Buchtipp: Als ich dich suchte

junge Frau im Regen
in mir suche ich nach dir – Quelle: Pexels, Pixabay

Grenzsituationen sind nicht lösbar im Sinne von „Alles wird gut“. Grenzsituationen sind ausweglos. Sie sind ein Dilemma im Quadrat. Beim Dilemma kann man wenigsten wählen zwischen zwei unangenehmen Alternativen. Egal, was man macht, es ist immer falsch. Aber man muss sich halt entscheiden und dann beginnen die Begründungsversuche. Wir kennen das von Kohlberg.
Aber Grenzsituationen lassen keine Begründungen mehr zu.

Nichts geht mehr.

Lauren Oliver hat anscheinend für solche Situationen eine gewisse Vorliebe. Hier im Blog habe ich „Wenn du stirbst, zieht das ganze Lebe an dir vorbei, sagen sie“ schon vorgestellt. Mit „Als ich dich suchte“ hat sie wieder eine Geschichte vorgelegt, die man unbedingt im Ethikunterricht lesen sollte. Sie passt zum Modul Sinnfindung in der 8. Klasse (G8) und dort in das Kapitel Grenzsituationen.
Es geht um die Schwestern Nick und Dara. Unterschiedliche Typen. Damit ist die Übersichtlichkeit in dem Roman auch schon beendet. Die Geschichte hat zwei Erzähler, die beiden Schwestern. Dann werden noch einige Dokumente in die Handlung eingebaut. Und es wird von einem Autounfall berichtet, bei dem Dara schwer verletzt wird. Und wir lesen, dass Dara den Freund ihrer Schwester geküsst hat.

Der Leser versucht irgendwie einen roten Faden in dem Buch zu finden. Es ist wie im richtigen Leben. Erst im Rückblick wird vieles klar. Ich habe – als ich die Story verstanden und rekonstruiert habe – zurück geblättert und nach den Wendepunkten und Anhaltspunkten gesucht, die den Blick auf die wirkliche Handlung verstellen. Lauren Oliver hat nichts verheimlicht. Alles ist schlüssig und logisch. Aber der Leser merkt es eben erst zum Schluss. Der Originaltitel „Vanishing Gils“ tut ein Übriges, um für Verwirrung zu sorgen.

Da dies ein Moral-Blog ist, steht die literarische Leistung von Lauren Oliver nicht im Vordergrund. Ich will diese Leistung aber dennoch nicht ungelobt lassen. Schließlich müssen Bücher, die für den Unterricht gelesen werden, besonders interessant und spannend sein. Sie müssen ein eigenes Erlebnis sein. Ansonsten beschweren sich die SuS.
In der Geschichte steckt ein psychologisch erklärbares Problem, das Ergebnis einer Grenzsituation sein kann. Es geht um die Verarbeitung von Schuld.
Eine akademische Erklärung ist aber langweilend und die entsprechenden Textschnipsel in den Lehrbüchern sind es erst recht.

tmd.

Zwischen Individualität und Anpassung

Der moralische Aspekt des selbstbestimmten Leben ist einfach zu ermitteln. Es geht um die Normen und Werte, denen jemand folgen will. Im besten Fall sind diese Normen geeignet, das Zusammenleben der Menschen konfliktfrei zu gestalten.

Der sozial-psychologische Aspekt der Selbstbestimmung öffnet jedoch ein weites Feld. Individuell will jeder sein, aber dennoch auch dazugehören, also den anderen ähnlich sein. Gut wäre es, wenn es bei dem Hin und Her zwischen Individualität und Anpassung so etwas wie einen Mittelwert gäbe, der genau das ist, was beides bestens bedient. Das ist aber nicht so. Anpassung wird ausgelebt. Das ist Anpassung in Mode, Musik usw.

drei Frauen am Meer
Individuell bleiben – Quelle: Pexels, Pixabay

Freiheit ist das nur auf den ersten Blick. Es ist nur Freiheit unter der Bedingung der Gleichheit. Wir gewöhnen uns also immer mehr an eine Gleichheits-Freiheit: Freiheit als prêt-à-porter.
Erstaunlicherweise merken wir nur am Rande, dass sich die angebotene Freiheit von der Stange mit Regelmäßigkeit ändert. Ebenso interessant ist es, dass z.B. die Modezyklen ungebrochen weitergehen, aber gleichzeitig auch Moden konserviert werden.

Man kann einem Milieu angehören, dass nicht mehr aktuell ist, Kulturnischen bleiben bestehen, auch wenn die ursprüngliche Alterskohorte längs ausgestorben ist. Die Mode- und Kulturnischen stehen wie fahrende Händler inmitten der Gesellschaft und laden zur Einkehr ein.
Es ist ein Zeichen von Kompetenz, das möglichst bald zu durchschauen. Denn erst dann hat man so richtig Freude daran, frei das zu wählen, was andere auch wollen.

tmd.

Merkzettel: Sinnfindung

Der Sinn des Lebens ist eine Eigenleistung.
Sinn ist individuell.
Sinnfindung begleitet das gesamte Leben.
Merksatz: „Seinen Weg finden“, von Konstantin Kolenda.
Seinen = Individualität;
Weg = Kontinuität;
finden = Eigenleistung.

seinen Weg finden
Seinen Weg finden – Quelle: JESHOOTS, Pixabay

Jeder erfindet seinen Sinn des Lebens nicht neu. Wir alle bedienen uns an Antworten auf die Sinnfrage aus unserer Kultur.

  • Es gibt konventionelle Antworten, die den Sinn in Partnerschaft, Vergnügen, Wohlstand usw. sehen.
  • Es gibt philosophische Antworten, die sich mit Selbstverwirklichung und geistig-moralischer Weiterentwicklung beschäftigen.
  • Es gibt psychologische Deutungen, die Erwartungen und Bedürfnissen der Menschen untersuchen.

Sinnsuche und Sinnfindung hat besondere Bedeutung an sogenannten Wendepunkten des Lebens und in Krisensituationen/Grenzsituationen.
Wendepunkte sind z.B. der Übergang von Kindheit ins Erwachsenenalter – Pubertät.
Psychologen sagen, dass Jugendliche in dieser Zeit vier wichtige Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen:

  • Entwicklung von Autonomie und Ablösung vom Elternhaus
  • Identität und Geschlechtsrolle werden aufgebaut
  • Moralvorstellungen werden weiterentwickelt (Kohlberg-Schema)
  • Entwurf für die Zukunft des Lebens wird gemacht

Sinnkrisen und Grenzsituationen sind tiefe Einschnitte in das Alltagsleben. Dazu gehören: Tod, Leid, Schuld.
Sinnkrisen und Grenzsituationen werden bewältigt durch Selbsterkenntnis und Wahrheitsliebe. Hier ist wichtig, die Situation nicht zu verleugnen.

Selbsterkenntniss suchen
Sinnfindung ist Selbsterkenntnis – Quelle: Anemone123Pixabay

Zwei Philosophen lernen wir in diesem Zusammenhang kennen.
Karl Jaspers und Viktor E. Frankl.
Jaspers beschreibt Situationen wie schwere Krankheit, Sterben und Schuld als Grenzsituationen, in denen der Mensch mit seinem Alltagswissen nicht mehr weiter kommt. Das sind Aufgaben, für die er keine Lösung gelernt hat. Er kann ihnen nicht ausweichen. Er muss „sich neu erfinden“ und das „Scheitern“ akzeptieren.
Frankl rät, in solchen Situationen nicht egoistisch auf sich selbst zu schauen, sondern zu fragen, was die Mitmenschen von einem erwarten. Also: Haltung zeigen und Würde bewahren.

tmd.

Das Glück als Ziel des menschlichen Lebens

Das ist der Titel des ersten Buches der Nikomachischen Ethik. Damit benennt Aristoteles den Kern antiker Ethik: Glücklich sein.
Daran hat sich auch heute nichts geändert – an dem Streben nach Glück. Der Unterschied besteht darin, dass wir den Weg zum Glücklichsein nicht mehr direkt über das Einüben von Tugenden suchen. Wir wollen das Glücklichsein als Angebot, als eine Art Ware bestellen. Oder wir fragen, warum es nicht funktioniert – das mit dem Glücklichsein.
Die Untersuchung von Lebensläufen legt offen, dass es im Leben eines Menschen sogenannte Wendepunkte gibt, an denen viel kaputt gehen kann beim Streben nach Glück. Pubertät und Erwachsen werden sind solche Wendepunkte, aber auch das Altern und der Prozess des Sterbens. Kennt man solche Wendepunkte, an denen sich vieles verändert, dann ist man darauf vorbereitet, dass es Probleme gibt. Dann kann man also verhindern, durch diese Wendepunkte unglücklich zu werden.
Die Beispiele sind zahlreich: Schwierigkeiten in der Schule (plötzlich schlechte Noten), erste Liebe (die unglücklich endet), Probleme im Berufsleben (Mobbing) usw.
Die psychologischen Ratgeber sind voll von Lösungsmustern dazu. Was uns hier im Blog interessiert, das ist die Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Aristoteles und seine Ethik wurden schon genannt. Der antike Mensch will glücklich sein und ist es, wenn er gut ist.
Von dieser Maximalforderung ist heute übrig geblieben, dass sich an den Wendepunkten des Leben die Beurteilung der Welt und Wirklichkeit verändert. So die Aussage von Psychologen. Insbesondere in der Pubertät müssen Jugendliche neben einer eigenen Identität auch eigene Moralvorstellungen finden.
Es geht also um das Finden von eigenen Moralvorstellung. Nun ist es so, dass Moral nicht jedes mal neu erfunden wird. Orientierung gibt es in Schule und Familie.
Sehr viel schwieriger ist es mit dem Umgang von Sinnkrisen. Diese können den Menschen jederzeit treffen: ein schwerer Unfall, eine Krankheit, eine Trennung von lieben Menschen.
Hier ist wieder die Philosophie gefragt. Die bietet aber nur den beschwerlichen Weg der Selbsterkenntnis an. Es hat keinen Sinn, sich in Grenzsituationen selbst anzulügen, aufzugeben oder die eigene Verzweiflung auf anderen Menschen abzuladen.

alter Mann
Grenzsituation Lebensende – Quelle: Myriams-Fotos, Pixabay

Grenzsituationen sind solche, bei denen es keinen Ausweg mehr gibt: Tod, Leiden, Schuld. Der Philosoph Viktor Frankl meint, dass man auch in diesen Grenzsituationen einen Sinn finden soll. Man soll sich fragen: Was erwarten die Menschen von mir in dieser Situation? Was hilft den anderen? Diese Art der „Selbstdistanzierung“ hilft gerade in aussichtslosen Situationen.

tmd.

Ist der Weg wirklich das Ziel?

Trauer
vergeblich – Quelle: Counselling, Pixabay

Sinnfindung ist nicht die Übernahme fertiger Antworten auf die Sinnfrage. Sinnfindung ist ein Prozess, den ich selbst steuern kann und soll. Maßstab sind meine Erwartungen, die ich ans Leben stelle. Meine Erwartungen sind nicht unbeeinflusst von meiner sozialen Umwelt. Das kann ich bei der Sinnfindung berücksichtigen.
Eine Erwartung, die viele Menschen teilen, ist „glücklich sein“. Das Streben nach Glück wird dabei in den Vordergrund gestellt. Ist man nämlich erst mal glücklich, dann beginnt wieder das erneute Streben nach Glück.
Als Sinnspruch passt dazu: „Der Weg ist das Ziel“. Gemeint ist damit, das Tätigsein steht im Vordergrund.

Hält diese Gedankenfigur einer Prüfung in der Wirklichkeit stand?

Was soll jemand, der sich Jahre abgemüht hat für seinen beruflichen Erfolg, mit dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“ anfangen, wenn seine Bemühungen nicht erfolgreich sind? Wie fühlt sich ein Kind, dass jahrelang auf das Abitur hin gearbeitet hat, wenn es im Abschluss nicht gelingt? Es gibt noch viele Beispiele. Sie führen alle dazu, den Sinnspruch in Frage zu stellen.
Der Weg ist eben nicht das Ziel, wenn alles vergebens war. Es hilft den Betroffenen auch nicht weiter, wenn man ihnen sagt, dass sie durch die Niederlage an Persönlichkeit gereift sind. Darauf kann man gerne verzichten.

Und es gibt einen weiteren Aspekt, das Tätigsein nicht so hoch zu hängen. Das Gefühl des Glücks, der Zufriedenheit nach einem Erfolg ist eben auch vorhanden. Wer einen Ausbildungsweg abgeschlossen, einen Wettkampf gewonnen hat, der ist glücklich. Diese Augenblicke gibt es. Sie machen den Weg erst zu dem, was er ist. Es ist der Abschnitt vor dem ersehnten Glücklichsein.

Wir sollten also nicht voreilig solche Sinnsprüche nacherzählen, ohne sie durchdacht zu haben. Der Weg ist eben nur dann das Ziel, wenn das Ziel auch erreicht wurde.

tmd.

Welcher Mensch werde ich gewesen sein?

Smartphone
Wer werde ich gewesen sein – Quelle: geralt, Pixabay

Sinnfindung ist eigentlich Kern der antiken Ethik. Wie werde ich ein glücklicher Mensch? Das ist die Frage, die sich der antike Mensch stellte. Mit Moral hatte das insofern etwas zu tun, als der antike Mensch davon ausging, dass er dann ein glücklicher Mensch sei, wenn er ein guter Mensch sei. Der Weg dorthin – zum Glück – lief über die Tugenden. Die musste man einüben.

Diese klare Methode zum Glücklichsein haben wir heute nicht mehr. Das beginnt schon damit, dass wir nicht mehr von Übungen reden, sondern nach Antworten auf die Sinnfrage suchen. Der Sinn im Leben ist dann nur etwas, dass ich einfach wissen muss und die Sache ist erledigt. Wenn es dann mit der Sinnsuche nicht funktioniert, dann ist fehlendes Wissen Schuld daran.

Den universell passenden Lebenssinn für jeden, den gibt es nicht.

Psychologen raten, den Sinn den eigenen Erwartungen ans Leben anzupassen. Wir müssen uns also erst einmal mit uns selbst auseinandersetzten. Sinnfindung ist Selbsterkenntnis. Psychologen sagen uns auch, dass sich der Sinn des Lebens im Leben ändern kann. Klar!, stimmen wir zu. Als Jugendliche hatten wir andere Ziele, als 40 Jahre später. Nur genau das – dass sich unsere Erwartungen ändern – klammern wir aus unserem aktuellen Leben aus. Die Frage im Futur II, „welcher Mensch werde ich gewesen sein?“, stellen wir uns nur selten bis nie.

Sinnfindung ist eine Angelegenheit, die wir eigentlich in absoluter Freiheit vornehmen sollten. Sobald wir fertige Lebensplanungen vorgesetzt bekommen, die nicht selbst konstruiert sind, sind wir nicht mehr frei und können damit eigentlich auch keine Verantwortung für unser Leben mehr übernehmen.

Anmerkung: Wenn ich jedoch davon ausgehe, dass mein Lebensweg schicksalhaft vorgegeben ist, dann brauche ich mir keinerlei Gedanken um Sinnfindung und Glück machen. Unter dieser Voraussetzung bin ich nicht mehr als ein ferngesteuerter Roboter. Nebenbei bemerkt: Aus der SF-Literatur wissen wir, dass auch KI-Wesen den Wunsch nach Freiheit und Emotionen hegen.

Freiheit und Verantwortung waren schon beim Erwachsenwerden ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden darf. Nur wenn ich frei entscheide, kann ich auch Verantwortung für mein Leben übernehmen. Um Freiheit und Verantwortung bei der Sinnfindung einzusetzen, braucht es wiederum die Vernunft. Vernunft verhindert, dass meine Freiheit in Willkür endet. Mein persönlicher Lebenssinn darf anderen Menschen nicht schaden.

Die Erwartungen, die ich an mein Leben stellen, muss ich mit meiner Leistungsfähigkeit vergleichen. Leistungen und Erwartungen sind auch so ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden kann.
Leistungen und Erwartungen zeigen, dass Sinn sehr individuell ist.

Selbstverständlich gibt es standardisierte Antworten, die sogenannten konventionellen Antworten auf die Sinnfrage. Diese Antworten orientieren sich aber an Mainstream und Mode. Und diese Antworten haben keine Lösungen anzubieten für die sehr individuellen Krisen im Leben.
Sinnfindung ist also eine sehr individuelle Angelegenheit.

tmd.

Sich ständig neu erfinden

Wer bin ich – Quelle: johnhain, Pixabay

Identität wird meist mit Vorbildern und der eigenen (bei Kindern kurzen) Biographie erklärt: Das bin ich! Man soll sich vorstellen, dass man einer anderen Person ähnlich sein will. Das ist zunächst Identifikation. Anschließend baut man Verhalten usw. dieses Vorbilds teilweise in das eigene Selbstbild ein. Auch hier kann man ein Bild zum Vergleich heranziehen: Die eigene Identität ist ein Mosaik aus vielen Personen, die man kennt. Genauso, wie man andere Menschen kopiert und sich deren Merkmale „zu Eigen“ macht, kann man auch die Mosaiksteine wieder aus der eigenen Identität entfernen: sich neu erfinden.

Nicht immer geht das problemlos. Es gibt Menschen, die haben sich ein derart festes Mosaik gebastelt, dass sie die eigene Identität nicht mehr verändern können. Sie bleiben in ihrer Entwicklung an irgendeinem Punkt hängen. Sie können nicht erwachsen werden oder nicht älter werden, natürlich nur psychisch, nicht biologisch/physisch.

Erwachsen werden und Identitätsfindung/Identitätsbildung ist also ein Prozess, der ziemlich heftig abläuft. Hier sollte man als Kind/Jugendlicher nichts dem Zufall überlassen. Also: Identitätsbildung und Erwachsen werden selbst steuern!

Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.
(Anne Frank, Tagebuch)

Am besten ist es, Tagebuch zu führen – im Computerzeitalter kann man das Teil auch Log-Buch nennen – und mit absolut vertrauenswürdigen Personen diese Zeit durchleben. Was hat Identitätsbildung mit Moral zu tun? Die moralischen Kompetenzen haben in den Jahren der Pubertät ihre Grundsteinlegung.

tmd.

Erwachsen werden und Sinnfindung

Buch mit Herz
Buchempfehlungen – Quelle: congerdesign, Pixabay

Sinnfindung und Lebensgestaltung sind Abiturthemen in Ethik. Die Vorbereitung dazu beginnt in der 7. Klasse mit dem Thema Erwachsen werden und in der 8. Klasse mit dem Thema Sinnfindung (G8). Die bunten Bilder und Textschnipsel einiger Lehrbücher verstellen dabei den Blick darauf, dass es bei diesem Thema um ein „dickes Brett, das zu bohren es gilt“, geht. Einige Texte in den Lehrbüchern sind sowohl ungeeignet, als auch Lichtjahre von der Wirklichkeit der SuS in den beiden Klassenstufen entfernt. Die entsprechenden Seiten in den Lehrbüchern kann man lesen, um die SuS zu erheitern, meist endet es jedoch in sprachloser Langeweile. Es ist nicht verständlich, warum im Moralunterricht das Lesen von Büchern so selten praktiziert wird.

Deshalb hier drei Buchempfehlungen.

Das erste Buch ist ein klassischer Roman zum Thema Erwachsen werden und Sinnfindung. Das Buch hat mir eine Schülerin aus einer 6. Klasse (!!) empfohlen. „Frankie“ von Carson McCullers. McCullers hat das Buch 1946 veröffentlicht. Frankie ist ein 12-jähriges Mädchen, das all die Turbulenzen beim Erwachsenwerden erlebt. Der sozialpsychologische Aspekt ist besonders hervorgehoben. Frankie merkt, dass sich Leistungen und Erwartungen, die an sie gestellt werden, ändern, dass sie die Veränderung aber auch selbst vorantreiben will. Sicher ist die Sprache in dem Roman nicht sofort eingängig, aber für leseerfahrene SuS ist das kein Hindernis.

Die beiden anderen Bücher bewegen sich zwischen dem Genre Jugendroman und Aufklärungsliteratur. Mårten Melin hat 2016 „Etwas mehr als Kuscheln“ und 2017 „Viel mehr als ein Kuss“ geschrieben. Die Story ist einfach und übersichtlich. Man muss jedoch wissen, dass die Handlung beider Bücher ineinander verschachtelt ist. „Etwas mehr als Kuscheln“ ist aus der Sicht des 13-jährigen Manne erzählt, „Viel mehr als ein Kuss“ aus der Perspektive der gleichaltrigen Isa.

Es ist unverständlich, warum der erste Band, der sich in erster Linie an die Jungen richtet, für 12-Jährige empfohlen wird, während der zweite Teil (der für die Mädchen) erst ab 13 Jahre geeignet sein soll. Die beiden Teile sollten aber im Paket gelesen werden. Mit dieser Altersempfehlung hängen die Bücher aber eher zwischen der 7. und 8. Klasse im Niemandsland. In der 8. Klasse ist das Thema schon kein Aufreger mehr. In der 7. Klasse ist es zwar punktgenau, aber da sind viele Schülerinnen noch nicht 13 Jahre alt. Da hilft nur, dass sich die Eltern auf die Meinung der zahlreichen positiv ausgefallenen Rezensionen verlassen und die Bücher dennoch kaufen (lassen).

tmd.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Hufeisen
Was ist Glück? – Quelle: aischmidt, Pixabay

Der antike Mensch wusste, dass ein moralisches Leben ein glückliches Leben ist. Was aber Glücklichsein bedeutet, das war schon in der Spätantike nicht mehr so klar.

Anicius Manlius Severinus Boethius meinte, dass die Menschen das Glücklichsein unterschiedlich empfinden. Er nannte Reichtum, Ehre, Macht, Ruhm und Lust als Merkmalsausprägungen von Glücklichsein. Welches davon ist aber nun die wahre Glückseligkeit? Die Menschen streben sehr individuell und eben unterschiedlich nach Glück. Boethius empfand das nicht als das große Problem.

„Das Gute ist es also, wonach die Menschen mit so verschiedenem Streben trachten, und hiermit zeigt sich leicht, wie groß die Kraft der Natur ist, da, wie mannigfaltig und einander widersprechend die Ansichten sein mögen, sie doch alle in der Liebe zum Guten ihr Ziel sehen.“
(aus: Trost der Philosophie, Buch III)

Der Weg war damit schon damals offen in Richtung Selbstverwirklichung.

tmd.

Das Böse

Das Böse?
Gibt es das Böse? – Quelle: josealbafotos, Pixabay

Gibt es das Böse? Anselm von Canterbury, ein Mönch, der im Mittelalter lebte (1033 – 1109), hat darauf eine interessante Antwort gegeben. Grundsätzlich ist der Mensch ein guter Mensch. Und den Willen, den er hat, um frei zu entscheiden, den hat er von Gott. Und dieser Wille ist deshalb zunächst einmal auch gut. Wenn sich der Mensch aber entschließt – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr gut sein zu wollen, dann verliert er sein höchstes Gut, nämlich gut zu sein. Übrig bleibt nichts.

In einem Lehrer-Schüler-Dialog (aus seiner Schrift: Wahrheit und Freiheit) wird der Lehrer gefragt, ob das Böse nun auch ein „Etwas“ sei. Anselm lässt den Lehrer darauf wie folgt antworten. Wenn das Nichts etwas ist, das alles andere Denkbare, das etwas ist, ausschließt, dann gibt es zwar noch das andere Denkbare, aber nicht das Nichts. Für das Nichts bleibt also nichts mehr Denkbares übrig.

Da Anselm davon ausging, dass alles Denkbare auch existiert, kann er nun schlussfolgern: Wenn etwas ein Nichts ist, dann gibt es das nicht. Nun überträgt Anselm die Argumentation auf das Gute. Wenn das Gute schwindet, durch bösen Willen, dann ist das Gute irgendwann nicht mehr vorhanden, es ist ein Nichts. Gibt es dann noch das Nichts in Form des Bösen? Nein.

Wenn das Gute verschwindet, dann ist nur noch das Nichts.

tmd.