Über das Einüben von Tugenden

jugendlicher Klavierspieler
Übung – Quelle: nightowl, Pixabay

Eine Diskussion zum Thema Tugenden und Werte hat das Problem mit dem Einüben derselben offengelegt.
Werte kann man nicht erwerben wie Aktien an der Börse. Die reine Kenntnis der Werte hilft auch nicht weiter. Man muss sie schon anwenden.
Mit den Tugenden ist es nicht anders. Gerecht, klug, tapfer und maßvoll handeln, kann man eigentlich erst dann, wenn man es ist: gerecht, klug, tapfer und maßvoll.
Was also tun?, werde ich immer wieder gefragt. Wie beginne ich mit dem tugendhaften Verhalten?

Die Frage stellt sich übrigens auch schon beim Erwerb und der Konstruktion von Identität und der Bildung eines autonomen Gewissens.

Tugendhaft Handeln geht nur durch Übung. Man muss damit anfangen – und zwar selbst. Nötig dazu ist auch ein Lehrer, eine Lehrerin, aber der/die kann den Übenden nicht „zum Jagen tragen“.
Im Weg steht uns dabei sowohl das antike als auch das moderne kapitalistische Denken. Schon bei Platon entsteht der Eindruck, dass man das Gute nur wissen muss, um auch gut zu handeln. Aber der antike griechische Polis-Bewohner zur Zeit des Sokrates hatte noch die Vorstellung, dass man das Gute nur im Handeln des Menschen erkennen kann. So gesehen ist das Gute zu wissen immer verbunden mit dem Einüben dieses Wissens.
Tugendhaft leben heißt für den antiken Menschen aber auch glücklich sein.
In unserer modernen kapitalistischen Welt ist Glück aber von den Tugenden entkoppelt worden.
Vor diesem Hintergrund ist das Einüben von Tugenden doppelt erschwert.
Warum tugendhaft handeln wollen und beim Üben Niederlagen einstecken, wenn man Glück auch ganz ohne persönlichen Einsatz erreichen kann? Im Berufsleben durch einen Job, der nur die Freizeit finanziert – beispielsweise.
Die Frage: Was für ein Mensch willst du sein?, wird dabei ausgeklammert.

Die Frage: Kann man Tugenden in der Schule einüben?, ist schnell beantwortet. Man kann es ja mal versuchen.

tmd.

Über die Herren Sophisten

Der Redner
Der Redner – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

Die Sophisten haben nicht gerade das beste Image. Sie sollen ihr Wissen für Geld verkauft haben. An Wahrheit waren sie nicht interessiert. Für einen Philosophen nicht denkbar.
Es gibt aber auch das Bild der Sophisten als erste Aufklärer der Philosophiegeschichte. Sie haben den Weg bereitet in Richtung Pluralismus, heißt es. Jede Bürgerschaft soll demnach die politische Herrschaft haben, die zu ihr passt. Der Bürger ist das Maß der politischen Verhältnisse.

Beide Bilder sind wohl falsch.

In einem Interview rückt der Altphilologe Wilfried Stroh die Verhältnisse gerade.
Prof. Stroh beschreibt die Sophisten als tüchtige Rhetorik-Lehrer. Die Bürger von Athen mit ihren demokratischen Einrichtungen, z.B. Volksversammlung, brauchten diese Lehrer. Wer in Athen etwas erreichen wollte, der buchte sich also einen Rhetorik-Coach. Die Athener selber hatten keine.
Prof. Stroh kennt keine Quellen, aus denen hervorgeht, dass sich die Sophisten ihrer wichtigen Rolle in der Geschichte der Philosophie bewusst waren.
Platon überzog die Sophisten mit Kritik. Er machte das, obwohl er doch wusste, dass sein Lehrer Sokrates eigentlich auch ein Sophist war. Sokrates wollte die Sophisten mit deren eigenen Mitteln entzaubern.
Aber Platon malte ein Bild der Sophisten, dass der Wirklichkeit nicht entsprach. Die Sophisten bei Platon führen Gespräche um Standpunkte, die in Athen kein Thema waren, meint der Professor.

Den Herren Sophisten erging es also wie vielen Personen der Geschichte, deren Bedeutung erst später klar wurde.

tmd.

Wenn es gut werden soll

Wenn Sokrates heute lebte, ginge er wohl nicht auf den Marktplatz, um dort Bürger anzusprechen. Sokrates ginge heute in einen Baumarkt. Nicht in irgendeinen, sondern in den Baumarkt, in den Bürger gehen, die es gut machen wollen.
Herauszufinden, was das Gute ist, das war Sokrates‘ zentrales Thema.
Doch das Personal im Baumarkt hätte Sokrates ebenso enttäuscht, wie ihn seine athenischen Mitbürger so oft enttäuscht haben.
Was das Gute ist, ist auch heutzutage eine sehr individuelle Sache. Sei es nun beim Renovieren oder Sanieren.
Wie reagierte Sokrates auf solchen Relativismus? Wie reagierte er darauf, dass alles letztlich eine individuelle „Maß“-Entscheidung ist, wie die Sophisten es behaupten? Die sagten, der Mensch sei das Maß aller Dinge.
Die Standardantwort von Sokrates war ungefähr folgende:
Wenn wir über das Gute reden, das Gute aber für jeden Menschen etwas anderes ist, wenn also das Gute etwas Beliebiges ist, dann brauche ich im Leben das Prädikat „ist gut“ eigentlich nicht mehr. Denn es sagt ja nichts mehr Verbindliches aus. Verbindlich wäre es, wenn man wüsste, dass alle Menschen etwas Bestimmtes als „das Gute“ bezeichnen.
Brauchen wir das Prädikat „ist gut“ nicht?
Im Alltag ist der Verlust des Prädikats „ist gut“ zu verschmerzen. In der Werbung ist ohnehin alles irgendwie gut, hipp, cool, angesagt, geil, trendig usw. Im Alltagsleben ist die Suche nach dem „Guten“ nicht notwendig, wenn es sich um Außer-moralisches handelt. Jeder soll schließlich nach seinem Geschmack glücklich werden.
Wenn es aber um Moral und die Tugenden geht, dann ist der Relativismus der Motor, das soziale und politische Zusammenleben zu zerstören.
tmd.

Gegenaufklärung mit Konstruktionsfehlern

In meinem Beitrag: „Gefangen im Kerker der Sinne“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine Idee des Bösen gibt.

Gehofft hatte ich, dass es dazu einen Kommentar gibt – von Seiten der Schüler/-innen. Eine E-Mail hat mich nun veranlasst, das Thema erneut aufzugreifen, wenn auch nur in der gebotenen Kürze.

Grundsätzlich ist die Diskussion über das Böse (in welcher Form es das gibt) nicht auf Platon beschränkt. Hier zeigt es sich nur als logisches Problem in der Konstruktion von Platons Ideenlehre. (Ich rede übrigens nicht von Theorie, sondern von Lehre – die Ideenlehre ist m.E. keine Wissenschaft.) Wenn es die Idee des Guten gibt, dann muss es doch auch – weil es in der Welt das Böse gibt – die Idee des Bösen geben.
In Platons Dialogen finden sich dazu sehr widersprüchliche Aussagen, für die ich hier – keineswegs Wissenschaftlichkeit beanspruchend – eine Erklärung gebe.

In der Platonforschung ist man sich nicht einig, ob die Reihenfolge der Dialoge so ist, wie sie angenommen wird. Warum ist das so wichtig? Man sagt, dass sich die Lehre von Platon in seinen Dialogen mit der Zeit geändert hat. Anfangs scheint er sich nicht sicher gewesen zu sein, dann kommt eine starke Phase, wo die Ideenlehre ausgearbeitet wird, und schließlich sieht es so aus, als ob Platon davon wieder Abstand nimmt. Einige Wissenschaftler sagen aber, dass Platon nur zeigen wollte, wie er nicht verstanden werden will. Wenn aber die Reihenfolge der Bücher nicht stimmt, dann stimmt auch dieses Argument nicht.
Für mich ist ein anderer Punkt ausschlaggebend: der siebte Brief Platons.

Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay
Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay

Diesen Brief soll Platon nicht geschrieben haben, sagen die meisten Altphilologen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Inhalt zu der Entwicklung seiner (Platons) politischen Karriere (die keine war, denn er war nicht erfolgreich) passt. Derjenige, der den Brief verfasst hat, muss das gewusst haben. Ich meine, dass Platon mit seinen politischen Ansichten nicht erfolgreich war und das hat sich in seinen Schriften gespiegelt. Ich nehme an, dass Platon den Sokrates deshalb so unerreichbar moralisch gut dargestellt hat, um damit für seine (Platons) politische Lehre eine Gründerfigur zu haben, die zudem nicht direkt angreifbar war, weil es keine eigenen Schriften von Sokrates gibt.

Wie also soll man mit dem Gedanken von der Idee des Bösen umgehen? Der Vorschlag von Jostein Gaarder (Sophies Welt) ist mir zu simpel, aber er hat wenigstens den Vorteil einer Erklärung, die man jedoch nicht hinterfragen darf. Damit sind allerdings nicht die Widersprüche in den Dialogen beseitigt.

Ich meine, die Diskussion um die Idee des Bösen lenkt nur von einem dahinterstehenden Problem ab. Es geht hier nicht um die Konstruktion eines logisch in sich widerspruchsfreien Systems von Aussagen, sondern es geht um das Erreichen der politischen Deutungshoheit.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang immer wieder auf meinen Vorschlag zurück, dass die Ideenlehre nur dazu dienen sollte, den Sophisten politisch die Kommunikation aus der Hand zu nehmen. Und zwar nicht durch einen ständigen Prozess der Diskussion (den hatte Sokrates vollkommen offen angelegt), sondern durch eine in sich geschlossene Ideologie, die bestimmten Bürgern die Herrschaft sichert. Denn Ideologien sind nicht dazu da, logisch einwandfrei konstruiert zu sein, sondern sind dazu da, Menschen zu überzeugen, die nicht selbst denken wollen.

Oder etwas pointierter: Platons Ideenlehre ist handfeste Gegenaufklärung, aber mit erheblichen Konstruktionsfehlern. Die Konstruktionsfehler sind Ergebnis des Versuchs, die Idee des moralisch Guten auf die Welt der Gegenstände zu übertragen, ihnen dadurch einen Platz im „Ideenhimmel“ zu sichern und damit den Relativismus der Sophisten auszuhebeln. Platon sicherte sich damit die Deutungshoheit.

Ich muss mir dabei natürlich den Vorwurf gefallen lassen, dass ich hier den Sokratischen Diskurs zu einem herrschaftsfreien Diskurs wie bei Jürgen Habermas umdeute und grundsätzlich materialistisch-historisch argumentiere. (siehe dazu: Erkenntnis und Interesse in: Technik und Wissenschaft als >Ideologie<) Aber damit kann ich leben.

tmd.

Gelassen in den Tod – Der moralische Sieg des Sokrates

Tod des Sokrates
Der Tod des Sokrates – Quelle: Wikipedia

Sokrates wird zum Tode verurteilt und zwar zu Unrecht. Was liegt näher bei einem Fehlurteil, als das Angebot zur Flucht anzunehmen. Alles war dafür vorbereitet. Sokrates aber beginnt zum Entsetzen seiner Freunde einen philosophischen Diskurs. Inhalt: ein Vergleich von „Unrecht erleiden“ und „Unrecht tun“. Was ist besser, was ist schändlicher, fragt Sokrates. Er kommt zum Ergebnis: Es ist besser Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. Was ist aber das „Unrecht tun“ in diesem speziellen Fall? Antwort: sich nicht an die Gesetze und an das Urteil des Gerichts halten.
Moment mal, sagt der kenntnisreiche Leser. Das Urteil war doch ein Fehlurteil. Warum dieses Urteil beachten.

Das ist aus unserer Sicht der Dinge durchaus angebracht. Nicht aber für Sokrates: Gesetze zu missachten, mache sie wertlos. Zudem haben die Gesetze ihm die Möglichkeit gegeben, in der Gerichtsverhandlung seine Gegner bloßzustellen. So wie es überliefert ist, hat Sokrates eigentlich alles dafür getan, dass er zum Tode verurteilt wird. Ihm ging es ums einwandfreie moralische Verhalten. Er wollte mit sich selbst im Einklang leben und sterben, so berichtet es Platon.

Das heißt: tugendhaft leben. Nur wer das Gute tut, der ist auch ein guter Mensch. Dazu muss man aber wissen, was das Gute ist. Genau das hat er in seinem letzten Diskurs klargestellt: Unrecht tun ist schändlich. Platon hat seinen Sokrates damit zum Superphilosophen gemacht, eigentlich moralisch nicht mehr zu übertreffen.
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Gefangen im Kerker der Sinne: Das Höhlengleichnis und Platons Ideenlehre

Raffael, Platon und Aristoteles
Platon und Aristoteles – Quelle: Wikipedia, Detailansicht aus Raffaels „Die Schule von Athen“

Gleichnisse werden verwendet, wenn man komplizierte Sachverhalte erklären will. Das Höhlengleichnis soll Platons Ideenlehre erklären. Liest man das Höhlengleichnis versteht man eher weniger als mehr. Warum? Weil man das Höhlengleichnis erst richtig versteht, wenn man die Ideenlehre verstanden hat. Einige Philosophielehrer beginnen deshalb damit, zuerst die Ideenlehre zu erklären und dann das Gleichnis. Friedo Ricken (er war mal Professor für Ethik in München), beschäftigt sich in PHILOSOPHIE DER ANTIKE nur mit den Ideen.

Was sind Ideen bei Platon? Ein Beispiel: Wenn ich nach einem Geschenk für einen guten Freund suche und plötzlich fällt mir eines ein, dann sage ich, ich habe da eine Idee, was ich ihm (meinem Freund) schenke. Das ist keine platonische Idee. Wenn ich mir vorstelle, wie ein sehr guter Unterricht in Ethik ablaufen soll, dann habe ich eine Idealvorstellung von gutem Unterricht. Das ist eine platonische Idee. Denn den idealen Unterricht, so wie ich ihn mir vorstelle, den gibt es so nicht. Sokrates gibt in einem seiner Gespräche mit einem gewissen Simmias (im Phaidon) ein gutes Beispiel. Er fragt zuerst, ob das wirklich Gute und wirklich Schöne etwas Wichtiges/Erstrebenswertes ist. Klar!, sagt Simmias, wobei wir leider nicht erfahren, woran er gerade dachte. Dann fragt Sokrates, ob Simmias das wirklich absolute Schöne denn schon mal mit eigenen Augen gesehen habe. Die Antwort ist: NEIN. „Gefangen im Kerker der Sinne: Das Höhlengleichnis und Platons Ideenlehre“ weiterlesen

Sophisten, Sokrates und Platon

Die Sophisten sind in der Tat nicht so einfach zu verstehen, wie es das Lehrbuch zeigt. Zum Einlesen kenne ich nichts, was alle Meinungen wiedergibt.
Hier meine Zusammenschau:

  • Die Sophisten waren die radikalen Aufklärer der Antike und Begründer der Sprachphilosophie.
  • Sie haben den Menschen aus der kosmologischen Umklammerung von Religion und Mythen befreit.
  • Sie haben die Gesetzgebung zu dem gemacht, was es ist, nämlich Menschenwerk.
  • Sie haben Bewusstsein geschaffen dafür, dass die Gesetze zu den Menschen passen sollen und nicht umgekehrt.
  • Sie haben den Zeitgeist instrumentalisiert und mit Redeschulungen viel Geld verdient – an Philosophie waren sie wenig interessiert.
  • Sie sind ein Oberflächenphänomen für einen grundlegenden Paradigmenwechsel (Denkmuster/wissenschaftliches Weltbild), den sie selbst nicht richtig durchschaut haben.

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Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht

Im ausgehenden 5. vor-christlichen Jahrhundert versuchen die Sophisten in Griechenland und insbesondere in Athen, die Macht an sich zu reißen. Ihre Parole lautet: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Damit legitimieren die Sophisten jede nur mögliche politische Ordnung. Sie muss nur zu den jeweiligen Akteuren passen, den Herrschern und Beherrschten. Nicht mehr die alten Tugenden zählen, sondern nur noch die möglichst beste Argumentation, um die angestrebte politische Ordnung herzustellen. Das ist radikale Aufklärung. Der Mensch ist sein eigener moralischer Gesetzgeber. Das ist in erster Linie eine radikale subjektive Weltsicht, jedoch letztlich die Geburtsstunde des Ethischen Relativismus. „Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht“ weiterlesen