Moral ist keine Spielerei

Frau mit Waffe
kein Spiel – Quelle: Pexels, Pixabay

Das Gewissen als autonome Instanz funktioniert nicht auf Knopfdruck. Es ist weder angeboren, noch bildet es sich aus dem Nichts. Gewissen als autonome Instanz ist das Produkt von freiem moralischen Handeln und Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln.
Das Dreiecksverhältnis von autonomem Gewissen, Freiheit und Verantwortung lässt sich also nicht auflösen.
Die Gewissenspflege, also die Rückschau auf und die Bewertung von Handlungen (evaluativ) und die moralisch gestützte Entscheidungshilfe (präskriptiv) zu geplanten Handlungen, bringt die moralische Instanz erst hervor.
Insofern ist der Begriff „Pflege“ irreführend, weil man meint, es gebe da etwas zu pflegen, was schon vorhanden ist. Vielmehr entsteht das Gewissen erst durch den „pflegenden Gebrauch“, also durch Evaluation und Präskription.
Was war also zuerst vorhanden?
Das verantwortliche freie moralische Handeln.
Dieses muss aber eingeübt werden. Diese Art der Übung ist nicht spielerisch.

Jegliche Art von Spielerei entzieht der Freiheit den Boden, nämlich die Verantwortung.

Rollenspielereien im Unterricht sind demnach weder exemplarisch noch zielführend. Es ist Sozialisation in die falsche Richtung: Moral als Theater.

tmd.

Moral einüben – geht das?

Vernünftiges Argumentieren, das sich an ethischen Standards und Moral orientiert, kann nicht in beliebigen Schlussfolgerungen enden wie: „Man kann der einen oder auch anderen Meinung sein“. Gerade das aber – die Beliebigkeit – steht meist am Ende schulischer Diskussionen.

Symbol der Justitia
Recht und Moral – Quelle: Hans, Pixabay

Die Diskussion der Ereignisse von Arnstein haben mich wieder einmal in der Meinung bestärkt, dass Gruppendiskussionen – genauso wie Rollenspiele – der falsche Weg sind, moralisches Handeln einzuüben und die ethische Dimension der jeweiligen Probleme zu erkennen.
In Arnheim kamen sechs Jugendliche ums Leben durch die fahrlässige Handlung des Vaters zweier der Jugendlichen. Die Schuldfrage muss hier nicht diskutiert werden. Auch die Frage: Strafe oder nicht, braucht nicht weiter beleuchtet werden. Es geht nur um die zentrale Frage der Strafbemessung.
Macht es einen Sinn, dass der Mann ins Gefängnis geht, wenn er durch den Tod seiner Kinder genug gestraft ist? Der Mann ist voll geständig. Keinerlei Ausreden.
Die Frage, die sich uns im Ethikunterricht stellt, ist: Was nützt es der Gesellschaft, wenn der Mann im Gefängnis sitzt? Was nützt es ihm, wenn er in Haft geht?
Hier muss ein Gericht entscheiden und das hat es auch. Bewährung kam heraus. Aber die Verantwortung für den Richterspruch übernehmen die beteiligten Richter.
Dieser fehlende Aspekt der Verantwortung macht jede SuS-Diskussion zum kurzweiligen Zeitvertreib. Es geht ja um nichts! Man kann sich so oder auch anders entscheiden. Wir sind es nicht, die den Mann weg sperren lassen oder nicht. Und wenn der Lehrer in einer solchen Diskussion auf eine Entscheidung dringt, dann reicht ein kurzes Statement, und die Frage ist erledigt. Hat ja keinerlei Folgen, was man da von sich gibt.

Moral einüben, geht das? Ja, aber nicht im Ethikunterricht.

tmd.

Norm – Entscheidung – Handlung

Entscheidung
eine Entscheidung treffen – Quelle: ElenaRepina, Pixabay

Der praktische Syllogismus ist ein Hilfsschema zum Argumentieren, das sich an der Wahrheit orientiert. Er bereitet deshalb soviel Schwierigkeiten, weil wir uns im Alltag nicht an die Reihenfolge des praktischen Syllogismus halten, nicht halten können.
Wie geht das!?
Der praktische Syllogismus beginnt mit einer moralischen Norm. Beispiel: Du sollst nicht lügen.
Dann kommt die Kurzbeschreibung einer Situation, in der ich mich entscheiden muss, ob ich lüge oder nicht.
Den Schluss bildet die Handlung, also wie ich mich letztlich entschieden habe.

Im Alltag begegnet mir zuerst der zweite Satz, also die Situation, in der ich moralisch handeln soll oder will.
Dann kommt die Rückfrage an meine moralischen Normen. Gibt es da Handreichungen, die mir helfen, moralisch richtig zu handeln?
Zuletzt kommt die eigentliche Handlung.

Soll sich die Argumentation an Wahrheit orientieren, dann muss ich angeben, mit welcher Begründung – mit welcher moralischen Norm ich meine Handlung in der entsprechenden Situation rechtfertige.

Der Hinweis auf die moralische Norm, die ich anwende, ist deshalb so wichtig, weil ich in meiner Argumentation diese Norm offenlegen muss.
Diese Norm entbindet mich aber nicht von der Übernahme der Verantwortung. Es reicht also nicht, dass ich mich auf eine Person oder Gott berufe. Meine Handlung muss immer ich selbst verantworten.

tmd.

Freiheit und Verantwortung

Mann in Landschaft
Freiheit – Quelle: 27707, Pixabay

Was das Gewissen ist, das wissen wir. Wir meinen es wenigstens. Jemand hat ein schlechtes Gewissen. Jemand ist gewissenlos. Es gibt die Gewissensfreiheit. Und es gibt auch das gute Gewissen.
Fragt man genauer nach, dann stellt sich heraus: Ja! Da gibt es etwas. Breite Zustimmung. Jeder kann etwas zum Thema beitragen.
Fragen wir bei Philosophen und Psychologen nach, bekommen wir recht gute Antworten. Das, was sich bei uns regelmäßig meldet, wenn es etwas zu entscheiden oder zu beurteilen gibt – also „tu das nicht“ oder „da hast du was falsch gemacht – diese innere Meldung ist entweder eine Folge der Erziehung oder ein Produkt unserer Vernunft. Es ist entweder antrainiertes Verhalten oder Freiheit des Handelns mit integrierter Übernahme von Verantwortung für unser Handeln.

Ein autonomes Gewissen gibt es nicht zum Nulltarif

Von Sigmund Freud kennen wir das Modell: ÜBER-ICH – ICH – UNTERBEWUSSTSEIN. Im ÜBER-ICH sitzt die Erziehung unserer Eltern und macht uns Vorschriften. Das ÜBER-ICH ist unser Gewissen, es ist das Modell Gewissen, das fremdgesetzlich ist. Man nennt es heteronom. Aus dieser Abhängigkeit kommt man nur heraus, wenn man diese Abhängigkeit durchschaut. Wenn das funktioniert, hat man ein Gewissen, das frei, nach selbst gesetzten Regeln funktioniert.
Doch dieses autonome Gewissen bekomme ich nicht zum Nulltarif. Das Gewissen ist zwar frei von den Gängelungen der Umwelt, aber es funktioniert nicht ohne unser Zutun. Wir müssen es ständig pflegen. Und das heißt: Wir bewerten, was wir getan haben – evaluativ nennt man das – und wir machen uns selbst Vorschriften – präskriptiv nennt man das.

Freiheit ist immer an Verantwortung gekoppelt

Reicht das? Nein! Woran orientiere ich mich denn nun, wenn ich das Gewissen selbst als Kontrolleur einsetze? Welches sind die richtigen Regeln, was ist moralisch also angesagt?
Das ist nun eigentlich unsere eigene Sache. Wir machen die Regeln, an denen wir uns orientieren, selbst. Wir brauchen also einen Mechanismus, der uns hilft, das eigene Handeln in Freiheit irgendwie zu kontrollieren. Verantwortung heißt das Zauberwort.
Freiheit gibt es nur im Paket mit der Verantwortung. Ich muss also meine Handlungen immer selbst verantworten. Da hilft es auch nur bedingt, in den Büchern der großen Religionen nachzuschauen oder den Arzt oder Apotheker zu fragen. Denn: Wir können uns nicht auf jemanden berufen. Das ist nur billiger Gewissensmissbrauch.

Vernunft einschalten, wenn es um Moral geht

Was also tun, um Gewissenstäter – also Terroristen – zu beurteilen?
Es gibt immer noch die Vernunft. Dieses Werkzeug der Philosophie gilt es in Stellung zu bringen. Also tun wir es!

tmd.

Entscheiden und Begründen

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Wie soll ich mich entscheiden? – Quelle: Pexels, Pixabay

In einer Dilemma-Geschichte wird davon erzählt, dass sich jemand entscheiden muss zwischen zwei Handlungen. Beispielsweise muss er oder sie sich entscheiden, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen. Egal ist nun, was er/sie macht. Das Ergebnis ist in jedem Fall unangenehm. Nicht zu handeln geht übrigens gar nicht.
Beispiele stehen in jedem Ethikbuch.
Moralisch interessant sind Dilemma-Geschichten nicht deshalb, weil sie nie ein gutes Ende haben. Es geht darum, die Entscheidung, wenn sie getroffen ist, zu begründen.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Dilemma-Geschichten in seinen Forschungen verwendet, weil er wissen wollte, wie Menschen unterschiedlichen Alters ihre Handlungen und Entscheidungen begründen. Die Entscheidungen selbst waren bei den Versuchspersonen nicht sehr verschieden. Unterschiede gab es aber bei den Begründungen. Kinder begründeten ihre Entscheidungen mit der Angst vor Strafe. Jugendliche berufen sich auf Gesetze und Regeln. Ältere Erwachsene begründeten ihre Entscheidung mit dem Wohl der Gemeinschaft oder mit allgemeinen universellen Lebensregeln – beispielsweise mit den Menschenrechten.
Was haben diese psychologischen Erkenntnisse im Ethikunterricht zu suchen?
Psychologen meinen, dass die moralische Entwicklung des Menschen in Abschnitten verläuft. Moral ist also eine Sache des Erwachsenwerdens. Es läuft aber nicht automatisch ab. Es ist gekoppelt an die Entwicklung der Identität. Wer nicht an der Konstruktion einer eigenen Identität arbeitet, der kann durchaus noch als Erwachsener in Dilemmasituationen sein Handeln wie ein Jugendlicher oder Kleinkind begründen.
Eine Hilfe bei der Identitätskonstruktion ist die Selbsterkenntnis. Eine weitere Hilfe ist es, zu lernen, dass man für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss. Verantwortung übernimmt man dann, wenn man sich bei seinen eigenen Handlungen nicht ausschließlich auf andere beruft. „Der oder jener hat gesagt, dass ich … .“
Und: Man kann Dilemma-Geschichte verwenden als Übungsmaterial. Wie würde ich entscheiden? Wie würde ich meine Entscheidung begründen?
Das hilft beim Erwachsen werden. Das hilft bei der Identitätskonstruktion.

tmd.

Autonomie – Verantwortung – Freiheit

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Freiheit und Verantwortung – Quelle: Free-Photos, Pixabay

Das Gewissen als moralische Instanz ist autonom gegenüber unkontrollierten Einflüssen der sozialen Umwelt. Der Mensch ist dabei verantwortlich für sein Handeln. Er kann und muss sich an die Weisungen des autonomen Gewissens halten. Er kann sich aber andererseits auf das Gewissen berufen. Das gibt dem Menschen die Möglichkeit und Freiheit, anders zu handeln als es die soziale Umwelt verlangt.
Aus dem Gedanken der Autonomie des Gewissens folgt also, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, aber auch die Freiheit einzufordern, gemäß dem Gewissen zu handeln.
Die Gewissensfreiheit ist im Grundgesetz geschützt durch den Artikel 4.
Wir behandeln also das Gewissen verfassungsrechtlich als moralische Instanz.

Diese Gewissensfreiheit hat allerdings auch ihren Preis. Ich muss die Anwendung der Autonomie pflegen. Wenn ich das nicht mache, dann kann ich mich auch nicht auf die Autonomie berufen. Diese Art der Gewissenspflege funktioniert folgendermaßen: Ich kann zurückblicken auf vergangene Handlungen (präskriptiv) und vorausblicken auf geplante Handlungen (evaluativ).
(Achtung: in einem Lehrbuch wird der Begriff präskriptiv vom Fehlerteufel niedergemacht und übrig bleibt das Wort deskriptiv.)
Die präskriptive und evaluative Funktion dient also der Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung.

tmd.

SMS FÜR DICH von Sofie Cramer

Mehrere SuS haben mich gefragt, ob ich eine Inhaltsangabe und Bewertung zum Roman von Sofie Cramer für den Ethik-Blog schreibe. Ich komme dem Wunsch gerne nach, weil ich hoffe, dass auf diese Weise das Interesse geweckt wird, im Ethikunterricht Bücher (und nicht nur Textschnipsel) zu lesen.

Sofie Cramer erzählt in ihrem Roman „SMS FÜR DICH“ die Geschichte von Clara und Sven. Die beiden lernen sich eher durch einen technischen Irrtum kennen. Nach einigen Irrungen und Verwirrungen kommt es dann doch zum Happy-End für die beiden.

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Vertrauen – Quelle: nastya_gepp, Pixabay

Die Geschichte: Clara hat ihren Freund Ben bei einem tragischen Unfall verloren. Ben ist – vermutlich im Drogenrausch – vom Balkon gefallen. Clara tröstet sich damit, SMS-Nachrichten an die Handy-Nummer von Ben zu schicken. Was sie nicht weiß: Die Nummer von Ben wurde durch einen technischen Fehler neu vergeben. An Sven. Der erhält die sehr romantischen und traurigen SMS-Nachrichten von Clara. Anfangs will er sofort antworten, die Verwechslung aufklären und die Angelegenheit beenden.
Doch dann entscheidet er sich anders und will den Absender kennenlernen. Seine Suche ist erfolgreich. Er lernt Clara kennen und verliebt sich in sie. Er erzählt aber Clara nichts von den SMS-Nachrichten, die er von ihr (an Ben‘s Nummer) erhalten hat. Als er ihr die Wahrheit erzählen will, stellt er sich so plump an, dass Clara sich von ihm hintergangen fühlt. Sie meint, er hat ihr Vertrauen missbraucht. Sven will die Sache in Ordnung bringen und Clara um Verzeihung bitten. Er schreibt ihr eine SMS von der ehemaligen Nummer von Ben. Praktisch auf der letzten Seite des Romans finden die beiden wieder zusammen.

Meine Beurteilung:
Ben nannte Clara „Lilime“. Das wusste außer den beiden niemand. Sven erwähnt den Namen und es kommt zum Zerwürfnis (S. 227). Über 200 Seiten wird Sven als eine Person beschrieben, die sehr bedacht handelt. Dass er in einer so wichtigen Sache einfach so drauflos plaudert, das passt nicht.
Sven erwirb das Vertrauen von Clara. Er selbst spielt aber nicht mit offenen Karten. Auch als er sich wieder mit ihr versöhnen will, spielt er den „wissenden“ Beobachter. Clara ist wieder in der Position, dass sie von seinen taktischen Zügen abhängig ist.

Moralisch ist das Verhalten von Sven nicht hinnehmbar.
Vertrauen funktioniert nur auf Augenhöhe.

Sven ist immer einen Zug voraus und kann mit den Entscheidungen von Clara spielen. Das macht ihn eigentlich zu einem eher fiesen Charakter.

Das Buch eignet sich als negatives Beispiel für gelebtes Vertrauen. Bis zur letzten Zeile schenkt Clara Vertrauen. Sven ist Lichtjahre entfernt von einem solchen Wesenszug.
Der letzte Satz im Roman will nahelegen, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt. „Vielleicht war es ja gar kein Zufall.“ (S. 239) Clara will damit auch noch die letzten Zweifel an das Verhalten von Sven tilgen. In der Rückschau hilft das dem Leser wenig. Sven hat – einfach gesprochen – verantwortungslos gehandelt. Fazit: Eine geeignete Geschichte, um zu zeigen, was Vertrauen und Verantwortung NICHT sind.

tmd.

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin

Im Ethikunterricht der 8. Klasse (G8) gehört das Thema Magersucht in das Modul: Verantwortung. Und dort wird es in den Lehrbüchern voyeuristisch in Textschnipseln abgehandelt.
Lilly Lindners Jugendbuch ist ein Gegenentwurf zu dieser zur Schau Stellung einer Krankheit.

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Magersucht, strecosa/ Pixabay

Es geht um April (englisch gesprochen) und Phoebe. April ist 16 Jahre alt. Phoebe ist 9 Jahre alt. Sie sind Schwestern. Sie sind sprachgewaltig. Ihre Umwelt ist es nicht. Ausnahme: Phoebes Freundin Hazel hat einen Vater, der April und Phoebe versteht.
Phoebe und April kämpfen gegen Lieblosigkeit in ihrer Familie, in unserer Gesellschaft. Die beiden Schwestern und Phoebes Freundinnen Paula und Hazel leben Mitgefühl. Die Erwachsenen (Ausnahme ist Hazels Vater) sind unfähig dazu.

Über Magersucht zu reden, setzt ein Buch wie Was fehlt, wenn ich verschwunden bin voraus, wenn man keinerlei Erfahrung hat und sich nicht in abstrakten Definitionen von Magersucht ergehen will. Lilly Lindner hat ein Buch geschrieben, das im Unterricht gelesen werden kann und sollte.

Es macht wenig Sinn, das Buch wie im Deutschunterricht zu analysieren. Das Buch muss man lesen und die Emphatie spüren.

„Du bist der Grundstein in meinem Wortschatz, für einen glücklichen Satz. Ohne dich habe ich keine Wortgemeinschaften. Ohne dich steht jedes Wort alleine in einem fremden Raum. So wie ich.“ (S. 191)

April stirbt. Das kann man vorab schon erzählen. Auch erzählen kann man, dass das Buch nur aus Briefen besteht. Zuerst sind es Briefe von Phoebe an April, dann die von April an Phoebe.

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin, Lilly Lindner, 2015, Fischer.

tmd.

Wer trägt die Verantwortung

„Ich bremse auch für Tiere.“ Das war so ein Spruch, der am Heck eines Autos eine Zeit lang eine klare Botschaft von Tierfreunden war. Normalerweise ist derjenige, der in solch einem Fall auffährt, der Schuldige. Doch es gibt hier Ausnahmen. Der Vorausfahrende darf nicht ohne zwingenden Grund bremsen. So steht es in §4 der Staßenverkehrsordnung.

Bevor sich der geneigte Leser wundert, was dieses für Juristen sicher spannende Thema im Moral-Blog zu suchen hat: es geht hier um schnelles Handeln (Bremsen oder nicht) wobei immer irgend ein Schaden dabei entsteht. Also eine klassische Dilemma-Situation.

Soll man das Eichhörnchen, das die Straße überquert retten und dabei einen Auffahrunfall riskieren? Bisher war das im Schadensfall eine Sache der Verkehrsteilnehmer. Bisher war es eine Angelegenheit der Anwälte und Gerichte. Jetzt kommt jedoch der neue Freund des Menschen hinzu: der Roboter, der Computer, der einem das Fahren abnimmt, sagen die „Ethikräte“ (die obersten Moralwächter).

Zahlencodes, Frauengesicht
Künstliche Intelligenz – Quelle: geralt, Pixabay

Er, der Roboter muss jetzt in Sekundenbruchteilen entscheiden, was zu tun ist. Gut, das genau kann dieser Fahrer ganz besonders gut. Wer schon mal Freecell auf einem Computer gespielt hat, der kann dem Rechner regelrecht zuschauen, wie er entscheidet. Innerhalb weniger als einer Sekunde kommt die Meldung: this game is no more winnable oder unable to determinate, if this game is lost – und das manchmal nach wenigen Spielzügen. Rechner können aber noch mehr. Unterschiedliche Entscheidungswege werden durchgerechnet und bewertet.

Und jetzt sind wir genau bei dem Thema, das die Ethikräte derzeit aufregt.

Wer trägt die Verantwortung

Welche Rechenroutinen soll der Computer durchführen, wenn er realisiert, dass es zu einem Auffahrunfall kommen wird? Welche Entscheidungsmuster soll er wählen? Hat der menschliche Passivfahrer die Möglichkeit hier Einfluss zu nehmen? Es ist schon sonderbar, sobald die Technik dem Menschen Arbeit abnimmt, meint der Homo Sapiens, dass er seinen zweiten Namensteil bei der Garderobe abgeben darf. Auch der Einsatz von vollkommen automatisch fahrenden Systemen entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung. Die Selbstfahrsysteme werden aller Voraussicht nach Sicherheitshinweise tragen, die im Grunde jegliche Haftung des Herstellers im Schadensfall ausschließen.

Wer bei einem Unfall mit automatisch fahrenden Systemen zu Tode kommt, dem nutzen diese Überlegungen wenig. Wer die Systeme nutzten wird, der sollte wissen, was er macht.

tmd.

Kommunikationstechnik ersetzt nicht Verantwortung

Dies ist ein längerer Beitrag, der sich mit Kommunikation und Moral beschäftigt. Es geht dabei um die Frage, ob es hinter unserer Alltagskommunikation (und Wissenschaftskommunikation) noch eine Ebene der eigentlichen, unhintergehbaren Kommunikation gibt: Eine Kommunikation, die auf ihre moralische Tragfähigkeit hin geprüft werden kann. Im Fall der sozialen Rolle ist diese Frage schon durch mehrere Beiträge in diesem Blog diskutiert worden. Es gibt nichts hinter den sozialen Rollen, die wir spielen. Im Fall der Kommunikation ist das ungleich schwieriger.

Junge, Faden aus dem Mund
Kontrollierte Kommunikation – Quelle: ElisaRiva, Pixabay

Das habe ich nicht so gemeint oder du hast mich falsch verstanden, das hört man oft, wenn eine Auseinandersetzung im Gange ist. Sind diese Erklärungsversuche glaubhaft?

Schnell ist man geneigt, die psychologische Erklärung mit den unterschiedlichen Kommunikationsebenen (Sache, Appell, Beziehung, Selbstkundgabe) als Erklärungsrahmen zu wählen. Das hilft Kommunikation zu steuern nach einem analytischen Konzept.
Psychologisches Wissen dieser Art ist in bestimmten Bereichen des Alltagslebens schon soweit eingedrungen, dass manche Menschen in stark von Kommunikation geprägten Arbeitsfeldern das „Reden“ in den vier Ebenen schon derart verinnerlicht (internalisiert) und perfektioniert haben, dass sie es sich nicht mehr anders vorstellen können. Doch diese analytische Trennung unserer Kommunikation in Sach-, Appell- und andere Ebenen ist nur dazu geschaffen, Kommunikation zu instrumentalisieren. Ich achte bei dieser gesteuerten Kommunikation darauf, im entsprechenden sozialen Kontext die jeweils erfolgversprechende Ebene zu nutzen.

Also: Im Gespräch mit dem Chef bleibe ich betont sachlich. Im Gespräch mit den Mitarbeitern lasse ich den Appell anklingen (wir schaffen das) und nutze auch ein wenig die Beziehungsebene (we are the champions). Und wenn das nicht hilft (wenn also die Mitarbeiter nicht ihr Letztes geben), dann instrumentalisiere ich die persönlichen Gefühle: „Ich arbeite gerne mit Ihnen/Euch zusammen“. Diese analytische Trennung in vier Ebenen hat sich soweit durchgesetzt, dass sie nicht mehr hinterfragt wird.

Das Alltagsleben, das von diesen analytischen Konstrukten der Psychologie so weit entfernt ist wie die Erde vom Sirius, funktioniert so nicht. Aber das ist kein Problem der Menschen des Alltags. Die moralische Bewertung der Ebenen-Kommunikation ist dagegen ein wirkliches Problem. Das, was hier abläuft, ist nicht zweckorientiert in Bezug auf den Menschen. Es geht nur um die Mittel, die eingesetzt werden, den Kommunikationspartner so zu „führen“, wie man das selbst will. Ein aufgeklärter Mensch lehnt so etwas ab. Merke: Kant und seine Maxime, dass der Mensch nie Mittel ist.

Das habe ich so nicht gemeint. Das stand am Anfang dieses Beitrags. Mit dem Modell der Kommunikationsebenen komme ich da nicht weiter, wenn ich danach frage, ob jemand moralisch redet oder nicht. Da kann ich nur feststellen, dass er bei der Wahl der Ebenen einen Fehler gemacht hat. Ich kann aber nicht feststellen, dass er sich unmoralisch gegenüber jemandem verhalten hat. Ich kann nur feststellen: Er hat schlicht und einfach sein Wissen aus dem Kommunikations-Schnellkurs nicht angewendet.

Reicht das? Nein! Es geht bei Moral immer auch um Verantwortung. Verantwortung ist aber nicht gleichzusetzen mit Kommunikationstechnik.
Es hilft manchmal, bei den Klassikern der Sozialpsychologie Rat zu suchen. In Mind Self and Society (1934 veröffentlicht, deutsche Übersetzung: Geist, Identität und Gesellschaft) von George Herbert Mead, findet man einen interessanten Hinweis in Teil III auf S. 187.

Ein Merkmal von Identität ist, dass der Sprecher eine Botschaft nicht nur an den richtet, mit dem er redet. Er richtet sie, die Botschaft, auch an sich selbst. Würde ein Sprecher das nicht machen, dann wüsste er nicht, dass er eine Botschaft gesendet hat. Und noch ein zweiter Aspekt ist wichtig. Der Sprecher sendet eine Information, von der er weiß, dass sie verstanden werden kann und vor allem, wie sie verstanden werden kann.

Sind unter diesen Bedingungen Missverständnisse denkbar? Grundsätzlich: Nein! Denkbar ist nur, dass zwei Personen, die miteinander reden, sich nicht auf dem gleichen Kontextniveau befinden. Aber das kann man wissen als aufgeklärter Sprecher. Hier ist er moralisch bei sich und übernimmt Verantwortung. Der aufgeklärte Mensch reflektiert sein Sprechen und Handeln. Sätze wie: Das habe ich so nicht gemeint oder dergleichen, sollten wir also aus der Kommunikation herausnehmen und durch Erklärungen ersetzen, was wir meinen, gemeint haben. Damit befinden wir uns aber auf einer Meta-Ebene der Kommunikation. Wir reden über das, was wir sagen. Nochmals: Das ersetzt nicht, für das Gesagte die Verantwortung zu übernehmen.

tmd.