Lektüre für den Ethikunterricht

Buchempfehlung – Quelle: ptra, Pixabay

Es lohnt sich, die Inhalte des Ethikunterrichts durch das Lesen von Romanen und auch Sachbücher zu vertiefen.
Hier eine Liste der Bücher, die ich im letzten Jahr im Blog erwähnt und empfohlen habe:

tmd.

Anmerkungen zum Nirvana

Nirwana – Quelle: mikegi, Pixabay

Der Versuch, die Bedeutung von Identität zu erklären, dass sie nämlich für den Menschen wichtig ist, kann auch so gehen, dass man sich Gedanken darüber macht, wie es wäre, wenn es so etwas wie Identität nicht gibt.
Alle die Merkmale, die uns voneinander unterscheiden, die sind bei diesem Gedankenexperiment eingeebnet. Menschen wären dann ununterscheidbar, bzw. sie würden sich gegenseitig nicht mehr erkennen.
Das kann man nicht mal mehr als Langeweile betrachten, weil dazu bedarf es ja wenigstens irgendeines Merkmals, weswegen wir uns langweilen.
So oder so ähnlich kann man sich das Nirvana vorstellen.

tmd.

Das Licht und die Geräusche

Iceland – Quelle: photovicky, Pixabay

„Boris sent letter from Iceland“, höre ich die Stimme aus der Ferne.
„Yes“, sage ich, „I know. Iceland.“
Dann ist wieder so eine Stille am anderen Ende, sodass ich schon fast denke, dass sie vielleicht aufgelegt hat, und mir vorstelle, wie sie da irgendwo in Lissabon in so einer Wohnung sitzt, wo es einen großen Ventilator an der Decke gibt und sie mit diesen großen ausdruckslosen Augen in die Gegend starrt.
„I want to got to Iceland.“
„Yes“, sage ich. „Me too.“

(aus: Das Licht und die Geräusche, Jan Schomburg, 2017, S. 192)

Erwachsen werden lässt sich nicht so einfach einüben. Rollenspiele führen hierbei immer den Charakter des „so tun, als ob“ mit sich im Gepäck. Es geht aber nicht nur darum, die Spielregeln der Erwachsenen nachzumachen, sondern man muss sie als Jugendlicher auch durchschauen und Entscheidungen mit Reichweite zu treffen.

Johanna und Ana-Clara sind Betroffene einer weitreichenden Entscheidung, die Boris getroffen hat. Jan Schomburgs Roman nimmt an dieser Stelle (S. 192) Fahrt auf. Die komplexen Handlungsstrukturen werden hier verknüpft. Johanna und Ana-Clara werden als Suchende dargestellt. Nicht weil sie Boris suchen, das auch. Sie versuchen, die Entscheidungsstrukturen von Boris zu dechiffrieren. Und sie versuchen sich selbst zu verorten in der Welt der Erwachsenen. Keine leichte Aufgabe.
Wenn der Roman endet, dann hat der Leser nicht mehr das Schicksal von Boris im Gedächtnis. Es geht um Johanna.

„Als mir das klar wird, merke ich auch, dass da eben nicht nur Freude ist, sondern auch diese Lust daran, Macht über jemanden auszuüben, jemanden zu etwas zu zwingen, wogegen die Person nichts tun kann und sich vielleicht nicht mal bewusst wird, dass sie gerade zu was gezwungen wird.“ (S. 243)

Johanna hat die Suche für sich genutzt. Sie hat die komplexen Verhaltensstrukturen nicht nur erkannt, sie kann sie auch anwenden.

Textschnipsel in den Lehrbüchern können solche komplexen Lernprozesse nicht wiedergeben.

tmd.

Moral und Liebe

Moralische Konflikte – Quelle: kaboompics, Pixabay

Moral, das sind Regeln, Normen und Vorschriften nach dem Muster: du sollst! Woher beziehe ich diese Normen? Die Empirie (Wahrnehmung und Erfahrung) hilft nicht recht weiter. Vom Sein (Dasein) auf das Sollen (Moral) zu schließen, das geht nicht. Das ist ein Naturalistischer Fehlschluss.

Also muss die Ratio, die Vernunft in Stellung gebracht werden. Die Frage ist dann, kann ich mit Vernunft zu moralischen Aussagen kommen, die gesamtgesellschaftlich akzeptabel sind? Sofort fällt einem dabei Immanuel Kant ein und der kategorische Imperativ. Der Imperativ ist streng rational und kritisch. Aber er führt streng rational zu Normen und Regeln, die wir nicht ohne Weiteres akzeptieren können. Die Regel, nicht zu lügen, kann nicht durchgehalten werden, wenn dabei Unschuldige darunter leiden. Also müssen Zusatzaussagen gemacht werden. Die sind aber selten streng kritisch und rational, wie beispielsweise das Gefühl der Liebe.

Was also tun? Den umgekehrten Weg gehen! Solange Mitleid, Wohlwollen und Liebe nicht zu Konflikten führen, dann weiter so. Wenn nicht, dann die Vernunft einschalten und kritisch prüfen, was zu tun ist.

tmd.

Erwachsen werden und Sinnfindung

Buch mit Herz
Buchempfehlungen – Quelle: congerdesign, Pixabay

Sinnfindung und Lebensgestaltung sind Abiturthemen in Ethik. Die Vorbereitung dazu beginnt in der 7. Klasse mit dem Thema Erwachsen werden und in der 8. Klasse mit dem Thema Sinnfindung (G8). Die bunten Bilder und Textschnipsel einiger Lehrbücher verstellen dabei den Blick darauf, dass es bei diesem Thema um ein „dickes Brett, das zu bohren es gilt“, geht. Einige Texte in den Lehrbüchern sind sowohl ungeeignet, als auch Lichtjahre von der Wirklichkeit der SuS in den beiden Klassenstufen entfernt. Die entsprechenden Seiten in den Lehrbücher kann man lesen, um die SuS zu erheitern, meist endet es jedoch in sprachloser Langeweile. Es ist nicht verständlich, warum im Moralunterricht das Lesen von Büchern so selten praktiziert wird.

Deshalb hier drei Buchempfehlungen.

Das erste Buch ist ein klassischer Roman zum Thema Erwachsen werden und Sinnfindung. Das Buch hat mir eine Schülerin aus einer 6. Klasse (!!) empfohlen. „Frankie“ von Carson McCullers. McCullers hat das Buch 1946 veröffentlicht. Frankie ist ein 12-jähriges Mädchen, das all die Turbulenzen beim Erwachsenwerden erlebt. Der sozialpsychologische Aspekt ist besonders hervorgehoben. Frankie merkt, dass sich Leistungen und Erwartungen, die an sie gestellt werden, ändern, dass sie die Veränderung aber auch selbst vorantreiben will. Sicher ist die Sprache in dem Roman nicht sofort eingängig, aber für leseerfahrene SuS ist das kein Hindernis.

Die beiden anderen Bücher bewegen sich zwischen dem Genre Jugendroman und Aufklärungsliteratur. Mårten Melin hat 2016 „Etwas mehr als Kuscheln“ und 2017 „Viel mehr als ein Kuss“ geschrieben. Die Story ist einfach und übersichtlich. Man muss jedoch wissen, dass die Handlung beider Bücher ineinander verschachtelt ist. „Etwas mehr als Kuscheln“ ist aus der Sicht des 13-jährigen Manne erzählt, „Viel mehr als ein Kuss“ aus der Perspektive der gleichaltrigen Isa.

Es ist unverständlich, warum der erste Band, der sich in erster Linie an die Jungen richtet, für 12-Jährige empfohlen wird, während der zweite Teil (der für die Mädchen) erst ab 13 Jahre geeignet sein soll. Die beiden Teile sollten aber im Paket gelesen werden. Mit dieser Altersempfehlung hängen die Bücher aber eher zwischen der 7. und 8. Klasse im Niemandsland. In der 8. Klasse ist das Thema schon kein Aufreger mehr. In der 7. Klasse ist es zwar punktgenau, aber da sind viele Schülerinnen noch nicht 13 Jahre alt. Da hilft nur, dass sich die Eltern auf die Meinung der zahlreichen positiv ausgefallenen Rezensionen verlassen und die Bücher dennoch kaufen (lassen).

tmd.

Marx: Sein und Bewusstsein

Hier eine kurze Ergänzung zu Marx und dem Verhältnis von Basis und Überbau. Marx behauptet: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Mit Sein meint Marx das Dasein, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, den Alltag also. Bewusstsein ist die Deutung und Verarbeitung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, der Sinn des Lebens. Arbeiter haben demnach ein anderes Bewusstsein als die Kapitalisten. Kapitalisten sind bei Marx diejenigen, die die Arbeiter ausbeuten. Arbeiter sind diejenigen, die sich nicht wehren können.

Marx & Engels – Quelle: jensjunge, Pixabay

Irgendwann kommt es, so Marx, zu einem Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Es kommt zur Revolution und die Arbeiter können die Fabriken der Kapitalisten übernehmen und dann wird alles gut, weil der Sozialismus ist da und bald danach auch der Kommunismus. Auslöser der Revolution soll sein: das Sinken der Profitrate (Kapitalisten verdienen nicht mehr soviel) und die Verelendung der Arbeiter (weil sie von den Kapitalisten keine Arbeit mehr bekommen, da die ihre Produkte nicht mehr verkaufen können). Welche Rolle spielt hierbei aber das Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Warum erwähnt Marx das? Das ist in den Beiträgen zu Marx bisher nicht erklärt worden.

Die Produktionsverhältnisse veränderten sich in der industriellen Welt, so wie sie Marx kannte, sehr schnell. Heute geht das sogar noch schneller. Die Produktionsverhältnisse sind aber das Sein des Arbeiters. Also ändert sich auch das Bewusstsein der Arbeiter. Ändert sich auch das Bewusstsein der Kapitalisten? Nein! Es ändert sich nicht oder zumindest sehr viel langsamer. Marx sagt das. Nur so ist erklärlich, das es zur Revolution kommt. Die Arbeiter entwickeln ein neues Bewusstsein – das Klassenbewusstsein. Die Arbeiter erkennen, dass sie es sind, die im Kapitalismus, die Herrschaft übernehmen sollen. Die Kapitalisten wundern sich, dass die Arbeiter plötzlich nicht mehr mit ihrem Dasein zufrieden sind. Aber da ist es nach der Revolution schon zu spät, um irgendetwas am alten Herrschaftssystem zu retten.

Kann man diese Deutung auf unsere Verhältnisse übertragen? Einige Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, meinen das. Sie denken dabei an die „Wutbürger“ oder an die Arbeiterklasse, die in den USA Donald Trump gewählt hat.

tmd.

Buddhismus – Leseempfehlung

Bogensport und Buddhismus – Quelle: Sigipritzi, Pixabay

Hier zwei Leseempfehlungen zum Thema Buddhismus.

Eugen Herrigel, ZEN in der Kunst des Bogenschießens
O.W.Barth Verlag, 2011, Neuauflage

Leseprobe:
Die Übungshalle war hell erleuchtet. Der Meister hieß mich eine Moskitokerze, lang und dünn wie eine Stricknadel, vor der Scheibe in den Sand zu stecken, das Licht im Scheibenstand jedoch nicht anzuknipsen. Es war so dunkel, dass ich nicht einmal die Umrisse wahrnehmen konnte, und wenn nicht das winzige Fünklein der Moskitokerze sich verraten hätte, hätte ich die Stelle, an welcher die Scheibe stand, vielleicht geahnt, aber nicht genau auszumachen vermocht. Der Meister „tanzte“ die Zeremonie. Sein erster Pfeil schoss aus strahlender Helle in tiefe Nacht. Am Aufschlag erkannte ich, das er die Scheibe getroffen habe. Auch der zweite Pfeil traf. Als ich am Scheibenstand Licht gemacht hatte, entdeckte ich zu meiner Bestürzung, dass der erste Pfeil mitten im Schwarzen saß, wahrend der zweite die Kerbe des ersten Pfeiles zersplittert und den Schaft ein Stück weit aufgeschlitzt hatte, bevor er sich neben ihm ins Schwarze bohrte.
(S. 72/73)

Das ist die zentrale Szene in Herrigels Beschreibung seiner Ausbildung im Bogenschießen. Das Buch hilft dabei, eine Ausprägung des Buddhismus besser zu verstehen.

Hermann Hesse: Siddhartha

Die Geschichte von Buddha wird neu erzählt. Vertieft das Grundwissen Buddhismus und hat viele Beispiele und Klärungen für die Begriffe Nirwana, Meditation und die vier edlen Wahrheiten. Ein Klassiker.

tmd.

Grundwissen: Buddhismus

Vorbemerkung: Das Grundwissen Buddhismus bezieht sich auf den Lehrplan Ethik in Bayern. Das Wissen ist sehr knapp gefasst und gibt nur einen Bruchteil dessen wieder, was über den Buddhismus eigentlich gewusst werden kann. Das Wissen zum Buddhismus als Religion dient hauptsächlich dazu, einen Vergleich mit abrahamitischen Religionen vorzunehmen. Es geht also um:

  • den Vergleich von Erleuchtung und Offenbarung
  • um unterschiedliche Interpretationen von Wiedergeburt und Jenseits/Tod
  • unterschiedliche Formen der Lebensführung

Lebensweg des Buddha: In den Ethiklehrbüchern ist der Lebensweg wiedergegeben. Mit der Überlieferung kann Buddhas Weg zum Religionsgründer erklärt werden. Dem Meister nachzufolgen, dafür gibt es unterschiedliche Wege, meist werden die drei YANAS genannt: Hinayana, Mahayana, Vajrayana. Mit JANA ist sinnbildlich das Floß gemeint, mit dem man von einem Ufer zum anderen kommt. Das andere Ufer ist das Nirwana. In Europa kennt man den ZEN-Buddhismus in Japan und den tibetischen Buddhismus mit seinem derzeitigen Oberhaupt dem Dalai Lama.

Buddhistische Mönche
Folgen – Quelle: suc, Pixabay

Im Buddhismus geht es um Erleuchtung. Erleuchtung heißt, dass der Mensch einen Zustand erreicht hat, der eine Wiedergeburt ausschließt.
Dieses Ziel zu erreichen, dabei helfen zum einen die vier edlen Wahrheiten, zum anderen der achtfachen Pfad. Dies wird nicht in allen Ethiklehrbüchern gleich dargestellt.

Der achtfache Pfad sagt dem gläubigen Buddhisten, wie er zu leben hat. Es sind kognitive und praktische Kenntnisse und Methoden.

  • Er soll nach Weisheit streben: Rechte Ansicht und Rechtes Denken. (Pfad 1,2)
  • Er soll sich ethisch verhalten: Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechter Lebenserwerb. (Pfad 3,4,5)
  • Er soll meditieren: Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration. (Pfad 6,7,8)

Die Buddhistische Ethik ist in ihren Kernsätzen dem NT sehr ähnlich: z.B. nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Die Grundlage für den achtfachen Pfad sind die vier edlen Wahrheiten. Die muss man zuerst erkannt haben.

  1. Das gesamte Leben ist LEID: Geburt, Krankheit, Alter,Schmerzen usw.
  2. Ursache für dieses Leid ist der „Durst“ des Menschen, diese Leid zu umgehen und ungeschehen zu machen. Es ist die Lust auf Liebe, Freude, Ruhm und Reichtum.
  3. Dagegen hilft nur: Den Durst nach Leben, nach Liebe, nach Selbsterhaltung usw. zu beenden.
  4. Den Punkt 3 verwirklichen wir, indem wir den achtfachen Pfad gehen.

Vergleich von Offenbarung und Erleuchtung:
Erleuchtung ist eine Eigenleistung. Sie muss vom gläubigen Buddhisten erbracht werden. Dabei helfen ihm Meditation und die restlichen Anweisungen des achtfachen Pfades. Unterschiede gibt es noch hinsichtlich der drei JANAS.

Vergleich von Nirwana und Paradies:
Nirwana ist die vollständige Auflösung der menschlichen Individualität. Das ICH ist letztlich nicht mehr vorhanden. Eine unsterbliche Seele gibt es nicht. Das Paradies dagegen ist der Ort, an dem der Mensch nach seinem Tode vollkommen ist. Er ist Individuum und bei Gott. Die Seele ist unsterblich.

Ethik und Moral:
Hier sind die Unterschiede zwischen Christen und Buddhisten in der Praxis nicht sehr groß. Buddhisten orientieren sich an den vier edlen Wahrheiten und dem achtfachen Pfad. Christen orientieren sich am NT (Bergpredigt).

Sinn des Lebens:
Buddhisten: Erleuchtung.
Christen: Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

Literaturempfehlungen folgen in einem eigenen Beitrag.

tmd.

Über die Freiheit eines Christenmenschen

Was sagt uns eigentlich Martin Luther (1483-1546) zum Thema Freiheit?
Die Freiheit des Christenmenschen ist eigentlich nur eine bedingte Freiheit. Der Mensch hat zwar einen freien Willen, aber dieser freie Wille tendiert immer dazu, gegen die göttlichen Gesetze – die im Alten Testament stehen – zu verstoßen. Der Mensch will gerne so sein, wie Gott es vorschreibt, aber er ist einfach zu schwach und sündigt immer wieder.

Martin Luther
Martin Luther – Quelle: Tama66, Pixabay

Was also tun? Luther lenkt unseren Blick auf das Neue Testament. Dort ist Verheißung und Vergebung angesagt – aber nur, wenn man fromm und gläubig ist. Nur der Glaube kann den Christenmenschen retten. Wer nicht glaubt, der wird sich an den Moralvorstellungen des AT abarbeiten und immer wieder scheitern. Wer aber glaubt, der weiß, dass ihm vergeben wird, wenn er sich schuldig gemacht hat.

Hilft uns das weiter – als Christenmenschen? Nur bedingt, wird ein Psychologe und Philosoph anmerken. Es gibt Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, diese Pauschalentschuldung durch Glauben zu erfassen. Das widerstrebt der Vernunft. Denn damit ist der Sünde eigentlich Tür und Tor geöffnet. Man wird schließlich immer wieder „entschuldet“ durch Glauben und Hoffnung auf die Zusagen Gottes. Der verzweifelte Versuch zu glauben, aber es nicht zu können, führt oftmals in Depression und Neurose.

tmd.

SENZA FINE

Grenzsituationen sind endgültig. Sie sperren sich gegen Gedankenexperimente und dergleichen Überlegungen, die Grenzsituationen zur reinen Spekulation werden lassen über Zustände, Gefühle oder Gedanken. Dennoch sind Grenzsituationen das Thema für Menschen, das herausfordert. Insbesondere, wenn es ums Sterben geht. Es ist nicht so sehr die Neugierde, wissen zu wollen, was danach kommt – nach dem Tod. Es ist das Interesse daran, wie dieser Prozess vom Betroffenen erlebt wird und wie die soziale Umwelt mit dieser Situation umgeht.

Leben – Tod
Grenzerfahrungen – 733215, Pixabay

Leben wird ganz plötzlich zu einer einzigen großen Planung. Die Literatur ist reich an Beispielen von Menschen, die noch einmal dies oder jenes tun wollen oder ihr Leben ordnen wollen. Dabei kommt es dann zu grotesken Überschneidungen und Konflikten zwischen den Planungen des Menschen, der den Tod vor sich hat und den Planungen seiner sozialen Umwelt, die über den Tag hinaus planen kann. Vielleicht ist die Geschichte einer jungen Frau, sie heißt Ann, die von Isabel Coixet in einem Film (Mein Leben ohne mich, 2003) erzählt wird, gerade deshalb so erschütternd, weil von ihrem nahen Tod ihr soziales Umfeld so gut wie nichts erfährt. Nur der Zuschauer ist über alles informiert. Im Film ist nur der behandelnde Arzt Zeuge der eigentlichen Handlung. Die weiteren Protagonisten leben ihr Leben, haben ihre Probleme und planen weiter.

Life is what happens to you while you’re busy making other plans (John Lennon)

Ann hat auch eine Liste gemacht von Dingen, die sie vor ihrem Tod noch erledigen will. Da werden die Wünsche und Hoffnungen offengelegt, wenn solche Listen gemacht werden. Aber in diesem Fall ist die Liste doch ungewöhnlich. Ann will das Leben nach ihrem Tod planen. Das Leben derer, die weiterleben. Sie erstellt Tondokumente für ihre beiden kleinen Töchter. Jeweils zum Geburtstag soll ihr Arzt den Kindern die Audio-Botschaften schicken. Und sie sucht nach einer Stiefmutter für ihre Kinder, sie sucht nach einer Frau für ihren Mann.

Der Film enthält sich einer Wertung. Ist es moralisch zu rechtfertigen, das Handeln von Ann? Ist Sterben ein Prozess, in den das soziale Umfeld eingebunden sein soll? Der Film endet, wie eine der Filmmelodien, senza fine. Ann ist nicht mehr zu sehen, man hört nur ihre Stimme.

tmd.