Moral: eine soziale Tatsache

Es ist schon erstaunlich, dass wir die Normen und Werte, die Regeln des Zusammenlebens und die Moral selbst herstellen und uns dann darüber beschweren, dass wir diese Normen und Werte befolgen müssen. Nicht immer beschweren wir uns darüber, aber wenn, dann schon sehr heftig.
An dieser Stelle kann man einwenden, dass diejenigen, die sich über Normen beschweren, nicht immer diejenigen sind, die sie gemacht haben. Aber auch diejenigen, die gegen Normen rebellieren, halten sich an die Normen und Werte – zumindest meistens.

Soziologen bezeichnen Normen und Werte als „soziale Tatsachen“. Das hat etwas Beruhigendes. Das Wort Tatsache, das klingt schon sehr realistisch. Aber damit ist noch nicht geklärt, warum wir uns an diesen Tatsachen orientieren und warum wir den Tatsachen folgen. Und erst recht nicht geklärt ist, wo sich diese Tatsachen befinden. Beim Wort Tatsache denkt man doch automatisch an eine Feststellung, eine Aussage über die Wirklichkeit. Der Soziologe Émile Durkheim (1858 – 1917) meinte, dass sie ein „Eigenleben“ führen. Soziale Tatsachen sollen wie Dinge behandelt werden. Jedenfalls üben sie auf uns Zwang aus.

Und eine weitere Frage müsste geklärt werden. Auch wenn es sich um nicht mehrheitsfähige Kollektivnormen handelt, dann haben diejenigen, die diesen Normen folgen, dieselben im Bewusstsein. Diese Normen sind Teil ihres Wissens. Die Soziologen nennen das: kollektives Bewusstsein. Ist dieses kollektive Bewusstsein die Summe aller „Bewusstseins“ oder das Abbild eines „Meta“-Bewusstseins?

Wo befinden sich die sozialen Tatsachen, wie werden sie hergestellt und warum befolgen wir sie, auch wenn wir nicht immer froh darüber sind?
Wie soll man diese Fragen ohne soziologisches Vorwissen beantworten?

Wolken
soziale Tatsachen: wie eine cloud an Informationen, außerhalb von uns … – Quelle: StockSnap, Pixabay

Ich versuche es mit einem Vergleich. Das Internet hat die sogenannte Cloud. In dieser Cloud kann vieles abgelegt werden. Und aus dieser Cloud kann Wissen, können aber auch Prozesse (Programme) abgerufen werden.

(Ich weiß, dass diese Cloud nicht eine Wolke im eigentlichen Sinne ist. Die Cloud ist natürlich eine Sammlung von Computern und Speichermedien.)

Soziale Tatsachen kann man sich wie dieses Wissen, das in der Cloud gespeichert ist, vorstellen. Hergestellt wurde es durch die Nutzer. Benutzt wird es ebenfalls durch die Nutzer.
Überträgt man dieses Bild auf die Normen und Werte, dann sieht man, dass wir die Normen und Werte zwar herstellen, uns dann aber auch an sie – mehr oder weniger – halten. Wir befolgen die Normen.

Wie kommt es dann zu einem Wandel der Normen?
Auch hier verwende ich den Vergleich mit dem Internet. Wenn Normen und Werte nicht mehr praktisch anwendbar sind, unseren Vorstellungen nicht mehr genügen, dann machen wir neue. Nun geht es darum, dass diese neuen Werte auch abgerufen und verwendet werden. Ist das der Fall, dann haben sich die neuen Normen durchgesetzt. Gelingt es nicht, dann bleibt es bei den alten Werten.

Warum empfinden wir die sozialen Tatsachen wie Dinge, die außerhalb von uns existieren?
Wir müssen feststellen, dass Normen existieren und weiterbestehen, auch wenn wir mit ihnen nicht einverstanden sind. Wir orientieren uns an ihnen, weil wir feststellen, dass wir Probleme bekommen, wenn wir sie nicht einhalten. Das Modell der sozialen Rolle zeigt diese Abhängigkeit sehr deutlich. Soziale Rollen bestehen aus Erwartungen, die an uns gestellt werden. Diesen Erwartungen müssen wir folgen, auch wenn es uns nicht gerade gefällt. Wenn nicht, müssen wir mit Sanktionen (Strafe) rechnen. Bedauerlicherweise werden wir nicht besonders gelobt, wenn wir alles richtig machen, so wie es von uns verlangt wird.

soziale tatsachen im Kopf
… aber auch in unserem Bewusstsein: soziale Tatsachen – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Die politische Philosophie von Thomas Hobbes, Jean-Jaques Rousseau und Immanuel Kant macht uns jedoch Hoffnung. Dort wird der Wandel der sozialen Tatsachen, der Normen und Werte in den Vordergrund gestellt. Wir machen Gesetze, denen wir freiwillig folgen, weil wir die Gesetze in Freiheit und Verantwortung mittels Vernunft hergestellt haben.

tmd.

Individualisierung revisited

Frau vor Horizont
Individualisierung macht die Arbeitswelt weiblich – Quelle: FreeFotos, Pixabay

Der Begriff „Individualisierung“ bereitet doch mehr Schwierigkeiten bei der Erarbeitung als erwartet. Deshalb gibt es hier noch einige Präzisierungen.
Individualisierung ist ein soziologischer Fachbegriff. Es geht um den Wandel von Fremd- zur Selbstbestimmung. Individualisierung ist eine soziale Tatsache. Soziale Tatsachen treten uns wie „Dinge“ gegenüber. Sie üben einen gewissen Zwang auf uns aus. Auch Selbstbestimmung übt Zwang aus.
Beispiel: An die Rolle der Ehefrau und Mutter wurden bis in die 70er Jahre Erwartungen gestellt, die von den meisten verheirateten Frauen auch geleistet wurden. Es bestand also ein gewisser Zwang, diese Rollen-Erwartungen zu erfüllen.
Individualisierung beschreibt nun den Prozess, dass diese Rollen und die damit verbundenen Erwartungen teilweise weggefallen sind. An Stelle dieser Erwartungen sind andere getreten, nämlich die Erwartung, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Frauen können und dürfen arbeiten gehen, Karriere machen oder auch nicht. Sie können Kinder haben wollen und eine Familie gründen oder auch nicht.
Und genau an dieser Stelle beginnen die Verständnisschwierigkeiten. Die soziale Tatsache „Individualisierung“ tritt den einzelnen Akteuren im sozialen Leben wie eine feststehende Sache, ein „Ding“ gegenüber. Soziale Tatsachen sind Zwänge in Form von Normen, Werten und Verpflichtungen. Wie die Akteure mit den Erwartungen umgehen, ist nun eine rein psychologische Angelegenheit. Bedienen sie die Erwartungen mit Leistungen, dann ist es in Ordnung, wenn nicht, drohen Sanktionen (Bestrafungen). Vor diesem sozialen Hintergrund der Erwartungen und Leistungen muss sich der einzelne Mensch entscheiden.
Viele SuS sind nun erstaunt, wenn sie feststellen, dass „Individualisierung“ nicht reibungslos funktioniert. Man hat zwar die Möglichkeit, sein eigenes Leben frei zu erfinden und zu gestalten, trifft dabei aber auf Widerstände, die wiederum sozialer Natur sind.
Beispiel: Frauen sind zwar die Gewinner der Individualisierung, weil sie in unserer auf Wissen und Kompetenz gebauten Arbeitswelt langsam die Führungsrolle (auch quantitativ) übernehmen. Aber die Alltagswelt ist nicht so, dass sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen.
An diesem Punkt werden die Erklärungen, „warum ist das so?“, immer komplexer und komplizierter.
Denn die Baumeister und Konstrukteure der „Individualisierung“ sind selbstverständlich die Menschen selbst.
Zurecht fragen die SuS, warum die Baumeister der sozialen Zwänge diese nicht abstellen bzw. verändern? Das tun sie auch in Form von politischer Sozialgesetzgebung. Dennoch erklärt das nicht die Widersprüche, die uns im Alltagsleben begegnen. Wir können frei handeln und haben zahlreiche Wahlmöglichkeiten. Die negativen Effekte unseres Handelns müssen wir uns aber selbst zurechnen. Motto: Du bist frei, mach was draus.

Dahinter steht die alte Frage: Sind wir als Konstrukteure der sozialen Welt die Lösung oder Teil des Problems?

Wir stellen soziale Welt her und leiden gleichzeitig darunter. Karl Marx würde das als klassischen Widerspruch bezeichnen. Am Beispiel der „Individualisierung“ hätte er Recht. Frauen sind die Akteure unserer auf Wissen und Dienstleistung gestellten Gesellschaft. Diesen neuen „Produktivkräften“ widersprechen die noch vorhandenen alten Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft, die Frauen dazu zwingen entweder auf Familie oder auf Karriere zu verzichten.
Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich die Widersprüche auflösen.

tmd.