Der Weg zur Selbstverwirklichung: Tugenden üben!

Selbstverwirklichung heißt: Die Tugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung einüben. Das Ziel: Ein glücklicher Mensch werden.

Selbstverwirklichung ist ein Thema, das nicht sofort und unmittelbar den Bezug zur Moral offenlegt. Oder einfach gesagt: Was hat denn das mit Ethik zu tun?

Ehrlicherweise müsste man dann sagen: Mit unseren heutigen Vorstellungen von Moral hat es in der Tat nicht viel zu schaffen. Aber ein antiker Mensch zur Zeit von Aristoteles, der wäre umgekehrt erstaunt darüber, dass wir die Selbstverwirklichung nicht zur Ethik rechnen.
Wenn wir Selbstverwirklichung als Grund für ein glückliches Leben sehen, dann sind wir der Sache schon näher gekommen. Denn der antike Mensch wollte glücklich sein und nahm an, dass es durch tugendhaftes Leben auch zu erreichen ist.

Gotische Malerei
Die Tugenden, gotische Malerei – Quelle: makamuki0, Pixabay

Und wie ist es heute? Von den Tugenden der Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit bleibt nicht viel übrig. Gerechtigkeit wird als Wert wahrgenommen, und zwar in einer Weise, die nichts mehr mit „Aneignung“ zu tun hat. Es wird nicht darüber geredet, wie das gerecht „sein“ sich vollzieht. Es ist eine Handlung! Nicht ein Gegenstand, den man hat oder nicht. Gerechtigkeit muss eingeübt werden! Es reicht eben nicht, das Wort auf ein Poster zu malen und an die Wand zu hängen.
Die anderen Tugenden? Passen überhaupt nicht in das moderne Projekt der Selbstverwirklichung. Klugheit wird von Quiz-Wissen ersetzt. Tapferkeit ist durch unsere Vergangenheit schwer beschädigt aus dem Verkehr gezogen worden. Mäßigung ist von der Gesundheitslobby instrumentalisiert auf reines Ernährungsverhalten reduziert worden.
„Jeder Mensch soll sich ein Ziel stecken und es verwirklichen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Auf diesen Kernsatz reduziert ist vom Projekt der Antike – über das Einüben von Tugenden ein guter und glücklicher Mensch zu werden – nicht mehr viel übrig geblieben.

Wo kann man die Tugenden einüben? Im Alltag! Überall!
Warum wird es nicht gemacht? Weil man sehr schnell an seine Grenzen stößt. Es ist eben einfacher, dumm, feige und maßlos zu sein. Und die Gerechtigkeit haben wir ja schon als Poster an die Wand gehängt. Dann schreiben wir noch schnell die anderen drei außer Mode gekommenen Tugenden hinzu und fertig ist das Thema.

Halt: Wir können doch ein Rollenspiel skizzieren und ansatzweise vorführen. Gut sind wir!

tmd.

Tugenden – Die Seele des Staates

„Dear Prudence won’t you come out to play?“
(Lennon/McCartney)

Das Thema Seele und Platon geht weiter. Wieder war eine E-Mail der Anlass. Ich wurde gefragt, was die Tugenden mit der Seele zu tun haben.
In „Der Staat“ (politeia) entwickelt Platon die Seelenlehre weiter. Sein Interesse ist dabei Folgendes: Er will einen Zusammenhang herstellen zwischen dem einzelnen Bürger des Staatswesens und dem Staatswesen als einem funktionierenden Gemeinwesen. Er behauptet, dass der Staat dann gut ist, wenn jeder einzelne Bürger sich am „Gut-sein“ orientiert.
Um es gleich vorweg zu sagen. Der Platonische Staat in der politeia ist ein totalitärer Staat. Der Einzelne hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen. Und der Entwurf ist eine reine Utopie, die ein wenig an marxistische Verhältnisse erinnert. Tommaso Campanella hat es in seiner Utopie „Sonnenstaat“ (1602) sehr viel bunter dargestellt, aber auch mit totalitären Zügen.

Jetzt aber zum Verhältnis von Seele und Staat.
Die Seele besteht in der politeia aus drei Teilen: Vernunft, Mut, Begierde. Die Vernunft ist von den Dreien der wichtige Teil. Die Vernunft muss den Mut und die Begierde führen. Damit die Vernunft diese schwere Aufgabe leisten kann, braucht sie Klugheit. Klugheit ist aber eine Tugend. Mit dieser Tugend der Klugheit kann die Vernunft aus dem Mut oder aus der Tollkühnheit die Tugend der Tapferkeit machen. Aus der reinen Begierde macht die Vernunft mit Hilfe der Klugheit die Tugend der Mäßigung.
Halten wir also fest: Es gibt eine Rangordnung der Tugenden. Zuerst die Klugheit, dann die Tapferkeit, und zuletzt die Mäßigung. Dafür gibt es auch ein schönes Bild, das des Wagenlenkers mit zwei Pferden. Die Vernunft als Träger der Klugheit ist der Wagenlenker und die beiden Pferde sind Mut und Begierde, die zu den Tugenden der Tapferkeit und Mäßigung geformt werden.

Platon führt an dieser Stelle eine weitere Tugend ein, die keine Entsprechung in einem Seelenteil findet: die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit schwebt gleichsam über den andern Tugenden. Sie ist Orientierungspunkt und Wegweiser für die untergeordneten Tugenden.
Jetzt haben wir als endgültige Reihenfolge für die Tugenden:
Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Tugenden der Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sollen sich an der Gerechtigkeit orientieren.

Utopie Blase
Platonischer Utopie-Staat – Quelle: geralt, Pixabay

Jetzt geht es weiter zum Staat.
Auch hier gibt es drei Teile, nämlich drei Klassen. Es erinnert ein wenig an das Kastensystem der Hindus, aber hier wird man nicht in eine Klasse hinein geboren, sondern „hinein-erzogen“ und gebildet. Aber das Thema hatte ich in einem früheren Beitrag schon behandelt.
Die unterste Klasse entspricht dem Seelenteil der Begierde. Das sind die Handwerker und Kaufleute. Darüber stehen die Soldaten. Sie entsprechen dem Seelenteil des Mutes. An oberster Stelle stehen die Philosophen oder die Herrscher mit Philosophen-Diplom. Das entspricht der Vernunft.
Die Philosophen haben nun die Aufgabe, die Soldaten zur Tapferkeit zu erziehen und die Handwerker und Kaufleute zur Mäßigung. Dabei setzen die Philosophen die Klugheit ein. Klug sind sie, weil sie ziemlich lang studiert haben und letztlich den Durchblick auf das Ideale und Gute haben. Bei ihren Führungsaufgaben orientieren sie sich an der Tugend der Gerechtigkeit.

Der Platonische Utopie-Staat funktioniert also nur, wenn die Philosophen an der Herrschaft sind und wenn sie alles richtig machen. Die Herrschaft war das eigentliche Ziel von Platon. Er wollte politisch an die Macht. Geschafft hat er das nicht, aber die Philosophen nach ihm hatten genug Stoff zum Nachdenken und konnten auf Platon aufbauend neue und eigene Ideen entwickeln.

tmd.

Über Geisterfahrer auf den Autobahnen der Moral

Verwahrloster Fahrrad-Sattel
Verwahrlost – Quelle: pixel2013, Pixabay

Moralisches Verhalten muss man einüben. Dabei lernt man, den Widerspruch von unterschiedlichen Normen und Werten zu ertragen.

Normenkollisionen beschreiben, das ist deshalb so schwer, weil man die Erfahrung zwar irgendwie beschreiben kann, aber derjenige, der die Beschreibung hört, die Erfahrung nicht nachempfinden kann, wenn er selbst noch nie in einer solchen Situation war. Das erzeugt sehr viel praxisfremdes Gerede. Das langweilt junge Menschen.

Aus diesem Grund habe ich in einem früheren Beitrag (Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten) das Beispiel vom Geisterfahrer gewählt, um die Situation der Normenkollision zu beschreiben. Der Vergleich stammt nicht von mir, sondern vom Jesuiten-Pater Klaus Mertes.
Der Vergleich kann dafür sensibel machen, dass unmoralisches Verhalten schwer zu kritisieren ist, wenn man in der Minderheit ist. Der Konsens als Wahrheits-Indikator ist schwer zu durchbrechen. Deshalb ist es so erstaunlich, dass sich in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen trauten, Widerstand zu leisten.

Aber auch bei weit weniger dramatischen Kollisionen auf der Moral-Autobahn ist festzustellen, dass wir uns schwer gegen eine Mehrheit durchsetzen können.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer hat das an wirklich einfachen Beispielen herausgearbeitet. Die gesamte ökologische Bewegung musste sich widersetzen gegen eine große Mehrheit. Hier ging es zwar nicht um Leben und Tod, zumindest nicht für die aktuelle Gesellschaft. Aber die Öko-Alternativen konnten moralische Gründe ins Feld führen. Sie sahen die Zukunft der Menschheit in Gefahr. Dabei konnten sie sich auf den Philosophen Hans Jonas berufen. Der hatte in „Das Prinzip Verantwortung“ herausgearbeitet, das der Zeithorizont eines Gesellschaftsvertrages nicht ausreicht. Wir können keinen Vertrag mit der nächsten Generation schließen.

Philosophische Konzepte können keinen Widerstand leisten, das können nur Menschen. Diese Menschen müssen Normen- und Wertekollisionen aushalten. Wer aber einmal erfolgreich Widerstand geleistet hat, der spürt das als Identitätserweiterung und Stabilisierung. Welzer nennt das Selbstwirksamkeit. Einfach ausgedrückt: Man merkt, dass man erfolgreich war.

Den Umgang mit Normenkollisionen kann man eher an einfachen Problemen lernen. Niederschwellige Kollisionen treten ja schon dann auf, wenn es darum geht, einem Mobbing-Opfer zur Seite zu stehen.

Die bloße Kenntnis von Werten ersetzt nicht das Einüben!

Wenn man aber einmal selbst erfahren hat, sich moralisch erfolgreich durchgesetzt zu haben, dann ist das ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich schaffe das! Mit diesem Bewusstsein kann man sich auch als Geisterfahrer auf die moralische Autobahn wagen.

tmd.

Wenn es gut werden soll

Wenn Sokrates heute lebte, ginge er wohl nicht auf den Marktplatz, um dort Bürger anzusprechen. Sokrates ginge heute in einen Baumarkt. Nicht in irgendeinen, sondern in den Baumarkt, in den Bürger gehen, die es gut machen wollen.
Herauszufinden, was das Gute ist, das war Sokrates‘ zentrales Thema.
Doch das Personal im Baumarkt hätte Sokrates ebenso enttäuscht, wie ihn seine athenischen Mitbürger so oft enttäuscht haben.
Was das Gute ist, ist auch heutzutage eine sehr individuelle Sache. Sei es nun beim Renovieren oder Sanieren.
Wie reagierte Sokrates auf solchen Relativismus? Wie reagierte er darauf, dass alles letztlich eine individuelle „Maß“-Entscheidung ist, wie die Sophisten es behaupten? Die sagten, der Mensch sei das Maß aller Dinge.
Die Standardantwort von Sokrates war ungefähr folgende:
Wenn wir über das Gute reden, das Gute aber für jeden Menschen etwas anderes ist, wenn also das Gute etwas Beliebiges ist, dann brauche ich im Leben das Prädikat „ist gut“ eigentlich nicht mehr. Denn es sagt ja nichts mehr Verbindliches aus. Verbindlich wäre es, wenn man wüsste, dass alle Menschen etwas Bestimmtes als „das Gute“ bezeichnen.
Brauchen wir das Prädikat „ist gut“ nicht?
Im Alltag ist der Verlust des Prädikats „ist gut“ zu verschmerzen. In der Werbung ist ohnehin alles irgendwie gut, hipp, cool, angesagt, geil, trendig usw. Im Alltagsleben ist die Suche nach dem „Guten“ nicht notwendig, wenn es sich um Außer-moralisches handelt. Jeder soll schließlich nach seinem Geschmack glücklich werden.
Wenn es aber um Moral und die Tugenden geht, dann ist der Relativismus der Motor, das soziale und politische Zusammenleben zu zerstören.
tmd.

Sinnsuche und Moral – methodische Überlegungen

Warum und wozu leben wir? ist eine einfache Frage. Die Antworten sind viele und oft auch kompliziert. Sie sind der Sinn, den wir dem Leben geben. Man kann die Antworten ordnen, zusammenfassen und gelangt so zu den beiden Hauptgruppen, die im Ethikunterricht erarbeitet werden.

  • Konventionelle Antworten
    (mein Haus, meine Familie, meine Karriere usw.)
  • Philosophische Überlegungen
    (Gutes tun, die Welt retten, …)

Darüber kann man dann diskutieren, kann feststellen, dass nicht jeder denselben Sinn im Leben erkennt. Das Ergebnis der Veranstaltung ist: Soll doch jeder machen, was er will, solange es erlaubt ist. Und außerdem: Was hat das alles mit Moral zu tun?

An diesem Punkt könnte man also das Thema als erledigt betrachten und sich wichtigeren Dingen zuwenden.

Ein Philosoph wie Aristoteles wäre erstaunt, dass wir uns nicht darum kümmern, unserem Leben einen Sinn zu geben, um glücklich zu werden. Ein „anything goes“ gibt es bei Aristoteles nicht. Glücklich ist der Mensch nämlich nur, wenn er sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise führt. Gemeint ist ein tugendhaftes Leben. Die Tugenden des Aristoteles (gerecht, klug, maßvoll, tapfer) stoßen heutzutage nicht mehr auf ungeteilte Begeisterung. Statt über Tugenden wird heute über Werte geredet. Werte werden dann so behandelt, als ob man sie ohne Übung besitzen kann.

Tugenden einüben im Unterricht und für Noten? Das ist ein grundsätzliches Problem. Moralisches Handeln lässt sich zwar bewerten aber nicht benoten. Deshalb ist das Thema Sinnsuche auch so sperrig. Es ist zwar wichtig, aber auch privat.

Es ist aber nicht mehr nur privat, wenn junge Menschen Salafisten in den Krieg folgen, weil sie deren Propaganda nicht durchschauen. Sinnsuche und -findung ist also einerseits das private „Erkenne dich selbst“, andererseits ist es Aufklärung (= selbst denken) durch Wissenszuwachs.

Um diese Wissensvermehrung geht es im Thema Sinnfindung und Probleme und Risiken bei der Sinnsuche.

Mädchen blickt in RIchtung Sonnenuntergang
Suche nach dem Sinn des Lebens – Quelle: Skitterphoto, Pixabay

Soziologie und Psychologie sind die Wissenschaften, die Handreichungen bieten, mit der Sinnfindung zurechtzukommen. Das einfache Schema von Maslow beispielsweise, das meist verwendet wird, kann dabei helfen, die eigene Sicht der Dinge zu reflektieren (darüber nachzudenken).
Gleiches gilt für die soziologischen Untersuchungen zu den jugendlichen Gegenwelten. Das Kommen und Gehen von Altersgruppen (in der Soziologie Kohorten genannt) erkennen, hilft die eigene Rolle in einer solchen „Gegenwelt“ besser zu verstehen („verorten“ ist das Fachwort) und auch selbstverantwortlich verändern.

Immer wieder ist es interessant gewesen, die verschiedenen Modezyklen zu untersuchen. Jede Generation versucht sich so von der Elterngeneration abzugrenzen, was heutzutage allerdings sehr viel schwerer ist, weil die Modetrends die Altersgrenzen überwunden haben.

tmd.

Sophisten, Sokrates und Platon

Die Sophisten sind in der Tat nicht so einfach zu verstehen, wie es das Lehrbuch zeigt. Zum Einlesen kenne ich nichts, was alle Meinungen wiedergibt.
Hier meine Zusammenschau:

  • Die Sophisten waren die radikalen Aufklärer der Antike und Begründer der Sprachphilosophie.
  • Sie haben den Menschen aus der kosmologischen Umklammerung von Religion und Mythen befreit.
  • Sie haben die Gesetzgebung zu dem gemacht, was es ist, nämlich Menschenwerk.
  • Sie haben Bewusstsein geschaffen dafür, dass die Gesetze zu den Menschen passen sollen und nicht umgekehrt.
  • Sie haben den Zeitgeist instrumentalisiert und mit Redeschulungen viel Geld verdient – an Philosophie waren sie wenig interessiert.
  • Sie sind ein Oberflächenphänomen für einen grundlegenden Paradigmenwechsel (Denkmuster/wissenschaftliches Weltbild), den sie selbst nicht richtig durchschaut haben.

„Sophisten, Sokrates und Platon“ weiterlesen

Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht

Im ausgehenden 5. vor-christlichen Jahrhundert versuchen die Sophisten in Griechenland und insbesondere in Athen, die Macht an sich zu reißen. Ihre Parole lautet: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Damit legitimieren die Sophisten jede nur mögliche politische Ordnung. Sie muss nur zu den jeweiligen Akteuren passen, den Herrschern und Beherrschten. Nicht mehr die alten Tugenden zählen, sondern nur noch die möglichst beste Argumentation, um die angestrebte politische Ordnung herzustellen. Das ist radikale Aufklärung. Der Mensch ist sein eigener moralischer Gesetzgeber. Das ist in erster Linie eine radikale subjektive Weltsicht, jedoch letztlich die Geburtsstunde des Ethischen Relativismus. „Philosophie als Waffe im Kampf um die politische Macht“ weiterlesen