Merkzettel: Vorwissen Religionskritik

Kriegsfriedhof
wo war Gott? – Quelle: amiena1966, Pixabay

Theodizee: Die Eigenschaften Gottes können nicht eingehalten werden. Gott kann nicht gleichzeitig gütig, allmächtig und allwissend sein. Das schrieb bereits der antike Philosoph Epikur. Den Begriff Theodizee hat Gottlieb Wilhelm Leibniz geprägt. Er bedeutet: Gerechtigkeit oder Rechtfertigung Gottes.

  • Wenn Gott gütig ist, dann dürfte es kein Leid geben. Es gibt aber das Leid, also ist Gott nicht gütig.
  • Wenn Gott allwissend ist, dann kennt er den Lebensweg eines jeden Menschen. Dann hat der Mensch jedoch keinen freien Willen. Er bildet es sich nur ein. Wenn er aber einen freien Willen hat, dann kann Gott nicht allwissend sein.
  • Wenn Gott allmächtig ist, dann dürfte es neben ihm keine andere Macht geben. Es gibt aber das Böse. Wenn Gott das Böse nicht verhindern kann, dann ist er nicht allmächtig. Wenn er das Böse nicht verhindern will, dann ist er nicht gütig. Wenn der Kampf zwischen Gott und dem Bösen offen ist, dann ist Gott nicht allwissend.
  • Wenn Gott aber das Böse verhindern kann und es auch will, woher kommt dann das Böse?

Humanismus: Hier als Beispiel die Ringparabel aus Nathan der Weise. Religion rechtfertigt sich nicht mehr durch die Offenbarungen Gottes an seine Propheten, sondern durch das Handeln der Menschen. Menschenrechte und Menschenwürde sind Merkmal des humanistischen Menschen.
Religionswissenschaften, Religionsphilosophie und Religionsvergleich: Die Beschäftigung mit Religion als gesellschaftlicher Tatsache macht die Religion zu Menschenwerk. Religion ist geistiges Produkt der Menschen. Religionsvergleich führt zur Feststellung nicht nur der Unterschiede, sondern auch der Gemeinsamkeiten. Religionstexte werden deshalb als Kulturleistung enttarnt, es sind nicht mehr Botschaften Gottes.
Wissenschaften: Die Naturwissenschaften übernehmen die Erklärung der Welt. Religion ist nicht mehr für die Deutung des Lebens zuständig. Das übernehmen Soziologie, Psychologie, Medizin, Physik und so weiter.

tmd.

Freiheit und Versuchung

Sünde ist unmoralisches Verhalten bei Gläubigen. Verantwortlich dafür ist der Teufel, der den Menschen vom rechten Weg abbringen will. Die Menschen wiederum sind frei in ihrer Entscheidung, eine Sünde zu begehen oder nicht.

Engel
himmlische Versuchung – Quelle: 5arah, Pixabay

Papst Franziskus hat mit einem kleinen Interview eine Diskussion angestoßen. Es geht um die Übersetzung des Vaterunser (ein Gebet). Darin bitten die Gläubigen Gott, dass er sie nicht „in Versuchung“ führt. Es kann nicht sein, dass Gott den Menschen in Versuchung führt, meinte Franziscus. Denn das ist Sache des Teufels.

Das Problem, das damit angesprochen wird, finden wir in der Theodizee wieder. Gott ist allgütig, heißt es dort. Wenn er aber die Menschen in Versuchung führt, dann ist er nicht mehr allgütig.
Von einem deutschen Kardinal, Walter Kasper, gibt es hierzu eine Deutung, die ich kürzlich in DIE ZEIT (Nr. 52, 2017), gelesen habe. Er meinte: „Gott aber will unsere Freiheit und begrenzt seine Allmacht durch unsere Freiheit.“ Nebenbei wird damit auch die Allmacht Gottes hinfällig.
Wir müssen uns also von dem Gottesbild verabschieden, dass Gott mit menschlichen Wunsch-Eigenschaften (Allmacht, Allgüte, Allwissenheit) beschreibt.

Bleibt noch zu klären, welchen Stellenwert nun die Freiheit des Menschen hat. Wenn Gott die Freiheit des Menschen will, dann gibt er ihm auch die Freiheit zur Sünde. Ist das nicht Versuchung pur?

tmd.

Vergebung

Hütte bei Gewitter
Gespräch mit Gott – Quelle: skeeze, Pixabay

The Shack – Die Hütte heißt ein Buch, das 2007 in einem Selbstverlag erschienen und 2010 bereits über 10 Millionen mal verkauft worden war. Die Zielgruppe lässt sich erahnen, wenn man den deutschen Untertitel liest: Ein Wochenende mit Gott. Da dies kein Literaturblog ist, muss gesagt werden, warum hier darüber berichtet wird. Im Buch findet man die Erklärung dafür und auch für den Erfolg des Buches.

Gottes Stimme war zu bedrucktem Papier reduziert worden, und selbst dieses geschriebene Wort musste dann noch von den richtigen Autoritäten entschlüsselt und vermittelt werden. Die direkte Kommunikation mit Gott blieb anscheinend den Menschen der Antike und den Unzvilisierten vorbehalten, während der Zugang des gebildeten westlichen Menschen zu Gott von der Intelligenzija kontrolliert und moderiert wurde. Niemand wollte einen lebendigen Gott zum Anfassen. Alle bevorzugten ihn in Buchform. (William Paul Young, Die Hütte, S. 75)

Theodizee und Aufklärung haben dem Menschen den naiven Glauben genommen und Gott gleichsam in die Transzendenz entsorgt. Gott ist nicht beweisbar, sein Wirken erkennt man nicht in und durch die überlieferten Texte, sondern im humanen Handeln der Menschen.

Die Sehnsucht nach Spiritualität und Geborgenheit in einer vom Glauben getragenen und erklärten Welt wird damit aber nicht bedient. Das leistet Die Hütte für die entsprechende Zielgruppe.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Die jüngste Tochter von Mack, der tief gläubigen Hauptperson im Roman, wird von einem Serienmörder entführt und getötet. Mack verzweifelt und hadert mit Gott. Dieser lädt ihn ausgerechnet in die Hütte ein, in der Macks Tochter vermutlich umgebracht wurde.

Die Begegnung mit Gott ist dieser naiven Sehnsucht geschuldet, welche die Zielgruppe des Buches hat. Sie ist aber dennoch witzig und nicht unbedingt das, was man erwartet. Theologen haben natürlich sofort Protest angemeldet. Zu simpel sei Gott dargestellt. Verständlich! Gottvater als Afroamerikanerin, Jesus als hebräischer Handwerker und der heiligen Geist als luftiges Flimmerwesen, das ist wirklich zu wenig für dieses Thema. Das ist Hollywood. Der Film, der nachgeschoben wurde, dokumentiert diese einfach nur lächerliche Visualisierung.

Der Dialog indes, der sich dann zwischen Gott und Mack entwickelt, geht in eine unvermutete Richtung.

Es geht um Vergebung.

In Jenseits von Gut und Böse von Michael Schmidt-Salomon finden wir ebenfalls den Gedanken der Vergebung. Nur geht Schmidt-Salomon einen anderen Argumentationsweg. Moral, die Erfindung von Gut und Böse, hindert uns daran, zu vergeben.

In Die Hütte ist die Unfähigkeit zu vergeben das Resultat von fehlendem Vertrauen zu Gott. Allerdings unterschlägt diese Interpretation, dass Vergebung zwar eine Angelegenheit ist, die in der christlichen Theologie Gott grundsätzlich leisten kann. Er kann das! Aber ebenso wird in Rechnung gestellt, dass nicht jeder Mensch das leisten kann.

Reflexartige Interpretationen des Buches sollten das zuerst bedenken.

tmd.