Selbsterkenntnis: ein hartes Training

make it your way – Quelle: skeeze, Pixabay

Ein Kommentar zum Beitrag Identität: selbst gemacht, ist Anlass, genauer zu beschreiben, was wir eigentlich machen, wenn wir Identitätskonstruktion betreiben. Die Frage ist, wie kann ich Identität neu in mir „konstruieren“, und zwar nicht nur als Abziehbild zur sozialen Umwelt, wenn mir doch nur die alten Verhaltensweisen der Kindheit zur Verfügung stehen.
Noch genauer gefragt: Wie kann ich das Nachdenken über mich selbst in Gang bringen?
Und eine zusätzliche Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Die zweite Frage ist leichter zu beantworten. Das Nachdenken über sich selbst hat in der Philosophie Tradition. Es geht um Selbsterkenntnis. Das ist Selbstreflexion. Selbsterkenntnis hat zum Ziel, ein sittliches (moralisches) Leben zu führen. Ein moralisches Leben zu führen, das war Ziel des antiken Menschen, der meinte, dadurch glücklich zu sein.

Die Ausgangsfrage ist nicht leicht zu beantworten. Sich selbst in der sozialen Umwelt zu verorten und über sich selbst nachzudenken, setzt mit der Pubertät ein. Soziale Rollen zu übernehmen läuft ab nach dem Muster: Versuch und Irrtum. Jugendliche probieren neue Rollen aus und sehen, ob es funktioniert oder nicht. Vorgegebene Rollenmuster zu übernehmen ist grundsätzlich einfacher, als etwas neues für sich zu erfinden. Konstruktion ist es dann, wenn Jugendliche Teile von Rollen neu zusammenzustellen.

Wie wird dieser Prozess unterstützt?
Ein einfaches Mittel der Selbstreflexion ist Analyse der eigenen Stärken und Schwächen. Diese Methode eignet sich für das gesamte Leben. Im Berufsleben engagieren sich Erwachsene ein Psychologie-Coach. Jugendliche können sich ein Feedback von Lehrern, Freunden und Eltern holen.
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis setzt außerdem Zeitbewusstsein voraus. Nur ein Vergleich von vorher – nachher ermöglicht es, zu erkennen, dass man für sich selbst einen Lebensentwurf in die Zukunft verlängert.

Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion können dazu führen, dass man sich zum eigenen Baumeister seiner Identität erklärt.
Das muss aber nicht zwingend so sein. Der Kommentarschreiber weist zu Recht darauf hin, dass man in Krisensituationen auf altbewährte Handlungsmuster zurückgreift.

Identitätskonstruktion ist also letztlich von erfolgreichen Rollenspielen abhängig. Damit sind aber nicht diese dümmlichen Trockenübungen im Unterricht gemeint. Dort ist der Text bekannt, die Regieanweisungen sind übersichtlich. Dort wird nichts fürs echte Leben gelernt, weil die Realität eben anders funktioniert. Im echten Leben ist Identitätskonstruktion nämlich eher ein Pokerspiel mit echt miesen Karten.

tmd.

Identität: selbst gemacht

Selbstspiegelungen – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

„Ist Identitätsbildung ohne Eigenleistung, also ohne Identitätskonstruktion möglich?“, bin ich kürzlich von einer Schülerin gefragt worden. Die Frage ist berechtigt.
Identität und Identifizierung sind Begriffe, die in der 7. Klasse (G8) bereits erarbeitet werden. Dabei ist Identität die Summe der sozialen Merkmale, die jemand besitzt, wie Alter, Geschlecht, Herkunft usw. Identifizierung ist die emotionale Gleichsetzung mit einer anderen Person. Du willst so sein wie ein anderer.

Identitätsbildung ist also in der Tat ein Prozess, der auch passiv ablaufen kann. Du orientierst dich an Vorbildern, die auch von deinen Freunden und Freundinnen bevorzugt werden. Die meisten Menschen beginnen sehr spät damit, sehr eigene Entscheidungen bezüglich ihrer Rolle zu treffen, also wie sie sich selbst sehen und gesehen werden wollen. Damit allein ist „Individualität“, also Unvergleichbarkeit, möglich.

Viele Jugendliche in der Pubertät sehen auch die Nachteile von eigenverantwortlicher Identitätskonstruktion. Schnell wirst du damit zum Außenseiter oder Sonderling.

Was ist dann aber ausschlaggebend dafür, dass manche Jugendliche den Weg in eine selbst konstruierte Identität finden und andere ein Leben lang ein Abziehbild ihrer Umwelt bleiben?
Psychologen haben viel darüber nachgedacht und geforscht. Heute kann man den Grund einer selbst konstruierten Identität mit einem Begriff beschreiben: „Selbstwirksamkeit“. Du merkst, dass du dich im Vergleich zu früher verändert hast und siehst den Grund dafür in eigenen Entscheidungen.

Es gibt dazu zwei Merksätze, die ich verwende, um Identitätskonstruktion zu erklären.

  • „Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank schreibt das in ihrem Tagebuch. Du suchst und findest Veränderungen in deinem Leben in der Vergangenheit. Du vergleichst dich mit dir in der Vergangenheit. Nun kannst du entscheiden, ob du in Zukunft Veränderungen deiner Identität auch selbst steuern willst. Selbsterkenntnis ist das. Heutzutage nennt man das auch: Sich neu erfinden.
  • „Du sollst der werden, der du bist.“ Friedrich Nietzsche hat das geschrieben. Er meint, dass du dir einen Plan für dein Leben machen kannst und diesen dann verfolgst.

In beiden Fällen geht es darum, dass du feststellst, „selbst etwas bewirkt zu haben“. Das ist „Selbstwirksamkeit“.

Funktioniert das ohne Komplikationen?
Keineswegs! Es ist eigentlich ein sehr riskantes Spiel. Aber es ist auch sehr spannend. Sagen meine SuS.

tmd.

Sich ständig neu erfinden

Wer bin ich – Quelle: johnhain, Pixabay

Identität wird meist mit Vorbildern und der eigenen (bei Kindern kurzen) Biographie erklärt: Das bin ich! Man soll sich vorstellen, dass man einer anderen Person ähnlich sein will. Das ist zunächst Identifikation. Anschließend baut man Verhalten usw. dieses Vorbilds teilweise in das eigene Selbstbild ein. Auch hier kann man ein Bild zum Vergleich heranziehen: Die eigene Identität ist ein Mosaik aus vielen Personen, die man kennt. Genauso, wie man andere Menschen kopiert und sich deren Merkmale „zu Eigen“ macht, kann man auch die Mosaiksteine wieder aus der eigenen Identität entfernen: sich neu erfinden.

Nicht immer geht das problemlos. Es gibt Menschen, die haben sich ein derart festes Mosaik gebastelt, dass sie die eigene Identität nicht mehr verändern können. Sie bleiben in ihrer Entwicklung an irgendeinem Punkt hängen. Sie können nicht erwachsen werden oder nicht älter werden, natürlich nur psychisch, nicht biologisch/physisch.

Erwachsen werden und Identitätsfindung/Identitätsbildung ist also ein Prozess, der ziemlich heftig abläuft. Hier sollte man als Kind/Jugendlicher nichts dem Zufall überlassen. Also: Identitätsbildung und Erwachsen werden selbst steuern!

Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.
(Anne Frank, Tagebuch)

Am besten ist es, Tagebuch zu führen – im Computerzeitalter kann man das Teil auch Log-Buch nennen – und mit absolut vertrauenswürdigen Personen diese Zeit durchleben. Was hat Identitätsbildung mit Moral zu tun? Die moralischen Kompetenzen haben in den Jahren der Pubertät ihre Grundsteinlegung.

tmd.

Merkzettel: Soziale Rolle

Herde Schafe
Soziales Verhalten – Quelle: marybettiniblank, Pixabay

Eine soziale Rolle bündelt Leistungen und Erwartungen. Leistungen, die der Inhaber einer Rolle gegenüber anderen Menschen zu erbringen hat und Erwartungen, die von anderen Menschen an ihn gestellt werden.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig: Das, was von mir erwartet wird, das leiste ich. Das, was ich von anderen Menschen erwarte, das leisten sie mir gegenüber. Die Summe aller Leistungen, die ich erbringe, und die Summe aller Erwartungen, die ich stelle, das nennt man Leistungs- und Erwartungsbündel.

Merksatz: Eine soziale Rolle, das ist ein Bündel von Leistungen und Erwartungen.

Erwartungen, die an mich gestellt werden, erbringe ich, weil ich Sanktionen (Bestrafungen) fürchte. Gratifikationen (Belohnungen) erwarten mich, wenn ich die Erwartungen mit Leistungen bediene. Die Gratifikationen sind oft minimal, die Sanktionen erheblich. Leistungen, die ich erbringen muss, erbringe ich, weil ich Gratifikationen erwarte.

Merksatz: Gratifikationen und Sanktionen stabilisieren soziale Rollen.

Primäre und sekundäre Sozialisation (Erziehung) sorgen dafür, dass die Rollen unverändert bleiben. Dennoch verändern sich Rollen. Wer Sanktionen ertragen kann oder auf Gratifikationen verzichten kann, der kann soziale Rollen verändern. Man nennt das abweichendes Verhalten. Das abweichende Verhalten setzt voraus, das trotzt Verletzung der Erwartungen, der Handelnde von einigen Menschen keine Sanktionen oder sogar Gratifikationen zu erwarten hat.

Merksatz: Nicht angepasstes Verhalten kann soziale Rollen verändern.

Wer mit seiner Rolle in der Gesellschaft nicht zurecht kommt, der leidet an der Gesellschaft. Das wird nur verhindert, wenn man verantwortlich Distanz zu seiner Rolle herstellen kann. Distanz heißt: Erkennen, dass Rollen zwar übernommen werden (role taking) aber auch gemacht werden (role making). Role making sorgt für den Wandel sozialer Rollen.

Merksatz: Moralisch Handeln heißt auch: Soziale Rollen verändern, wenn Menschen unter der Rollenzuschreibung leiden. Diese Veränderung setzt allerdings auch Eigenverantwortung voraus.

Das Leiden an der Gesellschaft, das sind die Symptome gesellschaftlichen Leidens. Moralisch Handeln heißt, dieses Leiden beenden.

tmd.

Am Nasenring der Mode – Über Tattoos und Körperschmuck

Verantwortung für den eigenen Körper? Ist das ein moralisches Problem, eine Frage der Ethik? Menschen, die an Gott glauben, können diese Frage schnell und sicher beantworten. Wer sich von Gott geschaffen nach dessen Ebenbild sieht, geht mit diesem von Gott geschenktem Körper pfleglich um. Sollte man zumindest meinen.

Worauf können aber nicht-glaubende Menschen Bezug nehmen?
Die Wissenschaften, insbesondere die Soziologie und Psychologie, helfen hier weiter. Menschen als soziale Wesen sind nun mal auch ein Produkt ihrer Umwelt. Diese Umwelt ist zum Teil selbst gewählt oder hat einen fest im Griff. Anschaulich wird das an der Mode, nach der wir uns alle mehr oder weniger richten. Seit einiger Zeit ist es nun Mode geworden, die Körperhaut mit Tattoos zu verfremden und Körperschmuck zu tragen. Warum tun sich das Menschen an? Warum entstellen sie sich mit bunten Bildern, Nasenringen und nehmen dabei erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf? „Dazu gehören“ wollen, Geltung und Abgrenzung von den Anderen, Protest gegen das herrschende Schönheitsideal, Maskierung: das sind nur einige Gründe.

Tätowierter MAnn
Modeerscheinung Tattoo – Quelle: PinSharp, Pixabay

Das Phänomen Tattoo ist schichten- und millieuspezifisch gut abgrenzbar. Es kommt in der Unterschicht häufiger vor als in der Oberschicht. Das „Flagge zeigen“ (soziologischer Begriff) ist in niederen Milieus auf das Wir-Gefühl abgestellt. Bei Jugendlichen aus den sogenannten „bildungsnahen Schichten“ kommt es sehr viel seltener vor und ist reiner Protest. Wenn man schon sonst nichts vorzuweisen hat, wie schulischer Erfolg oder Freunde/innen, dann soll es wenigsten ein Tattoo sein. Jugendliche durchschauen diesen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang (so nannten das die Soziologen vor 50 Jahren) nicht immer. Aber: Wer will sich eigentlich freiwillig abhängig machen vom Diktat der Mode? Muss ich meine Haut schwer beschädigen, weil ein Tattoo bei den Freunden und Freundinnen gerade angesagt ist?
Muss ich einen Nasenring tragen, der sehr an ein Teil erinnert, das eine Kuh trägt? Man muss es nicht! Aber die Ablehnung ist schwer zu begründen gegenüber den Mit-SuS, die genau das zum Kriterium machen, dass man dazugehört.

Sehr viel problematischer ist es, das viele Jugendliche die „Ausflaggung“ brauchen, um sich selbst irgendwie gut zu fühlen. Nach dem Motto: Wenn ich erst ein Tattoo habe, dann bin ich erwachsen und fühle mich wohl.

In „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano versucht Alice (eine Hauptperson) genau das. Sie will anerkannt werden. Aber sie erkennt letztlich auch, dass es keine Lösung ihrer Probleme ist. Heutzutage könne Tattoos mittels Laser entfernt werden (allerdings sehr kostspielig). Alice im genannten Roman muss ihren Freund bitten, das Tattoo mit einer Glasscherbe zu entfernen. Tattoos sind Signale. Ein Schüler sagte mir, dass Tattoos Kraft signalisieren. Wer ein Tattoo trägt, der will sich unangreifbar machen.

Aristoteles (antiker Philosoph) hätte sich nur gewundert über solche Begründungen. Wie kann das Aussehen irgendetwas bewirken? Wer tapfer und klug ist, der braucht das nicht anzuzeigen im Aussehen. Er zeigt es in seinem Handeln. Wer gerecht und maßvoll ist, der braucht es nicht zu signalisieren. Er ist es durch sein Handeln.

Siehe auch:
Ich will anders sein als die anderen

tmd.

Kuscheltiere erlaubt

Vor 10 Tagen erzählte ich in diesem Blog zum Thema Mobbing ein typisches Beispiel: Ein Mädchen in der Unterstufe einer weiterführenden Schule wird von den anderen gemobbt, weil es noch mit Plüschtieren spielt.

Teddy in Fahrradkorb
Kuschel erlaubt – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Jetzt hat ein Beitrag in der regionalen Presse in Franken das Thema in ein neues Licht gerückt: Auch Erwachsene haben Kuscheltiere und bekennen sich dazu. Mehr noch: Erwachsene lassen sich mit ihren Kuscheltieren photographieren.

Also: Entwarnung bei allen Kindern, die ohne ihre diversen Kuschelkameraden nicht leben können. Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen eine Flut von Selfies mit Plüschtier gepostet werden.

Sind also Erwachsene in Gefahr. Droht ihnen die Infantilisierung?
Keineswegs! Es werden doch nur überholte Rollenbilder und Rollenzuschreibungen aufgegeben. Man kann das auch „Ballast abwerfen“ nennen. Eine aufgeklärte und entspannte Gesellschaft braucht das.

tmd.

Ich will anders sein als die anderen

Jugendliche Gegenwelten sind ein Thema der Soziologie und auch der Psychologie spätestens seit es die Wandervogelbewegung am Anfang und die Halbstarken in der Mitte des letzten Jahrhunderts gab. Merkmale jugendlicher Gegenwelten sind: Kleidung, Lebensstil, Musik und Sprache.
Mit diesen Merkmalen will sich jede Alterskohorte von der vorhergehenden abgrenzen.

Abgrenzung durch Kleidung gab es schon früher. Als J.W. v. Goethe seinen Werther veröffentlicht hatte, liefen auffallend viele junge Männer gekleidet wie die Figur Werther herum. Mit ihrer Kleidung signalisierten sie gleich mehrere Botschaften: habe Werther gelesen, habe ihn verstanden und will so leben wie die Figur. Die Zahl der Selbstmorde ging übrigens auch in die Höhe. Kleidung ist seitdem eines der wichtigsten Merkmale, sich von der Generation der Eltern abzugrenzen und innerhalb der eigenen Kohorte hervorzuheben. Man zeigt Flagge mit seiner Kleidung und sagt, wo man hingehört.

Allerdings ist dieses Merkmal zur Differenzierung den Merkmalsträgern zunehmend aus der Hand genommen worden von der Modeindustrie. Sehr einfach gesagt geht das so: Sobald sich ein Trend in einer Gruppe herausgebildet hat, sobald die Gruppe mit einer bestimmten Mode sich von den anderen abgrenzt, versuchen die Modemacher die neue Mode ins Prêt-à-Porter zu bringen.

Die Folge: Mode verliert immer mehr die Möglichkeit der Abgrenzung. Und ein weiterer Trend ist zu vermelden: Man will zu keiner Gruppe mehr gehören, man will quasi unsichtbar sein in einer Gesellschaft von Mode-Merkmalsträgern. Einheitsjeans, Basic T-Shirt, No-Name Boots: das ist die neue Mode, die Nicht-Mode. Klar, dass auch dieser Trend schon wieder vom Modemarkt besetzt wird.

Tätowierte Hände
Anders sein? – Quelle: Unsplash, Pixabay

Mit dieser Erkenntnis sind wir aber auch schon beim zentralen Thema der jugendlichen Gegenwelten. Es wird immer schwerer, sich durch Merkmale zu individualisieren. Die Versuche, Individualität durch Merkmalsübernahme herzustellen, laufen nämlich nicht nur bei Mode ins Leere. Auch der Lebensstil wird vom Markt besetzt. War das unterschiedliche stilvolle Wohnen eine Frage des Möbelhauses, das man ansteuerte, ist heute entweder überall dasselbe zu sehen oder sehr ähnliches. Konnten sich Jugendliche früher in ihrem eigenen Zimmer durch individuelle Möblierung abgrenzen, so ist das heute so gut wie nicht mehr möglich.

Man hat das Gefühl, dass sich Adornos Gedanken in der Anekdote Asyl für Obdachlose (Minima Moralia) flächendeckend durchgesetzt haben. Wenn aber bei jeder Generation der Wunsch besteht, sich abzugrenzen, welchen Weg gehen dann die Jugendlichen heute, wenn die einfache Differenzierung über Mode und Stil nicht mehr ohne weiteres gangbar ist?

Jugendliche suchen sich die Nischen, die vom Markt nur schwer verwertbar sind, die vom Markt nicht zu Geld gemacht werden können. Es sind die alten Ideologien und Weltanschauungen, die wieder interessant werden. Einem Guru oder Heilsprediger nachlaufen, der einem verspricht einmalig und einzigartig zu sein, einem Hassprediger zu folgen, der einem verspricht, zur auserwählten Gruppe der im Jenseits Lebenden zu gehören, das sind die Refugien der nach Individualität Suchenden. Hier hilft wie so oft nur Aufklärung. Genau das mache ich hier im Ethik-Blog.

tmd.

Transidentität

Ein Thema ist in der Kategorie Jugendbuch angekommen: die Transidentität. Lisa Williamsons Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“ und „George“ von Alex Gino sind nur der Auftakt gewesen. Jetzt hat die Wochenzeitung DIE ZEIT nachgelegt mit einem Bericht über transidente Kinder: „Das ist kein Spleen“, Nr. 47, 10. November 2016.

Im Schulunterricht könnten wir es – das Thema – finden, in Biologie. Unverzichtbar ist Transidentität jedoch im Fach Ethik. Im Moralunterricht gehört es zum Thema Erwachsenwerden. An bayerischen Gymnasien ist das der Fall in der 7. Klasse. Dort findet man aber bisher nichts zum Themenkomplex LGBT (Lesbian, Gay, bisexuel, Transgender).

Intersexualität
Gleich oder unterschiedlich – Quelle johnhain, Pixabay

Dort, wo sich Anknüpfungspunkte böten, werden sie nicht genutzt. Gemeint ist das Tagebuch der Anne Frank mit den entsprechenden Eintragungen vom 6. Januar 44 ff. Die Zahl der Kinder, die sich im eigenen Körper nicht zuhause fühlen nimmt zu, schreibt Martin Spiewak in DIE ZEIT. Mehr Mädchen als Jungs sind betroffen. Die Fachärzte nehmen die Sorgen und Wünsche ihrer jungen Patienten ernst. Problematisch ist die Umwelt der Kinder: die Gleichaltrigen, die Eltern, die Lehrer. Sie brauchen meist genau soviel Hilfestellung wie die betroffenen Kinder.

Warum ist das ein Thema für den Moralunterricht? Weil hier nach Meinung der Methodologen der geeignete Ort sein soll, um Empathie zu üben. Mitgefühl mit Mädchen, die eigentlich lieber Jungs sein wollen und umgekehrt.
Es geht hier aber nicht um einen spaßigen Kleiderwechsel nach dem Motto, wie fühlt man sich als Junge im Minirock. So stellen sich das die Methodologen wohl vor. Es ist aber kein gespielter Rollentausch, in dem Kinder sich die Vorteile des anderen Geschlechts herauspicken und genießen.

Es geht darum, dass der Aufbau einer eigenen Identität für transidente Kinder ein Höllentrip ist. Sie sollen sich eine entsprechende Rolle (als Mann oder Frau) aneignen. Das ist unter normalen Umständen schon für viele Jungs ein hoch riskantes Pokerspiel mit schlechten Karten auf der Hand. Es ist aber außerdem ein Wettlauf mit der Zeit, wenn es um eine Rolle geht, die sie einerseits zutiefst ablehnen, in die sie andererseits aber ohne medizinische Hilfe naturnotwendig „hineinwachsen“.

Mitgefühl für diese Kinder wird nur erzeugt durch Erklärungen, Gespräche, Aufklärung. Mitgefühl kann aber auch ganz pragmatisch so aussehen, wie es der ZEIT-Autor erzählt. Die Mitschüler akzeptieren in einem Fall den radikalen Rollenwechsel und – die Angelegenheit ist kein Aufreger mehr.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 5

Rollenfindung ist ein Pokerspiel mit vollem Einsatz, aber mit meist miesem Blatt.

Der moralische Aspekt sozialer Rollen wird sichtbar, wenn es um die Wertung verschiedener oder ähnlicher Rollen geht. Die Wertung ist jedoch nicht etwa ein Vorgang, den ich mir erlaube oder auch nicht. Die Wertungen von Rollen sind im Prozess der Sozialisation mit eingebaut und sind Teil der Rolle. Sozialisation heißt hier allgemein die Verinnerlichung von Normen, Werten und Regeln, sowie die damit verbundene Identitätsbildung. Damit wird die Frage beantwortet, wer bin ich eigentlich? (Die eher schizophrene Sicht, „wie viele“ man sei, diskutiere ich hier nicht.)

Die Schlüsselwörter dazu sind Rollenzuschreibung, Rollenübernahme und Rollengestaltung.

Die beiden ersten Begriffe stehen für einen passiven Umgang mit der eigenen Rolle, wobei die Zuschreibung mir praktisch keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten lässt, die Rolle zu übernehmen oder nicht. An eine Gestaltung der Rolle ist überhaupt nicht zu denken.
Rollengestaltung ist die aktive Funktion in der Sozialisation. Hier nutze ich das Spiel mit Leistungen und Erwartungen. Dabei muss ich die Erwartungen der Mitmenschen vorsichtig enttäuschen und verändern.
Beispiele: Vor 50 Jahren war es selten, dass sich Väter um die Kinder gekümmert haben. Über die Rolle des „Hausmanns“ wurden in den Geisteswissenschaften Diplomarbeiten geschrieben mit Fallstudien. Solche Männer mussten sich gegen die Erwartungen der anderen Männer, aber auch der Frauen durchsetzen. Rollengestaltung, -zuschreibung und -übernahme sind Teile des Identitäsfindungsprozesses. Das heißt, sie sind keine Spielerei, auch wenn in Anlehnung an Goffman von Rollenspiel die Rede ist.

Spielkarten mischen
Die Karten werden gemischt – Quelle: 955169, Pixabay

Für Kinder und Jugendliche ist die Rollenfindung eine Angelegenheit, bei der mit vollem Einsatz gespielt wird. Es gibt zwar „Versuch und Irrtum“, aber jeder Irrtum wird brutal sanktioniert – insbesondere von den Gleichaltrigen. Nur so ist das Verhalten von Kindern in der Pubertät angemessen einzuordnen. In dieser Phase des Lebens wird „hoch gepokert“ – meist mit einem echt „miesen Blatt“. Aber hier geht es eben auch um Rollengestaltung. Ein hoch riskantes Unternehmen ist das.
Der Film „TomBoy“ von Céline Sciamma zeigt die Suche nach der eigenen Identität sehr einfühlsam. Er zeigt aber auch die Hilflosigkeit der Erwachsenen und erst recht die der Kinder bei und in diesem Prozess.
Gleiches Lob gilt der von Lisa Williamson geschriebenen Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“. Eine Transgender-Geschichte, die zeigt, wie brüchig und riskant Identitätsbildung ist.

Selbst der Umgang mit Literatur zu dem Thema zeigt die Unsicherheit der Jugendlichen. Das Angebot (im Unterricht), „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz zu lesen und darüber zu berichten, wurde von Jungs abgelehnt, nur die Mädels waren neugierig, mehr über die Freundschaft zweier Jungs zu erfahren. Eine mögliche Erklärung: Mädchen erleben die Phase des Transits als Erweiterung und Bereicherung ihrer Rolle. Jungs sehen sie eher als Bedrohung ihrer phantasierten Männlichkeit.

Damit ist die Serie „Wir alle spielen Theater“ abgeschlossen.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 4

Erving Goffman hat in seinem Klassiker der Soziologie „The Presentation of Self in Everyday Life“ den Vergleich mit dem Theater aufgemacht. Verwendet man diese Perspektive, dann gibt es einen „Nicht-Spieler“ eigentlich nicht. Denn Menschen müssen Rollen annehmen und verwenden, weil es außerhalb von Rollenübernahme kein soziales Zusammensein gibt. Erwartungen, die wir an andere stellen, Leistungen, die wir für andere erbringen, das ist der „Kitt der Gesellschaft“.
Aber Goffman kannte die philosophische Diskussion um die Frage, ob es hinter den Rollenmasken einen „eigentlichen“ Menschen gibt. Einen, der echt und unverstellt ist.

Goffman löst das Problem damit, dass er das „Aussteigen“ aus einer Rolle nicht als die Ausnahme, sondern als die Normalität beschreibt.
Wir alle wechseln ständig die Rollen. Wir sind Arbeitnehmer, Eltern, Freunde, Kameraden usw. Das Besondere daran ist, wir können schwerlich zwei Rollen parallel spielen. Ich will das an einem einfachen Beispiel erklären.

Der Kabarettist Matthias Riechling spielte in seinen Sketchen häufig zwei verschiedene Personen, die miteinander im Gespräch waren. Dabei schlüpfte er jeweils in die eine oder andere Rolle der beiden Gesprächspartner und zeigte den Wechsel seinem Publikum an, indem er Gestik, Sprache und Mimik auffällig veränderte. Er hat seinen Rollenwechsel also angezeigt, signalisiert. Und: Sein Publikum machte mit, es spielte die Rolle des Publikums. Genau das wird von ihm erwartet.
Das lässt sich auf das Alltagsleben übertragen. Wir spielen eine bestimmte Rolle vor einem bestimmten Publikum. Spielen wir die falsche Rolle (eine, die zu einem anderen Publikum passt), dann reagiert das Publikum mit Sanktionen.

Wie verhält es sich nun mit dem „Nicht-Spieler“. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten.

  • Der Nichtspieler fällt buchstäblich „aus der Rolle“. Das heißt, wir haben bestimmte Leistungen von ihm erwartet, die er nicht erbringt. Er hat die Spielregeln verletzt. Sanktionen sind die Folge, wenn er nicht in seine Rolle zurückkehrt oder eine andere, vom Publikum akzeptierte, Rolle einnimmt.
  • Der Nichtspieler signalisiert seinem Publikum, dass er die von ihm erwartete Rolle verlassen wird. Seine Ankündigung ist: „Ich spiele jetzt eine andere Rolle.“ Beispiele sind: der Schauspieler, der Provokateur, der „ich bin dann mal weg“-Typ.

Was sehen wir? Auch der Nichtspieler übernimmt wieder eine Rolle, im für ihn günstigen Fall eine neue Rolle oder eine Rolle, die eine andere Rolle stark verändert, wobei das Publikum mitspielt. Im Falle des „ich bin dann mal weg“-Typ wurde aus der Rolle des „Nicht-Mitspielers“ eine vom Publikum voll akzeptierte neue Rolle. Das ist ein Fall von erfolgreicher Rollengestaltung.

tmd.