Leben lernen

Moralisch richtig handeln – Quelle: Comfreak, Pixabay

Moralisch richtig handeln, das wird erst in Dilemma-Situationen zum Problem. In Dilemma-Situationen können wir uns zwar entscheiden zwischen zwei möglichen Handlungsmöglichkeiten, nur ist leider keine dieser beiden Entscheidungen so wirklich zufriedenstellend. Eigentlich würden wir gerne gar nicht handeln, wenn das ginge.

Dilemma-Situationen durchziehen den Moralunterricht von Anfang an. Einfachstes Beispiel: Wir können dem Freund/der Freundin die Hausaufgabe abschreiben lassen, was nicht erlaubt ist, was aber dem Freund/der Freundin hilft. Wir können uns aber auch an die Spielregeln halten. Beide Entscheidungen sind begründbar. Beide Handlungsweisen machen uns nicht wirklich froh. Geht es um Probleme von Leben und Tod, dann kann man daran verzweifeln.

Die psychischen Effekte solcher Dilemma-Situationen sind nicht zentraler Gegenstand des Moral-Unterrichts. Leider, denn ein unreflektiertes moralisches Koordinatensystem bringt uns in schwere Konflikte mit uns selbst. In „Sieben Minuten nach Mitternacht“ hat Patrick Ness genau das zum Gegenstand eines Jugendbuches gemacht. Die Hauptperson Conor leidet unter dem bevorstehenden Tod der Mutter. Und: Er sehnt den Tod der Mutter gleichzeitig herbei, damit sein Leiden (die Mutter zu verlieren) endlich ein Ende hat. Sozial ist er durch das Sterben der Mutter zum Außenseiter mutiert, zu einer unbedeutenden Person, der nicht wahrgenommen werden möchte und auch nicht wahrgenommen wird. Auch darunter leidet er.

Sein Leiden quält ihn. Jede Nacht der gleiche Traum. Er will seine Mutter festhalten, die einen Abhang hinunter zu fallen droht. Es gelingt ihm nicht, sie fest zu halten. Der Traum endet immer in gleicher Weise. Seine Mutter stürzt ab. Soweit die psychologische Deutung der Dilemma-Situation. Erwachsene lösen diesen inneren Konflikt, indem sie den Tod des geliebten Menschen als Erlösung einordnen. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass es nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für die, die zurück bleiben, eine Erlösung ist – eine Erlösung von ihrem Schmerz.
Doch Patrick Ness gibt sich damit nicht zufrieden. Er will diesen Konflikt nutzen, um die Hauptperson reifen zu lassen. Conor soll sein Leid überwinden: Aber nicht in psychotherapeutischen Sitzungen die kranke Persönlichkeit stabilisieren und Krücken finden für die eigenen Unzulänglichkeiten.

Nein! Conor soll ein anderer, ein neuer Mensch werden, der sich über sein Leiden erhebt und es besiegt. Das heißt aber: Den guten Menschen, den mit Heiligenschein, den, der immer alles richtig macht, den, der immer von sich sagen kann, „Ich habe niemals …“, diesen Menschen gibt es nicht. Wir sind verurteilt, Schuld auf uns zu laden, wenn wir handeln.
Statt nun genau diese Erkenntnis in salbungsvolle Worte und Handlungsanweisungen zu pressen, was die SuS (und auch mich) nicht interessiert, greift Patrick Ness zu einem Mittel, das ein wenig an griechische Mythologie erinnert.

Jede Nacht, nach seinem psychologisch leicht zu interpretierenden Traum, erscheint ein Monster (7 Minuten nach Mitternacht). Ein Monster, das nicht besser ausgedacht hätte werden können. Ein Baum, der Menschengestalt annimmt. Ein Monster, so grausam und brutal, das man meint, etwas weniger hätte auch gereicht. Das ist nicht das nette, liebe Monster, das vielleicht nur schrecklich aussieht. Das Monster ist schrecklich. Das Monster repräsentiert das wirkliche, in sich widersprüchliche Leben. Von diesem Monster soll Conor lernen, wie Leben funktioniert. Conor soll lernen, dass es den moralisch einwandfreien Menschen nicht gibt. Moralisch handeln heißt, genau das zu erkennen.

tmd.

Am Nasenring der Mode – Über Tattoos und Körperschmuck

Verantwortung für den eigenen Körper? Ist das ein moralisches Problem, eine Frage der Ethik? Menschen, die an Gott glauben, können diese Frage schnell und sicher beantworten. Wer sich von Gott geschaffen nach dessen Ebenbild sieht, geht mit diesem von Gott geschenktem Körper pfleglich um. Sollte man zumindest meinen.

Worauf können aber nicht-glaubende Menschen Bezug nehmen?
Die Wissenschaften, insbesondere die Soziologie und Psychologie, helfen hier weiter. Menschen als soziale Wesen sind nun mal auch ein Produkt ihrer Umwelt. Diese Umwelt ist zum Teil selbst gewählt oder hat einen fest im Griff. Anschaulich wird das an der Mode, nach der wir uns alle mehr oder weniger richten. Seit einiger Zeit ist es nun Mode geworden, die Körperhaut mit Tattoos zu verfremden und Körperschmuck zu tragen. Warum tun sich das Menschen an? Warum entstellen sie sich mit bunten Bildern, Nasenringen und nehmen dabei erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf? „Dazu gehören“ wollen, Geltung und Abgrenzung von den Anderen, Protest gegen das herrschende Schönheitsideal, Maskierung: das sind nur einige Gründe.

Tätowierter MAnn
Modeerscheinung Tattoo – Quelle: PinSharp, Pixabay

Das Phänomen Tattoo ist schichten- und millieuspezifisch gut abgrenzbar. Es kommt in der Unterschicht häufiger vor als in der Oberschicht. Das „Flagge zeigen“ (soziologischer Begriff) ist in niederen Milieus auf das Wir-Gefühl abgestellt. Bei Jugendlichen aus den sogenannten „bildungsnahen Schichten“ kommt es sehr viel seltener vor und ist reiner Protest. Wenn man schon sonst nichts vorzuweisen hat, wie schulischer Erfolg oder Freunde/innen, dann soll es wenigsten ein Tattoo sein. Jugendliche durchschauen diesen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang (so nannten das die Soziologen vor 50 Jahren) nicht immer. Aber: Wer will sich eigentlich freiwillig abhängig machen vom Diktat der Mode? Muss ich meine Haut schwer beschädigen, weil ein Tattoo bei den Freunden und Freundinnen gerade angesagt ist?
Muss ich einen Nasenring tragen, der sehr an ein Teil erinnert, das eine Kuh trägt? Man muss es nicht! Aber die Ablehnung ist schwer zu begründen gegenüber den Mit-SuS, die genau das zum Kriterium machen, dass man dazugehört.

Sehr viel problematischer ist es, das viele Jugendliche die „Ausflaggung“ brauchen, um sich selbst irgendwie gut zu fühlen. Nach dem Motto: Wenn ich erst ein Tattoo habe, dann bin ich erwachsen und fühle mich wohl.

In „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano versucht Alice (eine Hauptperson) genau das. Sie will anerkannt werden. Aber sie erkennt letztlich auch, dass es keine Lösung ihrer Probleme ist. Heutzutage könne Tattoos mittels Laser entfernt werden (allerdings sehr kostspielig). Alice im genannten Roman muss ihren Freund bitten, das Tattoo mit einer Glasscherbe zu entfernen. Tattoos sind Signale. Ein Schüler sagte mir, dass Tattoos Kraft signalisieren. Wer ein Tattoo trägt, der will sich unangreifbar machen.

Aristoteles (antiker Philosoph) hätte sich nur gewundert über solche Begründungen. Wie kann das Aussehen irgendetwas bewirken? Wer tapfer und klug ist, der braucht das nicht anzuzeigen im Aussehen. Er zeigt es in seinem Handeln. Wer gerecht und maßvoll ist, der braucht es nicht zu signalisieren. Er ist es durch sein Handeln.

Siehe auch:
Ich will anders sein als die anderen

tmd.

Ohne Vorurteile funktioniert das Alltagsleben nicht

Jelly Beans
Bunte Vielfalt geht nur mit Toleranz – Quelle: aitoff, Pixabay

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ (Bertholt Brecht)

Vorurteile und Stereotype sind eigentlich negativ besetzt. Vorurteile sind schlecht, insbesondere gegenüber sozialen Randgruppen. Bei Stereotypen ist das etwas anders. Da kann man sich sogar darüber amüsieren, wenn man betroffen ist. Schotten sind geizig. Ja, wir wissen, dass das nicht stimmt. Deutsche sind fleißig. Ja bitte, das ist schmeichelhaft. Noch mal Glück gehabt, dass uns der Rest der Welt so sieht.

Ohne Vorurteile und Stereotype kommen wir aber nicht zurecht im Alltagsleben. Psychologen sagen, dass wir innerhalb kürzester Zeit einen fremden Menschen einschätzen und beurteilen können und müssen. Soziales Handeln und Kommunikation wären sehr kompliziert, wenn wir nicht bereits vorgefertigte Meinungen abrufen könnten, sobald wir einen uns unbekannten Menschen treffen. Was soll daran schlecht sein?
Im sozialen Zusammenleben greifen wir nicht nur auf Vorurteile zurück, sondern auch auf Rollen. Soziale Rollen sind der Schmierstoff der Gesellschaft. Ohne sie geht nichts. Wir können und müssen ihnen zunächst einmal blind vertrauen. Erst wenn wir enttäuscht werden, wenn beispielsweise unsere Erwartungen an eine andere Person von dieser nicht mit Leistungen bedient werden, merken wir auf: Der andere ist aus der Rolle gefallen, sagen wir.

Was hat das mit Vorurteilen zu tun? Vorurteile und Stereotype sind sehr simple und mit wenigen Leistungs- und Erwartungsbündeln ausgestattete Rollen. (siehe hierzu auch die Serie in diesem Blog: Wir alle spielen Theater Teil 1 bis 5.). Wenn wir über eine Personengruppe nicht viel wissen, dann nehmen wir das an Informationen, was wir bekommen können, auch wenn das grundfalsch ist.

Und: Diese mit wenig Information ausgestatteten Rollen (Vorurteile) basteln wir selbst. Nicht die fremde Person ist es, wir basteln uns ein Bild vom anderen, wie wir es gerne hätten. Das funktioniert aber schon in der Liebe nicht, wie der eingangs zitierte Dialog von Brecht wiedergibt. Wenn man Brecht ernst nimmt, dann müsste man auch Toleranz anders sehen. Wir basteln uns heute von sozialen Randgruppen manchmal Vorurteile, um – politisch korrekt – mit ihnen zurecht zu kommen. Sinnvoller wäre es, mehr über diese Menschen zu erfahren. Das Selbstbild sozialer Randgruppen sollte nicht von unserem Fremdbild überwuchert werden.

tmd.

Leiden an Lebenslügen

Prinzip Eisberg – Quelle MartinFuchs, Pixabay

Das Eisbergmodell in der Psychologie ist ein leicht verständliches Modell für die Erklärung von menschlichem Handeln. Dabei werden Handlungen nicht durch Gründe erklärt, die wie die Handlungen selbst sichtbar sind. Die Gründe für die Handlungen sind – wie der größte Teil eines Eisbergs – nicht sichtbar, weil unter Wasser.

Bereits in der 7. Klasse Gymnasium ist das Eisbergmodell Thema in Ethik. Eine robuste Erklärung für Konflikte soll das Modell darstellen. Die Textschnipsel in Ethikbüchern sollen dazu dienen, das Modell mit Leben zu füllen. Aber es sind eben nur Schnipsel. Sie reichen nicht aus, um den nicht sichtbaren Teil des Eisbergs zu füllen. Von den bekannten Fakten zum Konflikt werden Gründe erdacht, die logisch passend sind oder von denen die SuS schon mal gehört haben: Mobber sind irgendwann einmal selbst gemobbt wurden. Das ist oft der Fall, aber eben nicht immer. Die Erklärung für Konflikte ist meist viel komplexer (vielschichtiger).

Lauren Oliver hat 2010 mit Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie das Gegenstück zu psychologischen Textschnipseln vorgelegt. Eine kompakte Entstehungsgeschichte von Mobbing, Selbstverleugnung und Selbsttäuschung. Auf 445 Seiten werden die Lebenslügen, der verzweifelte Kampf um Anerkennung, Liebe und Zuneigung der Hauptpersonen vorgeführt und demontiert. Seite um Seite erfährt der Leser, wie das morsche Gebäude von Inszenierungen in sich zusammenbricht. Das Gebäude, das eigentlich von den sensiblen und empfindlichen Kinderseelen errichtet wurde, um die Ängste niederzukämpfen. Die Ängste vor Einsamkeit und Ausgeschlossensein. NICHT.DAZU.GEHÖREN. Die Inszenierungen sind brutal komisch. Und sie sind realistisch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lauren Oliver die Geschichte aus der Perspektive einer – ja genau! – einer Toten erzählt.
Samantha, so heißt die Hauptperson, geht durch die Hölle einer unkontrollierten Psychotherapie. Dabei befreit sie sich aus den Zwängen ihrer Mädchen-Clique, demaskiert ihren Freund als einfältigen Angeber, der, wie die meisten Männer in dem Buch, nur Sex Drugs and Rock n Roll im Kopf hat, rettet einem Mädchen das Leben und findet sogar die große Liebe ihres Lebens.

Wenn du stirbst ist wieder ein Beispiel dafür, dass der Einsatz einer kompakten Lektüre zum Thema Konflikte und Mobbing auch im Ethikunterricht mehr leistet als ein Dutzend Textschnipsel in farbigen Kästchen mit bunten Bildern. Und: Mobbing-Täter können sich nur selbst heilen. Sie müssen erkennen, dass sie Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen haben. Ohne diesen Erkenntniszuwachs bleibt Sozialkompetenz ein antrainiertes Rollenspiel.

tmd.

Ich will anders sein als die anderen

Jugendliche Gegenwelten sind ein Thema der Soziologie und auch der Psychologie spätestens seit es die Wandervogelbewegung am Anfang und die Halbstarken in der Mitte des letzten Jahrhunderts gab. Merkmale jugendlicher Gegenwelten sind: Kleidung, Lebensstil, Musik und Sprache.
Mit diesen Merkmalen will sich jede Alterskohorte von der vorhergehenden abgrenzen.

Abgrenzung durch Kleidung gab es schon früher. Als J.W. v. Goethe seinen Werther veröffentlicht hatte, liefen auffallend viele junge Männer gekleidet wie die Figur Werther herum. Mit ihrer Kleidung signalisierten sie gleich mehrere Botschaften: habe Werther gelesen, habe ihn verstanden und will so leben wie die Figur. Die Zahl der Selbstmorde ging übrigens auch in die Höhe. Kleidung ist seitdem eines der wichtigsten Merkmale, sich von der Generation der Eltern abzugrenzen und innerhalb der eigenen Kohorte hervorzuheben. Man zeigt Flagge mit seiner Kleidung und sagt, wo man hingehört.

Allerdings ist dieses Merkmal zur Differenzierung den Merkmalsträgern zunehmend aus der Hand genommen worden von der Modeindustrie. Sehr einfach gesagt geht das so: Sobald sich ein Trend in einer Gruppe herausgebildet hat, sobald die Gruppe mit einer bestimmten Mode sich von den anderen abgrenzt, versuchen die Modemacher die neue Mode ins Prêt-à-Porter zu bringen.

Die Folge: Mode verliert immer mehr die Möglichkeit der Abgrenzung. Und ein weiterer Trend ist zu vermelden: Man will zu keiner Gruppe mehr gehören, man will quasi unsichtbar sein in einer Gesellschaft von Mode-Merkmalsträgern. Einheitsjeans, Basic T-Shirt, No-Name Boots: das ist die neue Mode, die Nicht-Mode. Klar, dass auch dieser Trend schon wieder vom Modemarkt besetzt wird.

Tätowierte Hände
Anders sein? – Quelle: Unsplash, Pixabay

Mit dieser Erkenntnis sind wir aber auch schon beim zentralen Thema der jugendlichen Gegenwelten. Es wird immer schwerer, sich durch Merkmale zu individualisieren. Die Versuche, Individualität durch Merkmalsübernahme herzustellen, laufen nämlich nicht nur bei Mode ins Leere. Auch der Lebensstil wird vom Markt besetzt. War das unterschiedliche stilvolle Wohnen eine Frage des Möbelhauses, das man ansteuerte, ist heute entweder überall dasselbe zu sehen oder sehr ähnliches. Konnten sich Jugendliche früher in ihrem eigenen Zimmer durch individuelle Möblierung abgrenzen, so ist das heute so gut wie nicht mehr möglich.

Man hat das Gefühl, dass sich Adornos Gedanken in der Anekdote Asyl für Obdachlose (Minima Moralia) flächendeckend durchgesetzt haben. Wenn aber bei jeder Generation der Wunsch besteht, sich abzugrenzen, welchen Weg gehen dann die Jugendlichen heute, wenn die einfache Differenzierung über Mode und Stil nicht mehr ohne weiteres gangbar ist?

Jugendliche suchen sich die Nischen, die vom Markt nur schwer verwertbar sind, die vom Markt nicht zu Geld gemacht werden können. Es sind die alten Ideologien und Weltanschauungen, die wieder interessant werden. Einem Guru oder Heilsprediger nachlaufen, der einem verspricht einmalig und einzigartig zu sein, einem Hassprediger zu folgen, der einem verspricht, zur auserwählten Gruppe der im Jenseits Lebenden zu gehören, das sind die Refugien der nach Individualität Suchenden. Hier hilft wie so oft nur Aufklärung. Genau das mache ich hier im Ethik-Blog.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 5

Rollenfindung ist ein Pokerspiel mit vollem Einsatz, aber mit meist miesem Blatt.

Der moralische Aspekt sozialer Rollen wird sichtbar, wenn es um die Wertung verschiedener oder ähnlicher Rollen geht. Die Wertung ist jedoch nicht etwa ein Vorgang, den ich mir erlaube oder auch nicht. Die Wertungen von Rollen sind im Prozess der Sozialisation mit eingebaut und sind Teil der Rolle. Sozialisation heißt hier allgemein die Verinnerlichung von Normen, Werten und Regeln, sowie die damit verbundene Identitätsbildung. Damit wird die Frage beantwortet, wer bin ich eigentlich? (Die eher schizophrene Sicht, „wie viele“ man sei, diskutiere ich hier nicht.)

Die Schlüsselwörter dazu sind Rollenzuschreibung, Rollenübernahme und Rollengestaltung.

Die beiden ersten Begriffe stehen für einen passiven Umgang mit der eigenen Rolle, wobei die Zuschreibung mir praktisch keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten lässt, die Rolle zu übernehmen oder nicht. An eine Gestaltung der Rolle ist überhaupt nicht zu denken.
Rollengestaltung ist die aktive Funktion in der Sozialisation. Hier nutze ich das Spiel mit Leistungen und Erwartungen. Dabei muss ich die Erwartungen der Mitmenschen vorsichtig enttäuschen und verändern.
Beispiele: Vor 50 Jahren war es selten, dass sich Väter um die Kinder gekümmert haben. Über die Rolle des „Hausmanns“ wurden in den Geisteswissenschaften Diplomarbeiten geschrieben mit Fallstudien. Solche Männer mussten sich gegen die Erwartungen der anderen Männer, aber auch der Frauen durchsetzen. Rollengestaltung, -zuschreibung und -übernahme sind Teile des Identitäsfindungsprozesses. Das heißt, sie sind keine Spielerei, auch wenn in Anlehnung an Goffman von Rollenspiel die Rede ist.

Spielkarten mischen
Die Karten werden gemischt – Quelle: 955169, Pixabay

Für Kinder und Jugendliche ist die Rollenfindung eine Angelegenheit, bei der mit vollem Einsatz gespielt wird. Es gibt zwar „Versuch und Irrtum“, aber jeder Irrtum wird brutal sanktioniert – insbesondere von den Gleichaltrigen. Nur so ist das Verhalten von Kindern in der Pubertät angemessen einzuordnen. In dieser Phase des Lebens wird „hoch gepokert“ – meist mit einem echt „miesen Blatt“. Aber hier geht es eben auch um Rollengestaltung. Ein hoch riskantes Unternehmen ist das.
Der Film „TomBoy“ von Céline Sciamma zeigt die Suche nach der eigenen Identität sehr einfühlsam. Er zeigt aber auch die Hilflosigkeit der Erwachsenen und erst recht die der Kinder bei und in diesem Prozess.
Gleiches Lob gilt der von Lisa Williamson geschriebenen Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“. Eine Transgender-Geschichte, die zeigt, wie brüchig und riskant Identitätsbildung ist.

Selbst der Umgang mit Literatur zu dem Thema zeigt die Unsicherheit der Jugendlichen. Das Angebot (im Unterricht), „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz zu lesen und darüber zu berichten, wurde von Jungs abgelehnt, nur die Mädels waren neugierig, mehr über die Freundschaft zweier Jungs zu erfahren. Eine mögliche Erklärung: Mädchen erleben die Phase des Transits als Erweiterung und Bereicherung ihrer Rolle. Jungs sehen sie eher als Bedrohung ihrer phantasierten Männlichkeit.

Damit ist die Serie „Wir alle spielen Theater“ abgeschlossen.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 4

Erving Goffman hat in seinem Klassiker der Soziologie „The Presentation of Self in Everyday Life“ den Vergleich mit dem Theater aufgemacht. Verwendet man diese Perspektive, dann gibt es einen „Nicht-Spieler“ eigentlich nicht. Denn Menschen müssen Rollen annehmen und verwenden, weil es außerhalb von Rollenübernahme kein soziales Zusammensein gibt. Erwartungen, die wir an andere stellen, Leistungen, die wir für andere erbringen, das ist der „Kitt der Gesellschaft“.
Aber Goffman kannte die philosophische Diskussion um die Frage, ob es hinter den Rollenmasken einen „eigentlichen“ Menschen gibt. Einen, der echt und unverstellt ist.

Goffman löst das Problem damit, dass er das „Aussteigen“ aus einer Rolle nicht als die Ausnahme, sondern als die Normalität beschreibt.
Wir alle wechseln ständig die Rollen. Wir sind Arbeitnehmer, Eltern, Freunde, Kameraden usw. Das Besondere daran ist, wir können schwerlich zwei Rollen parallel spielen. Ich will das an einem einfachen Beispiel erklären.

Der Kabarettist Matthias Riechling spielte in seinen Sketchen häufig zwei verschiedene Personen, die miteinander im Gespräch waren. Dabei schlüpfte er jeweils in die eine oder andere Rolle der beiden Gesprächspartner und zeigte den Wechsel seinem Publikum an, indem er Gestik, Sprache und Mimik auffällig veränderte. Er hat seinen Rollenwechsel also angezeigt, signalisiert. Und: Sein Publikum machte mit, es spielte die Rolle des Publikums. Genau das wird von ihm erwartet.
Das lässt sich auf das Alltagsleben übertragen. Wir spielen eine bestimmte Rolle vor einem bestimmten Publikum. Spielen wir die falsche Rolle (eine, die zu einem anderen Publikum passt), dann reagiert das Publikum mit Sanktionen.

Wie verhält es sich nun mit dem „Nicht-Spieler“. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten.

  • Der Nichtspieler fällt buchstäblich „aus der Rolle“. Das heißt, wir haben bestimmte Leistungen von ihm erwartet, die er nicht erbringt. Er hat die Spielregeln verletzt. Sanktionen sind die Folge, wenn er nicht in seine Rolle zurückkehrt oder eine andere, vom Publikum akzeptierte, Rolle einnimmt.
  • Der Nichtspieler signalisiert seinem Publikum, dass er die von ihm erwartete Rolle verlassen wird. Seine Ankündigung ist: „Ich spiele jetzt eine andere Rolle.“ Beispiele sind: der Schauspieler, der Provokateur, der „ich bin dann mal weg“-Typ.

Was sehen wir? Auch der Nichtspieler übernimmt wieder eine Rolle, im für ihn günstigen Fall eine neue Rolle oder eine Rolle, die eine andere Rolle stark verändert, wobei das Publikum mitspielt. Im Falle des „ich bin dann mal weg“-Typ wurde aus der Rolle des „Nicht-Mitspielers“ eine vom Publikum voll akzeptierte neue Rolle. Das ist ein Fall von erfolgreicher Rollengestaltung.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 3

In Freizeit, Schule und später im Beruf stellen meine Mitmenschen unterschiedliche Anforderungen an mich, denen ich nachkommen muss. Ich erbringe Leistungen entsprechend der Erwartungen, die an mich gestellt werden. Aber ich erwarte gleiches von meiner sozialen Umwelt.

Ich erwarte, dass mich der Taxifahrer dorthin bringt, wo ich hin will. Ich erwarte sogar, ohne vorher gefragt zu haben, dass der Taxifahrer einen Führerschein und eine Berechtigung zum Taxifahren hat. Das Bild, das ich mir vom Taxifahrer mache, ist also viel umfangreicher, als aus dem kurzen Gespräch mit ihm (Fahren sie mich zum Flughafen!) deutlich wird.
Alles das, was ich von jemandem erwarte, dass er es leistet, das nennt man eine soziale Rolle. Leistungen und Erwartungen entsprechen sich also.

Was ist aber, wenn jemand unsere Erwartungen nicht erfüllt, wenn er die Leistung, die er in seiner Rolle zu erbringen hat, eben nicht erbringt? Dann reagieren wir grundsätzlich mit Kritik, wir weisen den anderen zurecht, oder wir sind erstaunt, dass jemand sich nicht an die „Spielregeln“ hält. In manchen Fällen versuchen wir die Verletzung der Spielregeln zu übersehen. Wir tun so, als ob wir die Regelverletzung nicht bemerkt haben. Soziologen nennen das „healing“. Damit ist gemeint, dass wir die Rolle des andern, der gerade „aus der Rolle gefallen“ ist, stabilisieren wollen. Erst wenn der andere keine Anstalten macht, die Verletzung meiner Erwartungen durch Leistungen wieder gut zu machen, dann drohe ich mit Bestrafung, fachsprachlich „Sanktionen“. Werde ich aber auch belohnt, wenn ich alles richtig mache? Eigentlich nicht. Denn das „alles richtig machen“ gehört schließlich zu meiner Rolle. Das wird von mir erwartet. Soziologen haben aber auch das richtige „Rollenverhalten“ mit einem Fachwort belegt: Gratifikation (=Belohnung). Warum spiele ich brav meine Rolle, wenn ich nicht dafür belohnt werde? Weil ich am allgemeinen „Rollenspiel“ mitmachen will, das heißt, ich darf am sozialen Leben teilnehmen, ich werde nicht ausgeschlossen. Das Teilnehmen an der Gesellschaft ist für uns fast aus dem Blickfeld geraten. Wir sind es einfach gewohnt „mitzumachen“. Wir „wertschätzen“ kaum, was antike Philosophen als unverzichtbar bezeichnet haben. Der Mensch ist ein „politisches Wesen“.

Eine Rolle spielen
Rollenspiel – Quelle: Unsplash, Pixabay

Zurück zur sozialen Rolle. Es gibt Rollen, an die werden sehr viele verschiedene Erwartungen gestellt. Ein Lehrer muss fordern und fördern, heißt es. Er muss Autorität aber auch Vorbild sein. Er darf nicht Kumpel sein, aber auch nicht Oberlehrer. Zusammengenommen bilden diese verschiedenen Erwartungen ein „Rollenbündel“. In diesem Rollenbündel dürfen sich die Erwartungen nicht widersprechen.

Man hat jedoch nicht nur eine Rolle. Ein Lehrer ist auch Privatmensch, Vater/Mutter, Freund/Freundin usw. Diese Rollen können sich allerdings widersprechen. Bekanntestes Beispiel sind die Rollen, die man im Beruf spielt und die als Elternteil. Diese beiden Rollen zu vereinen, ist nicht so einfach. Auch heute, in Zeiten der Gleichberechtigung, sagen viele Frauen, dass sie sich einen Beruf ausgesucht haben, in dem sie Zeit für die Familie haben. Neuerdings ergeben Meinungsumfragen, dass auch Männer die Familie als wichtiger erachten als den Beruf.

Lange wurde in der Philosophie und Soziologie darüber diskutiert, ob es so etwas wie den „eigentlichen“ Menschen hinter den Rollen gibt. Eine Rolle „spielen“ legt schließlich nahe, dass es nur Spiel ist, dass man es auch sein lassen kann und nicht mehr spielt. Aber was ist dann?
Es gibt hinter den Rollenmasken, die wir ständig tragen und auch je nach Situation wechseln, nichts. Wir sind auf die Rollenmasken angewiesen. Keine Rolle spielen und sich „echt“ verhalten, ist die Rolle des „Nichtspielers“. Auch an sie stelle ich Erwartungen und hoffe auf Leistungen.

Kleine Aufgabe zum Nachdenken: Beschreibe die Rolle des „Nichtspielers“.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 2

Me - you - we
Die anderen und ich – Quelle: geralt, Pixabay

Soziale Interaktion: Ich und die anderen.
Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig und sind gebündelt, solange sie sich nicht widersprechen. Es lässt sich jedoch nicht vermeiden, dass ich unterschiedliche Rollen übernehme oder übernehmen muss, die sich sehr wohl widersprechen können. Daraus entstehen dann die sogenannten Spannungsfelder von Rollen. Das sind die „intrapersonalen“ Konflikte. Sie äußern sich letztlich in Dilemma-Situationen und einem schlechten Gewissen, was wiederum zu Normenkollisionen führt und letztlich im Gewissensmissbrauch enden kann.

Soll ich, kann ich, darf ich einem Menschen helfen, mit dem ich befreundet bin, der aber straffällig geworden ist und ich auf der Seite der Strafverfolgung arbeite?

Soziale Interaktion: Ich mit mir selbst.
Erwartungen, die ich an mich selbst richte, muss ich auch selbst mit Leistung bedienen. Dass es sich hier um Erwartungen handelt, die mir anerzogen wurden, weiß ich zwar, aber (siehe Freud und das Gewissen) ich habe die Erwartungen internalisiert (in mich eingepflanzt).
Mittels dieser internalisierten Erwartungen baue ich mir eine eigene Identität. Ich bin das, wozu andere mich gemacht haben, aber auch das, wozu ich mich selbst erfunden habe.

Überwiegt bei diesem Identität bildenden Prozess meine eigene Aktivität, dann habe ich unter Umständen eine stabile Persönlichkeit. Überwiegt dagegen die passive Anpassung, dann leide ich unter meiner anerzogenen Identität.

Die Folgen eines anerzogenen Rollensets sind fehlende soziale Kompetenz und schwere psychische Schäden. Bekanntestes Beispiel ist die leere Persönlichkeit, der Narzist. Narzissmus ist hier nicht die mythologische Selbstliebe, sondern das krankhafte Festhalten an antrainierten Rollenmustern. Diese antrainierten Rollenmuster sind (bildlich) die Hülle für eine ansonsten leere Identität. Eine Veränderung der Rollenmuster stellt für einen Narzisten eine Katastrophe dar, weil er seine Ich-Identität in Gefahr sieht. Er löst sich buchstäblich auf. Er kann aus sich heraus keine neuen Rollen aufbauen.

Wer dagegen seine Ich-Identität aktiv selbst gestaltet hat, kann auch Veränderungen vornehmen. Identitätsbildung ist also aktives Rollenmanagement und Rollen-building.

tmd.

Wir alle spielen Theater – Teil 1

(Anm.: Die Überschrift dieses Beitrags bezieht sich auf den Titel der deutschen Übersetzung des Soziologie-Klassikers von Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, 1959)

Im Folgenden ist das Basiswissen zum Thema soziale Rolle zusammengefasst. Dabei ist der Bezug zum moralischen Handeln ausgeblendet. Das wird in einem anderen Beitrag erfolgen. Hier geht es nur darum, zu verstehen, dass soziale Rollen nicht angeboren sind, sondern Eigenleistungen von Menschen sind.

Theater, Rolle spielen
Spiel deine Rolle – Quelle: Unsplash, Pixabay

Seine Rollen muss man spielen, wie ein Schauspieler.

Unsere Erwartungen an die Handlungen anderer Menschen entsprechen den Leistungen, die diese anderen Menschen für uns erbringen sollen. Unsere Leistungen anderen Menschen gegenüber entsprechen folglich den Erwartungen, die von anderen Menschen an uns gerichtet werden. Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig aufeinander bezogen.

Man kann Erwartungen, die sich nicht widersprechen (also nichts Widersprüchliches verlangen) zu sogenannten Erwartungsbündeln zusammenfassen. Diese Erwartungsbündel sind soziale Rollen. Sozial sind diese Rollen deswegen, weil sie uns nicht von Natur gegeben sind, sondern von Menschen gemacht wurden und werden. (Achtung! Rollen ändern sich auch.)

Soziale Rollen – also die gebündelten Erwartungen/Leistungen – können von Menschen übernommen werden oder auch nicht. Wenn ich sie aber übernehme, dann wird von mir erwartet, dass ich die Leistungen, die zu den Erwartungen gehören, auch erbringe.

Beispiel: Schüler/in am Gymnasium. Wer hier mitmachen will, der muss sich an die Regeln halten. Ansonsten wird er für die enttäuschten Erwartungen (keine Leistungen erbringen) bestraft (fachsprachlich: sanktioniert). Im Klartext: Er muss die Schule wegen fehlender Leistungen verlassen. Leistungen sind hier Noten, aber auch angemessenes Verhalten.
Beispiel Berufsleben: Wer sein Geld mit Arbeit in einer frei gewählten Tätigkeit verdienen will, der muss die verlangten Leistungen erbringen, ansonsten wird ihm gekündigt, weil er die Erwartungen enttäuscht hat.

Werden die Leistungen nicht erbracht, dann kommt es also zu Sanktionen (Bestrafungen). Werden die Leistungen erbracht, dann folgen Gratifikationen (Belohnungen). Sanktionen und Gratifikationen stabilisieren das soziale Rollenverhalten. Die Menschen können sich also zunächst darauf verlassen, dass sich alle wechselseitig an die vereinbarten Erwartungen und Leistungen halten.

Jeder Mensch steht aber auch im Zentrum von unterschiedlichen Erwartungen, die zu entsprechenden Erwartungsbündeln, also sozialen Rollen gehören. Man nennt das „das Spannungsfeld der Erwartungen“.
Beispiel: Rolle als berufstätige Mutter, eventuell auch alleinerziehend. Sind die Kinder krank, sieht sie sich widersprechenden Erwartungen gegenüber. Der Arbeitgeber will ihre Arbeitskraft. Ihre Kinder brauchen sie auch.

Was lernen wir?
Rollenverhalten und eine Rolle spielen, das ist nicht angeboren, das muss gelernt werden. Man muss seine Rolle bewusst spielen und Distanz zu seiner Rolle haben (wie ein Schauspieler), damit man sich nicht sklavisch an die Rolle gebunden fühlt, sondern sie eigenverantwortlich auch verändern kann. Denn: Rollenverhalten ist eine Eigenleistung des Menschen.

tmd.