuS zu Recht ab. Man hat eher den Eindruck: Alles ist gut so und irgendwie normal. Halbgeschwister können sich mögen oder auch streiten, wie alle anderen auch. Die beiden Mütter von Harriets Halbschwester leben zusammen, wobei die Beziehung eher konservativ gehalten ist. Alles erinnert auch irgendwie an den Film: the kids are all right, die US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahre 2010. Dort macht sich der Sohn eines lesbischen Paares auf die Suche nach seinem Vater. Seine beiden Mütter leben in einer beinahe traditionell konsevativen Beziehung. Die eine verdient das Geld, die andere hat sich um die Kinder gekümmert.
Empfindliches Gleichgewicht ist nur ein Ausschnitt aus dem Leben von Harriet. Ein Ausschnitt, der wichtig ist. Der Leser legt das Buch beiseite und hat etwas gelernt, nämlich: Das Leben ist bunt und vielfältig, aber deshalb nicht bedrohlich. Kinder wissen das, Erwachsene müssen da vielleicht noch was hinzulernen.

tmd.

Zwischen Individualität und Anpassung

Der moralische Aspekt des selbstbestimmten Leben ist einfach zu ermitteln. Es geht um die Normen und Werte, denen jemand folgen will. Im besten Fall sind diese Normen geeignet, das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei zu gestalten.

Der sozial-psychologische Aspekt der Selbstbestimmung öffnet jedoch ein weites Feld. Individuell will jeder sein, aber dennoch auch dazugehören, also den anderen ähnlich sein. Gut wäre es, wenn es bei dem Hin und Her zwischen Individualität und Anpassung so etwas wie einen Mittelwert gäbe, der genau das ist, was beides bestens bedient. Das ist aber nicht so. Anpassung wird ausgelebt. Das ist Anpassung in Mode, Musik usw.

drei Frauen am Meer
Individuell bleiben – Quelle: Pexels, Pixabay

Freiheit ist das nur auf den ersten Blick. Es ist nur Freiheit unter der Bedingung der Gleichheit. Wir gewöhnen uns also immer mehr an eine Gleichheits-Freiheit: Freiheit als prêt-à-porter.
Erstaunlicherweise merken wir nur am Rande, dass sich die angebotene Freiheit von der Stange mit Regelmäßigkeit ändert. Ebenso interessant ist es, dass z.B. die Modezyklen ungebrochen weitergehen, aber gleichzeitig auch Moden konserviert werden.

Man kann einem Milieu angehören, dass nicht mehr aktuell ist, Kulturnischen bleiben bestehen, auch wenn die ursprüngliche Alterskohorte längs ausgestorben ist. Die Mode- und Kulturnischen stehen wie fahrende Händler inmitten der Gesellschaft und laden zur Einkehr ein.
Es ist ein Zeichen von Kompetenz, das möglichst bald zu durchschauen. Denn erst dann hat man so richtig Freude daran, frei das zu wählen, was andere auch wollen.

tmd.

Selbstbewusst: kein geliehener Respekt

Nicht die Mobbingopfer sind die Außenseiter. Die Täter sind es, sie gehören in die Randgruppe der falsch Sozialisierten. Mobber sind diejenigen, denen die Fähigkeit fehlt, im Team zu arbeiten. Mobber sind eigentlich das Auslaufmodell unserer selbst lernenden Gesellschaft.

Das klingt gut – hilft aber den Opfern wenig!

Beim Umgang mit Mobbern werden zahlreiche Tipps gegeben. Aber alle Tipps, die in die Richtung gehen, Öffentlichkeit herzustellen und Mediatoren einzuschalten, kranken daran, dass die Opfer noch weiter in ihre Rolle gedrängt werden. Ihnen wird von den Mobbern vorgeworfen, dass sie nicht in der Lage seien, sich selbst zu helfen.
Diese Einschätzung stammt von den SuS und ist deshalb besonders zu gewichten.

Klettern
Selbstbewusstsein erarbeiten – Quelle: Adrega, Pixabay

Wer gemobbt wird, der will seine Rolle verlassen, er/sie will Respekt. Aber er will keinen „geliehenen Respekt“ von Mediatoren und Pädagogen.
Diesen Respekt muss er/sie sich erarbeiten können – sagen die SuS.
Selbstbewusstsein soll erarbeitet werden. Dabei sollte geholfen werden.

tmd.

Wie ein Himmel voller Seehunde

beste freunde
füreinander – Quelle: Olichel, Pixabay

Freundschaften zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten sind nicht leicht für die Beteiligten. Wenn es sich um eine Liebesbeziehung handelt, wird die Angelegenheit nicht einfacher. Wenn einer aus der Oberschicht kommt, der andere aus der Unterschicht. Familie und Freunde akzeptieren nicht einfach den „Fremden“.
So ergeht es Lollo, Mädchen aus reichem Hause. Mit ihren Eltern macht sie Ferien auf einer Insel vor Schwedens Küste. Der Freund ihres Bruders ist auch dabei. Ein Traumpaar, meinen Lollos Freunde und Freundinnen.
Lollo ist aber in Gedanken bei Anna. Anna macht auch Ferien auf dieser Insel. Aber Anna kommt aus der Unterschicht. Ihr Vater ist Alkoholiker und erwerbsunfähig. Das einzige, was Anna besitzt ist das Ferienhaus, das ihr der Vater bereits vererbt hat, damit das Finanzamt es nicht pfändet. Und Anna ist eine Überlebenskünstlerin. Genau das bewundert Lollo. Und: In Gegenwart von Anna entdeckt sich Lollo neu.
Was Lollo nicht fertigbringt, ist, im entscheidenden Moment sich zu der Freundin zu bekennen.
Nur ein Augenblick entscheidet darüber, dass die gesellschaftlichen Schranken sich schließen. Anna leidet unter dieser Demütigung. Lollo erkennt, dass sie erwachsen werden muss, Verantwortung übernehmen muss. Hier die Aussicht auf das oberflächliche Leben mit einem arroganten Angeber (der Freund ihres Bruders) an ihrer Seite, dort ein Mensch, zu dem sie sich von ganzem Herzen hingezogen fühlt.

Sara Lövestam, Wie ein Himmel voller Seehunde, 2017.

tmd.

Selbsterkenntnis: ein hartes Training

Selbstbewusstsein
make it your way – Quelle: skeeze, Pixabay

Ein Kommentar zum Beitrag Identität: selbst gemacht, ist Anlass, genauer zu beschreiben, was wir eigentlich machen, wenn wir Identitätskonstruktion betreiben. Die Frage ist, wie kann ich Identität neu in mir „konstruieren“, und zwar nicht nur als Abziehbild zur sozialen Umwelt, wenn mir doch nur die alten Verhaltensweisen der Kindheit zur Verfügung stehen.
Noch genauer gefragt: Wie kann ich das Nachdenken über mich selbst in Gang bringen?
Und eine zusätzliche Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Die zweite Frage ist leichter zu beantworten. Das Nachdenken über sich selbst hat in der Philosophie Tradition. Es geht um Selbsterkenntnis. Das ist Selbstreflexion. Selbsterkenntnis hat zum Ziel, ein sittliches (moralisches) Leben zu führen. Ein moralisches Leben zu führen, das war Ziel des antiken Menschen, der meinte, dadurch glücklich zu sein.

Die Ausgangsfrage ist nicht leicht zu beantworten. Sich selbst in der sozialen Umwelt zu verorten und über sich selbst nachzudenken, setzt mit der Pubertät ein. Soziale Rollen zu übernehmen läuft ab nach dem Muster: Versuch und Irrtum. Jugendliche probieren neue Rollen aus und sehen, ob es funktioniert oder nicht. Vorgegebene Rollenmuster zu übernehmen ist grundsätzlich einfacher, als etwas Neues für sich zu erfinden. Konstruktion ist es dann, wenn Jugendliche Teile von Rollen neu zusammenzustellen.

Wie wird dieser Prozess unterstützt?
Ein einfaches Mittel der Selbstreflexion ist die Analyse der eigenen Stärken und Schwächen. Diese Methode eignet sich für das gesamte Leben. Im Berufsleben buchen Erwachsene einen Psychologie-Coach. Jugendliche können sich ein Feedback von Lehrern, Freunden und Eltern holen.
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis setzen außerdem Zeitbewusstsein voraus. Nur ein Vergleich von vorher – nachher ermöglicht es, zu erkennen, dass man für sich selbst einen Lebensentwurf in die Zukunft verlängert.

Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion können dazu führen, dass man sich zum eigenen Baumeister seiner Identität erklärt.
Das muss aber nicht zwingend so sein. Der Kommentarschreiber weist zu Recht darauf hin, dass man in Krisensituationen auf altbewährte Handlungsmuster zurückgreift.

Identitätskonstruktion ist also letztlich von erfolgreichen Rollenspielen abhängig. Damit sind aber nicht diese dümmlichen Trockenübungen im Unterricht gemeint. Dort ist der Text bekannt, die Regieanweisungen sind übersichtlich. Dort wird nichts fürs echte Leben gelernt, weil die Realität eben anders funktioniert. Im echten Leben ist Identitätskonstruktion nämlich eher ein Pokerspiel mit echt miesen Karten.

tmd.

Identität: selbst gemacht

Spiegelungen
Selbstspiegelungen – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

„Ist Identitätsbildung ohne Eigenleistung, also ohne Identitätskonstruktion möglich?“, bin ich kürzlich von einer Schülerin gefragt worden. Die Frage ist berechtigt.
Identität und Identifizierung sind Begriffe, die in der 7. Klasse (G8) bereits erarbeitet werden. Dabei ist Identität die Summe der sozialen Merkmale, die jemand besitzt, wie Alter, Geschlecht, Herkunft usw. Identifizierung ist die emotionale Gleichsetzung mit einer anderen Person. Du willst so sein wie ein anderer.

Identitätsbildung ist also in der Tat ein Prozess, der auch passiv ablaufen kann. Du orientierst dich an Vorbildern, die auch von deinen Freunden und Freundinnen bevorzugt werden. Die meisten Menschen beginnen sehr spät damit, sehr eigene Entscheidungen bezüglich ihrer Rolle zu treffen, also wie sie sich selbst sehen und gesehen werden wollen. Damit allein ist „Individualität“, also Unvergleichbarkeit, möglich.

Viele Jugendliche in der Pubertät sehen auch die Nachteile von eigenverantwortlicher Identitätskonstruktion. Schnell wirst du damit zum Außenseiter oder Sonderling.

Was ist dann aber ausschlaggebend dafür, dass manche Jugendliche den Weg in eine selbst konstruierte Identität finden und andere ein Leben lang ein Abziehbild ihrer Umwelt bleiben?
Psychologen haben viel darüber nachgedacht und geforscht. Heute kann man den Grund einer selbst konstruierten Identität mit einem Begriff beschreiben: „Selbstwirksamkeit“. Du merkst, dass du dich im Vergleich zu früher verändert hast und siehst den Grund dafür in eigenen Entscheidungen.

Es gibt dazu zwei Merksätze, die ich verwende, um Identitätskonstruktion zu erklären.

  • „Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank schreibt das in ihrem Tagebuch. Du suchst und findest Veränderungen in deinem Leben in der Vergangenheit. Du vergleichst dich mit dir in der Vergangenheit. Nun kannst du entscheiden, ob du in Zukunft Veränderungen deiner Identität auch selbst steuern willst. Selbsterkenntnis ist das. Heutzutage nennt man das auch: Sich neu erfinden.
  • „Du sollst der werden, der du bist.“ Friedrich Nietzsche hat das geschrieben. Er meint, dass du dir einen Plan für dein Leben machen kannst und diesen dann verfolgst.

In beiden Fällen geht es darum, dass du feststellst, „selbst etwas bewirkt zu haben“. Das ist „Selbstwirksamkeit“.

Funktioniert das ohne Komplikationen?
Keineswegs! Es ist eigentlich ein sehr riskantes Spiel. Aber es ist auch sehr spannend. Sagen meine SuS.

tmd.

Sich ständig neu erfinden

Wer bin ich – Quelle: johnhain, Pixabay

Identität wird meist mit Vorbildern und der eigenen (bei Kindern kurzen) Biographie erklärt: Das bin ich! Man soll sich vorstellen, dass man einer anderen Person ähnlich sein will. Das ist zunächst Identifikation. Anschließend baut man Verhalten usw. dieses Vorbilds teilweise in das eigene Selbstbild ein. Auch hier kann man ein Bild zum Vergleich heranziehen: Die eigene Identität ist ein Mosaik aus vielen Personen, die man kennt. Genauso, wie man andere Menschen kopiert und sich deren Merkmale „zu Eigen“ macht, kann man auch die Mosaiksteine wieder aus der eigenen Identität entfernen: sich neu erfinden.

Nicht immer geht das problemlos. Es gibt Menschen, die haben sich ein derart festes Mosaik gebastelt, dass sie die eigene Identität nicht mehr verändern können. Sie bleiben in ihrer Entwicklung an irgendeinem Punkt hängen. Sie können nicht erwachsen werden oder nicht älter werden, natürlich nur psychisch, nicht biologisch/physisch.

Erwachsen werden und Identitätsfindung/Identitätsbildung ist also ein Prozess, der ziemlich heftig abläuft. Hier sollte man als Kind/Jugendlicher nichts dem Zufall überlassen. Also: Identitätsbildung und Erwachsen werden selbst steuern!

Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.
(Anne Frank, Tagebuch)

Am besten ist es, Tagebuch zu führen – im Computerzeitalter kann man das Teil auch Log-Buch nennen – und mit absolut vertrauenswürdigen Personen diese Zeit durchleben. Was hat Identitätsbildung mit Moral zu tun? Die moralischen Kompetenzen haben in den Jahren der Pubertät ihre Grundsteinlegung.

tmd.

Merkzettel: Soziale Rolle

Herde Schafe
Soziales Verhalten – Quelle: marybettiniblank, Pixabay

Eine soziale Rolle bündelt Leistungen und Erwartungen. Leistungen, die der Inhaber einer Rolle gegenüber anderen Menschen zu erbringen hat und Erwartungen, die von anderen Menschen an ihn gestellt werden.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig: Das, was von mir erwartet wird, das leiste ich. Das, was ich von anderen Menschen erwarte, das leisten sie mir gegenüber. Die Summe aller Leistungen, die ich erbringe, und die Summe aller Erwartungen, die ich stelle, das nennt man Leistungs- und Erwartungsbündel.

Merksatz: Eine soziale Rolle, das ist ein Bündel von Leistungen und Erwartungen.

Erwartungen, die an mich gestellt werden, erbringe ich, weil ich Sanktionen (Bestrafungen) fürchte. Gratifikationen (Belohnungen) erwarten mich, wenn ich die Erwartungen mit Leistungen bediene. Die Gratifikationen sind oft minimal, die Sanktionen erheblich. Leistungen, die ich erbringen muss, erbringe ich, weil ich Gratifikationen erwarte.

Merksatz: Gratifikationen und Sanktionen stabilisieren soziale Rollen.

Primäre und sekundäre Sozialisation (Erziehung) sorgen dafür, dass die Rollen unverändert bleiben. Dennoch verändern sich Rollen. Wer Sanktionen ertragen kann oder auf Gratifikationen verzichten kann, der kann soziale Rollen verändern. Man nennt das abweichendes Verhalten. Das abweichende Verhalten setzt voraus, das trotzt Verletzung der Erwartungen, der Handelnde von einigen Menschen keine Sanktionen oder sogar Gratifikationen zu erwarten hat.

Merksatz: Nicht angepasstes Verhalten kann soziale Rollen verändern.

Wer mit seiner Rolle in der Gesellschaft nicht zurecht kommt, der leidet an der Gesellschaft. Das wird nur verhindert, wenn man verantwortlich Distanz zu seiner Rolle herstellen kann. Distanz heißt: Erkennen, dass Rollen zwar übernommen werden (role taking) aber auch gemacht werden (role making). Role making sorgt für den Wandel sozialer Rollen.

Merksatz: Moralisch Handeln heißt auch: Soziale Rollen verändern, wenn Menschen unter der Rollenzuschreibung leiden. Diese Veränderung setzt allerdings auch Eigenverantwortung voraus.

Das Leiden an der Gesellschaft, das sind die Symptome gesellschaftlichen Leidens. Moralisch Handeln heißt, dieses Leiden beenden.

tmd.

Am Nasenring der Mode – Über Tattoos und Körperschmuck

Verantwortung für den eigenen Körper? Ist das ein moralisches Problem, eine Frage der Ethik? Menschen, die an Gott glauben, können diese Frage schnell und sicher beantworten. Wer sich von Gott geschaffen nach dessen Ebenbild sieht, geht mit diesem von Gott geschenktem Körper pfleglich um. Sollte man zumindest meinen.

Worauf können aber nicht-glaubende Menschen Bezug nehmen?
Die Wissenschaften, insbesondere die Soziologie und Psychologie, helfen hier weiter. Menschen als soziale Wesen sind nun mal auch ein Produkt ihrer Umwelt. Diese Umwelt ist zum Teil selbst gewählt oder hat einen fest im Griff. Anschaulich wird das an der Mode, nach der wir uns alle mehr oder weniger richten. Seit einiger Zeit ist es nun Mode geworden, die Körperhaut mit Tattoos zu verfremden und Körperschmuck zu tragen. Warum tun sich das Menschen an? Warum entstellen sie sich mit bunten Bildern, Nasenringen und nehmen dabei erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf? „Dazu gehören“ wollen, Geltung und Abgrenzung von den Anderen, Protest gegen das herrschende Schönheitsideal, Maskierung: das sind nur einige Gründe.

Tätowierter MAnn
Modeerscheinung Tattoo – Quelle: PinSharp, Pixabay

Das Phänomen Tattoo ist schichten- und millieuspezifisch gut abgrenzbar. Es kommt in der Unterschicht häufiger vor als in der Oberschicht. Das „Flagge zeigen“ (soziologischer Begriff) ist in niederen Milieus auf das Wir-Gefühl abgestellt. Bei Jugendlichen aus den sogenannten „bildungsnahen Schichten“ kommt es sehr viel seltener vor und ist reiner Protest. Wenn man schon sonst nichts vorzuweisen hat, wie schulischer Erfolg oder Freunde/innen, dann soll es wenigsten ein Tattoo sein. Jugendliche durchschauen diesen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang (so nannten das die Soziologen vor 50 Jahren) nicht immer. Aber: Wer will sich eigentlich freiwillig abhängig machen vom Diktat der Mode? Muss ich meine Haut schwer beschädigen, weil ein Tattoo bei den Freunden und Freundinnen gerade angesagt ist?
Muss ich einen Nasenring tragen, der sehr an ein Teil erinnert, das eine Kuh trägt? Man muss es nicht! Aber die Ablehnung ist schwer zu begründen gegenüber den Mit-SuS, die genau das zum Kriterium machen, dass man dazugehört.

Sehr viel problematischer ist es, das viele Jugendliche die „Ausflaggung“ brauchen, um sich selbst irgendwie gut zu fühlen. Nach dem Motto: Wenn ich erst ein Tattoo habe, dann bin ich erwachsen und fühle mich wohl.

In „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano versucht Alice (eine Hauptperson) genau das. Sie will anerkannt werden. Aber sie erkennt letztlich auch, dass es keine Lösung ihrer Probleme ist. Heutzutage könne Tattoos mittels Laser entfernt werden (allerdings sehr kostspielig). Alice im genannten Roman muss ihren Freund bitten, das Tattoo mit einer Glasscherbe zu entfernen. Tattoos sind Signale. Ein Schüler sagte mir, dass Tattoos Kraft signalisieren. Wer ein Tattoo trägt, der will sich unangreifbar machen.

Aristoteles (antiker Philosoph) hätte sich nur gewundert über solche Begründungen. Wie kann das Aussehen irgendetwas bewirken? Wer tapfer und klug ist, der braucht das nicht anzuzeigen im Aussehen. Er zeigt es in seinem Handeln. Wer gerecht und maßvoll ist, der braucht es nicht zu signalisieren. Er ist es durch sein Handeln.

Siehe auch:
Ich will anders sein als die anderen

tmd.

Kuscheltiere erlaubt

Vor 10 Tagen erzählte ich in diesem Blog zum Thema Mobbing ein typisches Beispiel: Ein Mädchen in der Unterstufe einer weiterführenden Schule wird von den anderen gemobbt, weil es noch mit Plüschtieren spielt.

Teddy in Fahrradkorb
Kuschel erlaubt – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Jetzt hat ein Beitrag in der regionalen Presse in Franken das Thema in ein neues Licht gerückt: Auch Erwachsene haben Kuscheltiere und bekennen sich dazu. Mehr noch: Erwachsene lassen sich mit ihren Kuscheltieren photographieren.

Also: Entwarnung bei allen Kindern, die ohne ihre diversen Kuschelkameraden nicht leben können. Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen eine Flut von Selfies mit Plüschtier gepostet werden.

Sind also Erwachsene in Gefahr. Droht ihnen die Infantilisierung?
Keineswegs! Es werden doch nur überholte Rollenbilder und Rollenzuschreibungen aufgegeben. Man kann das auch „Ballast abwerfen“ nennen. Eine aufgeklärte und entspannte Gesellschaft braucht das.

tmd.