Vergesellschaftung und Moral

Ich bin gefragt worden, was Vergesellschaftung und Gesellschaftstheorie mit Ethik zu tun haben. Die Frage ist berechtigt. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau lässt das Ziel der Aufgabe in den Hintergrund rücken. Zuweilen vergisst man, weshalb und warum man sich mit den Theorien beschäftigt. Außerdem gibt es etliche Literatur zum Thema, in der genau der moralisch Aspekt ausgeblendet ist.
Deshalb hier eine kurze Anmerkung zu Vergesellschaftung und Moral.

Rousseau und Hobbes sind der Meinung, dass die Menschen eine politische Ordnung nur mittels eines Vertrages herstellen können. Dazu gebrauchen sie außerdem ihre Vernunft. Ohne Vernunft geht also gar nichts bei den Vertragstheoretikern. Ohne Vertrag würden die Menschen im sogenannten Naturzustand weiterleben oder in einem Zustand, der sich „naturwüchsig“ aus den vorhandenen Menschenrechten (Freiheit und Gleichheit) entwickeln würde.
Hier zeigt sich, dass Hobbes und Rousseau nicht mehr die antike Vorstellung hatten, dass sich die Menschen als „politische“ Wesen ohne eigenes Zutun zu einem Staat zusammenschließen würden.
Also: Die antiken Menschen haben immer in politischen Verhältnissen gelebt, meinten sie. Sie mussten sich nur noch darum kümmern, dass es die „richtige“ politische Ordnung sei. Richtig war die politische Ordnung dann, wenn es eine „gute“ Ordnung war. Die Probleme, die sich dadurch ergaben, sind hier im Blog bei Platon, Sokrates und den Sophisten beschrieben.

Fotomontage, Gesichter
Aspekt Menschenbild – Quelle: geralt, Pixabay

Die politische Philosophie der Neuzeit hatte also ein doppeltes Problem.

  • Erstens: Sie musste eine politische Ordnung herstellen durch Vertrag und dabei auf das jeweilige Menschenbild achten bzw. es beim Vertragsentwurf berücksichtigen.
  • Zweitens: Sie mussten beim Vertragsentwurf darauf achten, dass die politische Ordnung eine „gute“ Ordnung sei.

Bei Hobbes ist die Ordnung die richtige, die Sicherheit herstellt. Bei Rousseau ist es die Freiheit und (!) die Gleichheit der Bürger das Kennzeichen der guten Ordnung.

Nicht vergessen darf man, dass alles von der Vernunft des Menschen abhängig war. Nicht bedacht wurde dabei, dass sich die Vernunft auch recht willkürlich verhalten kann. Erst Immanuel Kant hat sich Gedanken gemacht, wie man die Vernunft vor Willkür schützen kann.
Vergesellschaftung ist also gar nicht so einfach. Die Vernunft muss den Menschen im Blick haben und versuchen zu verstehen, wie er „funktioniert“. Die Vernunft muss aber auch die mögliche politische Ordnung im Blick haben und fragen, ob es eine richtige, die „gute“ Ordnung ist. Das ist die Frage nach der Moral.

tmd.

Freiheit und Gleichheit: Jean-Jacques Rousseau

einsames Wesen
Freiheit – Quelle: StockSnap, Pixabay

J.J.R. will mit seinem Gesellschaftsvertrag eine politische Ordnung herstellen, in der Freiheit und Gleichheit gewährleistet sind.
Er beginnt damit, dass er grundsätzlich nach Legitimation von Herrschaft fragt. Zu seiner Zeit gab es drei Arten von Legitimation: Herrschaft von Gottes Gnaden, Naturrecht und ein Gesellschaftsvertrag. Gesellschaftsvertrag meint: die Bürger eines Landes schließen einen Vertrag, in dem die Herrschaft geregelt ist.
Herrschaft von Gottes Gnaden erwähnt er in seinen Überlegungen nicht. Das Naturrecht würdigt er, indem er Freiheit und Gleichheit als naturgegebene Rechte eines jeden Menschen bestimmt. Aus diesen Naturrechten lässt sich aber keine Herrschaft ableiten.
Warum ist das so?
J.J.R. hat ein bestimmtes Menschenbild. Der Mensch ist ein Einzelgänger, der den anderen Menschen besser aus dem Wege geht. Er ist frei und unabhängig und will es bleiben. In diesem Naturzustand kann der Mensch aber nicht überleben. Er ist in der Natur nicht überlebensfähig. Alle anderen Lebewesen sind ihm eigentlich überlegen. Also muss er sich mit anderen Menschen zusammenschließen, um sich zu schützen gegen die übermächtige Natur. Dieser naturwüchsige Zusammenschluss funktioniert jedoch nur in der Familie. Dort sind die Herrschaftsverhältnisse angebracht. Sobald aber der Mensch alt genug und vernünftig ist, braucht es eine andere Herrschaftsform. Es braucht eine Herrschaftsform, in der Gleichheit und Freiheit des Menschen gewährleistet sind. Das ist der Gesellschaftsvertrag.
Überlässt man es dem Zufall, dann wird die Vergesellschaftung zu einem Gefängnis für die meisten Menschen. Sie leben in Unfreiheit und sind nicht mehr gleich, weil sich einige Menschen mehr Rechte nehmen und die anderen Menschen beherrschen.
Nachdem J.J.R. diese Überlegungen abgeschlossen hat, geht es darum, einen Vertragsentwurf für einen Gesellschaftsvertrag zu machen, der den Menschen Schutz vor der übermächtigen Natur bietet, aber gleichzeitig auch Freiheit und Gleichheit herstellt.
J.J.R. sagt, alle Menschen haben dieses Ziel, nämlich frei und gleich zusammen zu leben. Im Vertrag muss also stehen, dass die Vertragschließenden, wenn sie vergesellschaftet sind, alle die gleiche Freiheit haben sollen.
Damit sie aber wirklich gleich sind, müssen sie mit dem Vertragsschluss ihre bisherigen Rechte auf individuelle Freiheit abgeben. Dafür erhalten alle Menschen die gleiche Freiheit, die im Vertrag zugesichert ist und die individuelle Freiheit ersetzt. Alle Bürger haben jetzt die „gleiche Freiheit“.

tmd.

Kinder als Riesen und Erwachsene als Zwerge

Kinder als Riesen geboren – zu Erwachsenen geschrumpft

Kürzlich habe ich einige Zeilen eines deutschen Liedermachers gelesen. Dort heißt es in etwa, dass Kinder als Riesen geboren und im Laufe der Erziehung zu Erwachsenen geschrumpft werden. Der Gedanke, der dahinter steht ist: Kinder sind insgesamt in Ordnung, aber wir, die Erwachsenen, machen sie zu Zwergen, weil wir selbst schon (durch Erziehung) verzwergt sind. Das klingt zunächst pädagogisch mitreißend und unheimlich verständnisvoll. Ach, die lieben Kleinen. Doch Vorsicht! Was ist das für ein Menschenbild? Die Kinder sind ursprünglich „echt“ und „unverstellt“. Das ist die Hoffnung bzw. die Annahme, die hinter dem Gleichnis mit den Schrumpfriesen steht. Sofort fällt einem dabei Matthäus 18:3 ein: Wenn ihr nicht (…) werdet, wie die Kinder.

Jean-Jacques Rousseau oder Thomas Hobbes

Dieses Menschenbild ist nicht neu. J.J.R. ist davon ausgegangen, dass der Mensch von Natur aus gut und friedlich ist. Erst die Kultur, die Erziehung nimmt ihm seine wirkliche Identität. Erziehung ist an allem Schuld. J.J.R war ein Einzelgänger. Nur so ist sein Menschenbild verständlich. Thomas Hobbes (das ist der andere Vertragstheoretiker, den man in Ethik an bayerischen Gymnasien kennenlernt) hatte da eine andere Meinung. Seine Meinung, die eher der eines erfahrenen Streetworkers in Europas Metropolen gleicht, ist da etwas realistischer. Menschen sind egoistisch und streitbar. Damit sich die Menschen nicht gegenseitig umbringen, muss es jemanden geben, der Ordnung herstellt. Damit Kinder später am sozialen Leben teilnehmen können, müssen gelegentlich „Leitplanken“ gezogen werden, damit die „Kleinen“ nicht auf die schiefe Bahn geraten.

Zwerge & Riesen – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Vor diesem Hintergrund sieht das Gleichnis von den Schrumpfriesen und den Zwergerwachsenen anders aus. Ein Gedankenexperiment: Wie würde unsere Wirtschaft funktionieren, wenn an den Schaltstellen egoistische Streithansel oder sozial inkompetente Eigenbrötler sitzen würden? Gar nicht! Und was für eine Moral hätten wir, wenn wir Kleinkindern die Entscheidung diesbezüglich überließen?

Rolle als Maske oder Rolle als Identität

Philosophisch steht hinter dieser Frage nach Erziehung oder nicht, die Frage nach der Sozialen Rolle. Gibt es hinter der anerzogenen Rolle noch so etwas wie eine Person ohne Maske? Sozialpsychologen und Soziologen sind der Meinung, dass Menschen immer eine soziale Rolle spielen (müssen). Siehe hierzu auch die Blog-Beiträge: Wir alle spielen Theater.

Buchempfehlungen:
Ralph Dahrendorf: Homo Soziologicus.
Erving Goffman: Wir alle spielen Theater.

tmd.

J.J.R. als Politikbeobachter

Manchmal hilft es, in der schnelllebigen, hektischen Welt der Politik inne zu halten und einen Großmeister der politischen Philosophie zu befragen.
Dient die Politik den Bürgerinnen und Bürgern? Grundsätzlich ist das schon möglich. Politiker behaupten, dass sie für das Gemeinwohl tätig sind und den Gemeinwillen durchsetzen wollen – also das, was die meisten wollen. Aber in einem demokratisch-pluralistischen Politiksystem gibt es eben mehrere Parteien, die alle für sich reklamieren, dass sie genau das wollen – tätig sein für das Gemeinwohl und den Willen der Menschen.

Bundestag
Politik, ein Wettbewerb? – Quelle: LoboStudioHamburg, Pixabay

In demokratisch-pluralistischen Politiksystemen entscheidet der Wettbewerb, welche Partei das Gemeinwohl/den Gemeinwillen durchsetzt. Dazu passt, dass sich die Parteiprogramme einerseits immer ähnlicher werden, andererseits Polarisierungen helfen sollen, um Alleinstellungsmerkmale zu präsentieren und auf sich aufmerksam zu machen. Man will schließlich gewählt werden. Die angeführten Merkmale von Politik schließen nicht aus, dass es um das Gemeinwohl und den Willen der Menschen geht.

Was aber, wenn eine Partei abgewählt wird? Wenn der mündige und politisch kompetente Bürger einer anderen Partei den Auftrag gibt, das Gemeinwohl zu gestalten und den Gemeinwillen durchzusetzen? Jean-Jacques Rousseau kannte das Problem so nicht. Der Bürger entscheidet und will dabei seine Freiheit sichern. Das ist der Gemeinwille. Das wollen alle Bürger. Diejenigen, die nicht in diesem Sinne abstimmen, die sind verwirrt und irren sich.

Wie hätte J.J.R die Diskussionen nach der Wahl in NRW am letzten Sonntag beurteilt? Was die Torten- und Balkengraphiken der Meinungsforscher da im TV zeigten, das seien doch nur die vielen unterschiedlichen Ausprägungen des Gesamtwillens. Damit lässt sich keine an der Freiheit des Menschen orientierte Politik machen, würde er schlussfolgern. Wenn also eine Partei sich beklagt, dass sie nicht mehr gewählt wurde, dann hat sie nach J.J.R. nicht mehr für den Gemeinwillen gearbeitet, sondern für einen Teil des Gesamtwillens.

Völlig abwegig und überhaupt nicht zielführend würde J.J.R. es finden, wenn sich Parteien, nachdem sie abgewählt wurden, zusammen fänden, um eine künstliche Mehrheit zu bilden – nämlich aus mehreren Gesamtwillen -, die dann gegenüber den Bürgern als Gemeinwillen präsentiert wird. Es ist nur verständlich, warum J.J.R. die repräsentative Demokratie ablehnte.

tmd.

Auf einen Blick: Jean-Jacques Rousseau

Freiheit, Gleichheit…
Freiheit, Gleichheit… – Quelle: WikiImages, Pixabay

Jean-Jacques Rousseau will mit einem Gesellschaftsvertrag Freiheit und Gleichheit der Bürger sichern. Der Gesellschaftsvertrag soll aber auch Herrschaft legitimieren. Legitimiert wird Herrschaft nur durch die Bürger und durch solche Gesetze, die von den Bürgern in freier Wahl beschlossen werden. Gleichheit wird nur gewährleistet, wenn alle Bürger gleiche Rechte und Pflichten haben.

Freiheit wird nur gewährleistet, wenn jeder Bürger nach dem Menschenbild leben kann, das Rousseau folgendermaßen beschreibt: Der Mensch ist grundsätzlich ein einsamer Naturbursche, der seine Freiheit genießt. Er schließt sich nur deshalb mit anderen Menschen zusammen, weil er in der Natur allein nicht überleben kann.

Das Zusammenleben (Vergesellschaftung) mit anderen Menschen darf aber nicht zu Lasten der Freiheit gehen. Die Freiheit des einsamen Naturburschen muss also gewährleistet sein. Das funktioniert nur, wenn jeder Bürger bei Wahlen im Interesse für seine Freiheit stimmt. Rousseau geht davon aus, dass immer die Mehrheit im Sinne der Freiheit des einzelnen Bürgers abstimmen wird. Die Minderheit hat nicht die Freiheit im Sinn. Sie irrt. Die Mehrheitsmeinung ist der Gemeinwille. Der muss auch gegen den Willen der Minderheit umgesetzt werden. Rousseau berücksichtigt in seinem Modell der Vergesellschaftung nicht Populismus und Diktatur. Sein Gesellschaftsmodell eignet sich, Diktaturen als Demokratien zu verkleiden.

tmd.

Ich bin dafür, dass ich dagegen bin.

Kreuz machen, wählen
Abstimmung – Quelle: ulleo, Pixabay

Bürgerentscheide sind eine feine Sache, würde Jean-Jacques Rousseau sagen. Man bekommt Post von seiner Gemeinde und wird eingeladen, eine politisch wichtige Entscheidung zu treffen. Nicht etwa der Gemeinderat oder Stadtrat entscheidet. Der Bürger/die Bürgerin entscheidet souverän. Er ist ja auch der Souverän.

Die Begeisterung des philosophisch ernstzunehmenden Verfechters der direkten Demokratie wäre allerdings schnell getrübt. „Warum wird so sonderbar gefragt“, würde er anmerken. Recht hat er! Je nachdem, wer die Entscheidung vorantreibt, der erwartet ein JA. Wer dagegen ist, kann mit NEIN stimmen. So ist das bei der direkten Demokratie. Kompromissentscheidungen gibt es nicht.

Nun kommt es aber nicht selten vor, dass diejenigen, die ein JA von den Bürgerinnen und Bürgern (wann, bitte, kommt endlich die Abkürzung BuB, analog zu SuS in Gebrauch) erwarten, eigentlich gegen etwas sind. Beispiel: Wollen Sie, dass die Landesgartenschau weiter geplant wird, dann müssen Sie mit NEIN antworten.

Also: Wenn man für etwas ist, dann muss man dagegen stimmen.

Wer sich auch nur ansatzweise mit Umfrageforschung beschäftigt, der reibt sich die Augen. Und Rousseau, der solche Abstimmungen eigentlich für die Lösung von politischer Legitimation durch Verfahren hielt, der würde sich wohl abwenden und enttäuscht in seinen Privatlandschaftsgarten von Ermenonville zurückziehen.

tmd.

Merkzettel: Jean-Jacques Rousseau

J.J.R. fragt nach der Legitimation von Herrschaft. Herrschaft von Gottes Gnaden diskutiert er nicht. Das schließt er aus. Das Naturrecht erwähnt er kurz. Übrig bleibt der Gesellschaftsvertrag. Nur durch einen solchen Vertrag wird Herrschaft hergestellt, die legitim ist. Was soll der Gesellschaftsvertrag bewirken? Er soll die Freiheit und die Gleichheit der Bürger gewährleisten. Wo ist das Problem? Wenn alle Menschen gleich sind und auch frei handeln können, dann müssen sie den gleichen Willen zum Handeln haben. Sie müssen dasselbe wollen und erstreben. Ansonsten gibt es nur Mord und Totschlag. (siehe Hobbes)

Die Menschen verfolgen aber unterschiedliche Ziele. Was tun? J.J.R. meint, dass die Menschen deshalb unterschiedliche Ziele verfolgen, weil sie durch Kultur und Erziehung falsch sozialisiert sind. Wieso das? Menschen sind grundsätzlich Einzelgänger, behauptet J.J.R. In der Natur würden sie aber als Einzelgänger untergehen. Denn sie sind absolut friedlich. Also schließen sie sich zusammen. Dieser Zusammenschluss ist aber missglückt. Die Menschen haben dabei ihre Freiheit verloren und sind auch nicht mehr gleich. Ein neuer Gesellschaftsvertrag muss her, der die Besonderheiten des Menschen berücksichtigt.

Gesellschaftsvertrag
Verträge, die verbindlich sind – Quelle: stevebp, Pixabay

Der Gesellschaftsvertrag bei J.J.R. soll den Menschen die Möglichkeit geben, nur die Ziele zu verfolgen und nur solche Gesetze zu machen, die der einzelne Bürger wirklich will. Dabei steht die Wahrung der Freiheit und Gleichheit im Vordergrund. Wenn es also zu Abstimmungen im politischen Prozess kommt und jeder unbeeinflusst von den anderen Bürgern seine Meinung abgibt, dann kann das nur der Gemeinwille sein. Den erkennt man daran, dass die Mehrheit diesen Gemeinwillen hat. Die Minderheit muss sich diesem Willen anpassen. Der Gemeinwille kann in dieser Form nur in kleinen politischen Gemeinden ermittelt werden. Grundsätzlich dürfen die Bürger in diesem Gesellschaftsmodell nicht politisch von anderen vertreten werden. Das entspricht dem sogenannten imperativen Mandat. Der Mandatsträger ist an den Wählerwillen gebunden.

J.J.R. schließt außerdem die politische Information und Diskussion aus. Das verfälscht den Wählerwillen. Unterschiedliche Meinungen repräsentieren nur den Gesamtwillen.

Das politische System, das J.J.R. vorschwebt, ist blind gegenüber Lobbyeismus, Demagogie und Diktatur. Im Gesellschaftsvertrag ist eine unlösbare Spannung aufgebaut zwischen Freiheit und Gleichheit. Beides ist nicht gleichzeitig zu verwirklichen, ohne den Menschen aus der Gesellschaft zu vertreiben. Wenn die Grenzen der eigenen Freiheit die Freiheit der anderen Bürger sind, dann hat zwar jeder eine gleiche Freiheit, aber nicht die, die er vielleicht haben wollte. Das System funktioniert nur, wenn die Menschen diesem Umstand nicht bemerken.

Ausführliche Beiträge zum Thema in diesem Blog unter dem Schlagwort Rousseau.

tmd.

Radikale Demokratie in den USA?

Freiheitsstatue, Amerika
Freiheit? – Quelle: Ronile, Pixabay

In der Antrittsrede des neuen Präsidenten der USA finden wir diese Sätze:

„Denn heute übergeben wir die Macht nicht nur von einer Regierung an die andere oder von einer Partei an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück.

Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die in ganz Amerika zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist euer Land.

Worauf es wirklich ankommt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung führt, sondern ob unsere Regierung vom Volk geführt wird. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem das Volk wieder zu den Herrschern dieser Nation wurde.“

Das ist radikale Demokratie. J.J.R. wäre begeistert.
Werden die USA zum Vorbild?

tmd.

Zwischen Freiheit und Diktatur – Zur Rettung der politischen Philosophie von J.J.R.

Jean Jacques Rousseau gehört zu den politischen Philosophen, die leider immer wieder – besonders in Prüfungsvorbereitungen – auf einige Schlagworte reduziert werden. Bei J.J.R. ist das der Naturzustand, der Gesamt- und der Gemeinwille. Meist soll dann noch ein Vergleich zu Hobbes hergestellt werden, und das war es dann. Was dabei raus kommt, ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Da könnte man auch die „Adler“, Deutschlands erste Dampflokomotive, mit einem Intercity vergleichen.
Es wird so getan, als ob unsere SuS nicht selbst denken können.
Das schematische Vergleichen, um damit irgendwelche abstrusen Prüfungsfragen zu entwickeln oder Folien mit Tabellen zu produzieren, führt dazu, das J.J.R. – genauso wie Hobbes – zur Lachnummer der politischen Philosophie verkommen.

Das ist alles nur noch bedauerlich und peinlich zugleich. Das Erkenntnisinteresse von J.J.R. rückt dadurch vollkommen in den Hintergrund.

Und: Das hat J.J.R. nicht verdient. Er hat mit Thomas Hobbes und David Hume, (der aus unerfindlichen Gründen, im Lehrplan nur eine Nebenrolle spielt, aber doch so wichtig wäre), dafür gesorgt, dass Kant – unser deutscher Großmeister – weiter machen und denken konnte.
Bei J.J.R. stehen also das Gedankenexperiment zum Naturzustand des Menschen, sein Menschenbild und das Suchen und Finden des Gemeinwillens im Vordergrund. Daran kann man sich dann abarbeiten und viel Ungereimtes finden, Sonderbares und Widersprüchliches. Letztlich hat man den Eindruck, dass da vieles noch nicht richtig durchdacht war.

Das stimmt einerseits, weil J.J.R. sich über Umsetzung des Gemeinwillens nicht die wirklich letzten Gedanken gemacht hat. Andererseits hat er in seinen Schriften vermerkt, dass manches wohl nicht so funktionieren wird, wie erdacht.

Was also tun? Klarheit schaffen!

Ich will also genau das versuchen. Als Grundlage dienen meine früheren Beitrage zu J.J.R. in diesem Blog. Es gibt einen Absatz aus seiner Schrift „Der Gesellschaftsvertrag“, der wohl in den meisten Ethikbüchern abgedruckt ist. Den sollte man aber auch aufmerksam lesen!

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. Wie hat sich diese Umwandlung zugetragen? Ich weiß es nicht. Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen? Diese Frage glaube ich beantworten zu können.“

Der Leitgedanke von J.J.R. ist: die Legitimation von Herrschaft.
Er schreibt: „Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen.“ Mit „ihr“ meint er die Herrschaft! Es geht nicht um Naturzustand, nicht um irgend ein Gedankenexperiment, es geht um Herrschaft, wer sie ausübt und wie der Mensch dabei seine Freiheit behält.

Herrschaft und die Kunst, frei zu bleiben – Quelle: geralt, Pixabay

Merke: Nur in diesem Punkt gibt es Vergleichsmöglichkeiten mit Hobbes und Kant. Der Vergleich ist aber beinahe trivial! Es gibt keine Unterschiede! Der freie und gleiche Bürger soll Herrschaft ausüben. Punkt! Nichts anderes! Und jetzt kommen die unterschiedlichen Begründungen, die natürlich historisch bedingt sind. Menschen versuchen das Gleiche mit unterschiedlichen Begründungen zu rechtfertigen. Mehr nicht!
Und darüber sollen dann Prüfungen geschrieben werden. Über eine Nebensache, die nur Wissenschaftshistoriker interessieren. Dort haben sie natürlich eine immense Bedeutung. Aber nicht beim Thema Moral im Ethikunterricht.

Hier geht es bei den drei Philosophen-Titanen um den Versuch, den Menschen in seine Rechte zu setzen. Nicht mehr Herrschaft von Gottes Gnaden oder durch vermeintliche Naturnotwendigkeit. Der Mensch ist frei und gleich! Was bei uns heute – leider – in Vergessenheit gerät, war für die drei Vor-Denker das Erkenntnisinteresse und ihr eigentliches Anliegen: Kann man Freiheit und Gleichheit im Paket retten? Gedankenexperimente über den Naturzustand dienen nur der Erklärung ihrer Lösungsvorschläge.

Freiheit oder Diktatur
Interessant für politische Philosophen ist das Spannungsverhältnis, das entsteht zwischen der Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Menschen einerseits und der politischen Willensbildung in einem Gemeinwesen, dem Gesellschaftsvertrag, andererseits. Ein Vertrag mindert in jedem Fall die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Ein Leben ohne Vertrag ist nur möglich in Einsamkeit und Lebensgefahr. Dann aber ist die Sicherheit des Menschen nicht gewährleistet. Das Spannungsverhältnis ist heute in unserer Demokratie aufgehoben (gerettet) in der Kompromissdemokratie. Es ist die Vermittlung von Einzelwille und Gemeinwille/Gemeinwohl. Der Gemeinwille ist dabei nie statisch, er ist ein dynamischer Prozess der Willensbildung. Dieses politische Spannungsverhältnis müssen wir ertragen. Wir sind nicht unumschränkt frei. Meine Freiheit endet am Grenzzaun der Rechte des Mitbürgers. Und wir sind nur rechtlich gleich, aber ansonsten sehr verschiedene Menschen. Der Vorschlag zur Vergesellschaftung von J.J.R. ist dabei ein Extremvorschlag. Er will Freiheit und Gleichheit ohne Verluste. Dadurch wird das Spannungsverhältnis aufgehoben und die Freiheit wird der Gleichheit geopfert. Das Ergebnis ist eine Diktatur.

tmd.

J.J. Rousseau: Ein Wille für alle

Jean-Jacques Rousseau (J.J.R.) schreibt im Gesellschaftsvertrag, 4. Buch, 1.Kapitel: „Solange sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und auf das allgemeine Wohlergehen bezieht.“ Ist das möglich, dass mehrere Menschen einen einzigen Willen haben? „J.J. Rousseau: Ein Wille für alle“ weiterlesen