Über die Herren Sophisten

Der Redner
Der Redner – Quelle: 3dman_eu, Pixabay

Die Sophisten haben nicht gerade das beste Image. Sie sollen ihr Wissen für Geld verkauft haben. An Wahrheit waren sie nicht interessiert. Für einen Philosophen nicht denkbar.
Es gibt aber auch das Bild der Sophisten als erste Aufklärer der Philosophiegeschichte. Sie haben den Weg bereitet in Richtung Pluralismus, heißt es. Jede Bürgerschaft soll demnach die politische Herrschaft haben, die zu ihr passt. Der Bürger ist das Maß der politischen Verhältnisse.

Beide Bilder sind wohl falsch.

In einem Interview rückt der Altphilologe Wilfried Stroh die Verhältnisse gerade.
Prof. Stroh beschreibt die Sophisten als tüchtige Rhetorik-Lehrer. Die Bürger von Athen mit ihren demokratischen Einrichtungen, z.B. Volksversammlung, brauchten diese Lehrer. Wer in Athen etwas erreichen wollte, der buchte sich also einen Rhetorik-Coach. Die Athener selber hatten keine.
Prof. Stroh kennt keine Quellen, aus denen hervorgeht, dass sich die Sophisten ihrer wichtigen Rolle in der Geschichte der Philosophie bewusst waren.
Platon überzog die Sophisten mit Kritik. Er machte das, obwohl er doch wusste, dass sein Lehrer Sokrates eigentlich auch ein Sophist war. Sokrates wollte die Sophisten mit deren eigenen Mitteln entzaubern.
Aber Platon malte ein Bild der Sophisten, dass der Wirklichkeit nicht entsprach. Die Sophisten bei Platon führen Gespräche um Standpunkte, die in Athen kein Thema waren, meint der Professor.

Den Herren Sophisten erging es also wie vielen Personen der Geschichte, deren Bedeutung erst später klar wurde.

tmd.

Anthropozentrische Wende

Die „anthropozentrische Wende“ in der Philosophie ist schwer zu verstehen, weil dabei unsere Denkgewohnheiten auf den Kopf gestellt werden.
Ausgangspunkt für die Erklärungen sind die widersprüchlichen Welterklärungen der Naturphilosophen. Diese habe den alten mythischen Glauben und die Religion abgelöst. Das, was vorher durch die Mythen erklärt wurde, sollte jetzt durch Erklärungen ersetzt werden, die den heutigen naturwissenschaftlichen Erklärungen ähneln. Beispiel: Die Welt besteht aus Elementen, wie Luft, Feuer und Wasser.
Sie waren aber sehr unterschiedlich. Diese Widersprüche konnten die Naturphilosophen (Vorsokratiker genannt, weil sie vor Sokrates gelebt haben) nicht aus dem Weg räumen.

(Anmerkung: Sie konnten ihre Erklärungen und Theorien, wie die Welt funktioniert, nicht mit Experimenten beweisen oder widerlegen.)

Das Ziel der Naturphilosophen war es, die Welt nach einem Modell zu erklären. Da sie das nicht schafften, konnte sich eine neue Denkweise durchsetzen, die von den Sophisten vertreten wurde.

Anthropozentrisch: Der Mensch (griechisch anthropos) steht im Zentrum.

Die Sophisten wollten nicht mehr die unterschiedlichen Welterklärungen beseitigen, sondern sie haben ihre Denkrichtung gedreht. Nicht die Welt und Wirklichkeit steht im Zentrum, sondern der Mensch mit seinen Denkvoraussetzungen. Mit Denkvoraussetzungen ist gemeint: Welche Fähigkeiten hat der Mensch, die Welt zu erkennen. (Damit beschäftigt sich die Erkenntnistheorie)

Illusion – Quelle: Convegni_Ancisa, Pixabay

Wenn wir diese Weltdeutung (Paradigma nennt man so etwas in den Wissenschaften) anwenden, dann müssen wir unterschiedliche Sichtweisen von der Welt akzeptieren. Das widerspricht unseren Gewohnheiten. Wir gehen davon aus, dass wir alle die gleiche Wirklichkeit sehen und wahrnehmen. In der Schule lernen wir in Ethik ab der 8. Klasse im Gymnasium, dass die Philosophen nach der einen richtigen Wahrheit suchen: veritas est semper maior.

Das ist aber ein Irrtum! Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer, Gesunde und Kranke, alte und junge Menschen nehmen die Wirklichkeit anders wahr. Mediziner und Psychologen können das bestätigen.

But we decide which is right.
And which is an illusion?

(Graham Edge)

tmd.

Skeptizismus: Sextus Empiricus

Gladiator
Moral, von Menschen für Menschen – Quelle: Madrover, Pixabay

Sextus Empirikus war es, der den Skeptizismus der Sophisten ins Mittelalter rettete. Er hat die vielen Beispiele zusammengetragen, die uns heute noch erfreuen: Menschen zu töten ist nicht erlaubt, aber Gladiatoren werden fürs Morden geehrt. Ehebruch ist bei einigen Völkern erlaubt, bei anderen nicht. Die Eltern sollen von den Kindern im Alter versorgt werden, bei den Skyten ist es dagegen üblich, den alten Menschen die Kehle durchzuschneiden, sobald sie 60 Jahre geworden sind. Zum Glück kann man sich jetzt darüber amüsieren, weil es solche Verhältnisse nicht mehr gibt.

Sextus Empiricus hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass man sich zunächst über Glück freut, dann aber leidet, weil man befürchtet, dass man das Glück verliert. Hier ist er eher Psychologe als Philosoph und Erkenntnistheoretiker.

Grundsätzlich hat er aber das Nachdenken über unterschiedliche Moralen wach gehalten. Welche Moral die richtige ist, das hat er nicht gesagt. Klar: Er ging davon aus, dass es so etwas wie eine klare Unterscheidung von Gut und Böse nicht gibt. Mehr noch: Mit Gut und Böse, Glück und Unheil solle sich der Mensch nicht beschäftigen. Das erzeuge nur Unruhe.

tmd.

Stichwort: Anthropozentrische Wende

Hierbei geht es in erster Linie um Erkenntnistheorie. Im Unterricht wird es unter dem Begriff „Menschenbild“ behandelt. Es geht nicht um das Bild, das ich mir von einem Menschen mache, sondern um die Fähigkeiten des Menschen, die Welt und Wirklichkeit zu erkennen (deshalb auch Erkenntnistheorie). Anthropozentrisch heißt hier: auf den Menschen (anthropos, griechisch) bezogen (centrum, lateinisch).

Mensch, Mittelpunkt
Mittelpunkt Mensch – Quelle: geralt, Pixabay

Die Multiplikatoren dieser Wende im Denken und Erkennen waren die Sophisten. Hierzu wird der Name des Sophisten Protagoras gelernt und sein Merksatz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge (homo-mensura-Satz). Daraus wird abgeleitet, dass unterschiedliche Menschen eine Sache/einen Sachverhalt unterschiedlich erkennen und bewerten. Den Sophisten war jedoch die Anwendung wichtiger als die Theorie. Sie wollten unter anderem nachweisen, dass für bestimmte Menschen eher die Diktatur als Herrschaftsform geeignet sei, für andere wieder eher die Oligarchie oder Demokratie. Das ist praktischer Relativismus. Geht es um Moral, wird daraus ein ethischer Relativismus abgeleitet.

Der Begriff „ethischer Relativismus“ ist hier eigentlich inkonsequent angewendet, weil es doch um die Beliebigkeit von unterschiedlichen Moralen geht. Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Moralen ist eigentlich Ethik. Ethischer Relativismus ist dann eine weitere Meta-Reflexion. Im Unterricht wird das jedoch nicht thematisiert.

Um eine Wende handelt es sich deshalb, weil vor den Sophisten die Vorsokratiker (die Philosophen vor Sokrates, der eigentlich ein Sophist war) das Problem der Erkenntnis nicht subjektiv – vom Menschen her – sondern in Bezug auf die objektive Welt (das Seiende, das, was ist – das Nicht-Seiende, das, was nicht ist) lösen wollten.

Sieh auch den neuen Beitrag zur Anthropozentrischen Wende.

tmd.

Wenn es gut werden soll

Wenn Sokrates heute lebte, ginge er wohl nicht auf den Marktplatz, um dort Bürger anzusprechen. Sokrates ginge heute in einen Baumarkt. Nicht in irgendeinen, sondern in den Baumarkt, in den Bürger gehen, die es gut machen wollen.
Herauszufinden, was das Gute ist, das war Sokrates‘ zentrales Thema.
Doch das Personal im Baumarkt hätte Sokrates ebenso enttäuscht, wie ihn seine athenischen Mitbürger so oft enttäuscht haben.
Was das Gute ist, ist auch heutzutage eine sehr individuelle Sache. Sei es nun beim Renovieren oder Sanieren.
Wie reagierte Sokrates auf solchen Relativismus? Wie reagierte er darauf, dass alles letztlich eine individuelle „Maß“-Entscheidung ist, wie die Sophisten es behaupten? Die sagten, der Mensch sei das Maß aller Dinge.
Die Standardantwort von Sokrates war ungefähr folgende:
Wenn wir über das Gute reden, das Gute aber für jeden Menschen etwas anderes ist, wenn also das Gute etwas Beliebiges ist, dann brauche ich im Leben das Prädikat „ist gut“ eigentlich nicht mehr. Denn es sagt ja nichts mehr Verbindliches aus. Verbindlich wäre es, wenn man wüsste, dass alle Menschen etwas Bestimmtes als „das Gute“ bezeichnen.
Brauchen wir das Prädikat „ist gut“ nicht?
Im Alltag ist der Verlust des Prädikats „ist gut“ zu verschmerzen. In der Werbung ist ohnehin alles irgendwie gut, hipp, cool, angesagt, geil, trendig usw. Im Alltagsleben ist die Suche nach dem „Guten“ nicht notwendig, wenn es sich um Außer-moralisches handelt. Jeder soll schließlich nach seinem Geschmack glücklich werden.
Wenn es aber um Moral und die Tugenden geht, dann ist der Relativismus der Motor, das soziale und politische Zusammenleben zu zerstören.
tmd.

Gegenaufklärung mit Konstruktionsfehlern

In meinem Beitrag: „Gefangen im Kerker der Sinne“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine Idee des Bösen gibt.

Gehofft hatte ich, dass es dazu einen Kommentar gibt – von Seiten der Schüler/-innen. Eine E-Mail hat mich nun veranlasst, das Thema erneut aufzugreifen, wenn auch nur in der gebotenen Kürze.

Grundsätzlich ist die Diskussion über das Böse (in welcher Form es das gibt) nicht auf Platon beschränkt. Hier zeigt es sich nur als logisches Problem in der Konstruktion von Platons Ideenlehre. (Ich rede übrigens nicht von Theorie, sondern von Lehre – die Ideenlehre ist m.E. keine Wissenschaft.) Wenn es die Idee des Guten gibt, dann muss es doch auch – weil es in der Welt das Böse gibt – die Idee des Bösen geben.
In Platons Dialogen finden sich dazu sehr widersprüchliche Aussagen, für die ich hier – keineswegs Wissenschaftlichkeit beanspruchend – eine Erklärung gebe.

In der Platonforschung ist man sich nicht einig, ob die Reihenfolge der Dialoge so ist, wie sie angenommen wird. Warum ist das so wichtig? Man sagt, dass sich die Lehre von Platon in seinen Dialogen mit der Zeit geändert hat. Anfangs scheint er sich nicht sicher gewesen zu sein, dann kommt eine starke Phase, wo die Ideenlehre ausgearbeitet wird, und schließlich sieht es so aus, als ob Platon davon wieder Abstand nimmt. Einige Wissenschaftler sagen aber, dass Platon nur zeigen wollte, wie er nicht verstanden werden will. Wenn aber die Reihenfolge der Bücher nicht stimmt, dann stimmt auch dieses Argument nicht.
Für mich ist ein anderer Punkt ausschlaggebend: der siebte Brief Platons.

Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay
Send me a letter – Quelle: jackmac34, Pixabay

Diesen Brief soll Platon nicht geschrieben haben, sagen die meisten Altphilologen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Inhalt zu der Entwicklung seiner (Platons) politischen Karriere (die keine war, denn er war nicht erfolgreich) passt. Derjenige, der den Brief verfasst hat, muss das gewusst haben. Ich meine, dass Platon mit seinen politischen Ansichten nicht erfolgreich war und das hat sich in seinen Schriften gespiegelt. Ich nehme an, dass Platon den Sokrates deshalb so unerreichbar moralisch gut dargestellt hat, um damit für seine (Platons) politische Lehre eine Gründerfigur zu haben, die zudem nicht direkt angreifbar war, weil es keine eigenen Schriften von Sokrates gibt.

Wie also soll man mit dem Gedanken von der Idee des Bösen umgehen? Der Vorschlag von Jostein Gaarder (Sophies Welt) ist mir zu simpel, aber er hat wenigstens den Vorteil einer Erklärung, die man jedoch nicht hinterfragen darf. Damit sind allerdings nicht die Widersprüche in den Dialogen beseitigt.

Ich meine, die Diskussion um die Idee des Bösen lenkt nur von einem dahinterstehenden Problem ab. Es geht hier nicht um die Konstruktion eines logisch in sich widerspruchsfreien Systems von Aussagen, sondern es geht um das Erreichen der politischen Deutungshoheit.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang immer wieder auf meinen Vorschlag zurück, dass die Ideenlehre nur dazu dienen sollte, den Sophisten politisch die Kommunikation aus der Hand zu nehmen. Und zwar nicht durch einen ständigen Prozess der Diskussion (den hatte Sokrates vollkommen offen angelegt), sondern durch eine in sich geschlossene Ideologie, die bestimmten Bürgern die Herrschaft sichert. Denn Ideologien sind nicht dazu da, logisch einwandfrei konstruiert zu sein, sondern sind dazu da, Menschen zu überzeugen, die nicht selbst denken wollen.

Oder etwas pointierter: Platons Ideenlehre ist handfeste Gegenaufklärung, aber mit erheblichen Konstruktionsfehlern. Die Konstruktionsfehler sind Ergebnis des Versuchs, die Idee des moralisch Guten auf die Welt der Gegenstände zu übertragen, ihnen dadurch einen Platz im „Ideenhimmel“ zu sichern und damit den Relativismus der Sophisten auszuhebeln. Platon sicherte sich damit die Deutungshoheit.

Ich muss mir dabei natürlich den Vorwurf gefallen lassen, dass ich hier den Sokratischen Diskurs zu einem herrschaftsfreien Diskurs wie bei Jürgen Habermas umdeute und grundsätzlich materialistisch-historisch argumentiere. (siehe dazu: Erkenntnis und Interesse in: Technik und Wissenschaft als >Ideologie<) Aber damit kann ich leben.

tmd.

Sophisten, Sokrates und Platon

Die Sophisten sind in der Tat nicht so einfach zu verstehen, wie es das Lehrbuch zeigt. Zum Einlesen kenne ich nichts, was alle Meinungen wiedergibt.
Hier meine Zusammenschau:

  • Die Sophisten waren die radikalen Aufklärer der Antike und Begründer der Sprachphilosophie.
  • Sie haben den Menschen aus der kosmologischen Umklammerung von Religion und Mythen befreit.
  • Sie haben die Gesetzgebung zu dem gemacht, was es ist, nämlich Menschenwerk.
  • Sie haben Bewusstsein geschaffen dafür, dass die Gesetze zu den Menschen passen sollen und nicht umgekehrt.
  • Sie haben den Zeitgeist instrumentalisiert und mit Redeschulungen viel Geld verdient – an Philosophie waren sie wenig interessiert.
  • Sie sind ein Oberflächenphänomen für einen grundlegenden Paradigmenwechsel (Denkmuster/wissenschaftliches Weltbild), den sie selbst nicht richtig durchschaut haben.

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Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht

Im ausgehenden 5. vor-christlichen Jahrhundert versuchen die Sophisten in Griechenland und insbesondere in Athen, die Macht an sich zu reißen. Ihre Parole lautet: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Damit legitimieren die Sophisten jede nur mögliche politische Ordnung. Sie muss nur zu den jeweiligen Akteuren passen, den Herrschern und Beherrschten. Nicht mehr die alten Tugenden zählen, sondern nur noch die möglichst beste Argumentation, um die angestrebte politische Ordnung herzustellen. Das ist radikale Aufklärung. Der Mensch ist sein eigener moralischer Gesetzgeber. Das ist in erster Linie eine radikale subjektive Weltsicht, jedoch letztlich die Geburtsstunde des Ethischen Relativismus. „Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht“ weiterlesen