Anmerkung zu Moral und Wahrheit

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wir machen die Regeln – Quelle: Maialisa, Pixabay

Die grundlegende erkenntnistheoretische Problematik ist: Die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit ist nicht zu beweisen. Das heißt: Wahrheit ist abhängig von Konsens, Evidenz und Kohärenz. Letzteres ist die schlüssige, widerspruchsfreie Argumentation.

In den Naturwissenschaften hat diese Erkenntnis Forschung und Wissenschaft enorm vorangebracht. Was der Logik widerspricht und nicht funktioniert, das ist zunächst einmal falsch.

Die Wahrheitssuche in den Humanwissenschaften ist ungleich schwieriger, insbesondere in Ethik. Was klug, gerecht, maßvoll und tapfer ist, das darf grundsätzlich nicht beliebig sein. Es gibt hierzu aber keinen Konsens.

Was tun?
Minimalkonsens sei: Moralisch handeln heißt, Normen und Werte beachten, die das Zusammenleben konfliktfrei machen. Dabei gehe ich davon aus, dass die Normen und Werte von Menschen gemacht sind und nicht etwa von Gott offenbart wurden. In unserem Bestreben, Konflikte zu vermeiden, müssen wir lernfähig sein.

tmd.

Das Glück als Ziel des menschlichen Lebens

Das ist der Titel des ersten Buches der Nikomachischen Ethik. Damit benennt Aristoteles den Kern antiker Ethik: Glücklich sein.
Daran hat sich auch heute nichts geändert – an dem Streben nach Glück. Der Unterschied besteht darin, dass wir den Weg zum Glücklichsein nicht mehr direkt über das Einüben von Tugenden suchen. Wir wollen das Glücklichsein als Angebot, als eine Art Ware bestellen. Oder wir fragen, warum es nicht funktioniert – das mit dem Glücklichsein.
Die Untersuchung von Lebensläufen legt offen, dass es im Leben eines Menschen sogenannte Wendepunkte gibt, an denen viel kaputt gehen kann beim Streben nach Glück. Pubertät und Erwachsen werden sind solche Wendepunkte, aber auch das Altern und der Prozess des Sterbens. Kennt man solche Wendepunkte, an denen sich vieles verändert, dann ist man darauf vorbereitet, dass es Probleme gibt. Dann kann man also verhindern, durch diese Wendepunkte unglücklich zu werden.
Die Beispiele sind zahlreich: Schwierigkeiten in der Schule (plötzlich schlechte Noten), erste Liebe (die unglücklich endet), Probleme im Berufsleben (Mobbing) usw.
Die psychologischen Ratgeber sind voll von Lösungsmustern dazu. Was uns hier im Blog interessiert, das ist die Frage: Was hat das mit Moral zu tun?
Aristoteles und seine Ethik wurden schon genannt. Der antike Mensch will glücklich sein und ist es, wenn er gut ist.
Von dieser Maximalforderung ist heute übrig geblieben, dass sich an den Wendepunkten des Leben die Beurteilung der Welt und Wirklichkeit verändert. So die Aussage von Psychologen. Insbesondere in der Pubertät müssen Jugendliche neben einer eigenen Identität auch eigene Moralvorstellungen finden.
Es geht also um das Finden von eigenen Moralvorstellung. Nun ist es so, dass Moral nicht jedes mal neu erfunden wird. Orientierung gibt es in Schule und Familie.
Sehr viel schwieriger ist es mit dem Umgang von Sinnkrisen. Diese können den Menschen jederzeit treffen: ein schwerer Unfall, eine Krankheit, eine Trennung von lieben Menschen.
Hier ist wieder die Philosophie gefragt. Die bietet aber nur den beschwerlichen Weg der Selbsterkenntnis an. Es hat keinen Sinn, sich in Grenzsituationen selbst anzulügen, aufzugeben oder die eigene Verzweiflung auf anderen Menschen abzuladen.

alter Mann
Grenzsituation Lebensende – Quelle: Myriams-Fotos, Pixabay

Grenzsituationen sind solche, bei denen es keinen Ausweg mehr gibt: Tod, Leiden, Schuld. Der Philosoph Viktor Frankl meint, dass man auch in diesen Grenzsituationen einen Sinn finden soll. Man soll sich fragen: Was erwarten die Menschen von mir in dieser Situation? Was hilft den anderen? Diese Art der „Selbstdistanzierung“ hilft gerade in aussichtslosen Situationen.

tmd.

Welcher Mensch werde ich gewesen sein?

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Wer werde ich gewesen sein – Quelle: geralt, Pixabay

Sinnfindung ist eigentlich Kern der antiken Ethik. Wie werde ich ein glücklicher Mensch? Das ist die Frage, die sich der antike Mensch stellte. Mit Moral hatte das insofern etwas zu tun, als der antike Mensch davon ausging, dass er dann ein glücklicher Mensch sei, wenn er ein guter Mensch sei. Der Weg dorthin – zum Glück – lief über die Tugenden. Die musste man einüben.

Diese klare Methode zum Glücklichsein haben wir heute nicht mehr. Das beginnt schon damit, dass wir nicht mehr von Übungen reden, sondern nach Antworten auf die Sinnfrage suchen. Der Sinn im Leben ist dann nur etwas, dass ich einfach wissen muss und die Sache ist erledigt. Wenn es dann mit der Sinnsuche nicht funktioniert, dann ist fehlendes Wissen Schuld daran.

Den universell passenden Lebenssinn für jeden, den gibt es nicht.

Psychologen raten, den Sinn den eigenen Erwartungen ans Leben anzupassen. Wir müssen uns also erst einmal mit uns selbst auseinandersetzten. Sinnfindung ist Selbsterkenntnis. Psychologen sagen uns auch, dass sich der Sinn des Lebens im Leben ändern kann. Klar!, stimmen wir zu. Als Jugendliche hatten wir andere Ziele, als 40 Jahre später. Nur genau das – dass sich unsere Erwartungen ändern – klammern wir aus unserem aktuellen Leben aus. Die Frage im Futur II, „welcher Mensch werde ich gewesen sein?“, stellen wir uns nur selten bis nie.

Sinnfindung ist eine Angelegenheit, die wir eigentlich in absoluter Freiheit vornehmen sollten. Sobald wir fertige Lebensplanungen vorgesetzt bekommen, die nicht selbst konstruiert sind, sind wir nicht mehr frei und können damit eigentlich auch keine Verantwortung für unser Leben mehr übernehmen.

Anmerkung: Wenn ich jedoch davon ausgehe, dass mein Lebensweg schicksalhaft vorgegeben ist, dann brauche ich mir keinerlei Gedanken um Sinnfindung und Glück machen. Unter dieser Voraussetzung bin ich nicht mehr als ein ferngesteuerter Roboter. Nebenbei bemerkt: Aus der SF-Literatur wissen wir, dass auch KI-Wesen den Wunsch nach Freiheit und Emotionen hegen.

Freiheit und Verantwortung waren schon beim Erwachsenwerden ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden darf. Nur wenn ich frei entscheide, kann ich auch Verantwortung für mein Leben übernehmen. Um Freiheit und Verantwortung bei der Sinnfindung einzusetzen, braucht es wiederum die Vernunft. Vernunft verhindert, dass meine Freiheit in Willkür endet. Mein persönlicher Lebenssinn darf anderen Menschen nicht schaden.

Die Erwartungen, die ich an mein Leben stellen, muss ich mit meiner Leistungsfähigkeit vergleichen. Leistungen und Erwartungen sind auch so ein Begriffspaar, das nicht entkoppelt werden kann.
Leistungen und Erwartungen zeigen, dass Sinn sehr individuell ist.

Selbstverständlich gibt es standardisierte Antworten, die sogenannten konventionellen Antworten auf die Sinnfrage. Diese Antworten orientieren sich aber an Mainstream und Mode. Und diese Antworten haben keine Lösungen anzubieten für die sehr individuellen Krisen im Leben.
Sinnfindung ist also eine sehr individuelle Angelegenheit.

tmd.

Über das Einüben von Tugenden

jugendlicher Klavierspieler
Übung – Quelle: nightowl, Pixabay

Eine Diskussion zum Thema Tugenden und Werte hat das Problem mit dem Einüben derselben offengelegt.
Werte kann man nicht erwerben wie Aktien an der Börse. Die reine Kenntnis der Werte hilft auch nicht weiter. Man muss sie schon anwenden.
Mit den Tugenden ist es nicht anders. Gerecht, klug, tapfer und maßvoll handeln, kann man eigentlich erst dann, wenn man es ist: gerecht, klug, tapfer und maßvoll.
Was also tun?, werde ich immer wieder gefragt. Wie beginne ich mit dem tugendhaften Verhalten?

Die Frage stellt sich übrigens auch schon beim Erwerb und der Konstruktion von Identität und der Bildung eines autonomen Gewissens.

Tugendhaft Handeln geht nur durch Übung. Man muss damit anfangen – und zwar selbst. Nötig dazu ist auch ein Lehrer, eine Lehrerin, aber der/die kann den Übenden nicht „zum Jagen tragen“.
Im Weg steht uns dabei sowohl das antike als auch das moderne kapitalistische Denken. Schon bei Platon entsteht der Eindruck, dass man das Gute nur wissen muss, um auch gut zu handeln. Aber der antike griechische Polis-Bewohner zur Zeit des Sokrates hatte noch die Vorstellung, dass man das Gute nur im Handeln des Menschen erkennen kann. So gesehen ist das Gute zu wissen immer verbunden mit dem Einüben dieses Wissens.
Tugendhaft leben heißt für den antiken Menschen aber auch glücklich sein.
In unserer modernen kapitalistischen Welt ist Glück aber von den Tugenden entkoppelt worden.
Vor diesem Hintergrund ist das Einüben von Tugenden doppelt erschwert.
Warum tugendhaft handeln wollen und beim Üben Niederlagen einstecken, wenn man Glück auch ganz ohne persönlichen Einsatz erreichen kann? Im Berufsleben durch einen Job, der nur die Freizeit finanziert – beispielsweise.
Die Frage: Was für ein Mensch willst du sein?, wird dabei ausgeklammert.

Die Frage: Kann man Tugenden in der Schule einüben?, ist schnell beantwortet. Man kann es ja mal versuchen.

tmd.

Über Werte und Tugenden

Streben nach Glück – Quelle: meineresterampe, Pixabay

Der Unterschied zwischen Werten und Tugenden wird im Ethikunterricht nicht näher erklärt. Tugenden haben etwas mit dem Begriff Tauglichkeit zu tun. Werte beziehen sich auf etwas, was uns wichtig ist. Die klassischen Tugenden bei Aristoteles sind Tapferkeit, Mäßigung, Klugheit und Gerechtigkeit. Werte sind sozio-kulturell unterschiedliche Orientierungspunkte, wie z. B. Toleranz. Toleranz ist aber etwas, das nur derjenige als Wert leben kann, der freiwillig das Verhalten eines anderen „erduldet“. Grundsätzlich kann also nur der Stärkere, der Erfolgreiche tolerant sein.

Tugenden sind durch den Aspekt des Handelns – „tauglich sein für etwas“ – mit Übung verbunden. Man kann nicht einfach „tugendhaft“ sein. Man muss es einüben. Während Werte dazu dienlich sind, sich in einer Soziokultur zurechtzufinden und ggf. auch wohlzufühlen, sind Tugenden dazu da, ein guter und glücklicher Mensch zu werden und zu sein.

Merke: Tugendhaftes Handeln ist gutes Handeln und macht den Menschen glücklich, so die Vorstellung des antiken Griechen. Sich an Werten orientieren heißt, mit den jeweiligen moralischen Vorstellungen übereinzustimmen.

tmd.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Steuerhinterziehung - unmoralisch?
Steuerhinterziehung – unmoralisch? – Quelle: Alexas_Fotos, Pixabay

Du sollst nicht stehlen! Die Weltreligionen greifen diese Regel in leicht abgewandelter Textform auf. Das kann man wissen. Das Strafgesetz in Deutschland verfeinert diese Grundregel. Es gibt Unterschlagung, Diebstahl und (schweren) Raub. Die Kernbotschaft aber ist immer die gleiche. Man soll nicht jemandem etwas wegnehmen, was demjenigen gehört.

Wie ist es aber mit folgendem Fall. Der Gesetzgeber verbietet nicht ausdrücklich eine Handlung, die eigentlich unter die Norm fällt, um die es hier geht. Machen wir also die Argumentation auf. Es geht um sogenannte „cum-ex-Geschäfte“.

Hierbei konnten Aktienbesitzer das deutsche Finanzamt regelrecht ausplündern. Die Einzelheiten, also wie man das macht, interessieren uns hier nicht. Das ist Sache der Juristen und Finanzexperten. Was uns interessiert ist, ob und wie jemand dieses Fehlverhalten vor sich und der Gesellschaft rechtfertigen kann.

Auf Seiten der Straftäter heißt es: Was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Tatsache ist aber auch, dass hier einige – sowieso schon reiche – Personen den Staat, das Finanzamt betrügen. Das Geld, das sie erschwindeln, ist aber das Geld der anderen Bürger, die brav ihre Steuern gezahlt haben, um unseren Sozialstaat, die Polizei und die Infrastruktur zu finanzieren.

Steuerhinterziehung ist unmoralisch

Reicht hier die Empörung? Nein! Wenden wir den kategorischen Imperativ an, dann werden wir sofort sehen, dass eine Gesellschaft so nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Wenn das jeder macht, dann wäre unser Gemeinwesen schnell pleite. Das Handeln dieser Personen, die sich darauf berufen, dass ihr Handeln nicht direkt verboten ist, dieses Handeln ist zutiefst unmoralisch. Das Geld, was sie sich aneignen, ist das Geld des Nachbarn, der seine Steuern gezahlt hat.

tmd.

Moralisch handeln, das macht glücklich

Warum soll man eigentlich moralisch handeln? Diese Frage taucht in der Unterstufe im Ethikunterricht selten auf. Obwohl sie eigentlich gerade dort ihre Berechtigung hat. Ist Moral nur Zwang? Sind Normen und Werte nur dazu da, uns Vorschriften zu machen? Da der Zuwachs an Pflichten und Zwänge für die SuS in diesem Alter noch parallel läuft mit einer Zunahme an Rechten (endlich kann ich …) ist das Ausbleiben der eingangs gestellten Frage verständlich.

In der Mittelstufe taucht die Frage aus ganz anderen Gründen nicht mehr auf. Erstens werden solche Fragen – auch in anderen Fächern – mit dem Hinweis gekontert: „Das gehört zum Lehrplan.“ Zweitens ist Ethik ein Fach, das die SuS nutzen, um entspannten Unterricht zu genießen, so die Aussage einer Schülerin. Sobald man Kant zu Beginn der Oberstufe kennengelernt hat, ist die Frage endgültig erledigt. Es geht um das konfliktfreie Zusammenleben der Menschen. Das ist das Ziel von Moral. Kinder geben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Da ist Moral doch wieder nur Zwang, sagen sie.

Glückliche Jungs
Glücklichsein – Quelle: White77, Pixabay

Also nochmals zurück zur Eingangsfrage. In solchen Fällen ist es angeraten, mal bei einem bodenständigen Philosophen nachzufragen – gemeint ist Aristoteles. Und anders als erwartet, ist der genau der Richtige, um Kindern Moral näherzubringen.

Handeln hat bei Aristoteles immer ein Ziel. Man übt Mathematik, weil man gut in Mathe sein will. Man baut einen Papierflieger, weil man den optimalen Flieger haben will. Man macht beides, um etwas zu erreichen/herzustellen oder auch nur deshalb, weil das Tätig-sein das Ziel ist. Aristoteles nennt das übrigens Praxis. Das wäre, nebenbei bemerkt, ein passendes Wort, um das Wort Kompetenz abzulösen.

Auch wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht, handelt der antike Mensch nach dem Prinzip, eine Sache gut zu machen. Kein Grieche zu Zeiten des Aristoteles käme auf die Idee, etwas absichtlich schlecht zu machen. Das wäre undenkbar. Und wie bewerkstelligt der Mensch das – das Gute zu tun? Er orientiert sich an den Tugenden. Sei maßvoll, tapfer, klug und gerecht. Ist das dann auch wieder ein Zwang, fragen die SuS in der Unterstufe? Nein! Der antike Mensch wollte unbedingt das Gute verwirklichen, weil nur so war er so richtig glücklich.

Moralisch handeln, das macht glücklich.

Ein Tipp: Aristoteles hat ein Buch geschrieben, das heißt Nikomachische Ethik. Angeblich hat er es seinem Sohn gewidmet, aber das weiß man nicht genau. Das Buch muss nicht in einem Stück gelesen werden. Anfangs reicht es, das Inhaltsverzeichnis durchzublättern und Kapitel lesen, die neugierig machen. Im achten und neunten Buch schreibt er viel über Freundschaft, was auch heute noch wissenswert ist.

tmd.

Stichwort: Wahrheit

Der Schein trügt? – Quelle: geralt, Pixabay

Die grundlegende erkenntnistheoretische Problematik ist: Die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit ist nicht zweifelsfrei zu beweisen.

Das heißt: Wahrheit ist abhängig von Konsens, Evidenz und schlüssiger Argumentation (Kohärenz). In den Naturwissenschaften hat diese Erkenntnis Forschung und Wissenschaft enorm vorangebracht. Was der Logik widerspricht und was nicht funktioniert, das ist falsch. In den Geisteswissenschaften ist das nicht so einfach, insbesondere in der Moral. Es gibt unterschiedliche Antworten auf die Frage, was gerecht, maßvoll, klug und tapfer ist. Beliebigkeit ist aber keine Lösung.

Es kann nicht zwei Gerechtigkeiten geben.
Moralisch handeln heißt, Normen und Werte beachten, die das Zusammenleben konfliktfrei gestalten. Dabei gehen wir davon aus, dass die Normen und Werte von Menschen gemacht sind und nicht etwa von Gott offenbart wurden.

tmd.

Der Weg zur Selbstverwirklichung: Tugenden üben!

Selbstverwirklichung heißt: Die Tugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung einüben. Das Ziel: Ein glücklicher Mensch werden.

Selbstverwirklichung ist ein Thema, das nicht sofort und unmittelbar den Bezug zur Moral offenlegt. Oder einfach gesagt: Was hat denn das mit Ethik zu tun?

Ehrlicherweise müsste man dann sagen: Mit unseren heutigen Vorstellungen von Moral hat es in der Tat nicht viel zu schaffen. Aber ein antiker Mensch zur Zeit von Aristoteles, der wäre umgekehrt erstaunt darüber, dass wir die Selbstverwirklichung nicht zur Ethik rechnen.
Wenn wir Selbstverwirklichung als Grund für ein glückliches Leben sehen, dann sind wir der Sache schon näher gekommen. Denn der antike Mensch wollte glücklich sein und nahm an, dass es durch tugendhaftes Leben auch zu erreichen ist.

Gotische Malerei
Die Tugenden, gotische Malerei – Quelle: makamuki0, Pixabay

Und wie ist es heute? Von den Tugenden der Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit bleibt nicht viel übrig. Gerechtigkeit wird als Wert wahrgenommen, und zwar in einer Weise, die nichts mehr mit „Aneignung“ zu tun hat. Es wird nicht darüber geredet, wie das gerecht „sein“ sich vollzieht. Es ist eine Handlung! Nicht ein Gegenstand, den man hat oder nicht. Gerechtigkeit muss eingeübt werden! Es reicht eben nicht, das Wort auf ein Poster zu malen und an die Wand zu hängen.
Die anderen Tugenden? Passen überhaupt nicht in das moderne Projekt der Selbstverwirklichung. Klugheit wird von Quiz-Wissen ersetzt. Tapferkeit ist durch unsere Vergangenheit schwer beschädigt aus dem Verkehr gezogen worden. Mäßigung ist von der Gesundheitslobby instrumentalisiert auf reines Ernährungsverhalten reduziert worden.
„Jeder Mensch soll sich ein Ziel stecken und es verwirklichen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Auf diesen Kernsatz reduziert ist vom Projekt der Antike – über das Einüben von Tugenden ein guter und glücklicher Mensch zu werden – nicht mehr viel übrig geblieben.

Wo kann man die Tugenden einüben? Im Alltag! Überall!
Warum wird es nicht gemacht? Weil man sehr schnell an seine Grenzen stößt. Es ist eben einfacher, dumm, feige und maßlos zu sein. Und die Gerechtigkeit haben wir ja schon als Poster an die Wand gehängt. Dann schreiben wir noch schnell die anderen drei außer Mode gekommenen Tugenden hinzu und fertig ist das Thema.

Halt: Wir können doch ein Rollenspiel skizzieren und ansatzweise vorführen. Gut sind wir!

tmd.

Tugenden – Die Seele des Staates

„Dear Prudence won’t you come out to play?“
(Lennon/McCartney)

Das Thema Seele und Platon geht weiter. Wieder war eine E-Mail der Anlass. Ich wurde gefragt, was die Tugenden mit der Seele zu tun haben.
In „Der Staat“ (politeia) entwickelt Platon die Seelenlehre weiter. Sein Interesse ist dabei Folgendes: Er will einen Zusammenhang herstellen zwischen dem einzelnen Bürger des Staatswesens und dem Staatswesen als einem funktionierenden Gemeinwesen. Er behauptet, dass der Staat dann gut ist, wenn jeder einzelne Bürger sich am „Gut-sein“ orientiert.
Um es gleich vorweg zu sagen. Der Platonische Staat in der politeia ist ein totalitärer Staat. Der Einzelne hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Und der Entwurf ist eine reine Utopie, die ein wenig an marxistische Verhältnisse erinnert. Tommaso Campanella hat es in seiner Utopie „Sonnenstaat“ (1602) sehr viel bunter dargestellt, aber auch mit totalitären Zügen.

Jetzt aber zum Verhältnis von Seele und Staat.
Die Seele besteht in der politeia aus drei Teilen: Vernunft, Mut, Begierde. Die Vernunft ist von den Dreien der wichtige Teil. Die Vernunft muss den Mut und die Begierde führen. Damit die Vernunft diese schwere Aufgabe leisten kann, braucht sie Klugheit. Klugheit ist aber eine Tugend. Mit dieser Tugend der Klugheit kann die Vernunft aus dem Mut oder aus der Tollkühnheit die Tugend der Tapferkeit machen. Aus der reinen Begierde macht die Vernunft mit Hilfe der Klugheit die Tugend der Mäßigung.
Halten wir also fest: Es gibt eine Rangordnung der Tugenden. Zuerst die Klugheit, dann die Tapferkeit, und zuletzt die Mäßigung. Dafür gibt es auch ein schönes Bild, das des Wagenlenkers mit zwei Pferden. Die Vernunft als Träger der Klugheit ist der Wagenlenker und die beiden Pferde sind Mut und Begierde, die zu den Tugenden der Tapferkeit und Mäßigung geformt werden.

Platon führt an dieser Stelle eine weitere Tugend ein, die keine Entsprechung in einem Seelenteil findet: die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit schwebt gleichsam über den andern Tugenden. Sie ist Orientierungspunkt und Wegweiser für die untergeordneten Tugenden.
Jetzt haben wir als endgültige Reihenfolge für die Tugenden:
Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Tugenden der Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sollen sich an der Gerechtigkeit orientieren.

Utopie Blase
Platonischer Utopie-Staat – Quelle: geralt, Pixabay

Jetzt geht es weiter zum Staat.
Auch hier gibt es drei Teile, nämlich drei Klassen. Es erinnert ein wenig an das Kastensystem der Hindus, aber hier wird man nicht in eine Klasse hinein geboren, sondern „hinein-erzogen“ und gebildet. Aber das Thema hatte ich in einem früheren Beitrag schon behandelt.
Die unterste Klasse entspricht dem Seelenteil der Begierde. Das sind die Handwerker und Kaufleute. Darüber stehen die Soldaten. Sie entsprechen dem Seelenteil des Mutes. An oberster Stelle stehen die Philosophen oder die Herrscher mit Philosophen-Diplom. Das entspricht der Vernunft.
Die Philosophen haben nun die Aufgabe, die Soldaten zur Tapferkeit zu erziehen und die Handwerker und Kaufleute zur Mäßigung. Dabei setzen die Philosophen die Klugheit ein. Klug sind sie, weil sie ziemlich lang studiert haben und letztlich den Durchblick auf das Ideale und Gute haben. Bei ihren Führungsaufgaben orientieren sie sich an der Tugend der Gerechtigkeit.

Der Platonische Utopie-Staat funktioniert also nur, wenn die Philosophen an der Herrschaft sind und wenn sie alles richtig machen. Die Herrschaft war das eigentliche Ziel von Platon. Er wollte politisch an die Macht. Geschafft hat er das nicht, aber die Philosophen nach ihm hatten genug Stoff zum Nachdenken und konnten auf Platon aufbauend neue und eigene Ideen entwickeln.

tmd.