Rollenzwang: den Erwartungen dienen

Leistungen und Erwartungen sind es, die unser soziales Leben herstellen und zusammenhalten. Im Begriff der sozialen Rolle erkennen wir diese Leistungen und Erwartungen, fassen sie zu Leistungs- und Erwartungsbündeln zusammen und richten uns nach diesen Rollen. Ohne Rollen funktioniert es nicht – das soziale Leben. Wir leiden oft darunter, diese Rollen spielen zu müssen. Wir ändern aber allein durch die Erkenntnis nichts an diesem Leiden. Die Erkenntnis hilft nicht weiter, sie kann uns sogar in noch größere Verzweiflung stürzen, wenn wir sehen, dass wir gefangen sind in unseren Rollen.

Literarisch in bester Form hat das Theodor Fontane in seinem Roman Effi Briest herausgearbeitet im Dialog zwischen Geert von Instetten und Geheimrat Wüllersdorf.

Rolle, spielen, Zwang
Welche Rolle spielst du? – Quelle: gmello, Pixabay

Für diejenigen, die Effi Briest nicht gelesen haben, hier eine sehr kurze Zusammenfassung der Handlung. Instetten heiratet die Tochter seiner früheren Geliebten. Effi ist von der Ehe mit dem sehr viel älteren Mann überfordert und beginnt ein Verhältnis mit einem Freund von Instetten, Major Crampas. Nach Jahren erfährt Instetten von dem Verhältnis und sieht sich gezwungen zum Duell mit Crampas. Er berät sich deswegen mit seinem Kollegen und Vorgesetzten Wüllersdorf.

In diesem Gespräch geht es in der Hauptsache um die Frage, warum dieses Duell überhaupt noch nötig ist. Wüllersdorf argumentiert, dass die Angelegenheit doch schon so lange her sei und Instetten seine Frau liebe und keinerlei Hass gegen Crampas im Sinn führe. „…Instetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte.“

Instetten spricht die gesellschaftlichen Zwänge an, wenn er sagt: „Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“

Und Wüllersdorf weiß genau, was Instetten mit dem „Etwas“ meint und antwortet ihm: „Ich finde es furchtbar, dass Sie Recht haben, aber Sie haben Recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem ‚muss es sein‘. Die Welt ist einmal wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die anderen wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“

Fontane kritisiert hier die festgezurrten Leistungs- und Erwartungsbündel preußischer Offiziere.

Ein Role-Making, ein Role-Changing erscheint uns heute als überfällig, blickt man auf die historische Situation in Fontanes Roman. Uns fällt das zwanghafte Festhalten der Personen an Rollenvorstellungen, die sich eigentlich schon überlebt haben, sofort auf. Aber das auch nur, weil wir Distanz haben.

Im Hier und Heute müssen wir diese Distanz erst mühevoll erarbeiten.

tmd.

Ehe für alle

Regenbogenflagge
Wir sind bunt – Quelle: Etereuti, Pixabay

Patchworkfamilien und gleichgeschlechtliche Partnerschaften waren schon lange kein Aufreger mehr im Ethikunterricht. Die Entscheidung im Bundestag wird daran grundsätzlich nichts ändern. Ethik zeigt sich weiterhin offen für alles Neue, gleich gefolgt von der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Der normative Aspekt von Moral geht dabei verloren. Das Festhalten an der Ehe wird nur noch als Randphänomen erwähnt, gleichgestellt mit den neuen Sitten.
Moralische Gebietsverluste können aber nicht zurückerobert werden, indem die alten Normen gebetsmühlenartig eingefordert werden. Die eigentliche zentrale Aufgabe von Ethik, Moralen zu vergleichen, Entstehung und Entwicklungen herauszuarbeiten, ist jetzt gefragt.

Wie wird Ehe neu beschrieben und erklärt? Gibt es unterschiedliche Beschreibungen? Sind die Beschreibungen gleichwertig, aber unterschiedlich? Reden wir noch über die gleiche Sache? Oder gleitet die Beschreibung ab in die Beliebigkeit?

Ist die Ehe für alle der Anfang vom Ende der Ehe?

Fragen über Fragen, aber nur in den Antworten finden wir die Möglichkeit, zu vergleichen und zu werten.
Oder dürfen wir nicht mehr werten?

tmd.

Du sollst der werden, der du bist

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank hat das geschrieben, in ihrem Tagebuch (25.3.44), das zum literarischen Bestseller wurde. Sie hat nicht nur genau ihre Umgebung beobachtet, sondern auch sich selbst beim Beobachten zugeschaut. Und genau das ist der Weg, eine eigene Identität zu entwickeln und das auch selbst zu erkennen. Reflexion nennt man das: Nachdenken über sich selbst.

Wer bin ich?
Wer bin ich? – Quelle: geralt, Pixabay

Aber gerade das „Nachdenken über sich selbst“ macht das Thema „Identitätsfindung“ so sperrig. Es geht nämlich nicht ohne Voraussetzungen. Vorausgesetzt wird eben, dass man zu sich selbst auf Distanz gehen kann, Abstand zu sich und seinem Handeln nehmen kann. Das geht zwar über Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das geht über das Schreiben eines Tagebuchs. Erfolgsreich sind diese Wege aber nur, wenn man ehrlich gegenüber sich selbst ist, wenn man sich in Bezug auf sein Selbstbild nicht anlügt.

Friedrich Nietzsche, Philosoph und ebenfalls unerbittlicher Selbstbeobachter, hat es so genannt: „Du sollst der werden, der du bist.“ (Fröhliche Wissenschaft: II, 159) Wer man „ist“, muss man jedoch erst erkennen. Selbsterkenntnis ist also ein Merkmal der Identitätsfindung. Identität ist jedoch nicht statisch. Identität verändert sich. Wenn das nicht so wäre, könnten wir nicht auf die Umwelt, die sich ändert, angemessen reagieren. Und wir könnten auch nicht auf Veränderungen reagieren, die uns selbst betreffen.

„Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“

Das Thema eignet sich also nur bedingt für eine Rechenschaftsablage im Ethikunterricht. Die Kompetenzen, die hier abgefragt werden, beziehen sich nur auf die Methoden der Identitätsbildung und die Definitionen der Begriffe. Also: „Wie kann ich Identität beschreiben und wie kann ich Identität bilden?“ Die eigene Entwicklung, die persönliche Identitätsreife wird dadurch nicht gefördert oder abgefragt. Das ist auch gut so, denn das ist die sehr private Sache eines jeden Menschen. Offenlegen sollte man diese sehr private Angelegenheit erst dann, wenn man eben Identität hat und verantwortungsvoll über seine eigene Biographie entscheiden kann.

tmd.

Ohne Vorurteile funktioniert das Alltagsleben nicht

Jelly Beans
Bunte Vielfalt geht nur mit Toleranz – Quelle: aitoff, Pixabay

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ (Bertholt Brecht)

Vorurteile und Stereotype sind eigentlich negativ besetzt. Vorurteile sind schlecht, insbesondere gegenüber sozialen Randgruppen. Bei Stereotypen ist das etwas anders. Da kann man sich sogar darüber amüsieren, wenn man betroffen ist. Schotten sind geizig. Ja, wir wissen, dass das nicht stimmt. Deutsche sind fleißig. Ja bitte, das ist schmeichelhaft. Noch mal Glück gehabt, dass uns der Rest der Welt so sieht.

Ohne Vorurteile und Stereotype kommen wir aber nicht zurecht im Alltagsleben. Psychologen sagen, dass wir innerhalb kürzester Zeit einen fremden Menschen einschätzen und beurteilen können und müssen. Soziales Handeln und Kommunikation wären sehr kompliziert, wenn wir nicht bereits vorgefertigte Meinungen abrufen könnten, sobald wir einen uns unbekannten Menschen treffen. Was soll daran schlecht sein?
Im sozialen Zusammenleben greifen wir nicht nur auf Vorurteile zurück, sondern auch auf Rollen. Soziale Rollen sind der Schmierstoff der Gesellschaft. Ohne sie geht nichts. Wir können und müssen ihnen zunächst einmal blind vertrauen. Erst wenn wir enttäuscht werden, wenn beispielsweise unsere Erwartungen an eine andere Person von dieser nicht mit Leistungen bedient werden, merken wir auf: Der andere ist aus der Rolle gefallen, sagen wir.

Was hat das mit Vorurteilen zu tun? Vorurteile und Stereotype sind sehr simple und mit wenigen Leistungs- und Erwartungsbündeln ausgestattete Rollen. (siehe hierzu auch die Serie in diesem Blog: Wir alle spielen Theater Teil 1 bis 5.). Wenn wir über eine Personengruppe nicht viel wissen, dann nehmen wir das an Informationen, was wir bekommen können, auch wenn das grundfalsch ist.

Und: Diese mit wenig Information ausgestatteten Rollen (Vorurteile) basteln wir selbst. Nicht die fremde Person ist es, wir basteln uns ein Bild vom anderen, wie wir es gerne hätten. Das funktioniert aber schon in der Liebe nicht, wie der eingangs zitierte Dialog von Brecht wiedergibt. Wenn man Brecht ernst nimmt, dann müsste man auch Toleranz anders sehen. Wir basteln uns heute von sozialen Randgruppen manchmal Vorurteile, um – politisch korrekt – mit ihnen zurecht zu kommen. Sinnvoller wäre es, mehr über diese Menschen zu erfahren. Das Selbstbild sozialer Randgruppen sollte nicht von unserem Fremdbild überwuchert werden.

tmd.

Kuscheltiere erlaubt

Vor 10 Tagen erzählte ich in diesem Blog zum Thema Mobbing ein typisches Beispiel: Ein Mädchen in der Unterstufe einer weiterführenden Schule wird von den anderen gemobbt, weil es noch mit Plüschtieren spielt.

Teddy in Fahrradkorb
Kuschel erlaubt – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Jetzt hat ein Beitrag in der regionalen Presse in Franken das Thema in ein neues Licht gerückt: Auch Erwachsene haben Kuscheltiere und bekennen sich dazu. Mehr noch: Erwachsene lassen sich mit ihren Kuscheltieren photographieren.

Also: Entwarnung bei allen Kindern, die ohne ihre diversen Kuschelkameraden nicht leben können. Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen eine Flut von Selfies mit Plüschtier gepostet werden.

Sind also Erwachsene in Gefahr. Droht ihnen die Infantilisierung?
Keineswegs! Es werden doch nur überholte Rollenbilder und Rollenzuschreibungen aufgegeben. Man kann das auch „Ballast abwerfen“ nennen. Eine aufgeklärte und entspannte Gesellschaft braucht das.

tmd.

Mobbing: Psychogramm des Täters

Wie oft muss sich der Autor dieses Blogs eigentlich noch mit dem Thema Mobbing beschäftigen? So oft, antwortet der geneigte Leser und E-Mail-Schreiber, bis die Zielgruppe des Blogs das Kompetenzniveau erreicht hat, dem Problem Mobbing nicht mehr hilflos gegenüber zu stehen. Das ist schließlich Sinn und Zweck des Moralunterrichts.

Mobbing ist ein zentrales Thema, auch und besonders in Ethik. Denn hier ist es nicht nur eine Frage der Praxis: Wie gehe ich als Pädagoge und als betroffener Schüler damit um? Es ist auch eine Frage der Theorie: Was sind die Ursachen und Anlässe? Gibt es Erklärungen? Letzteres ist ein Kompetenzthema meiner Zielgruppe (nicht nur in der 7. Klasse).
Natürlich ist jedem klar, dass Mobbing moralisch nicht akzeptabel ist. Daraus lässt sich dann ableiten, dass diejenigen, die Mobbing betreiben, nicht einsichtig sind. Sie haben es nicht oder noch nicht begriffen, dass sie das eigentliche Problem sind.

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich mehrfach die Meinung vertreten, dass Mobber mit der komplexen, sich schnell verändernden Umwelt und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht zurechtkommen. Man könnte auch sagen: Im Prozess des Erwachsenwerdens haben diese Kinder keine „Roadmap“. Nicht etwa die falsche, wohlgemerkt, sie haben KEINE.
Aufklärung und Schadensvermeidung heißt bei diesem Thema, sich auch mit dem Psychogramm des Mobbers zu beschäftigen. Nicht wissenschaftlich und abstrakt, sondern in Beispielen.

Schwäche – Quelle: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay

Im Folgenden will ich mich also nicht damit beschäftigen, wie man Einsicht bei Kindern mit unsozialem Verhalten herstellt. Sehr viel hilfreicher ist es, die Technik des Mobbens offenzulegen mit dem Ziel, dem Mobber zu sagen: Du bist enttarnt und überführt. Wir kennen dein mieses Spiel.

Eine schwache Persönlichkeit – nichts anderes sind Mobber – sucht sich in einer unübersichtlichen, komplexen und neuen Situation Hilfe. Sie will eine Situation herstellen, in der sie sich sicher fühlt. Wovor fürchtet sich der Täter? Als Versager oder Schwächling zu gelten und von den anderen nicht akzeptiert zu werden.

Thomas Hobbes, den wir in der 7. Klasse als schlauen Philosophen kennenlernen, hat das herausgefunden. Fehlendes Selbstvertrauen ist ein Grund für Streiterei und Konflikte. Mobbing ist ein versteckter Konflikt.
Die einfachste Methode für eine Person ohne Selbstvertrauen, Sicherheit für sich herzustellen, ist, in einer Gruppe eine oder mehrere Gruppenmitglieder auszumachen, denen die Rolle des Außenseiters oder Sonderlings zugewiesen wird. Damit will der Mobber von sich ablenken. Das Interesse der Gruppe soll auf das Opfer gelenkt werden. Außerdem sucht sich der Mobber vorher einige andere noch schwächere Persönlichkeiten unter den Mitschülern/-innen. Denen verspricht er, dass er ihnen Schutz bietet. Stichwort: Gemeinsam sind wir stark.
Gemeinsam kann man sich nun dem Opfer zuwenden. Der Haupttäter versucht dabei aus dem Hinterhalt zu handeln. Hier ein Handlungsmuster von mehreren.

Phase 1: Zunächst werden über das Opfer Gerüchte in Umlauf gebracht. Beispiel: Über eine Mitschülerin wird erzählt, dass sie noch mit Plüschtieren spielt. Diese Gerüchte kann das Opfer nicht aus der Welt räumen. Es weiß davon noch nichts.

Phase 2: Das Opfer erfährt von den Gerüchten und will Klarheit herstellen. Der Mobber/die Mobberin muss jetzt sehr vorsichtig sein. Die Helfer werden beauftragt, mit dem Opfer die Sache zu klären: „Wir klären das untereinander.“ Allerdings liegt die Beweislast beim Opfer. Das Opfer soll die Gerüchte aus der Welt schaffen durch eine Gegendarstellung. In unserem Beispiel geht das nur durch eine Gegenbehauptung. Und die ist so gut wie nichts wert, wird aber von den Helfern des Mobbers angenommen. (Anmerkung: Helfen würde es hier, den Psychologen der Schule einzuschalten. Dann hat der Täter nämlich so gut wie verloren.)

Phase 3: Das Thema (Plüschtiere) wird jetzt wie beiläufig im Beisein des Opfers nochmals thematisiert. Das Opfer wehrt sich. Der Mobber/die Mobberin handelt jetzt anders als erwartet. Er/Sie entschuldigt sich. Das Opfer kann nicht anders, als die Entschuldigung anzunehmen.

Phase 4: Die Angelegenheit ist damit nicht beendet. Die Geschichte mit den Plüschtieren wird immer wieder erneut hervorgeholt, gefolgt von einer Entschuldigung. Die ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits wertlos.

Phase 5: Das Opfer kann ab sofort mit der Plüschtier-Geschichte ständig gemobbt werden. Die Täter können sich immer herausreden, dass es nur Spaß sei usw., und man sich entschuldigt hat.

Ich habe das Beispiel mit den Plüschtieren bewusst gewählt, weil es noch harmlos ist. Die Wirklichkeit ist brutaler. Schon in der Unterstufe wird mit harten Bandagen gekämpft.

Aus der Literatur wissen wir, dass es Mobbing in Schulen schon immer gab. Soll man das Problem also hinnehmen und ertragen? Typischer naturalistischer Fehlschluss. Dann wäre Moralunterricht sinnlos. Die Methode der Mobber, dem Opfer die Außenseiterrolle zuzuschreiben, muss offengelegt werden, muss transparent gemacht werden. Nicht nur die Pädagogen, sondern auch die Kinder müssen das miese Spiel dieser schwachen Persönlichkeiten als solches erkennen, kritisieren und beenden.

tmd.

Täter bekämpfen im Opfer ihre eigenen Ängste

Warum fehlt es so oft an Fairness und Mitgefühl? Es ist nicht das erste Mal, dass diese Frage im Blog gestellt wurde. Hier erneut ein Versuch der Erklärung beginnend mit einem Beispiel.
In einem Ethikbuch habe ich folgende Situationsbeschreibung gefunden:
Anya sieht schlecht und hat seit kurzem eine Lesebrille. Als sie ihre Brille aufsetzt, um eine Aufgabe aus dem Schulbuch vorzulesen, fängt Benjamin zu kichern an. Soweit das Beispiel.

Es ist aus einer anderen Zeit. Heutzutage ist es kein Makel, eine Brille zu tragen. Eine Zeit lang war es sogar irgendwie „in“ eine zu haben. Der Anlass, jemanden zu mobben, ist also austauschbar und ändert sich von Zeit zu Zeit. Es geht um etwas anderes!

Opfer? Täter?
Außenseiter? Opfer? Täter? – Quelle: ShaktiShiva, Pixabay

Nicht das Mobbing-Opfer ist das Problem. Dass jemand ein Sonderling oder Außenseiter ist, ist nicht das Problem. Das Problem ist der Täter. Er hat Probleme, mit einer Umwelt zurecht zukommen, so wie sie ist. Das soziale Umfeld ist aber nicht so, wie es der Täter sich wünscht. Menschen sind nun mal grundverschieden. Hinzu kommt ein zweiter Umstand. Mobbing-Täter haben keine gefestigte Identität. Es sind kleine Lichter, die mit ihren eigenen Ängsten nicht fertig werden. Psychologen sagen, dass Täter ihre eigenen Ängste auf die Opfer projizieren und in der Person des Opfers bekämpfen.

Die Rollenfindung in der Pubertät ist eine Zeit, in der Jugendliche sehr empfindlich sind. Wer als Junge in dieser Zeit Gefühle zeigt, der muss befürchten, als „schwul“ in die Ecke gestellt zu werden. Schon in der 5. Klasse wird im Fach Ethik gelernt, dass wir uns in unserer Wahrnehmung leicht täuschen lassen. Leider wird diese Erkenntnis meist nur auf das naturwissenschaftlich-technische Erkennen und Verstehen bezogen. Es geht aber um Wertungen und Bewertungen. Etwas negativ bewerten, das ist also auch und besonders abhängig von unserer eigenen subjektiven Sicht der Dinge.

Im Grunde haben aber Kinder, die Mitgefühl leben können, die Trumphkarte fürs Leben in der Tasche. Sie werden später von anderen wirklich akzeptiert, sie haben „echte“ Freunde/Freundinnen. Sie sind die Starken! Wie kann man das im Unterricht vermitteln? Bitte kein Rollenspiel! Das funktioniert nur in der Theorie, nicht aber in der Praxis.
Kinder brauchen Vorbilder!

tmd.

Transidentität

Ein Thema ist in der Kategorie Jugendbuch angekommen: die Transidentität. Lisa Williamsons Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“ und „George“ von Alex Gino sind nur der Auftakt gewesen. Jetzt hat die Wochenzeitung DIE ZEIT nachgelegt mit einem Bericht über transidente Kinder: „Das ist kein Spleen“, Nr. 47, 10. November 2016.

Im Schulunterricht könnten wir es – das Thema – finden, in Biologie. Unverzichtbar ist Transidentität jedoch im Fach Ethik. Im Moralunterricht gehört es zum Thema Erwachsenwerden. An bayerischen Gymnasien ist das der Fall in der 7. Klasse. Dort findet man aber bisher nichts zum Themenkomplex LGBT (Lesbian, Gay, bisexuel, Transgender).

Intersexualität
Gleich oder unterschiedlich – Quelle johnhain, Pixabay

Dort, wo sich Anknüpfungspunkte böten, werden sie nicht genutzt. Gemeint ist das Tagebuch der Anne Frank mit den entsprechenden Eintragungen vom 6. Januar 44 ff. Die Zahl der Kinder, die sich im eigenen Körper nicht zuhause fühlen nimmt zu, schreibt Martin Spiewak in DIE ZEIT. Mehr Mädchen als Jungs sind betroffen. Die Fachärzte nehmen die Sorgen und Wünsche ihrer jungen Patienten ernst. Problematisch ist die Umwelt der Kinder: die Gleichaltrigen, die Eltern, die Lehrer. Sie brauchen meist genau soviel Hilfestellung wie die betroffenen Kinder.

Warum ist das ein Thema für den Moralunterricht? Weil hier nach Meinung der Methodologen der geeignete Ort sein soll, um Empathie zu üben. Mitgefühl mit Mädchen, die eigentlich lieber Jungs sein wollen und umgekehrt.
Es geht hier aber nicht um einen spaßigen Kleiderwechsel nach dem Motto, wie fühlt man sich als Junge im Minirock. So stellen sich das die Methodologen wohl vor. Es ist aber kein gespielter Rollentausch, in dem Kinder sich die Vorteile des anderen Geschlechts herauspicken und genießen.

Es geht darum, dass der Aufbau einer eigenen Identität für transidente Kinder ein Höllentrip ist. Sie sollen sich eine entsprechende Rolle (als Mann oder Frau) aneignen. Das ist unter normalen Umständen schon für viele Jungs ein hoch riskantes Pokerspiel mit schlechten Karten auf der Hand. Es ist aber außerdem ein Wettlauf mit der Zeit, wenn es um eine Rolle geht, die sie einerseits zutiefst ablehnen, in die sie andererseits aber ohne medizinische Hilfe naturnotwendig „hineinwachsen“.

Mitgefühl für diese Kinder wird nur erzeugt durch Erklärungen, Gespräche, Aufklärung. Mitgefühl kann aber auch ganz pragmatisch so aussehen, wie es der ZEIT-Autor erzählt. Die Mitschüler akzeptieren in einem Fall den radikalen Rollenwechsel und – die Angelegenheit ist kein Aufreger mehr.

tmd.

Every girl needs a best girlfriend, but a boyfriend too.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Liebe Oma Maria,
du kennst dich doch aus mit Psychologie und so. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Also im Unterricht haben wir nur einige Seiten gelesen. Den Eintrag vom 25.4.44 haben wir gelesen. Das mit dem Satz, dass man erst merkt, wenn man verändert ist, wenn man sich verändert hat. Also das ist doch klar, das weiß ich schon. Ich schreibe doch selbst Tagebuch. Es war wieder sooooo langweilig. Und warum soll ich mit Mama und Papa streiten? Ich habe andere Probleme. Kannst du mir helfen? Ich habe mir das Buch der Anne Frank von Mama aus dem Arbeitszimmer geholt und die Einträge vorher gelesen und die vom 6. Januar und danach. Da lag ein Lesezeichen drin. Lies das mal und dann kommen meine Fragen.
deine Lieblingsenkelin(!) Anna

Anne Frank
Quelle: Wikipedia, Unknown photographer; Collectie Anne Frank Stichting Amsterdam

E-Mail von Oma Maria an Anna
Meine liebe Anna,
ich weiß, worum es geht. Ich habe dennoch alles nochmal gelesen. Ist ja so lange her, als ich es das erste Mal gelesen habe. Sollten wir nicht besser telefonieren?
Oma M.

E-Mail von Anna an Oma Maria
Es ist wichtig, Oma!
Hat die Anne Frank (die heißt ja fast so wie ich) ein anderes Mädchen geliebt?? Und warum hat sie dann auch den Peter geliebt?
deine Anna

E-Mail von Oma Maria an Anne
Das ist alles eigentlich sehr einfach, aber dann doch wieder kompliziert.
Mädchen in deinem Alter schwärmen manchmal von anderen Mädchen. Gleichzeitig finden sie es aber auch interessant, einen Freund zu haben.
Viele Kinder denken, dass sie eine bestimmte Rolle erlernen und spielen müssen. Aber das muss so nicht sein. Also, Mädchen finden die Jungs irgendwie gut, aber sie finden manchmal andere Mädchen eben auch attraktiv, sind verliebt. Irgendwann entscheiden sie sich dafür, dass entweder Jungs oder Mädels wichtiger für sie sind. Das weiß man vorher nicht. Telefonieren wir nochmal?
deine besorgte Maria-Oma

SMS von Anna an Oma Maria
ich habe jetzt einen Freund!! Er ist echt süß!!! Du musst ihn kennenlernen.
Anna (in love)

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 5

Rollenfindung ist ein Pokerspiel mit vollem Einsatz, aber mit meist miesem Blatt.

Der moralische Aspekt sozialer Rollen wird sichtbar, wenn es um die Wertung verschiedener oder ähnlicher Rollen geht. Die Wertung ist jedoch nicht etwa ein Vorgang, den ich mir erlaube oder auch nicht. Die Wertungen von Rollen sind im Prozess der Sozialisation mit eingebaut und sind Teil der Rolle. Sozialisation heißt hier allgemein die Verinnerlichung von Normen, Werten und Regeln, sowie die damit verbundene Identitätsbildung. Damit wird die Frage beantwortet, wer bin ich eigentlich? (Die eher schizophrene Sicht, „wie viele“ man sei, diskutiere ich hier nicht.)

Die Schlüsselwörter dazu sind Rollenzuschreibung, Rollenübernahme und Rollengestaltung.

Die beiden ersten Begriffe stehen für einen passiven Umgang mit der eigenen Rolle, wobei die Zuschreibung mir praktisch keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten lässt, die Rolle zu übernehmen oder nicht. An eine Gestaltung der Rolle ist überhaupt nicht zu denken.
Rollengestaltung ist die aktive Funktion in der Sozialisation. Hier nutze ich das Spiel mit Leistungen und Erwartungen. Dabei muss ich die Erwartungen der Mitmenschen vorsichtig enttäuschen und verändern.
Beispiele: Vor 50 Jahren war es selten, dass sich Väter um die Kinder gekümmert haben. Über die Rolle des „Hausmanns“ wurden in den Geisteswissenschaften Diplomarbeiten geschrieben mit Fallstudien. Solche Männer mussten sich gegen die Erwartungen der anderen Männer, aber auch der Frauen durchsetzen. Rollengestaltung, -zuschreibung und -übernahme sind Teile des Identitäsfindungsprozesses. Das heißt, sie sind keine Spielerei, auch wenn in Anlehnung an Goffman von Rollenspiel die Rede ist.

Spielkarten mischen
Die Karten werden gemischt – Quelle: 955169, Pixabay

Für Kinder und Jugendliche ist die Rollenfindung eine Angelegenheit, bei der mit vollem Einsatz gespielt wird. Es gibt zwar „Versuch und Irrtum“, aber jeder Irrtum wird brutal sanktioniert – insbesondere von den Gleichaltrigen. Nur so ist das Verhalten von Kindern in der Pubertät angemessen einzuordnen. In dieser Phase des Lebens wird „hoch gepokert“ – meist mit einem echt „miesen Blatt“. Aber hier geht es eben auch um Rollengestaltung. Ein hoch riskantes Unternehmen ist das.
Der Film „TomBoy“ von Céline Sciamma zeigt die Suche nach der eigenen Identität sehr einfühlsam. Er zeigt aber auch die Hilflosigkeit der Erwachsenen und erst recht die der Kinder bei und in diesem Prozess.
Gleiches Lob gilt der von Lisa Williamson geschriebenen Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“. Eine Transgender-Geschichte, die zeigt, wie brüchig und riskant Identitätsbildung ist.

Selbst der Umgang mit Literatur zu dem Thema zeigt die Unsicherheit der Jugendlichen. Das Angebot (im Unterricht), „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz zu lesen und darüber zu berichten, wurde von Jungs abgelehnt, nur die Mädels waren neugierig, mehr über die Freundschaft zweier Jungs zu erfahren. Eine mögliche Erklärung: Mädchen erleben die Phase des Transits als Erweiterung und Bereicherung ihrer Rolle. Jungs sehen sie eher als Bedrohung ihrer phantasierten Männlichkeit.

Damit ist die Serie „Wir alle spielen Theater“ abgeschlossen.

tmd.