Über das Einüben von Tugenden

jugendlicher Klavierspieler
Übung – Quelle: nightowl, Pixabay

Eine Diskussion zum Thema Tugenden und Werte hat das Problem mit dem Einüben derselben offengelegt.
Werte kann man nicht erwerben wie Aktien an der Börse. Die reine Kenntnis der Werte hilft auch nicht weiter. Man muss sie schon anwenden.
Mit den Tugenden ist es nicht anders. Gerecht, klug, tapfer und maßvoll handeln, kann man eigentlich erst dann, wenn man es ist: gerecht, klug, tapfer und maßvoll.
Was also tun?, werde ich immer wieder gefragt. Wie beginne ich mit dem tugendhaften Verhalten?

Die Frage stellt sich übrigens auch schon beim Erwerb und der Konstruktion von Identität und der Bildung eines autonomen Gewissens.

Tugendhaft Handeln geht nur durch Übung. Man muss damit anfangen – und zwar selbst. Nötig dazu ist auch ein Lehrer, eine Lehrerin, aber der/die kann den Übenden nicht „zum Jagen tragen“.
Im Weg steht uns dabei sowohl das antike als auch das moderne kapitalistische Denken. Schon bei Platon entsteht der Eindruck, dass man das Gute nur wissen muss, um auch gut zu handeln. Aber der antike griechische Polis-Bewohner zur Zeit des Sokrates hatte noch die Vorstellung, dass man das Gute nur im Handeln des Menschen erkennen kann. So gesehen ist das Gute zu wissen immer verbunden mit dem Einüben dieses Wissens.
Tugendhaft leben heißt für den antiken Menschen aber auch glücklich sein.
In unserer modernen kapitalistischen Welt ist Glück aber von den Tugenden entkoppelt worden.
Vor diesem Hintergrund ist das Einüben von Tugenden doppelt erschwert.
Warum tugendhaft handeln wollen und beim Üben Niederlagen einstecken, wenn man Glück auch ganz ohne persönlichen Einsatz erreichen kann? Im Berufsleben durch einen Job, der nur die Freizeit finanziert – beispielsweise.
Die Frage: Was für ein Mensch willst du sein?, wird dabei ausgeklammert.

Die Frage: Kann man Tugenden in der Schule einüben?, ist schnell beantwortet. Man kann es ja mal versuchen.

tmd.

Freiheit durch Verantwortung

Verkehrszeichen
Verantwortung lernen – Quelle: geralt, Pixabay

Verbunden mit dem Erwachsenwerden ist die Zunahme von Freiheit. Freiheit! Welch schönes Wort. Endlich das machen, was du willst. Oder zumindest mehr als vorher, als die Eltern noch mitbestimmten.

Was hat das mit Moral zu tun?

Du bekommst die Freiheit nicht umsonst. Freiheit ist gekoppelt an Verantwortung. So ist das!
Verantwortung übernehmen heißt dann: Du kannst dich für dein Handeln nicht auf Andere berufen. Also die Ausrede: „Der oder die hat gesagt, dass …“, das geht gar nicht.
Das heißt dann also, du musst tatsächlich bei allem, was du machst, daran denken, ob du irgendwelche Regeln und Gesetze nicht beachtest. Wenn du Gesetze missachtest, dann gibt es Ärger, und zwar nicht wenig.
Ein kleiner Diebstahl – die CD für 5 Euro – kann schon auf der Polizeiwache enden.

Leider fällt die Zeit der Gewöhnung an mehr Freiheit und mehr Verantwortung genau in die Zeit der Konstruktion einer individuellen Identität. Identitätskonstruktion ist verbunden mit der Suche nach Vorbildern. Vorbilder sind aber nicht immer nur gut für die eigene Identitätsbildung. Du musst also lernen, zwischen falschen und guten Vorbildern zu unterscheiden. Leider haben Menschen kein Gen in sich, dass die Unterscheidung ohne Zutun ermöglicht. Wir müssen es lernen.
Wie kannst du dabei Fehler vermeiden?

Eltern, Lehrer und andere Personen fragen, die glaubwürdig sind.

Merksatz: Zunehmende Freiheit heißt zunehmende Verantwortung. Verantwortung übernehmen heißt, Regeln, Normen, Werte kennen lernen und beachten.
Mit Normen usw. sind aber nicht die geheimen Regeln deiner Jugendgruppe gemeint. Gemeint sind die moralischen Normen der Gesellschaft.

tmd.

Erwachsenwerden einüben

Bildung und Konstruktion einer eigenen, noch dazu unverwechselbaren Identität bereitet große Schwierigkeiten. Das zeigen die Diskussionen und Fragen zum Thema.

Übungen
Identität macht den Unterschied – Quelle: sobima, Pixabay

Identitätsbildung und Identitätskonstruktion sind ein wesentlicher Bestandteil im Prozess beim Erwachsenwerden. Man lernt – oder sollte lernen – über sich selbst nachzudenken. Im Lehrbuch heißt es dazu: Stärken und Schwächen erkennen. Das ist auch in dem Satz: Erkenne dich selbst, enthalten. Das Fachwort dazu heißt Reflexion.
Wer im Prozess des Erwachsenwerdens drinnen steckt, dem hilft das zunächst mal wenig. Wenn man nicht angefangen hat mit dem „sich selbst erkennen“, wie soll man wissen, wie das geht? Außerdem besteht die Gefahr, dass man etwas über sich herausfindet, was man nun gar nicht gerne wissen will.

Was also tun?, werde ich gefragt. Gibt es nicht irgendeine Methode, eine Technik, die man anwenden kann? So ähnlich, wie man in der Schule Fremdsprachen lernt.

Die Antwort ist einfach und doch gleichzeitig kompliziert. Orientiere dich an Älteren und versuche sie nachzuahmen. Klingt ziemlich banal, ist es aber nicht. Denn um eine soziale Rolle zu spielen, dazu gehört eine ganze Menge Mut und Selbstbewusstsein. Identitätskonstruktion ist wie die Aufführung eines Theaterstücks ohne längere Proben. Aber es ist eben kein Spiel. Wenn es nicht funktioniert – dann ist das oft eher peinlich. Du willst dich im Sport geben wie die Profis – doch es endet nur in einem lächerlichen Auftritt.

Also versuchen viele Kinder in der Gruppe erst mal das dort typische Gruppenverhalten zu kopieren.
Das ist doch keine individuelle Identitätskonstruktion!, sagen dazu die SuS.
Richtig! Aber damit ist zumindest mal ein Anfang gemacht zum Einüben neuer Rollen und neuer Bausteine für deine Identität. Wenn du erst mal an kleinen Rollen geübt hast, den Jugendlichen zu spielen, dann kannst du so weitermachen.

Wird man damit nicht zum Abziehbild seiner Freunde?
Klar, das wirst du – aber nur auf den ersten Blick. Äußerliche Merkmale wie Mode und dergleichen, musst du nicht überbewerten. Jede Altersgruppe schafft sich ihre eigene Kultur in Musik und Mode. Du kannst dir schließlich ab sofort auch neue Mosaiksteine für deine individuelle Identität heraussuchen, die zu dir passen. Und nach einigen Versuchen erkennst du selbst, dass du dich verändert hast. Das ist es auch, was Anne Frank in ihrem Tagebuch dazu schreibt.

tmd.

Entscheiden und Begründen

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Wie soll ich mich entscheiden? – Quelle: Pexels, Pixabay

In einer Dilemma-Geschichte wird davon erzählt, dass sich jemand entscheiden muss zwischen zwei Handlungen. Beispielsweise muss er oder sie sich entscheiden, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen. Egal ist nun, was er/sie macht. Das Ergebnis ist in jedem Fall unangenehm. Nicht zu handeln geht übrigens gar nicht.
Beispiele stehen in jedem Ethikbuch.
Moralisch interessant sind Dilemma-Geschichten nicht deshalb, weil sie nie ein gutes Ende haben. Es geht darum, die Entscheidung, wenn sie getroffen ist, zu begründen.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Dilemma-Geschichten in seinen Forschungen verwendet, weil er wissen wollte, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihre Handlungen und Entscheidungen begründen. Die Entscheidungen selbst waren bei den Versuchspersonen nicht sehr verschieden. Unterschiede gab es aber bei den Begründungen. Kinder begründeten ihre Entscheidungen mit der Angst vor Strafe. Jugendliche berufen sich auf Gesetze und Regeln. Ältere Erwachsene begründeten ihre Entscheidung mit dem Wohl der Gemeinschaft oder mit allgemeinen universellen Lebensregeln – beispielsweise mit den Menschenrechten.
Was haben diese psychologischen Erkenntnisse im Ethikunterricht zu suchen?
Psychologen meinen, dass die moralische Entwicklung des Menschen in Abschnitten verläuft. Moral ist also eine Sache des Erwachsenwerdens. Es läuft aber nicht automatisch ab. Es ist gekoppelt an die Entwicklung der Identität. Wer nicht an der Konstruktion einer eigenen Identität arbeitet, der kann durchaus noch als Erwachsener in Dilemmasituationen sein Handeln wie ein Jugendlicher oder Kleinkind begründen.
Eine Hilfe bei der Identitätskonstruktion ist die Selbsterkenntnis. Eine weitere Hilfe ist es, zu lernen, dass man für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss. Verantwortung übernimmt man dann, wenn man sich bei seinen eigenen Handlungen nicht ausschließlich auf andere beruft. „Der oder jener hat gesagt, dass ich … .“
Und: Man kann Dilemma-Geschichte verwenden als Übungsmaterial. Wie würde ich entscheiden? Wie würde ich meine Entscheidung begründen?
Das hilft beim Erwachsen werden. Das hilft bei der Identitätskonstruktion.

tmd.

Selbsterkenntnis: ein hartes Training

make it your way – Quelle: skeeze, Pixabay

Ein Kommentar zum Beitrag Identität: selbst gemacht, ist Anlass, genauer zu beschreiben, was wir eigentlich machen, wenn wir Identitätskonstruktion betreiben. Die Frage ist, wie kann ich Identität neu in mir „konstruieren“, und zwar nicht nur als Abziehbild zur sozialen Umwelt, wenn mir doch nur die alten Verhaltensweisen der Kindheit zur Verfügung stehen.
Noch genauer gefragt: Wie kann ich das Nachdenken über mich selbst in Gang bringen?
Und eine zusätzliche Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Die zweite Frage ist leichter zu beantworten. Das Nachdenken über sich selbst hat in der Philosophie Tradition. Es geht um Selbsterkenntnis. Das ist Selbstreflexion. Selbsterkenntnis hat zum Ziel, ein sittliches (moralisches) Leben zu führen. Ein moralisches Leben zu führen, das war Ziel des antiken Menschen, der meinte, dadurch glücklich zu sein.

Die Ausgangsfrage ist nicht leicht zu beantworten. Sich selbst in der sozialen Umwelt zu verorten und über sich selbst nachzudenken, setzt mit der Pubertät ein. Soziale Rollen zu übernehmen läuft ab nach dem Muster: Versuch und Irrtum. Jugendliche probieren neue Rollen aus und sehen, ob es funktioniert oder nicht. Vorgegebene Rollenmuster zu übernehmen ist grundsätzlich einfacher, als etwas Neues für sich zu erfinden. Konstruktion ist es dann, wenn Jugendliche Teile von Rollen neu zusammenzustellen.

Wie wird dieser Prozess unterstützt?
Ein einfaches Mittel der Selbstreflexion ist die Analyse der eigenen Stärken und Schwächen. Diese Methode eignet sich für das gesamte Leben. Im Berufsleben buchen Erwachsene einen Psychologie-Coach. Jugendliche können sich ein Feedback von Lehrern, Freunden und Eltern holen.
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis setzen außerdem Zeitbewusstsein voraus. Nur ein Vergleich von vorher – nachher ermöglicht es, zu erkennen, dass man für sich selbst einen Lebensentwurf in die Zukunft verlängert.

Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion können dazu führen, dass man sich zum eigenen Baumeister seiner Identität erklärt.
Das muss aber nicht zwingend so sein. Der Kommentarschreiber weist zu Recht darauf hin, dass man in Krisensituationen auf altbewährte Handlungsmuster zurückgreift.

Identitätskonstruktion ist also letztlich von erfolgreichen Rollenspielen abhängig. Damit sind aber nicht diese dümmlichen Trockenübungen im Unterricht gemeint. Dort ist der Text bekannt, die Regieanweisungen sind übersichtlich. Dort wird nichts fürs echte Leben gelernt, weil die Realität eben anders funktioniert. Im echten Leben ist Identitätskonstruktion nämlich eher ein Pokerspiel mit echt miesen Karten.

tmd.

Identität: selbst gemacht

Selbstspiegelungen – Quelle: Gallila-Photo, Pixabay

„Ist Identitätsbildung ohne Eigenleistung, also ohne Identitätskonstruktion möglich?“, bin ich kürzlich von einer Schülerin gefragt worden. Die Frage ist berechtigt.
Identität und Identifizierung sind Begriffe, die in der 7. Klasse (G8) bereits erarbeitet werden. Dabei ist Identität die Summe der sozialen Merkmale, die jemand besitzt, wie Alter, Geschlecht, Herkunft usw. Identifizierung ist die emotionale Gleichsetzung mit einer anderen Person. Du willst so sein wie ein anderer.

Identitätsbildung ist also in der Tat ein Prozess, der auch passiv ablaufen kann. Du orientierst dich an Vorbildern, die auch von deinen Freunden und Freundinnen bevorzugt werden. Die meisten Menschen beginnen sehr spät damit, sehr eigene Entscheidungen bezüglich ihrer Rolle zu treffen, also wie sie sich selbst sehen und gesehen werden wollen. Damit allein ist „Individualität“, also Unvergleichbarkeit, möglich.

Viele Jugendliche in der Pubertät sehen auch die Nachteile von eigenverantwortlicher Identitätskonstruktion. Schnell wirst du damit zum Außenseiter oder Sonderling.

Was ist dann aber ausschlaggebend dafür, dass manche Jugendliche den Weg in eine selbst konstruierte Identität finden und andere ein Leben lang ein Abziehbild ihrer Umwelt bleiben?
Psychologen haben viel darüber nachgedacht und geforscht. Heute kann man den Grund einer selbst konstruierten Identität mit einem Begriff beschreiben: „Selbstwirksamkeit“. Du merkst, dass du dich im Vergleich zu früher verändert hast und siehst den Grund dafür in eigenen Entscheidungen.

Es gibt dazu zwei Merksätze, die ich verwende, um Identitätskonstruktion zu erklären.

  • „Wenn man sich selbst verändert, merkt man das erst, wenn man verändert ist.“ Anne Frank schreibt das in ihrem Tagebuch. Du suchst und findest Veränderungen in deinem Leben in der Vergangenheit. Du vergleichst dich mit dir in der Vergangenheit. Nun kannst du entscheiden, ob du in Zukunft Veränderungen deiner Identität auch selbst steuern willst. Selbsterkenntnis ist das. Heutzutage nennt man das auch: Sich neu erfinden.
  • „Du sollst der werden, der du bist.“ Friedrich Nietzsche hat das geschrieben. Er meint, dass du dir einen Plan für dein Leben machen kannst und diesen dann verfolgst.

In beiden Fällen geht es darum, dass du feststellst, „selbst etwas bewirkt zu haben“. Das ist „Selbstwirksamkeit“.

Funktioniert das ohne Komplikationen?
Keineswegs! Es ist eigentlich ein sehr riskantes Spiel. Aber es ist auch sehr spannend. Sagen meine SuS.

tmd.

Moralisches Urteilen und Pubertät

Erwachsen werden läuft nicht automatisch ab. Das meint man nämlich nur, weil die biologischen/physischen Veränderungen eigentlich nicht aufzuhalten sind.
Man wird eben älter, ob man will oder nicht.

Das, was da angeblich so automatisch abläuft, kann die Betroffenen aber ganz schön in Schwierigkeiten bringen. Verbunden mit dem Erwachsen werden sind nämlich auch seelische (psychische) und soziale Umbrüche. Nichts ist so wie bisher, wenn die Pubertät beginnt.

Während die physischen Veränderungen nicht aufzuhalten sind, kannst du die seelischen und sozialen Veränderungen zumindest irgendwie beeinflussen. Und du bist nicht vollkommen überrascht, wenn die Psyche Karussell mit dir fährt. Dazu musst du aber wissen, wie die Veränderungen ablaufen, und wie du sie kontrollieren kannst.

Individuell und ähnlich
Individuell und doch ähnlich – Quelle: 3194556, Pixabay

Es geht dabei zunächst um die Entwicklung und Steuerung von Identität und Individualität. Das ist der eine Schwerpunkt beim Erwachsen werden.
Einerseits willst du irgendwie sein, wie irgendein Vorbild. Andererseits willst du aber auch unverwechselbar sein.
Was den nun?
Beides brauchst du.

Identität und Individualität

Identität heißt: du hast ein eigenes Bild von dir selbst, wie und was du bist. Hier kannst du deinen Vorbildern ähneln.
Individualität heißt jedoch: Du hast ein Bild von dir, das unverwechselbar ist und einmalig. Es gibt dich nur einmal.

Individualität und Identität sind aber nur möglich durch Eigenleistung.
Eigenleistung heißt: Individualität und Identität musst du selbst herstellen.

Moralisches Urteilsvermögen

Es geht beim Erwachsen werden aber auch um die Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens. Moral haben schon Kinder, aber sie begründen ihre Moralurteile anders als du. Ist die Pubertät abgeschlossen, hat sich dein Urteilsvermögen wieder geändert. Aber nicht automatisch. Es gibt leider Menschen, die moralisch gesehen auf dem Entwicklungsstand eines Jugendlichen stehengeblieben sind.

Train the brain – Quelle: geralt, Pixabay

Dein moralisches Urteilsvermögen kannst du verbessern durch Erfahrungen machen, Diskutieren, Argumentieren. Das ist wie: Bodybuilding für den Geist. Schließlich verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn wird in der Pubertät kernsaniert.

tmd.

Über fehlende Selbstinspektion

Erkenne dich selbst – Quelle: Comfreak, Pixabay

Erkenne dich selbst: das ist so ein Merksatz, der richtig durchdacht werden sollte. Was man da erkennt, ist nicht immer erfreulich. Wollen wir doch alle gute Menschen sein – sind es aber nicht immer.

Friedrich Nietzsche, der unerbittliche psychologische Beobachter, hat diese Erkenntnis hergenommen, um auf unsere Gewohnheit der Projektion von negativen Charaktereigenschaften auf andere Menschen aufmerksam zu machen. Er meint: In dem Maße, in dem wir andere Menschen zu „Sündenböcken“ machen, lenken wir von unseren eigenen Schwachpunkten ab. (Menschliches, Allzumenschlich: Nr. 81,I)

Nietzsche nennt das: fehlende kritische „Selbstinspektion“. Er stellt fest: Die Selbstinspektion nimmt in dem Maße ab, wie der Unmut über andere Menschen zunimmt.

Wir erkennen dieses Verhalten auch und insbesondere im Mobbing in einer paradoxen Form. Das, was der Mobber an Selbsterkenntnis eigentlich unterdrücken will, das schreibt er dem Mobbingopfer zu. Gemeint ist: Die Angst, so zu sein wie ein anderer, ist nur zu ertragen, wenn die negativen Merkmale der anderen Person zugeschrieben werden.

Also: Achtung Mobber – ihr seid durchschaut!

tmd.

Kinder als Riesen und Erwachsene als Zwerge

Kinder als Riesen geboren – zu Erwachsenen geschrumpft

Kürzlich habe ich einige Zeilen eines deutschen Liedermachers gelesen. Dort heißt es in etwa, dass Kinder als Riesen geboren und im Laufe der Erziehung zu Erwachsenen geschrumpft werden. Der Gedanke, der dahinter steht ist: Kinder sind insgesamt in Ordnung, aber wir, die Erwachsenen, machen sie zu Zwergen, weil wir selbst schon (durch Erziehung) verzwergt sind. Das klingt zunächst pädagogisch mitreißend und unheimlich verständnisvoll. Ach, die lieben Kleinen. Doch Vorsicht! Was ist das für ein Menschenbild? Die Kinder sind ursprünglich „echt“ und „unverstellt“. Das ist die Hoffnung bzw. die Annahme, die hinter dem Gleichnis mit den Schrumpfriesen steht. Sofort fällt einem dabei Matthäus 18:3 ein: Wenn ihr nicht (…) werdet, wie die Kinder.

Jean-Jacques Rousseau oder Thomas Hobbes

Dieses Menschenbild ist nicht neu. J.J.R. ist davon ausgegangen, dass der Mensch von Natur aus gut und friedlich ist. Erst die Kultur, die Erziehung nimmt ihm seine wirkliche Identität. Erziehung ist an allem Schuld. J.J.R war ein Einzelgänger. Nur so ist sein Menschenbild verständlich. Thomas Hobbes (das ist der andere Vertragstheoretiker, den man in Ethik an bayerischen Gymnasien kennenlernt) hatte da eine andere Meinung. Seine Meinung, die eher der eines erfahrenen Streetworkers in Europas Metropolen gleicht, ist da etwas realistischer. Menschen sind egoistisch und streitbar. Damit sich die Menschen nicht gegenseitig umbringen, muss es jemanden geben, der Ordnung herstellt. Damit Kinder später am sozialen Leben teilnehmen können, müssen gelegentlich „Leitplanken“ gezogen werden, damit die „Kleinen“ nicht auf die schiefe Bahn geraten.

Zwerge & Riesen – Quelle: cocoparisienne, Pixabay

Vor diesem Hintergrund sieht das Gleichnis von den Schrumpfriesen und den Zwergerwachsenen anders aus. Ein Gedankenexperiment: Wie würde unsere Wirtschaft funktionieren, wenn an den Schaltstellen egoistische Streithansel oder sozial inkompetente Eigenbrötler sitzen würden? Gar nicht! Und was für eine Moral hätten wir, wenn wir Kleinkindern die Entscheidung diesbezüglich überließen?

Rolle als Maske oder Rolle als Identität

Philosophisch steht hinter dieser Frage nach Erziehung oder nicht, die Frage nach der Sozialen Rolle. Gibt es hinter der anerzogenen Rolle noch so etwas wie eine Person ohne Maske? Sozialpsychologen und Soziologen sind der Meinung, dass Menschen immer eine soziale Rolle spielen (müssen). Siehe hierzu auch die Blog-Beiträge: Wir alle spielen Theater.

Buchempfehlungen:
Ralph Dahrendorf: Homo Soziologicus.
Erving Goffman: Wir alle spielen Theater.

tmd.

Wahrnehmung und Moral

Wahrnehmung und Wirklichkeit – Quelle: ptra, Pixabay

In der gegenständlichen Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit sind sich Menschen grundsätzlich ähnlich. Wir Menschen sind auf das 3-D(imensionale)-Sehen geeicht. Das zeigt sich, wenn wir Fotos oder gemalte/gezeichnete Bilder anschauen und sofort die 3-D-Brille im Kopf einschalten. Wenn wir Zeichnungen, die die Perspektiven nicht berücksichtigen, anschauen, dann erkennen wir das sofort: Da stimmt was nicht und es müsste so und nicht anders aussehen! Die Graphiken von M.C. Escher sind bestens geeignet, um das 3-D-Sehen zu trainieren. Wie verhält es sich aber mit Erfahrungen und Empfindungen, die wir machen? Hier beschäftigen wir uns mit Dingen, die im Bewusstsein auftauchen. Hierbei bewerten wir das Erlebte, die Erfahrungen automatisch. Genauso, wie beim gegenständlichen Sehen, bei dem wir die 3-D-Brille im Kopf einschalten, schalten wir bei der Bewertung von Erfahrungen einen speziellen Betrachtungsmaßstab ein. Schönheit ist zum Beispiel nicht etwas, das „an sich“ so ist, sondern es ist nur „für uns“ so (fachsprachlich: für sich).

In einem neueren Ethikbuch habe ich dazu die Anleitung gefunden für die „Objektivierung“ von solchen Wahrnehmungen. Man solle – wie in den Naturwissenschaften – Maßstäbe finden und verwenden, um Wahrnehmungen zu bewerten. Solche Maßstäbe beruhen aber – auch in den Wissenschaften – auf Konsens. Geht es um Werte, Normen und Sitten, also um Moralen, dann ist die Angelegenheit plötzlich hochbrisant. Wie und nach welchem Maßstab soll ich hier „objektivieren“?

Im erwähnten Ethikbuch heißt es dazu: Informationen sammeln, also einfach gesagt, durch „Mehr-Wissen“ das eigene Urteil absichern. Didaktisch ist das interessant und schon in der 5. Klasse wird in Ethik dieser „Trick“ verwendet, um die eigene Vernunft zu optimieren. Doch diese Methode der Selbstaufklärung funktioniert dann nicht mehr so ohne Weiteres, wenn man erkennt, dass die moralischen Maßstäbe, die man verwendet, nicht objektiv vorgegeben sind, sondern auch einen sehr subjektiven Ursprung haben: Sozialisation und Charakter. Soll ich moralische Standards einhalten, die zwar ehrenvoll und tugendhaft daherkommen, wenn ich gleichzeitig dadurch massive Nachteile im Alltagsleben habe? Die Rückkoppelung von Alltagshandeln an Tugenden setzt ein erhebliches Maß an moralischem Standvermögen voraus.

tmd.